[GAM:] Die USA in der Krise

Reso­lu­ti­on des Inter­na­tio­na­len Exe­ku­tiv­ko­mi­tees der Liga für die Fünf­te Inter­na­tio­na­le, 11. Okto­ber 2020, Info­mail 1123, 25. Okto­ber 2020

A: Einleitung

1. Die USA sehen sich heu­te mit einer kom­bi­nier­ten Rei­he von sozia­len Kri­sen in einem Aus­maß kon­fron­tiert, wie es sie seit dem Zwei­ten Welt­krieg nicht mehr gege­ben hat: die tief mit­ein­an­der ver­knüpf­ten Coro­na­vi­rus- und Wirt­schafts­kri­sen, die Kli­ma­kri­se und eine tie­fe poli­ti­sche Kri­se der Prä­si­dent­schaft Trumps, die damit zusam­men­hängt, dass er die Poli­zei und wei­ße Ras­sis­tIn­nen gegen die schwar­zen Bür­ge­rIn­nen- und Migran­tIn­nen­ge­mein­schaf­ten des Lan­des auf­sta­chel­te, um sei­ne Chan­cen auf eine zwei­te Amts­zeit zu erhö­hen. Die Wah­len im Novem­ber wer­den jedoch kei­nes die­ser Pro­ble­me lösen und könn­ten das Land in der Tat in eine seit fünf­zig Jah­ren nicht mehr erleb­te Pha­se zivi­ler Unru­hen stür­zen.

2. Am explo­sivs­ten ist der Krieg, der von einer ras­sis­ti­schen Poli­zei und wei­ßen Ras­sis­tIn­nen geführt wird, die von einem Mil­li­ar­där im Wei­ßen Haus ermu­tigt wer­den, der weni­ger Steu­ern zahlt als ein/​e US-Arbei­te­rIn. Aber dies ist kein ein­sei­ti­ger Krieg – außer im Hin­blick auf die Waf­fen in den Hän­den der Poli­zei, die sys­te­misch immun gegen Straf­ver­fol­gung ist. In Städ­ten und Gemein­den in den USA schlägt eine anti­ras­sis­ti­sche Mas­sen­be­we­gung zurück. Sie wur­de initi­iert von ras­sis­tisch Unter­drück­ten und wei­ßen Anti­ras­sis­tIn­nen, die sich in gro­ßer Zahl ange­schlos­sen haben. Die­se Bewe­gung, die den Slo­gan „Black Lives Mat­ter“ (Schwar­ze Leben zäh­len) ver­wen­det, ist welt­weit ver­brei­tet wor­den und hat die ras­sis­ti­schen Wur­zeln der „west­li­chen“, „demo­kra­ti­schen“ Poli­tik, Wirt­schaft und Kul­tur bloß­ge­legt.

3. Auf der ande­ren Sei­te der Bar­ri­ka­den haben wir einen Prä­si­den­ten, der fried­li­che Demons­tran­tIn­nen als Ter­ro­ris­tIn­nen bezeich­net, faschis­ti­sche Mili­zen, die sie angrei­fen, lobt und sei­ne Anhän­ge­rIn­nen dazu ansta­chelt, kei­ne Nie­der­la­ge für ihn bei den Wah­len hin­zu­neh­men. Soll­te dies gesche­hen, könn­te der 3. Novem­ber eine Zeit des radi­ka­len Zusam­men­bruchs der US-Insti­tu­tio­nen und gewal­ti­ger sozia­ler Kon­flik­te ein­lei­ten.

4. Die unde­mo­kra­ti­schen Bestim­mun­gen der ame­ri­ka­ni­schen Ver­fas­sung sind jetzt für alle klar ersicht­lich. Prä­si­den­tIn­nen, die unglaub­li­che Macht­be­fug­nis­se ein­set­zen, kön­nen mit einer Min­der­heit der all­ge­mei­nen Stim­men gewählt wer­den (und wer­den es auch). Ein nicht gewähl­ter Obers­ter Gerichts­hof kann Geset­ze, die vom demo­kra­ti­sche­ren Unter­haus ver­ab­schie­det wur­den, außer Kraft set­zen. Der Senat, der mit einem skan­da­lös unglei­chen Wahl­recht gewählt wur­de, kann den Wil­len der Mehr­heit blo­ckie­ren. Ein bedeu­ten­der Teil der Wäh­le­rIn­nen­schaft ist auf­grund der ras­sis­ti­scher Unter­drü­ckung, die trotz Eman­zi­pa­ti­on und Bür­ge­rIn­nen­rech­ten nie über­wun­den wur­de, und Klas­sen­dis­kri­mi­nie­rung ent­rech­tet.

5. Auch Frau­en sehen sich gro­ßen Angrif­fen auf hart erkämpf­te Rech­te wie Abtrei­bung aus­ge­setzt, weil eine reak­tio­nä­re Mehr­heit am Obers­ten Gerichts­hof das Grund­satz­ur­teil Roe gegen Wade von 1973 auf­he­ben kann, was zeigt, wie die Ver­fas­sung die Rech­te der Frau nicht schützt. In vie­len Bun­des­staa­ten wird die Koali­ti­ons­frei­heit und das Streik­recht durch die Gesetz­ge­bung zum „Recht auf Arbeit“ effek­tiv ille­ga­li­siert. Trump hat ver­spro­chen, im Fal­le sei­ner Wie­der­wahl das Gesetz über Gesund­heits­ver­sor­gung (Oba­ma Care) end­gül­tig abzu­schaf­fen, und das mit­ten im schlimms­ten Gesund­heits­not­stand seit einem Jahr­hun­dert.

6. Das Haupt­pro­blem ist, dass es kei­ne poli­ti­sche Mas­sen­par­tei gibt, die in der Lage wäre, die ein­fa­chen Ame­ri­ka­ne­rIn­nen gegen die­se Angrif­fe zu ver­tei­di­gen, und die ein Pro­gramm hat, das auf die unde­mo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen abzielt und eine Stra­te­gie zu deren Sturz prä­sen­tiert. So kommt zu all die­sen mit­ein­an­der ver­knüpf­ten Kri­sen, Kri­sen des Kapi­ta­lis­mus selbst, eine chro­ni­sche Füh­rungs­kri­se hin­zu. Dies spie­gelt sich in der Unter­ord­nung der offi­zi­el­len Bewe­gun­gen der ras­sis­tisch und sexu­ell Unter­drück­ten, der Gewerk­schaf­ten und sogar der DSA (Demo­cra­tic Socia­lists of Ame­ri­ca, Demo­kra­ti­sche Sozia­lis­ten Ame­ri­kas) unter die Demo­kra­ti­sche Par­tei, die zwei­te Par­tei des impe­ria­lis­ti­schen Kapi­tals, wider. Die vie­len kämp­fen­den Kräf­te in den USA aus die­ser Zwangs­ja­cke zu befrei­en und eine anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche, revo­lu­tio­nä­re sozia­lis­ti­sche Arbei­te­rIn­nen­par­tei auf­zu­bau­en, ist in den heu­ti­gen gleich­zei­ti­gen Kri­sen eine lebens­wich­ti­ge Not­wen­dig­keit.

B. Die Hegemonie der USA wird in Frage gestellt

1. Die USA ste­hen vor einer Her­aus­for­de­rung ihrer glo­ba­len Hege­mo­nie, wie es sie seit dem Ende des Kal­ten Krie­ges nicht mehr gege­ben hat. Sie kommt von einem dyna­mi­schen impe­ria­lis­ti­schen Riva­len, den US-Poli­ti­ke­rIn­nen immer noch ger­ne als „kom­mu­nis­ti­sches Chi­na“ bezeich­nen. Tat­säch­lich ermög­lich­te es dem chi­ne­si­schen Kapi­ta­lis­mus die Syn­er­gie mit dem US-Kapi­tal in den ers­ten bei­den Jahr­zehn­ten der Glo­ba­li­sie­rung, sich zu einer impe­ria­lis­ti­schen Macht zu ent­wi­ckeln, wenn auch inner­halb eines staats­ka­pi­ta­lis­ti­schen Rah­mens und unter Bei­be­hal­tung einer auto­ri­tä­ren Büro­kra­tie, die von einer Par­tei geführt wird, die sich immer noch die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Chi­nas nennt. In der Zeit seit der Gro­ßen Rezes­si­on betrach­ten es Ver­tre­te­rIn­nen der Demo­kra­ti­schen wie auch der Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei zuneh­mend als einen gefähr­li­chen Riva­len. Trumps „guter Freund“ Xi Jin­ping wur­de schnell zum Böse­wicht in einem umfas­sen­den Han­dels­krieg, der sich auf die High­tech-Indus­trien der ein­zel­nen Län­der kon­zen­trier­te.

2. Hier geht es nicht um einen abso­lu­ten Nie­der­gang der Macht der USA und eine ent­spre­chen­de Zunah­me derer Chi­nas. Viel­mehr nimmt die Macht Ame­ri­kas rela­tiv zu den neue­ren Zen­tren der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on seit Jahr­zehn­ten ab, zunächst gegen­über Deutsch­land und der EU und dann in den 1980er Jah­ren Japan. Damals war damit jedoch kei­ne ernst­haf­te geo­stra­te­gi­sche Riva­li­tät ver­bun­den, da es sich um weit­ge­hend ent­waff­ne­te oder der NATO unter­ge­ord­ne­te Mäch­te han­del­te.

3. Die USA sind mit ihrer Welt­re­ser­ve­wäh­rung und New York, dem Zen­trum des glo­ba­len Finanz­we­sens und der Regu­lie­rung des Han­dels, immer noch weit­aus mäch­ti­ger als Chi­na. Mili­tä­risch ist Chi­na auch im asia­tisch-pazi­fi­schen Raum schwä­cher als die USA. Den­noch ist es zuneh­mend in der Lage, Ame­ri­ka in Han­dels­strei­tig­kei­ten die Stirn zu bie­ten und Alli­an­zen mit ande­ren regio­na­len und glo­ba­len Mäch­ten ein­zu­ge­hen. Sein Kapi­tal dringt nun nicht nur in Län­der Asi­ens (durch See­ver­bin­dun­gen und die neue Sei­den­stra­ße) vor, son­dern auch in Län­der Afri­kas und Latein­ame­ri­kas, die bis­her den USA und ihren Ver­bün­de­ten vor­be­hal­ten waren. Xis grö­ße­re Durch­set­zungs­fä­hig­keit spie­gelt Chi­nas zuneh­men­des Poten­zi­al wider, die USA um die Welt­he­ge­mo­nie her­aus­zu­for­dern.

4. Trumps Aner­ken­nung Jeru­sa­lems als Isra­els Haupt­stadt und der „Deal des Jahr­hun­derts“, der von Jared Kush­ner vor­an­ge­trie­ben wird, unter­schei­den sich nicht so radi­kal von der Poli­tik frü­he­rer US-Regie­run­gen, die es den Israe­lis erlaub­ten, ein Veto gegen die „Zwei-Staa­ten-Lösung“ ein­zu­le­gen. Selbst wenn Joe Biden erd­rutsch­ar­tig gewin­nen soll­te, soll­ten wir nicht erwar­ten, dass sich die glo­ba­le Stra­te­gie Ame­ri­kas in der Sub­stanz ändern wird. Eben­so wür­de ein/​e Demo­kra­tIn im Wei­ßen Haus wei­ter­hin den Iran und Vene­zue­la ins Visier neh­men.

5. Alle auf­rich­ti­gen Sozia­lis­tIn­nen in den USA müs­sen Anti­im­pe­ria­lis­tIn­nen sein und soll­ten die­je­ni­gen auf der gan­zen Welt, die für Demo­kra­tie und Men­schen­rech­te kämp­fen, davor war­nen, dass sich der „west­li­che“ Impe­ria­lis­mus als fal­scher Freund erwei­sen wird. Sie müs­sen sich jedem Auf­ruf zu US-Mili­tär­in­ter­ven­tio­nen oder Wirt­schafts­blo­cka­den wider­set­zen und eine defä­tis­ti­sche Hal­tung gegen­über den mili­tä­ri­schen Aben­teu­ern ihres eige­nen Lan­des ein­neh­men und des­halb die von ihm ange­grif­fe­nen halb­ko­lo­nia­len Län­der ver­tei­di­gen, unab­hän­gig von ihren Regimes.

6. Die Sozia­lis­tIn­nen in den USA soll­ten den Abzug all ihrer/​s Stütz­punk­te, Flot­ten und Dienst­per­so­nals auf der gan­zen Welt for­dern. Das bedeu­tet nicht, dass es auf der Welt ein „fort­schritt­li­ches Lager“ gibt, das aus Kuba, Vene­zue­la, Iran, Chi­na oder Russ­land besteht, wie sich eini­ge US-Radi­ka­le vor­zu­stel­len schei­nen. Chi­na und Russ­land sind zwar bei wei­tem schwä­cher als die USA, sind aber auch impe­ria­lis­ti­sche Mäch­te, die ihre eige­ne bru­ta­le Unter­drü­ckungs­po­li­tik im In- und Aus­land betrei­ben. Revo­lu­tio­nä­rIn­nen müs­sen die­je­ni­gen unter­stüt­zen, die für Demo­kra­tie, natio­na­le Rech­te und die Frei­heit der Arbei­te­rIn­nen in die­sen Län­dern kämp­fen.

C. Eine sich vertiefende Rezession

1. An der Wur­zel die­ser poli­ti­schen Kri­se liegt eine his­to­ri­sche Kri­se des Wirt­schafts­sys­tems – sowohl des US- als auch des Welt­ka­pi­ta­lis­mus. Ein Jahr­zehnt nach der Gro­ßen Rezes­si­on wer­den wie­der ein­mal Mil­lio­nen Men­schen arbeits­los. Noch bevor die Covid-19-Pan­de­mie die Schlie­ßung vie­ler Unter­neh­men erzwang, droh­te bereits eine zwei­te Gro­ße Rezes­si­on. Die Kri­se von 2008 und die dar­auf­fol­gen­de Depres­si­on began­nen den Pro­zess der Desta­bi­li­sie­rung, indem sie die Wachs­tums­ra­ten um die Hälf­te redu­zier­ten. Die Lahm­le­gung der Öko­no­mie durch das SARS-CoV2-Virus 2020 beschleu­nig­te den Pro­zess bis an den heu­ti­gen Rand des Zusam­men­bruchs und/​oder die Ver­ab­schie­dung von noch dras­ti­sche­ren und bei­spiel­lo­se­ren Maß­nah­men als die Ret­tungs­ak­tio­nen und die quan­ti­ta­ti­ve Locke­rung von 2008/​9, um das Sys­tem vor die­sem Zusam­men­bruch zu „ret­ten“.

2. Die Ein­lei­tung eines Han­dels­krie­ges mit Chi­na durch Trump hat die USA nicht gestärkt, geschwei­ge denn den Wohl­stand der Arbei­te­rIn­nen­schaft in den alten Indus­trie­ge­bie­ten wie­der­her­ge­stellt. Die USA haben im Jahr 2020 grö­ße­re Pro­ble­me im Außen­han­del als je zuvor. Der Juli zeig­te den größ­ten Anstieg des US-Han­dels­de­fi­zits mit der Welt seit zwölf Jah­ren, und der Haupt­nutz­nie­ßer war Chi­na. Von Juni bis Juli stieg das Defi­zit gegen­über Chi­na um fast 11 % auf 31,6 Mil­li­ar­den US-Dol­lar.

3. Chi­na ist die größ­te Quel­le für US-Kon­sum­gü­ter außer­halb des nord­ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nents. Sei­ne bil­li­gen Kon­sum­gü­ter unter­mau­ern das sta­gnie­ren­de oder sin­ken­de Lohn­ni­veau der US-Arbei­te­rIn­nen und der Mit­tel­schicht. Trumps Zöl­le auf Stahl erhö­hen die Kos­ten der US-Her­stel­le­rIn­nen und Ver­gel­tungs­maß­nah­men schmä­lern ihre Expor­te.

4. Unter Biden wer­den die destruk­ti­ven Aus­wir­kun­gen des neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus auf die Arbeits­plät­ze in den USA anhal­ten. Unter Clin­ton, Bush und Oba­ma war dies die Poli­tik, die den Boden berei­te­te, auf dem Trumps ras­sis­ti­sche Dem­ago­gie Arbei­te­rIn­nen­dem­ago­gie wuchs. Sie wür­de der extre­men Rech­ten wei­ter Auf­trieb ver­lei­hen, vor allem wenn die Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung, die gewerk­schaft­li­che und sozia­lis­ti­sche Lin­ke Biden nicht bekämpf­te, weil sie ihn gera­de als „das klei­ne­re Übel“ gewählt hät­ten.

5. Aus dem Inhalt ihrer Wahl­kampf­ver­spre­chen geht klar her­vor, dass kei­ner der bei­den Kan­di­da­ten etwas von gro­ßer Bedeu­tung für die hart bedräng­te US-Arbei­te­rIn­nen­klas­se tun wird, wäh­rend sie die kapi­ta­lis­ti­schen Besit­ze­rIn­nen der Gesell­schaft mit staat­li­cher Groß­zü­gig­keit über­häu­fen. Die US-Arbei­te­rIn­nen und die Unter­drück­ten soll­ten den bei­den Par­tei­en ihrer Aus­beu­te­rIn­nen kein Ver­trau­en schen­ken, und es gibt kei­ne ande­re Par­tei oder keine/​n andere/​n Kan­di­da­tIn als ernsthafte/​r Her­aus­for­de­rIn, der/​die ihre Stim­me ver­dient. Trump hat Ame­ri­ka nur für eine dün­ne Schicht von Spe­ku­lan­tIn­nen und Hedge­fonds-Mana­ge­rIn­nen wie­der groß gemacht.

6. Die US-Wirt­schaft jetzt schon jetzt Mil­lio­nen Arbeits­plät­ze ver­lo­ren. In Sek­to­ren wie dem Ein­zel­han­del, dem Hotel- und Gast­stät­ten­ge­wer­be, der Frei­zeit- und Rei­se­bran­che wird all­ge­mein aner­kannt, dass es Jah­re dau­ern wird, bis sie sich erho­len.

7. Die Löh­ne sta­gnie­ren oder sin­ken wei­ter­hin trotz einer sehr nied­ri­gen Infla­ti­ons­ra­te. Die rea­len durch­schnitt­li­chen Stun­den- und Wochen­ver­diens­te san­ken im Juli um 0,04 %. Trump hat nun die zwei­fel­haf­te Aus­zeich­nung, der Prä­si­dent mit den schlech­tes­ten Arbeits­lo­sen­zah­len seit dem Zwei­ten Welt­krieg zu sein. Die­se Gesamt­zah­len spie­geln nicht das deut­li­che Gefäl­le der Arbeits­lo­sig­keit nach Eth­nie und Haut­far­be wider. Die „wei­ße“ Quo­te liegt bei 7,3 %, wäh­rend die Quo­te für Peop­le of Color 10 % beträgt. Und wie üblich ist die Arbeits­lo­sen­quo­te bei den Schwar­zen mit 13 % am höchs­ten.

D. Die Bewegung gegen staatlichen Rassismus

1. Die Ermor­dung von Geor­ge Floyd und die Mas­sen­pro­tes­te, die die USA im Jahr 2020 erschüt­ter­ten, mach­ten in der Welt (erneut) auf das Aus­maß des ame­ri­ka­ni­schen Ras­sis­mus auf­merk­sam wie die Mor­de an Micha­el Brown, Eric Gar­ner und Tamir Rice im Jahr 2014, als sich der Slo­gan „Black Lives Mat­ter“ erst­mals lan­des­weit ver­brei­te­te. Schwar­ze, his­pa­ni­sche und indi­ge­ne Ame­ri­ka­ne­rIn­nen, die bereits mit Ungleich­hei­ten beim Zugang zu Reich­tum, Bil­dung und Gesund­heits­ver­sor­gung, mit Dis­kri­mi­nie­rung in den Berei­chen Straf­jus­tiz, Woh­nen und Beschäf­ti­gung kon­fron­tiert sind, haben die Haupt­last der Pan­de­mie und ihrer fol­gen­den wirt­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen zu spü­ren bekom­men. Es ist nicht nur sta­tis­tisch gese­hen wahr­schein­li­cher, dass sie sich mit dem Virus infi­zie­ren und dar­an ster­ben, sie haben auch die größ­ten Fol­gen des Arbeits­platz­ver­lus­tes und des man­geln­den Arbeits­schut­zes zu spü­ren bekom­men. Schwar­ze Frau­en sind unter­des­sen von extrem hohen Müt­ter- und Kin­der­sterb­lich­keits­ra­ten betrof­fen, die durch das SARS-CoV-2-Virus noch ver­schärft wer­den. Als Reak­ti­on auf die Pro­tes­te gegen die Mor­de an Bre­on­na Tay­lor und Geor­ge Floyd wur­den Tau­sen­de Demons­tran­tIn­nen ver­haf­tet und Hun­der­te ver­letzt. Jedes Mal, wenn die Bewe­gung begon­nen hat, an Dampf zu ver­lie­ren, kommt es zu einem wei­te­ren Todes­fall oder einer Eska­la­ti­on, die Tau­sen­de auf die Stra­ßen zurück­bringt.

2. Wäh­rend die Pro­tes­te wei­ter­ge­hen, steigt die Zahl der Zusam­men­stö­ße mit Trump-Anhän­ge­rIn­nen und bewaff­ne­ten rechts­ex­tre­men Grup­pen. Zahl­rei­che Ver­letz­te und Tote wur­den dadurch ver­ur­sacht, dass BLM-Geg­ne­rIn­nen mit Fahr­zeu­gen durch die Men­schen­men­gen fuh­ren, und es gab eine Rei­he von Lynch­mor­den im gan­zen Land. Gewalt­tä­ti­ge Hass­ver­bre­chen stie­gen 2017 sprung­haft an und erreich­ten Ende 2018 einen 16-Jah­res-Hoch­stand. Und auch die Zahl der anti­hi­s­pa­ni­schen und anti­jü­di­schen Hass­ver­bre­chen hat dra­ma­tisch zuge­nom­men.

3. Obwohl sich die gro­ßen Gewerk­schaf­ten auf ver­ba­le Unter­stüt­zungs­be­kun­dun­gen beschränk­ten, haben die ein­fa­chen Arbei­te­rIn­nen in einer Viel­zahl von Sek­to­ren Maß­nah­men ergrif­fen. Sowohl im Zusam­men­hang mit dem Coro­na­vi­rus als auch mit den Pro­tes­ten gegen die Ermor­dung von Geor­ge Floyd gab es Streiks, Arbeits­nie­der­le­gun­gen und Krank­mel­dun­gen, dar­un­ter von Bus‑, Hafen­ar­bei­te­rIn­nen, Kran­ken­pfle­ge­rIn­nen, Leh­re­rIn­nen, Beschäf­tig­ten im Gast­stät­ten­ge­wer­be und bei Ama­zon, um nur eini­ge zu nen­nen. Neben der Klas­sen­so­li­da­ri­tät haben sich wei­ße Ame­ri­ka­ne­rIn­nen in einem seit den 1960er Jah­ren nicht mehr dage­we­se­nen Aus­maß den Pro­tes­ten ange­schlos­sen, und es wur­den Black-Lives-Mat­ter-Mahn­wa­chen für die wei­ßen Demons­tran­tIn­nen abge­hal­ten, die bei den Pro­tes­ten ihr Leben ver­lo­ren haben.

4. Die Viel­falt die­ser Unter­stüt­zung hat sie mäch­tig gemacht, könn­te sie aber auch anfäl­lig für die­je­ni­gen machen, die Zwie­tracht säen. Iden­ti­täts­po­li­tik und der Kult der Füh­rungs­lo­sig­keit und Spon­ta­nei­tät erhö­hen die­se Gefahr. Es besteht ein drin­gen­der Bedarf an zen­tra­len Orga­ni­sa­ti­ons­or­ga­nen und poli­ti­scher Füh­rung, mit ande­ren Wor­ten an einer Par­tei, die nicht nur in allen Berei­chen der ras­sis­tisch und geschlecht­lich Unter­drück­ten ver­wur­zelt ist, son­dern in der Arbei­te­rIn­nen­klas­se, der Mehr­heit, ohne die die Pro­duk­ti­on des Kapi­tals selbst auf­hö­ren wür­de.

E. Trumps Offensive gegen Frauenrechte

1. Wegen Trumps berüch­tig­tem Sexis­mus und sei­ner Abhän­gig­keit von rechts­ex­tre­men Evan­ge­li­ka­len und Abtrei­bungs­geg­ne­rIn­nen gin­gen Frau­en in den ers­ten Jah­ren sei­ner Prä­si­dent­schaft bei Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen zuerst auf die Stra­ße. Lei­der wur­de die­se Bewe­gung von der Demo­kra­ti­schen Par­tei ver­ein­nahmt und ver­schwand. Sie muss wie­der auf­ge­baut wer­den, und zwar schnell. Für den Fall einer zwei­ten Amts­zeit von Trump steht die Auf­he­bung des Grund­satz­ur­teils Roe gegen Wade über das Recht auf Abbruch unge­woll­ter Schwan­ger­schaf­ten ganz oben auf der Tages­ord­nung. Mit sei­ner Nomi­nie­rung von Amy Coney Bar­rett als Nach­fol­ge­rin von Ruth Bader Gins­burg könn­te der Obers­te Gerichts­hof das Instru­ment dazu sein. Auf Bun­des­ebe­ne wur­de der Zugang zur Fami­li­en­pla­nung für Mil­lio­nen von Ame­ri­ka­ne­rIn­nen been­det, die Finan­zie­rung unter Oba­ma­ca­re wur­de gekürzt und zahl­rei­che abtrei­bungs­feind­li­che Bun­des­rich­te­rIn­nen wur­den ernannt und bestä­tigt.

2. Dem Bei­spiel des Prä­si­den­ten fol­gend haben gegen Abtrei­bung ein­ge­stell­te Gou­ver­neu­rIn­nen und bun­des­staat­li­che Gesetz­ge­bun­gen im gan­zen Land Anstren­gun­gen unter­nom­men, Anbie­te­rIn­nen von Fami­li­en­pla­nung Geld­mit­tel zu ent­zie­hen, und ekla­tant ver­fas­sungs­wid­ri­ge Geset­ze ver­ab­schie­det, um einen Fall zum Sturz des Grund­satz­ur­teils von 1973 vor­zu­be­rei­ten. Den­noch befür­wor­ten die meis­ten Ame­ri­ka­ne­rIn­nen nach­drück­lich den Zugang zu Gebur­ten­kon­trol­le und sind nicht der Mei­nung, dass die Ent­schei­dung für eine Abtrei­bung ille­gal sein soll­te. Fast 80 % sind der Mei­nung, dass Gebur­ten­kon­trol­le als grund­le­gen­der Bestand­teil der Gesund­heits­ver­sor­gung von Frau­en betrach­tet wer­den soll­te, und mehr als drei Vier­tel unter­stüt­zen das Grund­satz­ur­teil und den Schutz, den es seit sei­ner Ver­ab­schie­dung im Jahr 1973 gebo­ten hat.

3. 2016 schloss sich ein Groß­teil der Frau­en­be­we­gung den Demo­kra­tIn­nen und der Kan­di­da­tur von Hil­la­ry Clin­ton an in der Hoff­nung, dass sie die ers­te Frau sein wür­de, die zur Prä­si­den­tin gewählt wird. Natür­lich gab es eine radi­ka­le­re Frau­en­be­we­gung, aber sie war in radi­ka­le, iden­ti­täts­ba­sier­te Frag­men­te zer­split­tert oder von aka­de­mi­schen Theo­re­ti­ke­rIn­nen domi­niert, deren post­mo­der­ner „Dis­kurs“ trotz der guten Absich­ten der „Inter­sek­tio­na­lis­tIn­nen“ die­se Spal­tun­gen nicht über­win­den konn­te. Momen­tan pro­vo­zier­te die scho­ckie­ren­de Wahl eines unver­blüm­ten sexis­ti­schen und dreis­ten Frau­en­be­läs­ti­gers die mas­si­ven Frau­en­mär­sche gegen Trump, begin­nend mit dem am 21. Janu­ar 2017. Die Tat­sa­che, dass vie­le der Errun­gen­schaf­ten der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te unter Beschuss gera­ten wür­den, ver­ein­te die Bewe­gung vor­erst und zeig­te, dass Frau­en zurück­schla­gen konn­ten und woll­ten.

4. Dann kam die Explo­si­on der #MeToo-Bewe­gung im Okto­ber 2017, die nicht nur die Fra­ge der sexu­el­len Beläs­ti­gung auf­warf, son­dern auch den Aus­schluss von Frau­en von Macht- und Füh­rungs­po­si­tio­nen aufs Korn nahm. Ein wich­ti­ges Ergeb­nis war, dass die Bestre­bun­gen von Frau­en, eine Füh­rungs­rol­le in der Poli­tik zu über­neh­men, deut­lich zunah­men. Bei den Zwi­schen­wah­len 2018 gab es eine Rekord­zahl von Frau­en, die als demo­kra­ti­sche Kan­di­da­tin­nen kan­di­dier­ten, eini­ge von ihnen, wie die so genann­te Squad (Rie­ge), auch als „demo­kra­ti­sche Sozia­lis­tIn­nen“. Women of Color spiel­ten eine wich­ti­ge, ja sogar eine füh­ren­de Rol­le in den Kam­pa­gnen von Eliza­beth War­ren und Ber­nie San­ders für die demo­kra­ti­schen Vor­wah­len und in der BLM-Bewe­gung 2020. Wäre Trump wie­der der US-Prä­si­dent mit dem Obers­ten Gerichts­hof fest in der Hand von Abtrei­bungs­geg­ne­rIn­nen, wäre ein grö­ße­rer Kon­flikt in die­ser Fra­ge unver­meid­lich. Selbst wenn Biden gewinnt, wer­den die Angrif­fe des Obers­ten Gerichts­hofs und ande­rer Bun­des­ge­rich­te, die mit Rechts­ex­tre­men voll­ge­stopft sind, die Not­wen­dig­keit eines gro­ßen Gegen­schlags deut­lich machen.

5. Im Jahr 2020 ver­die­nen US-Frau­en in der Gesamt­be­völ­ke­rung nur 0,81 US-Dol­lar pro US-Dol­lar, den ein Mann ver­dient, und der Unter­schied hat sich seit 2015 nur um 0,07 US-Dol­lar ver­rin­gert. Das geschlechts­spe­zi­fi­sche Lohn­ge­fäl­le ist bei far­bi­gen Frau­en, Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen, Frau­en in bestimm­ten Beru­fen und Bran­chen sowie in eini­gen US-Bun­des­staa­ten grö­ßer. Covid-19 ver­ur­sacht für Frau­en einen noch höhe­ren finan­zi­el­len Tri­but als für Män­ner. Da die Arbeits­lo­sen­quo­ten höher sind als die der Män­ner, arbei­ten Frau­en mit grö­ße­rer Wahr­schein­lich­keit im Dienstleistungs‑, Gast­ge­wer­be- und Ein­zel­han­dels­sek­tor (76 % der Beschäf­tig­ten), der kei­nen bezahl­ten Urlaub oder kei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung bie­tet und am stärks­ten von Zwangs­schlie­ßun­gen betrof­fen ist.

6. Obwohl der Kon­gress Mit­tel in Höhe von 3,5 Mil­li­ar­den US-Dol­lar für die Kin­der-Not­fall­be­treu­ung bereit­ge­stellt hat, was 23 Bun­des­staa­ten dabei gehol­fen hat, wäh­rend der Pan­de­mie Zuschüs­se für Kin­der­be­treu­ungs­ein­rich­tun­gen anzu­bie­ten, blei­ben in eini­gen Bun­des­staa­ten mehr als 40 % der Kin­der­be­treu­ungs­zen­tren geschlos­sen, und die meis­ten berich­ten, dass die Mit­tel bereits auf­ge­braucht sind. Zusam­men mit den ver­hee­ren­den Aus­wir­kun­gen der Covid-19-Pan­de­mie ist es zu einem Anstieg der häus­li­chen Gewalt gekom­men. Haus­ar­rest-Anord­nun­gen, die für die Ver­lang­sa­mung der Aus­brei­tung des Virus uner­läss­lich sind, haben Über­le­ben­de häus­li­cher Gewalt, die wei­ter­hin davon bedroht sind, in noch ver­letz­li­che­re und gefähr­li­che­re Posi­tio­nen gezwun­gen.

7. Hier, wie bei allen gro­ßen Kämp­fen der Unter­drück­ten, ist eine getrenn­te, aus allen Klas­sen zusam­men­ge­setz­te Bewe­gung nicht die Ant­wort. Ers­tens ist dies wegen des Wider­spruchs zwi­schen den Klas­sen ent­we­der eine Uto­pie oder eine Ein­la­dung an die Frau­en der pri­vi­le­gier­ten und aus­beu­te­ri­schen Klas­sen (wie Clin­ton oder Pelo­si), sie zu domi­nie­ren und ihr Pro­gramm kon­ser­va­tiv zu hal­ten. Dar­über hin­aus stimm­te und kan­di­dier­te eine gro­ße Zahl von Frau­en (Wei­ße, Mit­tel­schicht und „Chris­tin­nen“) für Trump – wahr­haft „feind­li­che Schwes­tern“ (Cla­ra Zet­kin). Zwei­tens, weil zur wirk­li­chen Befrei­ung der Frau­en der Kapi­ta­lis­mus und die häus­li­che Knecht­schaft mit einem Pro­gramm zur Ver­ge­sell­schaf­tung der Pro­duk­ti­ons- und Repro­duk­ti­ons­sphä­ren ins Visier genom­men wer­den müs­sen. Um für die­se Zie­le zu kämp­fen, braucht es etwas mehr als Gewerk­schaf­ten oder Kam­pa­gnen gegen spe­zi­fi­sche Angrif­fe. Frau­en müs­sen eine füh­ren­de und inte­gra­le Rol­le in einer neu­en Arbei­te­rIn­nen­klas­se und sozia­lis­ti­schen Par­tei als Teil einer neu­en Inter­na­tio­na­le spie­len.

F. Kräfte des Widerstandes

Die Gewerkschaften

1. Von den 36 OECD-Län­dern lie­gen die USA mit einem gewerk­schaft­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­grad von 10,3 % an fünft­letz­ter Stel­le (Zah­len von 2019). Nur 6,2 % in der Pri­vat­wirt­schaft sind gewerk­schaft­lich orga­ni­siert. Die Zahl der Gewerk­schafts­mit­glie­der beträgt 14,6 Mil­lio­nen, drei Mil­lio­nen weni­ger als 1989. Der gewerk­schaft­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­grad schwankt enorm zwi­schen 21 % in New York und 2,2 % in South Caro­li­na. Nichts­des­to­trotz gibt es Anzei­chen dafür, dass die Stim­mung in den Rei­hen der Bevöl­ke­rung zunimmt, ihre Strei­kop­ti­on mehr als in der Ver­gan­gen­heit zu nut­zen und sie nicht nur für wirt­schaft­li­che Belan­ge, son­dern auch für poli­ti­sche Fra­gen ein­zu­set­zen.

2. Die meis­ten Gewerk­schafts­füh­re­rIn­nen, sowohl auf natio­na­ler als auch auf loka­ler Ebe­ne, haben jedoch seit lan­gem eine „kol­la­bo­rie­ren­de“ Hal­tung gegen­über den Unter­neh­me­rIn­nen ein­ge­nom­men, oft in direk­ter Oppo­si­ti­on zu den Bedürf­nis­sen ihrer eige­nen Mit­glie­der. Rück­erstat­tun­gen und Zuge­ständ­nis­se sind seit Jahr­zehn­ten gän­gi­ge Pra­xis, und so sind die­se Büro­kra­tIn­nen direkt in die scham­lo­se Ungleich­heit in den heu­ti­gen USA ver­wi­ckelt, ein­schließ­lich der zwi­schen ihren eige­nen Gehäl­tern und denen ihrer Mit­glie­der. Der ein­zi­ge Schutz gegen die­sen Ver­rat ist eine akti­ve und kon­fron­ta­ti­ve Mit­glied­schaft, die trotz ihrer Füh­rung mili­tan­te Maß­nah­men ergreift, wann immer dies not­wen­dig ist.

3. Eine Zunah­me der gewerk­schaft­li­chen Mili­tanz und Streiks ging in der Tat der Trump-Admi­nis­tra­ti­on vor­aus und lässt sich bis zur Gro­ßen Rezes­si­on 2008 zurück­ver­fol­gen. Mit dem Auf­stand in Wis­con­sin 2011 noch unter der Oba­ma-Regie­rung begann die­se jüngs­te Pha­se des gewerk­schaft­li­chen Kamp­fes, die in die­sem Jahr in einer geschätz­ten Zahl von mehr als 600 Aktio­nen gip­fel­te, von denen vie­le in bis­her nicht orga­ni­sier­ten Sek­to­ren erfolg­ten oder durch Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter, die durch staat­li­che Geset­ze zum „Recht auf Arbeit“ am Strei­ken gehin­dert wur­den, wes­halb sie „wild“ waren.

4. Vie­le der dies­jäh­ri­gen Aktio­nen ste­hen im Zusam­men­hang mit der Covid-19-Kri­se, die zu unsi­che­ren Arbeits­be­din­gun­gen für Nied­rig­lohn­ar­bei­te­rIn­nen geführt hat, die mit der Öffent­lich­keit in Kon­takt kom­men. Das jüngs­te Bei­spiel für die Betei­li­gung der Gewerk­schaf­ten an poli­ti­schen Fra­gen ist eine Erklä­rung, die Anfang Sep­tem­ber von Gewerk­schafts­mit­glie­dern ver­öf­fent­licht wur­de, die der AFSCME (Regie­rungs­an­ge­stell­te), der SEIU (Dienst­leis­tungs­be­schäf­tig­te) und der NEA (Leh­re­rIn­nen) ange­hö­ren und in der Streik­ak­tio­nen zur Unter­stüt­zung der BLM-Bewe­gung ange­droht wer­den, indem sie die Bun­des­ge­setz­ge­be­rIn­nen zwin­gen sol­len, Maß­nah­men zur Poli­zei­re­form und zum Abbau des sys­te­mi­schen Ras­sis­mus zu ver­ab­schie­den.

5. Die Prä­senz der Poli­zei in loka­len, regio­na­len und natio­na­len Gewerk­schafts­rä­ten und ‑ver­bän­den, ins­be­son­de­re in Zei­ten ver­schärf­ten Klas­sen­kamp­fes, bedeu­tet, dass erbit­ter­te Fein­dIn­nen an unse­ren Sit­zun­gen und Ent­schei­dun­gen teil­neh­men. Die­se „Gewerk­schaf­ten“ sind in kei­ner Wei­se ein Teil der Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung. Viel­mehr sind sie die Beschüt­ze­rIn­nen des „Pri­vat­ei­gen­tums“ der Kapi­ta­lis­tIn­nen, Ein­schüch­te­rIn­nen von Streiks und Kämp­fe­rIn­nen an vor­ders­ter Front gegen Far­bi­ge, „ille­ga­le“ Ein­wan­de­rIn­nen und in der Tat gegen jede/​n, der/​die für grund­le­gen­de mensch­li­che und demo­kra­ti­sche Rech­te kämpft. Sie müs­sen aus allen Orga­ni­sa­tio­nen der Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung aus­ge­schlos­sen wer­den.

Politische Parteien

6. Die pri­mä­re, nomi­nell sozia­lis­ti­sche Grup­pie­rung in den USA sind die DSA (Demo­kra­ti­schen Sozia­lis­tIn­nen Ame­ri­kas), die von 20.000 auf 70.000 Mit­glie­der ange­wach­sen sind, mit einem Zustrom von 10.000, seit Ber­nie San­ders in den Vor­wah­len der Demo­kra­ti­schen Par­tei geschla­gen wur­de. Die DSA hat­te sich von der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Aus­rich­tung von Micha­el Har­ring­ton mit ihrem unein­ge­schränk­ten Bekennt­nis zur Demo­kra­ti­schen Par­tei nach links bewegt, bis zu der im Natio­nal­kon­vent von 2019 ver­tre­te­nen Posi­ti­on, dass sie keine/​n Kan­di­da­tIn außer San­ders unter­stüt­zen wür­de.

7. Auf loka­ler Ebe­ne haben sich die DSA-Orts­grup­pen nach dem Aus­schei­den von San­ders aus dem Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf jedoch auf die Unter­stüt­zung der Kan­di­da­tIn­nen der Demo­kra­ti­schen Par­tei kon­zen­triert. Es ist zwar fest­zu­stel­len, dass kein star­ker Drang besteht, Joe Biden zu wäh­len, aber die Struk­tur der DSA lässt Ein­zel­per­so­nen und ein­zel­nen Sek­tio­nen gro­ßen Spiel­raum, Biden/​Harris ent­we­der offi­zi­ell zu unter­stüt­zen oder sich für ihre Wahl ein­zu­set­zen, auch wenn sie die Stimm­ab­ga­be für sie nicht offi­zi­ell befür­wor­ten.

8) Die­se „loka­li­sier­te“ Stra­te­gie war erfolg­reich bei der Wahl von DSA-Kan­di­da­tIn­nen in Stadt­ver­wal­tun­gen und sogar eini­ger nomi­na­ler und beken­nen­der „Sozia­lis­tIn­nen“ in Staats­häu­ser, (Senat oder Reprä­sen­tan­ten­haus), jedoch ohne kla­re natio­na­le Stra­te­gie. Selbst die berühm­te „Rie­ge“, die von der 2016 gewähl­ten Alex­an­dra Oca­sio-Cor­tez ange­führt wur­de, waren nicht wirk­lich beken­nen­de „Sozia­lis­tIn­nen“. Sie alle gewan­nen ihre Vor­wah­len in siche­ren demo­kra­ti­schen Bezir­ken und wer­den wahr­schein­lich im Novem­ber wie­der­ge­wählt. Im All­ge­mei­nen unter­stützt die DSA die Demo­kra­tIn­nen still­schwei­gend als die Wahl des „klei­ne­ren Übels gegen Trump“. Wie­der ein­mal haben sie sich trotz aller mar­xis­ti­schen Arti­kel im Maga­zin„ Jaco­bin“ in der Pra­xis als „lin­ker Flü­gel“ der bür­ger­li­chen Demo­kra­ti­schen Par­tei erwie­sen.

9. Die DSA ist also durch ihre Abhän­gig­keit vom Wahl­sys­tem, ihre gene­rel­le Kon­zen­tra­ti­on auf „Iden­ti­täts“- gegen­über Klas­sen­fra­gen und durch ihr Orga­ni­sa­ti­ons­mo­dell der Dezen­tra­li­sie­rung, das zu kei­ner natio­na­len Stra­te­gie und kei­nem ein­heit­li­chen Akti­ons­pro­gramm führt, gelähmt. Auch tut sie sehr wenig, um die orga­ni­sier­te Arbei­te­rIn­nen­schaft zu errei­chen, obwohl der DSA-Kon­gress 2019 wich­ti­ge Beschlüs­se dazu gefasst hat. Obwohl vie­le in der DSA behaup­ten, Mar­xis­tIn­nen zu sein, schei­nen nur sehr weni­ge die Arbeit tun zu wol­len, um die Arbei­te­rIn­nen­klas­se in eine sozia­lis­ti­sche Rich­tung zu beein­flus­sen. Dies ist der Grund für die Wei­ge­rung, etwas Bes­se­res als eine „Stra­te­gie des schmut­zi­gen Bruchs“ zu erwä­gen, d. h. das Mit­glieds­buch und die Wahl­un­ter­stüt­zung der Demo­kra­ti­schen Par­tei zu nut­zen, um angeb­lich die Kräf­te für einen Bruch mit ihr auf­zu­bau­en.

10. Nichts­des­to­trotz ist die DSA mit ihrer flo­rie­ren­den, inter­na­tio­nal ange­se­he­nen „Jacobin“-Webseite/Zeitschrift ein Forum für eine beken­nend mar­xis­ti­sche, aber eigent­lich nicht revo­lu­tio­nä­re Lin­ke. Ihr „Mar­xis­mus“ wird durch eine Art Kaut­sky­is­mus und Gram­scia­nis­mus ent­stellt, des­sen pro­mi­nen­tes­ter Ver­fech­ter Eric Blanc ist, der eine Ten­denz rund um die Zeit­schrift „The Call“ (Der Ruf) anführt. Die­ser Ansatz bie­tet weder stra­te­gi­sche noch tak­ti­sche Füh­rung im Klas­sen­kampf oder in den Kämp­fen der ras­sis­tisch und geschlecht­lich Unter­drück­ten. Nichts­des­to­trotz wur­de die For­de­rung nach einer unab­hän­gi­gen Arbei­te­rIn­nen­par­tei auf den DSA-Kon­fe­ren­zen erho­ben und sie sind das größ­te natio­na­le Gre­mi­um, das der For­de­rung irgend­ei­ne Zug­kraft ver­lei­hen kann. Revo­lu­tio­nä­rIn­nen kön­nen sich dafür am bes­ten in der DSA sowie in den mili­tan­te­ren Berei­chen der Gewerk­schafts­be­we­gung und unter anti­ras­sis­ti­schen Akti­vis­tIn­nen Gehör ver­schaf­fen. Die DSA hat teil­wei­se auf­grund des Schei­terns der größ­ten selbst­er­nann­ten trotz­kis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen flo­riert.

11. In der Zeit seit Beginn des Jahr­hun­derts haben es die größ­ten Grup­pen der trotz­kis­ti­schen Lin­ken, die Inter­na­tio­na­le Sozia­lis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on (ISO) und die Sozia­lis­ti­sche Alter­na­ti­ve (SA), nicht nur ver­säumt, eine Füh­rungs­rol­le bei der Schaf­fung einer von der Demo­kra­ti­schen Par­tei unab­hän­gi­gen Mas­sen­par­tei der Arbei­te­rIn­nen­klas­se zu über­neh­men, sie haben auch Spal­tun­gen und Zer­fall erlit­ten. Die ISO, lan­ge Zeit die größ­te Grup­pe der extre­men Lin­ken in den USA, hat sich von ihrem frü­he­ren Pro­jekt der Basis­or­ga­ni­sa­ti­on in der Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung abge­wandt und sich auf die Stu­den­tIn­nen und die „sozia­len Bewe­gun­gen“ kon­zen­triert. In den letzt­ge­nann­ten stritt sie nicht für eine mar­xis­ti­sche Füh­rung. Zu ihrer Kon­zen­tra­ti­on auf sozia­lis­ti­sche Pro­pa­gan­da gehör­te die Füh­rung eines regen Ver­lags­hau­ses. In tak­ti­scher Hin­sicht hat sie eine Nicht-Arbei­te­rIn­nen­par­tei, die Grü­nen, bei Wah­len unter­stützt, anstatt sich für den Auf­bau einer Arbei­te­rIn­nen­par­tei ein­zu­set­zen. Eine mas­si­ve Kri­se 2019, die in der Ver­tu­schung eines Ver­ge­wal­ti­gungs­fal­les durch die ehe­ma­li­ge Füh­rung im Jahr 2013 wur­zel­te, führ­te zu ihrer Selbst­li­qui­da­ti­on. Vie­le der ISO-Abtrün­ni­gen iden­ti­fi­zie­ren fälsch­li­cher­wei­se leni­nis­ti­sche oder bol­sche­wis­ti­sche Par­tei­me­tho­den als Ursa­che für das büro­kra­ti­sche Regime in der Grup­pe.

12. Die SA (bis zur jüngs­ten Spal­tung die Sek­ti­on des Komi­tees für eine Arbei­te­rIn­nen­in­ter­na­tio­na­le, CWI/​KAI, in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten) hat sich auf die Auf­stel­lung von Kan­di­da­tIn­nen bei Kom­mu­nal- und Bun­des­staats­wah­len kon­zen­triert, wobei ihr größ­ter Erfolg die Wahl von Ksha­ma Sawant in den Stadt­rat von Seat­tle war. Das Pro­gramm, auf des­sen Grund­la­ge sie gewählt wur­de, war nicht revo­lu­tio­när, und dies wur­de bald bekannt. Am 13. August stimm­te Sawant dafür, Car­men Best als Poli­zei­prä­si­den­tin von Seat­tle zu bestä­ti­gen, weil die Gemein­de­mit­glie­der „mich mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit dazu gedrängt haben, mich (einer schwar­zen Kan­di­da­tin) nicht in den Weg zu stel­len“. Die­ses prin­zi­pi­en­lo­se refor­mis­ti­sche Wahl­kämp­fe­rIn­nen­tum war nicht neu. Die SA hat­te lan­ge Ber­nie San­ders‘ Kam­pa­gne als Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten der Demo­kra­ti­schen Par­tei unter­stützt und ihre eige­ne „Movement4Bernie“ (Bewe­gung für Ber­nie) gebil­det. Obwohl sie Trans­pa­ren­te mit San­ders‘ Slo­gan „Wir brau­chen eine poli­ti­sche Revo­lu­ti­on“ tru­gen, ver­such­ten sie, eine Fas­sa­de mar­xis­ti­scher Serio­si­tät auf­recht­zu­er­hal­ten, indem sie erklär­ten, dass er, soll­te er die Nomi­nie­rung gewin­nen, dann mit der Demo­kra­ti­schen Par­tei bre­chen soll­te.

13. Im Zuge der Spal­tung der CWI begann die in Groß­bri­tan­ni­en ansäs­si­ge Füh­rung plötz­lich, die­se Linie als oppor­tu­nis­tisch und die Poli­tik der Sozia­lis­ti­schen Alter­na­ti­ve als von „Iden­ti­täts­po­li­tik“ beein­träch­tigt zu kri­ti­sie­ren, obwohl sie zuvor die Erfol­ge der Grup­pie­rung unter­stützt und sich damit gebrüs­tet hat­te. Nach der Spal­tung mit­ten durch die CWI ist die SA nun eine der größ­ten Grup­pen in der Inter­na­tio­na­len Sozia­lis­ti­schen Alter­na­ti­ve. Ande­re, neue­re Grup­pie­run­gen links von den bei­den oben genann­ten sind Socia­list Res­ur­gence (Sozia­lis­ti­sche Wie­der­auf­er­ste­hung), eine Abspal­tung von Socia­list Action im Jahr 2016, und Left Voice (Lin­ke Stim­me), die mit der in Argen­ti­ni­en ansäs­si­gen Trotz­kis­ti­schen Frak­ti­on-Vier­te Inter­na­tio­na­le (FT-QI) ver­bun­den ist. Wenn das Pro­blem der ISO und der SA ihr gro­ber Oppor­tu­nis­mus war, dann besteht die Gefahr bei den bei­den letz­te­ren dar­in, dass sie es ver­säu­men, Ein­heits­front­tak­ti­ken anzu­wen­den und sich am Kampf um die Abspal­tung der Gewerk­schaf­ten und der DSA von den Demo­kra­ti­schen Par­tei zu betei­li­gen. Ohne dies wird der Weg zu einer unab­hän­gi­gen Klas­sen­po­li­tik blo­ckiert blei­ben, und das in der tiefs­ten poli­ti­schen Kri­se, die die USA seit den 1960er Jah­ren erlebt haben.

G. Die Ablenkung in Gestalt des Populismus

1. Die Grü­ne Par­tei in den USA lässt sich am bes­ten als das „öko­so­zia­lis­ti­sche“ Gewis­sen der Demo­kra­ti­schen Par­tei beschrei­ben. Sie appel­liert an die Anhän­ge­rIn­nen von Ber­nie San­ders, der ver­är­gert dar­über sind, dass er wie­der­um Biden unter­stützt, sowie an Aus­ge­tre­te­ne aus ver­schie­de­nen trotz­kis­ti­schen Grup­pen. Ihr Wahl­pro­gramm ent­hält kei­ner­lei Kri­tik an der von der Demo­kra­ti­schen Par­tei ver­folg­ten oder unter­stütz­ten Poli­tik. Bei der Wahl­kampf­platt­form von Howie Haw­kins und Ange­la Wal­ker ist dies jetzt noch offen­sicht­li­cher als bei Jill Stein und Aja­mu Bara­ka im Jahr 2016. Bei der Wahl im Jahr 2020 sind die Grü­nen in mehr umkämpf­ten Bun­des­staa­ten von den Stimm­zet­teln ver­schwun­den, als Stein es war, zum Bei­spiel in Wis­con­sin und Penn­syl­va­nia, um die Wahl nicht zu „ver­der­ben“.

2. Als bür­ger­li­che Par­tei bestehen ihre For­de­run­gen aus Rufen nach Refor­men inner­halb des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems, die sich meist auf einen „öko­so­zia­lis­ti­schen grü­nen New Deal“ kon­zen­trie­ren. An den vor­ge­schla­ge­nen Refor­men ist jedoch nichts Sozia­lis­ti­sches. Es gibt kei­ne Rede von Ent­eig­nung und Ver­staat­li­chung von Indus­trien, kei­ne Erwäh­nung eines exis­tenz­si­chern­den anstel­le eines Min­dest­lohns, kei­ne ernst­haf­te For­de­rung nach einer Umver­tei­lung des Reich­tums unter der ame­ri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung. Die pro­gres­si­ve Besteue­rung ist alles, was sie haben, und selbst da sind die Details spär­lich.

3. So zu tun, als könn­ten die USA ihren Weg zu einer nach­hal­ti­gen Bezie­hung zwi­schen Mensch und Natur refor­mie­ren, ist ein Hirn­ge­spinst. Die Grü­nen fischen nach Wohl­fühlstim­men, wenn sie ankün­di­gen, dass sie Biden nach links drän­gen wol­len. So drin­gend ein Bruch des Zwei­par­tei­en­sys­tems nötig ist, kann man nur hof­fen, dass die Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter nicht auf die­se Wöl­fin im grü­nen Schafs­pelz her­ein­fal­len.

4. Die jüngs­te Wie­der­ho­lung im „pro­gres­si­ve drit­te Partei“-Gewinnspiel ist die Bewe­gung für eine Volks­par­tei. Am 30. August fand ein Online-„Kongress“ statt, an dem 400.000 Men­schen teil­nah­men, unter ande­rem mit Red­ne­rIn­nen wie dem Aka­de­mi­ker Dr. Cor­nel West, dem lin­ken Jour­na­lis­ten Chris Hedges, dem lin­ken Pod­cast-Star Jim­my Dore, der Frie­dens­ak­ti­vis­tin Cin­dy Shee­han und dem Fil­me­ma­cher Oli­ver Stone. Wie der Name schon sagt, han­delt es sich hier nicht um eine Par­tei der Arbei­te­rIn­nen­schaft, son­dern um einen klas­sen­über­grei­fen­den Ver­such, eine Par­tei links von der Demo­kra­ti­schen Par­tei zu orga­ni­sie­ren, was sie offen als „pro­gres­si­ve popu­lis­ti­sche Par­tei“ bezeich­nen, die San­ders‘ ver­wor­fe­ne Paro­len auf­greift: Gesund­heits­ver­sor­gung für alle, kos­ten­lo­se öffent­li­che Hoch­schul­bil­dung, das gro­ße Geld aus der Poli­tik her­aus­ho­len, ein Pro­gramm für Arbeits­plät­ze in der Infra­struk­tur, 15 US-Dol­lar pro Stun­de Min­dest­lohn, den Grü­nen New Deal und ande­re Din­ge, die auf der Wunsch­lis­te der refor­mis­ti­schen Lin­ken ste­hen. Ihre der­zei­ti­gen Plä­ne sehen vor, den Rest die­ses Jah­res und bis ins Jahr 2021 zu nut­zen, um einen natio­na­len Orga­ni­sa­ti­ons­kon­gress zu pla­nen, um ein Par­tei­pro­gramm zu ent­wer­fen und einen Namen für die Par­tei zu beschlie­ßen. Bis dahin, so behaup­ten sie, sol­len Orga­ni­sa­ti­ons­teams im gan­zen Land dar­an arbei­ten, loka­le Kno­ten­punk­te auf­zu­bau­en, eine Prä­senz zu eta­blie­ren und Zugang zu Wah­len zu erhal­ten.

5. Das Pro­blem die­ser Initia­ti­ve besteht dar­in, dass sie eine popu­lis­ti­sche und klas­sen­über­grei­fen­de For­ma­ti­on ist, was bedeu­tet, dass sie zur Bour­geoi­sie hin­ge­zo­gen wird. Sie ist im Moment offen­sicht­lich nur an Wah­len und Wahl­lö­sun­gen inter­es­siert, und die auf­ge­führ­ten Befür­wor­te­rIn­nen sind alle Kapi­ta­lis­tIn­nen. In der Tat gibt es nur sehr wenig orga­ni­sier­te Unter­stüt­zung aus der Arbei­te­rIn­nen­klas­se, mit nur einem Gewerk­schafts­füh­rer als Unter­stüt­zer, Al Rojas von den Ver­ei­nig­ten Land­ar­bei­te­rIn­nen. Die Arbei­te­rIn­nen sind nur im Abschnitt „Koali­tio­nen“ der Web­site auf­ge­führt, eben­so wie die ange­ge­be­nen Zie­le, die alle im Kapi­ta­lis­mus erreich­bar sind. Sie sind zwar links­li­be­ra­le Kapi­ta­lis­tIn­nen, aber immer noch kapi­ta­lis­tisch. Und es hängt noch in der Schwe­be, ob es ihnen gelin­gen wird, ihre pri­mä­re Mis­si­on zu erfül­len, in genü­gend Bun­des­staa­ten an den Wahl­start zu gehen, um das poli­ti­sche Mono­pol der bei­den gro­ßen Par­tei­en der kapi­ta­lis­ti­schen herr­schen­den Klas­se im Jahr 2020 tat­säch­lich zu bre­chen.

H. Eine einzigartige Wahl?

1. Trumps Wahl­kampf ist eine gro­tes­ke Sati­re auf sei­ne Prä­si­dent­schaft, indem er als Kan­di­dat für Recht und Ord­nung und als Wäch­ter über das Cha­os antritt und gleich­zei­tig alles in sei­ner Macht Ste­hen­de tut, um das gesell­schaft­li­che Cha­os zu schü­ren. Das Land steht vor dem größ­ten sozia­len Auf­stand seit Genera­tio­nen und einer anti­ras­sis­ti­schen Bewe­gung, an der nicht nur Schwar­ze, son­dern das gan­ze Spek­trum der far­bi­gen und wei­ßen Anti­ras­sis­tIn­nen betei­ligt sind. Die Demo­kra­tIn­nen hin­ge­gen sind zu ihrer Stra­te­gie von 2016 zurück­ge­kehrt, die Wah­len von 2020 als Kampf gegen das „Ende der Demo­kra­tie“, wie wir sie ken­nen, zu gestal­ten. Das Votum für Biden ist mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit eines, um Trump zu stop­pen. Die Wahl­platt­form der Demo­kra­ti­schen Par­tei ist stark dar­auf aus­ge­rich­tet, die Stim­men der Arbei­te­rIn­nen­klas­se und der Schwar­zen zu gewin­nen. Wäh­rend die­se bei­den in fast allen Tei­len des Pro­gramms erwähnt wer­den, las­sen sich die Zie­le des Pro­gramms im Grun­de dar­auf redu­zie­ren, die Ame­ri­ka­ne­rIn­nen wie­der an die Arbeit und zurück zum Kon­sum zu brin­gen.

2. Es besteht kein Zwei­fel, dass die Ver­ab­schie­dung der demo­kra­ti­schen Platt­form Mil­lio­nen von Ame­ri­ka­ne­rIn­nen eine unmit­tel­ba­re Erleich­te­rung brin­gen wür­de. Aber es wür­de noch wei­te­re Mil­lio­nen von Men­schen in der Fol­ge in immer wei­ter um sich grei­fen­der Armut zurück­las­sen, die von Wohl­tä­tig­keits- und Lebens­mit­tel­ta­feln abhän­gig und in ihrer Woh­nung und Beschäf­ti­gung unsi­cher sind. Vor allem aber wür­de sie sicher­stel­len, dass die Kapi­ta­lis­tIn­nen wei­ter­hin den Löwen­an­teil aller Pro­duk­ti­ons­fort­schrit­te erhiel­ten, die im arbei­ten­den Ame­ri­ka erzielt wür­den. Bidens Platt­form ist über­sät mit zahn­lo­sen „Raz­zi­en“ gegen das Groß­ka­pi­tal und Miss­brauch in Bun­des­staats­ver­wal­tun­gen, ins­be­son­de­re bei sei­nen Refor­men in den Berei­chen Umwelt, Arbeit„nehmer“Innen- und Straf­recht. Er über­lässt die Ein­lö­sung vie­ler sei­ner Ver­spre­chen den Kapi­ta­lis­tIn­nen, deren ein­zi­ge Moti­va­ti­on zur Ein­hal­tung der Refor­men der Ver­lust von ansons­ten Bun­des­zu­schüs­sen und ‑auf­trä­gen ist, wel­chen Ver­such wir wäh­rend der Oba­ma-Regie­rung spek­ta­ku­lär schei­tern sahen. Dar­über hin­aus hält er als Oli­ven­zweig für pro­gres­si­ve und schwar­ze Wäh­le­rIn­nen im Wesent­li­chen Schul­den bereit, getarnt als Erleich­te­rung. Sei­ne Gesund­heits- und Woh­nungs­po­li­tik stützt sich in hohem Maße auf Wohl­fahrt, indi­vi­du­el­le Steu­er­gut­schrif­ten, zins­güns­ti­ge Dar­le­hen und hoch­ver­zins­te Schul­den­til­gungs­plä­ne, wobei der/​die ame­ri­ka­ni­sche Arbei­te­rIn die Rech­nung bezah­len muss.

3. Unter­des­sen hängt ein Damo­kles­schwert über der Wahl. Selbst wenn er die Wahl ver­lie­ren soll­te, hat Trump in Bezug auf die Volks­ab­stim­mung deut­lich gemacht, dass er ein „Foul“ schrei­en wird. Die repu­bli­ka­ni­schen Bun­des­staa­ten, die die Stimm­zet­tel aus­zäh­len, könn­ten sei­ne Ansicht, das Ergeb­nis sei durch Ein­mi­schung beein­träch­tigt und ungül­tig, durch­aus stüt­zen. Wie im Jahr 2000 könn­te die­ser Fall an den Obers­ten Gerichts­hof gehen, der sich nun fest in den Hän­den der Trump-Anhän­ge­rIn­nen befin­det. Biden könn­te jedes Sie­ges beraubt wer­den, auch eines gro­ßen, und das Land stürzt mit der Beset­zung des Wei­ßen Hau­ses durch Trump in ein Cha­os. Doch selbst wenn das Wahl­kol­le­gi­um Biden bestä­ti­gen wür­de, könn­te sich als Reak­ti­on die „Trump-Bewe­gung“ mit ihren von der Ver­schwö­rungs­theo­rie­sek­te QAnon getäusch­ten Anhän­ge­rIn­nen immer noch wei­gern, die Nie­der­la­ge zu akzep­tie­ren. All dies inmit­ten einer zwei­ten Wel­le der Coro­na­vi­rus-Pest und von Wald­brän­den und Wir­bel­stür­men, die von der dro­hen­den Kli­ma­ka­ta­stro­phe zeu­gen.

4. Trump hat ange­droht, Gerich­te, die er mit Rechts­ex­tre­men voll­ge­stopft hat, zu benut­zen, um Ergeb­nis­se in Bun­des­staa­ten, die sich gegen ihn rich­ten, für ungül­tig zu erklä­ren. Es hat eine Zunah­me repu­bli­ka­ni­scher Aktio­nen in von der Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei domi­nier­ten Staa­ten gege­ben, um eine gro­ße Anzahl von Stim­men far­bi­ger Men­schen für ungül­tig zu erklä­ren. Trump appel­liert an sei­ne Anhän­ge­rIn­nen, die Wahl­lo­ka­le zu „über­wa­chen“, und nicht zuletzt an die faschis­ti­schen Mili­zen, sich im Fal­le eines Sie­ges von Biden mit ihren Geweh­ren „bereit­zu­hal­ten“. Die Arbei­te­rIn­nen­klas­se, die Gewerk­schaf­ten, die BLM-Bewe­gung, die Frau­en- und die LBGTIAQ+-Bewegung wer­den eben­falls bereit sein müs­sen, falls Trump ver­sucht, die Wahl zu steh­len. In dem Moment, in dem ein besieg­ter Trump ver­sucht, sei­nen Ver­fas­sungs­putsch zu star­ten, um sich an der Macht fest­zu­hal­ten, müs­sen all die­se Bewe­gun­gen in über­wäl­ti­gen­der Stär­ke auf die Stra­ße gehen, bereit, sei­ne bewaff­ne­ten Faschis­tIn­nen von der Stra­ße zu ver­trei­ben, und zu ver­hin­dern, dass die Poli­zei auf sei­ner Sei­te ein­greift. Die Gewerk­schafts­ver­bän­de, die neu­en Gewerk­schaf­ten, aber auch die Unor­ga­ni­sier­ten müs­sen zu einem poli­ti­schen Mas­sen­streik auf­ge­ru­fen wer­den, um Trump von der Macht zu ver­trei­ben.

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