[SAV:] Keine Zeit zu verlieren: Wie halten wir die extreme Rechte auf?

Von Elan Axel­bank, Socia­list Alter­na­ti­ve, USA

Die poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung, die in den USA im letz­ten Jahr­zehnt statt­ge­fun­den hat, ver­tieft sich wei­ter. Unterm Strich hat sich die Mehr­heit der Gesell­schaft nach links bewegt – ein Bei­spiel dafür ist die „Black Lives Matter“-Bewegung (BLM), die in die­sem Som­mer zur größ­ten Bewe­gung in der Geschich­te die­ses Lan­des wur­de, und die damit ein­her­ge­hen­de deut­li­che Stei­ge­rung des Bewusst­seins gegen Ras­sis­mus. Es zeigt sich aber auch in der mehr­heit­li­chen Unter­stüt­zung für Medi­ca­re for All [Gesund­heits­ver­sor­gung für alle, A.d.Ü] und der höchs­ten Unter­stüt­zung für Gewerk­schaf­ten seit Jahr­zehn­ten.

Die Pola­ri­sie­rung bedeu­tet jedoch auch, dass in einem Teil der Gesell­schaft reak­tio­nä­re Ideen ver­wur­zelt wer­den, wobei ein sehr viel klei­ne­rer, aber wach­sen­der Teil sich in Rich­tung der extre­men Rech­ten bewegt. Die extrem Rech­te in den USA ist stär­ker, sicht­ba­rer und selbst­be­wuss­ter als in den letz­ten Jahr­zehn­ten. Wenn kei­ne lin­ke Alter­na­ti­ve auf­ge­baut wird, ist die extre­me Rech­te bereit, noch stär­ker zu wach­sen, wäh­rend das Sys­tem tie­fer in die Kri­se stürzt. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist, wie wir das ver­hin­dern kön­nen.

Was uns hierher gebracht hat: Trump, Grund und Ergebnis zugleich

Man muss nicht Rake­ten­wis­sen­schaft­ler sein, um zu bemer­ken, dass Trumps häu­fi­ge Ver­wen­dung von ras­sis­ti­scher Rhe­to­rik und sei­ne all­ge­mei­ne Wei­ge­rung rech­te Gewalt zu ver­ur­tei­len gefähr­li­che wei­ße Natio­na­lis­ten und rech­ten Grup­pie­run­gen ermu­tigt und geschützt hat. Aber alles fing viel frü­her an. Die Grund­la­ge für die rech­ten und extrem rech­ten Ideen ist nicht durch Trumps Wahl 2016 ent­stan­den. Schon wäh­rend der Obama/​Biden Regie­rung, und davor, bro­del­te unter der Ober­flä­che eine Mischung aus ver­schie­de­nen Pro­ble­men, die aus­führ­lich betrach­tet wer­den muss, um zu ver­ste­hen was uns hier­her gebracht hat.

Trotz ihrer fort­schritt­li­chen Prä­sen­ta­ti­on von „Hoff­nung und Auf­bruch“, regier­ten Oba­ma und Biden acht Jah­re im Sin­ne der Unter­neh­men. Der Auf­schwung unter ihrer Regie­rung, der nach 2008 ein­setz­te fand nur für die Super­rei­chen und Kon­zer­ne statt, wäh­rend die brei­te, arbei­ten­de Mas­se ärmer wur­de und sich immer mehr ver­schul­de­te. Die Ret­tung der gro­ßen Ban­ken, wäh­rend vie­le Leu­te zwangs­voll­streckt wur­den, war das Schlüs­sel­er­eig­nis, das die Tea Par­ty her­vor­ge­bracht hat. Die scham­lo­se Fort­set­zung des Kriegs im Nahen Osten – getarnt als Kampf gegen Ter­ro­ris­mus – hat zu einer wach­sen­den Islam­feind­lich­keit geführt. Die Aus­wei­tung der Abschie­bun­gen, mehr als jemals unter einem ande­ren Prä­si­den­ten in der Geschich­te, hat gehol­fen ras­sis­ti­sche Ideen zu fes­ti­gen, was der ras­sis­ti­schen Rech­ten eine Bestä­ti­gung und neue Räu­me gege­ben hat um Mit­glie­der zu gewin­nen.

Es war kon­kret das Ver­sa­gen der demo­kra­ti­schen Par­tei auf die Bedürf­nis­se der Arbei­ter und Mit­tel­schicht ein­zu­ge­hen, das Trump die Mög­lich­keit gab Mil­lio­nen Wäh­ler, deren Lebens­stan­dard seit Jah­ren gesun­ken war, popu­lis­tisch anzu­spre­chen. Mit zyni­schen Appel­len an den Natio­nal­stolz, mit Ein­wan­de­rern als Sün­den­bö­cken, ekla­tan­tem Ras­sis­mus und dem Ver­spre­chen, in Washing­ton den „Sumpf tro­cken­zu­le­gen“, griff er die Wut auf ein kor­rup­tes, abge­ho­be­nes poli­ti­sches Estab­lish­ment auf. Natür­lich gab es einen Kan­di­da­ten 2016, Ber­nie San­ders, der Trump die Stirn hät­te bie­ten kön­nen, mit einer lin­ken Kam­pa­gne gegen das Estab­lish­ment, und der For­de­rung nach der Ein­heit der Arbei­ter­klas­se, der alle Rufe nach Ras­sis­mus und Sexis­mus zurück­wies. Aber, dadurch dass sie alles in ihrer Macht ste­hen­de taten, um ihn in den Vor­wah­len zu stop­pen, zeig­te das DNC, dass sie lie­ber 4 Jah­re Trump woll­ten, als 4 Jah­re Ber­nie – ein Wunsch der sich, zum Leid­we­sen von allen übri­gen, lei­der erfüllt hat.

Ein­mal im Amt, hat Trump das Anwach­sen der Rech­ten beschleu­nigt. Nach den „Ver­eint die Rechte“-Protesten in Char­lot­tes­vil­le (Vir­gi­na) im August 2017, und dem bru­ta­len Mord an einem Gegen­pro­tes­tan­ten durch selbst ernann­te Neo-Nazis, sag­te Trump, dass es auf bei­den Sei­ten „gute Men­schen“ gäbe. Eine Web­site für wei­ße Natio­na­lis­ten beschrieb Trump als „wirk­lich, wirk­lich, gut“. Erst vor kur­zem wei­ger­te sich Trump den Mord an 2 BLM-Demonstrant*innen in Keno­sha, Wis­con­sin durch den 17 jäh­ri­gen wei­ßen Ras­sis­ten Kyle Rit­ten­house zu ver­ur­tei­len. Erstaun­li­cher­wei­se erklär­te Donald Trump Juni­or, der ein enger Bera­ter sei­nes Vaters ist, „wir alle machen mit 17 dum­me Sachen.“

In Städ­ten im gan­zen Land beglei­ten schwer bewaff­ne­te Mili­zen der wei­ßen Natio­na­lis­ten, in selbst ent­wor­fe­nen Uni­for­men, BLM und Anti-Mas­ken-Demos. Trump hat eine Legen­de ent­wor­fen, dass die­se rechts­ge­rich­te­ten Bür­ger­wehr­ler auf den von der „radi­ka­len Lin­ken“ und der Anti­fa ver­ur­sach­ten Ter­ror reagie­ren und sei­ne Bot­schaft der Kam­pa­gne „Recht und Ord­nung“ unter­stüt­zen.. Und jetzt bringt Trump sich in Posi­ti­on, um die Wahl­er­geb­nis­se als ille­gi­tim und mani­pu­liert anzu­fech­ten falls er ver­liert; er deu­tet sogar an, dass er sich wei­gern könn­te das Wei­ße Haus zu ver­las­sen.

All das, und sogar noch mehr, lässt vie­le Mil­lio­nen Men­schen sich angst­voll fra­gen: Was pas­siert in die­sem Land? Wer­den wir gra­de Zeu­ge davon, wie wir in den Faschis­mus gehen, so wie Deutsch­land im dem 30ern? Wie kön­nen wir ver­hin­dern, dass die extre­me Rech­te wei­ter wächst?

Was ist Faschismus und wie war Deutschland in den 30ern?

Die Defi­ni­ti­on von Faschis­mus in den Medi­en und dem Bewusst­sein der Men­schen vari­iert stark. Oft nimmt sie die Gestalt ama­teur­haf­ter Dia­gno­sen über den Geis­tes­zu­stand von Füh­rern an. Manch­mal benut­zen Leu­te das Wort „Faschis­mus“ auch um kon­ser­va­ti­ve Poli­ti­ker zu ver­un­glimp­fen, die sie nicht mögen, wie zum Bei­spiel die Mode in den frü­hen 00er-Jah­ren Geor­ge W. Bush einen Faschis­ten zu nen­nen. Jetzt fra­gen sich vie­le, ob Bush Biden unter­stüt­zen wird! Aber bei einem Prä­si­den­ten, der sich wei­gert die Gewalt wei­ßer Natio­na­lis­ten zu ver­ur­tei­len und behaup­tet, dass die Wahl nur dann legi­tim sein wird, wenn er der Sie­ger ist, wird eine ernst­haf­te Dis­kus­si­on über das Wesen des Faschis­mus und ein Blick auf die his­to­ri­sche Situa­ti­on in Deutsch­land in den 30er Jah­ren not­wen­dig.

Deutsch­land hat­te eine mäch­ti­ge Arbei­ter­be­we­gung und zwei poli­ti­sche Mas­sen­par­tei­en der Arbeiter*innenklasse: Die Sozi­al­de­mo­kra­ten (SPD) und die Kom­mu­nis­ten (KPD). Nach dem Ers­ten Welt­krieg hat­te es eine revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung durch die Arbei­ter­klas­se gege­ben, die von der rus­si­schen Revo­lu­ti­on inspi­riert war. Die­se schei­ter­te jedoch tra­gi­scher­wei­se. Die mas­si­ve Welt­wirt­schafts­kri­se, die 1929 begann, ver­schärf­te sich und führ­te zu Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit.

Aus Furcht, dass es der Arbeiter*innenklasse dies­mal gelin­gen wür­de den Kapi­ta­lis­mus zu stür­zen, wand­ten sich Tei­le der herr­schen­den Klas­se an Hit­lers Nazis und began­nen sie zu finan­zie­ren. Die Nazis waren wäh­rend des größ­ten Teils der 20er Jah­re eine sehr schwa­che Par­tei, aber durch das Ver­sa­gen der Sozia­lis­ten und Kom­mu­nis­ten einen kla­ren Weg aus der Kri­se auf­zu­zei­gen, wand­ten sich ver­zwei­fel­te Tei­le der ver­arm­ten Mit­tel­schicht und Arbeits­lo­se an die Nazis. 

Der Faschis­mus in Deutsch­land wur­de zu einer rasch wach­sen­den Mas­sen­be­we­gung, die auf der Wut über die sich ver­schlech­tern­den Lebens­um­stän­de und der Pro­je­zie­rung der Schuld dar­an auf Min­der­hei­ten beruh­te. Die Nazis ver­üb­ten Anschlä­ge auf lin­ke Pro­tes­te, Streiks, gewerk­schaft­li­che und sozia­lis­ti­sche Tref­fen, sowie auf Min­der­hei­ten. Die Zahl der Groß­un­ter­neh­mer und ande­rer Tei­le der deut­schen herr­schen­den Klas­se, die die Nazi-Par­tei finan­zier­ten und unter­stütz­ten, nahm dra­ma­tisch zu, da sie sie als den zuver­läs­sigs­ten Weg betrach­te­ten, die Bedro­hung durch eine Revo­lu­ti­on zu stop­pen.

Aber selbst in die­ser Pha­se hät­ten die Kommunist*innen und Sozialist*innen mit ihren Mil­lio­nen Anhänger*innen und sogar bewaff­ne­ten Ver­bän­den damit begin­nen kön­nen, die Faschis­ten von den Stra­ßen zu jagen, wenn sie sich in einer ent­schlos­se­nen Akti­on zusam­men­ge­tan hät­ten. Aber umd die­se Bedro­hung wirk­lich zu besie­gen, hät­te man gegen das kran­ke kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem, das den Faschis­mus her­vor­ge­bracht hat, in die Offen­si­ve gehen müs­sen, mit einem Pro­gramm gegen Arbeits­lo­sig­keit und Armut. Im Gegen­satz dazu han­del­ten in Groß­bri­tan­ni­en Sozialist*innen, Gewerkschafter*innen und jüdi­sche Arbeiter*innen 1936 ent­schlos­sen in der Schlacht an der Cable Street im Lon­do­ner East End, um die noch klei­ne faschis­ti­sche Bewe­gung des Lan­des ein­zu­däm­men. Ein ent­schlos­se­nes Vor­ge­hen trug schon früh dazu bei, dass sich die extre­me Rech­te in Groß­bri­tan­ni­en nie zu einer ech­ten Mas­sen­be­we­gung wie in Deutsch­land oder Ita­li­en ent­wi­ckeln konn­te.

Das his­to­ri­sche Ver­sa­gen der Füh­rung der Lin­ken in Deutsch­land zu die­ser Zeit- ins­be­son­de­re der KPD – ent­schlos­sen zu han­deln, öff­ne­te den Nazis die Tür zur Macht­über­nah­me, obwohl sie nicht ein­mal die Mehr­heit der Stim­men erhiel­ten. Sobald die Nazis im Amt waren zer­schlu­gen sie rasch die Gewerk­schaf­ten und die lin­ken Par­tei­en. Dies ist genau die Rol­le, die der Faschis­mus his­to­risch gese­hen gespielt hat: eine sozia­le Mas­sen­be­we­gung, die von der herr­schen­den Klas­se benutzt wird, wenn ihr Sys­tem ernst­haft bedroht ist, um die Arbeiter*innenbewegung und die Orga­ni­sa­tio­nen der Arbeiter*innenklasse zu zer­schla­gen und das Über­le­ben des Kapi­ta­lis­mus zu sichern.

Werden die USA zu einem Deutschland der 1930er Jahre?

Eini­ge Par­al­le­len zu die­ser Situa­ti­on sind heu­te in den USA zu fin­den. Wir befin­den uns im Früh­sta­di­um einer tie­fen Welt­wirt­schafts­kri­se, sicher­lich der schlimms­ten seit der Gro­ßen Depres­si­on – mit dem Poten­zi­al, sie sogar noch zu über­tref­fen. Es gibt eine extre­me poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung mit immer weni­ger Men­schen, die mit dem Sta­tus quo zufrie­den sind. Ein wach­sen­der Teil der Arbeiter*innenklasse und der Jugend wen­det sich lin­ken und sozia­lis­ti­schen Ideen zu, wäh­rend ein Teil der wei­ßen Mit­tel­schicht und der Arbeiter*innenklasse wei­ter nach rechts gezo­gen wird, wofür ein Bei­spiel die wach­sen­de Beliebt­heit der rechts­ex­tre­men QAnon-Ver­schwö­rungs­theo­rie ist.

Das Sou­thern Pover­ty Law Cen­ter berich­tet, dass die Zahl der weiß-natio­na­lis­ti­schen Grup­pen in den USA von 100 im Jahr 2017 um 55% auf 155 im Jahr 2019 gestie­gen ist, was mit einem Anstieg der Gewalt durch wei­ße Natio­na­lis­ten ein­her­geht. Im Jahr 2018 spreng­te ein selbst­er­nann­ter Neo­na­zi die jüdi­sche Syn­ago­ge Tree of Life in Pitts­burgh in die Luft, wobei 11 Men­schen star­ben und wei­te­re ver­letzt wur­den. Im Jahr 2019 erschoss ein ande­rer Neo­na­zi 46 Men­schen in einem Walm­art in einem Lati­no-Vier­tel in El Paso, Texas, und töte­te 23 Men­schen. Bewaff­ne­te rech­te Mili­zen sind im gan­zen Land bei Dut­zen­den Black Lives Mat­ter-Pro­tes­ten auf­ge­taucht. In Michi­gan, zu Beginn der Wel­le der Anti-Lock­down-Pro­tes­te, hielt eine bewaff­ne­te Miliz vor einem Fri­seur­la­den Wache, um die Poli­zei dar­an zu hin­dern, den Lock­down durch­zu­set­zen und den Laden zu schlie­ßen. Es gab auch ein ver­rück­tes, rei­ches und ras­sis­ti­sches Ehe­paar aus St. Lou­is, das sein Haus mit Sturm­ge­weh­ren „ver­tei­dig­te“, wäh­rend ein BLM-Pro­test­marsch statt­fand. Kurz dar­auf wur­den sie als Red­ner zum Natio­nal­kon­gress der Repu­bli­ka­ner ein­ge­la­den. Es ist auch deut­lich gewor­den, dass die extre­me Rech­te vie­le Poli­zei­kräf­te im gan­zen Land infil­triert hat.

Dies alles sind äußerst gefähr­li­che Ent­wick­lun­gen, die auf dar­auf hin­deu­ten, dass grund­le­gen­de­re Pro­zes­se vor­an­ge­hen. Aber es gibt auch wich­ti­ge Unter­schie­de der heu­ti­gen Situa­ti­on zum Vor­feld faschis­ti­scher Über­nah­men in der Ver­gan­gen­heit.

His­to­risch gese­hen ist der Faschis­mus nur mit dem Segen eines brei­ten Teils der herr­schen­den Klas­se als letz­tes Mit­tel ent­stan­den. Die Gefahr einer unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on besteht heu­te in den USA oder ande­ren gro­ßen kapi­ta­lis­ti­schen Län­dern nicht, obwohl sich dies in den kom­men­den Jah­ren im Zusam­men­hang mit der sich ver­tie­fen­den wirt­schaft­li­chen und sozia­len Kri­se des Kapi­ta­lis­mus ändern kann. Die gro­ße Mehr­heit der herr­schen­den Klas­se ist der Ansicht, dass die Situa­ti­on immer noch durch regu­lä­re „demo­kra­ti­sche“ Nor­men zu ret­ten ist, die der herr­schen­den Klas­se der USA bis zu die­sem Zeit­punkt außer­or­dent­lich gut gedient haben.

Die extre­me Rech­te ist heu­te in den USA weit ent­fernt von der zwei Mil­lio­nen star­ken, hoch orga­ni­sier­ten Nazi-Par­tei – oder sogar vom Ku-Klux-Klan in sei­ner Blü­te­zeit Anfang der 1920er Jah­re mit einer geschätz­ten Mit­glie­der­zahl von drei bis sechs Mil­lio­nen im Jahr 1924, als die Gesamt­be­völ­ke­rung der USA 124 Mil­lio­nen betrug. Damit soll nicht die Bedro­hung her­un­ter­ge­spielt wer­den, die selbst die – his­to­risch gese­hen klei­nen – Kräf­te der extre­men Rech­ten heu­te dar­stel­len, son­dern es soll gesagt wer­den, dass es jetzt an der Zeit ist, eine Mas­sen­be­we­gung der Arbeiter*innenklasse auf­zu­bau­en, die die extre­me Rech­te zurück­drängt, bevor sie zu einer noch grö­ße­ren Kraft her­an­wach­sen kann. 

Die Bilanz der Demokraten im Kampf gegen Trump und die Rechte

Am Mor­gen nach Trumps Wahl­sieg ver­öf­fent­lich­te Socia­list Alter­na­ti­ve [die Schwes­ter­or­ga­ni­sa­ti­on der SAV in den USA] eine Erklä­rung, in der ana­ly­siert wur­de, wie Trumps Sieg mög­lich gewor­den war und was not­wen­dig sei, um eine effek­ti­ve Wider­stands­be­we­gung auf­zu­bau­en. Unter ande­rem schrie­ben wir: „Wir müs­sen heu­te damit begin­nen eine ech­te poli­ti­sche Alter­na­ti­ve für die 99% auf­zu­bau­en, gegen die bei­den kor­po­ra­tiv domi­nier­ten Par­tei­en und die Rech­te, damit wir 2020 nicht noch ein­mal durch die­se Kata­stro­phe gehen müs­sen.“

Lei­der ist eine ech­te lin­ke Alter­na­ti­ve zu den Demo­kra­ten nicht auf­ge­baut wor­den. Die Schuld dafür liegt nicht zuletzt bei Ber­nie San­ders, der sich 2016 und auch 2020 wei­ger­te, sich von der unter­neh­mer­freund­li­chen Füh­rung der Demo­kra­ti­schen Par­tei zu lösen, trotz ihrer uner­bitt­li­chen Bemü­hun­gen sei­ne bei­den Kam­pa­gnen zu blo­ckie­ren. Die Not­wen­dig­keit einer neu­en Par­tei zur Lin­ken der Demo­kra­ten zeigt sich dar­in, dass es den Demo­kra­ten völ­lig miss­lang Trump vor der Wahl zu stop­pen, sich sei­ner Agen­da nach sei­ner Amts­über­nah­me effek­tiv zu wider­set­zen oder das Ent­ste­hen einer erns­ten Bedro­hung der extre­men Rech­ten zu ver­hin­dern.

Nach der Gewalt in Char­lot­tes­vil­le rie­fen ermu­tig­te rechts­ex­tre­me Orga­ni­sa­tio­nen über 60 Kund­ge­bun­gen in Dut­zen­den von Bun­des­staa­ten ein. Doch nach­dem 40.000 Men­schen gegen eine Kund­ge­bung der extre­men Rech­ten in Bos­ton Gegen­pro­test ver­an­stal­te­ten, wur­de die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit die­ser Kund­ge­bun­gen abge­sagt. Natür­lich war die­ser vor­über­ge­hen­de Sieg in Mas­sa­chu­setts gegen die Rech­ten nicht den Demo­kra­ten zu ver­dan­ken. In Wahr­heit for­der­te der Bür­ger­meis­ter von Bos­ton, Mar­ty Walsh, ein Demo­krat, am Tag vor die­ser Mas­sen­de­mons­tra­ti­on die Men­schen auf, sich von der Kund­ge­bung fern­zu­hal­ten. Aber Feig­heit hat die extre­me Rech­te noch nie besiegt.

Anstatt in den letz­ten vier Jah­ren einen wirk­li­chen Kampf gegen Trumps Angrif­fe zu füh­ren, haben sich die Demo­kra­ten statt­des­sen mit dem „Rus­sia­ga­te“ und einem völ­lig ein­falls­lo­sen Amts­ent­he­bungs­ver­fah­ren beschäf­tigt. Sie waren völ­lig unfä­hig, Ende 2018/​Anfang 2019 Trumps Shut­down wegen der Grenz­mau­er zu been­den. Das Ende wur­de erst durch muti­ge Aktio­nen von TSA-Mitarbeiter*innen und Fluglots*innen am Arbeits­platz und durch die Dro­hung eines Mas­sen­streiks der Flugbegleiter*innen erreicht.

Tat­säch­lich haben alle Fäl­le, in denen Trump oder die extre­me Rech­te am ent­schie­dens­ten zurück­ge­drängt wur­den, eine ekla­tan­te Gemein­sam­keit: Die Demo­kra­ten waren nir­gend­wo zu fin­den, und die sieg­rei­che Stra­te­gie war die Mas­sen­ak­ti­on der Arbei­ter­klas­se und der Jugend.

Biden vs. Trump: Implikationen für die extreme Rechte

Zehn­mil­lio­nen von fort­schritt­lich gesinn­ten Men­schen haben zu Recht Angst vor wei­te­ren vier Jah­ren Trump und sind bereit alles zu tun, um ihn los­zu­wer­den. Was lie­fern die Demo­kra­ten als Ant­wort auf die­se Ver­zweif­lung? So ziem­lich den ris­kan­tes­ten und unin­spi­rie­rends­ten Kan­di­da­ten, den man sich vor­stel­len kann, um gegen Trump anzu­tre­ten: Joe Biden. Das ent­spricht ganz und gar ihrem Vor­ge­hen wäh­rend der letz­ten vier Jah­re.

Obwohl Trump offen­sicht­lich ein Alp­traum ist, müs­sen wir uns auch dar­über im Kla­ren sein, dass der „Trumpis­mus“ nicht auf magi­sche Wei­se ver­schwin­den wird, wenn Trump gezwun­gen wird, das Oval Office zu ver­las­sen. Trumpis­mus und das Wachs­tum der Rech­ten ist ein Sym­ptom für ein zer­fal­len­des Sys­tem in der Kri­se, aus dem die Mas­sen kei­nen Aus­weg mehr sehen.

Bidens (feh­len­der) Elan das Elend der Werk­tä­ti­gen zu lösen, lässt sich mit sei­nem berühm­ten Aus­spruch zusam­men­fas­sen, dass, wenn er zum Prä­si­den­ten gewählt wird, „sich nichts grund­le­gend ändern wird!“. Aber das bedeu­tet nicht, dass eine Biden-Prä­si­dent­schaft auch nur annä­hernd „Sta­bi­li­tät“ oder eine „Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät“ brin­gen wird. Die Kri­sen durch COVID-19 – die durch den Alp­traum der pri­va­ten Gesund­heits­für­sor­ge, den Biden sich wei­gert zu the­ma­ti­sie­ren, um das Zehn­fa­che ver­schärft wur­den – die wirt­schaft­li­che Depres­si­on, der sys­te­mi­sche Ras­sis­mus, der Kli­ma­wan­del und die dar­aus resul­tie­ren­den sozia­len Unru­hen, wer­den wei­ter­be­stehen und eska­lie­ren. Die unter­neh­mer­freund­li­che Herr­schaft einer Biden-Prä­si­dent­schaft wird die Flam­me der kapi­ta­lis­ti­schen Kri­se und das Wachs­tum der extre­men Rech­ten immer noch wei­ter anfa­chen und den Weg für mehr Trumps und schlim­me­re Trumps in den kom­men­den Jah­ren ebnen.

Wie wir das ver­hin­dern kön­nen? Mas­sen­ak­tio­nen der Arbei­ter­klas­se, der Wie­der­auf­bau einer kämp­fe­ri­schen Arbei­ter­be­we­gung, eine lin­ke Alter­na­ti­ve zu den Demo­kra­ten in Form einer Par­tei der Arbei­ter­klas­se – und schließ­lich die Ablö­sung des Kapi­ta­lis­mus durch den Sozia­lis­mus als ein­zi­ge dau­er­haf­te Lösung.

Die Strategie der Socialist Alternative

Jede Stra­te­gie gegen die extre­men Rech­ten muss kurz­fris­ti­ge Tak­ti­ken zur gemein­schaft­li­chen Selbst­ver­tei­di­gung beinhal­ten. In Situa­tio­nen anhal­ten­der Pro­tes­te, wie wir sie die­sen Som­mer in Min­nea­po­lis, Port­land oder Keno­sha erlebt haben, soll­te der Aus­gangs­punkt demo­kra­tisch geführ­te Tref­fen in Arbeiter*innenvierteln, ins­be­son­de­re in Schwar­zen Nach­bar­schaf­ten, sein, um über Selbst­ver­tei­di­gung zu dis­ku­tie­ren. Dies soll­te im Gegen­satz zu den „mili­tan­ten“ Aktio­nen von iso­lier­ten Anarchist*innenen und ande­ren, die der Arbeiter*innenklasse gegen­über nicht rechen­schafts­pflich­tig sind, ste­hen.

Wie wir in die­sem Som­mer in zahl­lo­sen Bei­spie­len gese­hen haben, kann man sich nicht auf die Poli­zei oder die Natio­nal­gar­de ver­las­sen, um rech­te Gewalt zu stop­pen. In eini­gen Fäl­len wie Keno­sha gab die Poli­zei schwer bewaff­ne­ten rechts­ex­tre­men Mili­zio­nä­ren wie Kyle Rit­ten­house sogar einen Pas­sier­schein und ermu­tig­te ihn offen. Anstatt sich auf staat­li­che Kräf­te zu ver­las­sen, um uns vor der extre­men Rech­ten schüt­zen, soll­ten bei Nach­bar­schafts­ver­samm­lun­gen Grup­pen von Ordner*innen gewählt wer­den, die die Pro­tes­te patrouil­lie­ren und die Sicher­heit auf­recht­erhal­ten. His­to­risch gese­hen hat die Arbeiter*innenbewegung bei sol­chen Akti­vi­tä­ten eine Schlüs­sel­rol­le gespielt, und Gewerk­schaf­ten soll­ten heu­te die­ses Erbe wie­der auf­le­ben las­sen. Im Fal­le einer ange­foch­te­nen Wahl mit grö­ße­ren Pro­tes­ten ist rech­te Gewalt mög­lich, und die­se Art von Tak­tik könn­te wich­tig sein.

Aber wäh­rend gut orga­ni­sier­te Selbst­ver­tei­di­gung ent­schei­dend ist, ist die Arbeiter*innenklasse, die die Initia­ti­ve ergreift, der Schlüs­sel zum Zurück­drän­gen der extre­men Rech­ten. Zum Bei­spiel wäh­rend des Höhe­punkts der Rebel­li­on in Min­nea­po­lis oder der Stra­ßen­kämp­fe in Port­land hät­te ein ein­tä­gi­ger Gene­ral­streik aller Arbeiter*innen in der Stadt die staat­li­chen Kräf­te und die Rechts­ex­tre­men weit­aus ent­schie­de­ner zurück­ge­drängt und tat­säch­li­che For­de­run­gen für die Bewe­gung gewon­nen, wenn sie klar for­mu­liert gewe­sen wären. Wenn die Arbeiter*innenklasse wirk­lich ihre Mus­keln spie­len lässt, kann viel erreicht wer­den.

Wie wir in Bos­ton nach Char­lot­tes­vil­le gese­hen haben, kann die extre­me Rech­te, wenn sie auf mas­si­ven und ent­schlos­se­nen Wider­stand stößt, eine gan­ze Zeit lang zurück­ge­drängt wer­den. Län­ger­fris­tig ist jedoch drin­gend eine ech­te Stra­te­gie erfor­der­lich, um den Pro­ble­men ein Ende zu set­zen, die das Wachs­tum der extre­men Rech­ten über­haupt erst mög­lich gemacht haben. Es ist ver­häng­nis­voll, sich dar­auf zu beschrän­ken, nur Anti-Trump oder gegen die Rechts­ex­tre­men zu sein, wie es die meis­ten eta­blier­ten Demo­kra­ten tun. 

Ob es nun Donald Trump oder Joe Biden ist, der im Wei­ßen Haus sitzt: Wir brau­chen ein offen­si­ves Pro­gramm, das die größt­mög­li­chen Schich­ten der Arbei­ter­klas­se gegen die Rech­ten und für etwas Bes­se­res ver­ei­nen kann. Das bedeu­tet, dass unse­re Bewe­gun­gen ein Kampf­pro­gramm braucht mit „Medi­ca­re for All“ [Gesund­heits­ver­sor­gung für alle], der Poli­zei min­des­tens 50% der Mit­tel kür­zen, um drin­gend benö­tig­te sozia­le Diens­te zu finan­zie­ren, die Rei­chen besteu­ern, um das öffent­li­che Bil­dungs­we­sen voll­stän­dig zu finan­zie­ren, alle Student*innenschulden strei­chen, bis 2030 100% erneu­er­ba­re Ener­gien ein­set­zen, indem die füh­ren­den Ener­gie- und Pro­duk­ti­ons­un­ter­neh­men in demo­kra­ti­sches öffent­li­ches Eigen­tum über­führt wer­den, und vie­les mehr. Aber wir dür­fen uns kei­ne Hoff­nung machen, dass eine Bewe­gung wie die­se durch die von den Unter­neh­men kon­trol­lier­te Demo­kra­ti­sche Par­tei erfolg­reich auf­ge­baut wer­den kann. Ihre kapi­ta­lis­ti­schen Geld­ge­ber wer­den dies nie­mals zulas­sen. 

Das bedeu­tet, dass unab­hän­gig davon, wer die Wahl gewinnt, eine der drin­gends­ten Auf­ga­ben für unse­re Bewe­gung dar­in besteht, eine neue Par­tei auf­zu­bau­en, die sich an den Inter­es­sen der arbei­ten­den Men­schen und nicht an denen der Kon­zer­ne ori­en­tiert. Eine Par­tei der Arbeiter*innenklasse wird unend­lich viel effek­ti­ver als die Demo­kra­ten sein, wenn es dar­um geht, tat­säch­li­che Sie­ge für die Arbei­ter und den Pla­ne­ten zu errin­gen und die extre­me Rech­te abzu­weh­ren. Es heißt die bes­te Ver­tei­di­gung ist ein guter Angriff. Eine sol­che Par­tei wäre, wenn sie tat­säch­lich effek­tiv Sie­ge errin­gen könn­te, in der Lage, einen Teil von Trumps Anhän­gern zu gewin­nen, der ideo­lo­gisch weni­ger ver­här­tet ist, aber ein­fach etwas ande­res will und in Erman­ge­lung von etwas Bes­se­rem auf Trumps rech­te popu­lis­ti­sche Rhe­to­rik her­ein­ge­fal­len ist. Die Demo­kra­ten sind völ­lig unfä­hig, einen nen­nens­wer­ten Teil der Basis von Trump abzu­spal­ten.

Eine neue Par­tei, die sich auf die mul­ti­eth­ni­sche, viel-geschlecht­li­che Arbeiter*innenklasse und Jugend kon­zen­triert und in sozia­len Bewe­gun­gen ver­wur­zelt ist, kann dazu benutzt wer­den, Sie­ge für die Arbeiter*innenklasse zu errin­gen, rück­schritt­li­che Ver­än­de­run­gen des Estab­lish­ments zu ver­hin­dern und sich gegen die extre­me Rech­te zu orga­ni­sie­ren. Aber an einem bestimm­ten Punkt wird das, wofür eine Par­tei der Arbeiter*innenklasse kämpft, an die Gren­zen des Kapi­ta­lis­mus sto­ßen, wo eine win­zi­ge, uner­gründ­lich rei­che Min­der­heit alles kon­trol­liert.

Die deut­sche Revo­lu­tio­nä­rin Rosa Luxem­burg hat mit­ten im Ers­ten Welt­krieg, dem damals blu­tigs­ten Kon­flikt der Mensch­heits­ge­schich­te, bekannt­lich gesagt, dass die Gesell­schaft am Schei­de­weg von „Sozia­lis­mus oder der Bar­ba­rei“ ste­he. Etwas mehr als 100 Jah­re spä­ter, von apo­ka­lyp­ti­schen Sze­nen der Wald­brän­de an der West­küs­te bis hin zur Wei­ge­rung des US-Prä­si­den­ten, den wei­ßen natio­na­lis­ti­schen Ter­ror zu ver­ur­tei­len oder zu ver­spre­chen, die Wahl­er­geb­nis­se zu akzep­tie­ren, wenn er die Wahl ver­liert, klingt die­se War­nung wah­rer denn je. Neben den ande­ren sozia­len und wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men, mit denen wir kon­fron­tiert sind, ist es der Kapi­ta­lis­mus, der die extre­me Rech­te her­vor­bringt. Die ein­zi­ge lang­fris­ti­ge Lösung besteht dar­in, die­ses wahn­sin­ni­ge Sys­tem ein für alle­mal zu been­den.

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