[KgK:] Chile stimmte mit überwältigender Mehrheit dafür, Pinochets Verfassung zu begraben: Wie geht es weiter?

Der Sieg des „Aprue­bo“ beim Ver­fas­sungs­ple­bis­zit an die­sem Sonn­tag war über­wäl­ti­gend. Trotz der Pan­de­mie erreich­te die Betei­li­gung 50%. Ber der Volks­ab­stim­mung soll­ten sich die Chilen:innen ent­schei­den, ob sie der Aus­ar­bei­tung einer neu­en Ver­fas­sung zustimm­ten, und die Art des Gre­mi­ums, das sie aus­ar­bei­ten soll, fest­le­gen. Sie fand ein Jahr nach Beginn der sozia­len Explo­si­on statt, die die von Pino­chets Dik­ta­tur geerb­ten neo­li­be­ra­len Grund­pfei­ler in Fra­ge stell­te, und mit ihnen die Ver­fas­sung von 1980, die ges­tern zu begra­ben begon­nen wur­de.

Bei mehr als 99% der aus­ge­zähl­ten Stim­men bestä­tig­te der Wahl­dienst, dass 78,27% der Bevöl­ke­rung (5.884.076 Stim­men) sich für die „Zustim­mung“ zur Aus­ar­bei­tung einer neu­en Ver­fas­sung ent­schie­den hat­ten, wobei in eini­gen Regio­nen und meh­re­ren Volks­kom­mu­nen mehr als 85% erreicht wur­den. Was die Art des Gre­mi­ums anbe­langt, das für die Aus­ar­bei­tung zustän­dig sein soll, so hat sich die Opti­on „Ver­fas­sungs­kon­vent“ mit 78,99% (5.644.418 Stim­men) gegen­über dem „gemisch­ten Kon­vent“ durch­ge­setzt (bei letz­te­rem Vor­schlag han­del­te es sich um eine Kom­bi­na­ti­on aus Dele­gier­ten, die durch Abstim­mung gewählt wur­den, und ande­ren vom der­zei­ti­gen Par­la­ment).

Die Wahl­be­tei­li­gung war viel höher als in den Vor­jah­ren, als sie stark zurück­ge­gan­gen war, und erreich­te mit 7.559.742 Wähler:innen 50,9% des Regis­ters, was immer noch etwas nied­ri­ger ist, als eini­ge frü­he­re Umfra­gen gezeigt hat­ten.

Das Ple­bis­zit hat­te gro­ße Erwar­tun­gen und Hoff­nun­gen auf Ver­än­de­run­gen geweckt, und in der Nacht fei­er­ten, nach­dem die ers­ten Ergeb­nis­se bekannt waren, Mil­lio­nen von Men­schen in ganz Chi­le auf den Stra­ßen und Plät­zen des Lan­des.

Das durch­schla­gen­de Ergeb­nis bedeu­te­te eine Nie­der­la­ge für die Rech­te, die gespal­ten war, und ins­be­son­de­re für die Regie­rung von Sebas­ti­an Piñe­ra, der deut­lich geschwächt aus dem Refe­ren­dum her­aus­ging. Auf einer Pres­se­kon­fe­renz am Sonn­tag­abend ver­such­te der Prä­si­dent zu ver­mei­den, dass das Ergeb­nis als Volks­ab­stim­mung über sei­ne eige­ne Regie­rung ange­se­hen wird, wie es die meis­ten im Land ver­stan­den hat­ten. Heuch­le­risch hielt er eine Rede, um zu ver­su­chen, auf den Zug der Zustim­mung auf­zu­sprin­gen, und sag­te, dass „die­ser Tri­umph der Demo­kra­tie uns mit Freu­de und Hoff­nung erfül­len“ soll­te. Der Schlag gegen das neo­li­be­ra­le Erbe Pino­chets bedeu­te­te jedoch auch einen kräf­ti­gen Schlag gegen die Regie­rung, und so wur­de es auch von den­je­ni­gen ver­stan­den, die in den Stra­ßen fei­er­ten.

Die alte Con­cert­a­ción (eine Koali­ti­on aus Mit­te- und Mit­te-Links-Par­tei­en, die Chi­le vie­le Jah­re nach dem Ende der Dik­ta­tur regier­te) erklär­te ihrer­seits zusam­men mit Tei­len der Rech­ten und den gro­ßen Medi­en, dass es sich um eine „Fei­er der Demo­kra­tie“ han­de­le, und for­der­te, dass die­ser „staats­bür­ger­li­che“ Weg die Pro­ble­me lösen sol­le, um das Land bald zur Nor­ma­li­tät zurück zu brin­gen. Ihr Ziel ist es nun, dass sich, wie in den ver­gan­ge­nen 30 Jah­ren, nichts wirk­lich ändert, d.h. dass so viel wie mög­lich vom Erbe der Dik­ta­tur in den Berei­chen Gesund­heit, Bil­dung, Arbeit, Pre­ka­ri­tät, Repres­si­on und so wei­ter erhal­ten bleibt.

Wie ist die Volksabstimmung zustande gekommen und wo liegen ihre Grenzen?

Die­ses Ple­bis­zit ging aus dem so genann­ten „Abkom­men für Frie­den und eine neue Ver­fas­sung“ her­vor, das vom Par­la­ment im Ein­ver­neh­men mit der Regie­rung von Sebas­ti­an Pine­ra am 15. Novem­ber 2019 ver­ab­schie­det wur­de. Das Abkom­men wur­de als „par­la­men­ta­ri­sche Küche“ bekannt, weil die Men­schen sahen, wie im Kon­gress ver­han­delt wur­de, wäh­rend die Stra­ßen in Flam­men stan­den. Es fand inmit­ten der sozia­len Explo­si­on statt, die am 18. Okto­ber auf­grund stei­gen­der U‑Bahn-Prei­se wäh­rend der Haupt­ver­kehrs­zeit begann, die aber schnell den Angriff auf die Grund­pfei­ler des chi­le­ni­schen Neo­li­be­ra­lis­mus zum Haupt­mot­to mach­te. Mit dem Slo­gan „Es geht nicht um 30 Pesos (der Erhö­hung), son­dern um 30 Jah­re (des Neo­li­be­ra­lis­mus)“ stell­ten sie unter ande­rem die pri­va­ti­sier­te Bil­dung und Gesund­heit, die Pre­ka­ri­tät der Arbeit und die Repres­si­on in Fra­ge.

Die­se „par­la­men­ta­ri­sche Küche“, an der die rech­ten Par­tei­en und die Vertreter:innen der Mit­te-Lin­ken und des Neo-Refor­mis­mus wie die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei und die Fren­te Amplio („Brei­te Front“) teil­nah­men, hat­te das Ziel, die Kri­se zu „kana­li­sie­ren“ und die Stra­ßen­pro­tes­te in einen ver­fas­sungs­ge­ben­den Pro­zess umzu­lei­ten, der vie­le Beschrän­kun­gen in Bezug auf die Art und Wei­se, wie über tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen ent­schie­den wer­den soll­te, auf­weist.

Die neue Ver­fas­sung und ihre Regeln müs­sen von „zwei Drit­teln“ gebil­ligt wer­den, was bedeu­tet, dass eine neo­li­be­ra­le und klas­sisch rech­te Min­der­heit ihr Veto gegen jede wich­ti­ge Reform durch­set­zen kann; außer­dem dür­fen inter­na­tio­na­le Ver­trä­ge nicht ange­tas­tet wer­den, die in ihrer gro­ßen Mehr­heit die natio­na­le Aus­plün­de­rung durch gro­ße mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne in Berei­chen vom Berg­bau bis zur Ren­ten­ver­si­che­rung zulas­sen; jun­ge Men­schen unter 18 Jah­ren, also die­je­ni­gen, die die enor­me Mas­sen­re­bel­li­on, die das Land durch­lebt hat, initi­iert haben, wer­den nicht wäh­len oder gewählt wer­den kön­nen; Gewerkschaftsführer:innen oder Anführer:innen sozia­ler Orga­nis­men wer­den nicht kan­di­die­ren kön­nen, ohne auf die­se Rol­le zu ver­zich­ten. Außer­dem wird der Ver­fas­sungs­kon­vent nach den Regeln des der­zei­ti­gen par­la­men­ta­ri­schen Wahl­sys­tems gewählt, was den gro­ßen Par­tei­en der Bos­se zugu­te kommt.

Der ver­fas­sungs­ge­ben­de Pro­zess wird zudem von den der­zei­ti­gen Ver­fas­sungs­or­ga­nen über­wacht (dem unbe­lieb­ten Kon­gress, dem Prä­si­den­ten und den dis­kre­di­tier­ten Repres­si­ons­kräf­ten wie den Cara­bi­ne­ros, die für eine bru­ta­le Repres­si­on ver­ant­wort­lich sind). Mit ande­ren Wor­ten: Die Ver­fas­sungs­ge­ben­de Ver­samm­lung wird weder frei noch sou­ve­rän sein, da sie nur einen neu­en Ver­fas­sungs­text ent­wer­fen kön­nen, über nichts ande­res ent­schei­den kön­nen und im Rah­men der Regie­rung Piñe­ra und der der­zei­ti­gen Insti­tu­tio­nen han­deln wer­den.

Wie geht es weiter?

Pablo Tor­res, Her­aus­ge­ber von La Izquier­da Dia­rio Chi­le, sag­te nach der Ver­kün­dung der Ergeb­nis­se: „Die Kraft des ‚Aprue­bo‘, die den Wunsch nach einem Ende der Pino­chet-Ver­fas­sung zeig­te, war über­wäl­ti­gend. Jetzt müs­sen wir das Erbe der Dik­ta­tur rest­los besei­ti­gen. Und dafür kön­nen wir weder den Par­tei­en ver­trau­en, die in den ver­gan­ge­nen 30 Jah­ren das Regime sta­bi­li­siert haben, noch ihrem Kon­vent, der mit der Zwei-Drit­tel-Regel einer Min­der­heit ein Veto­recht ein­räumt und vol­ler Fal­len steckt (die Ein­hal­tung inter­na­tio­na­ler Ver­trä­ge, damit die mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­ne wei­ter plün­dern; die Betei­li­gungs­re­gel des der­zei­ti­gen Par­la­ments; die Straf­frei­heit der Ver­ant­wort­li­chen für die Repres­si­on; der Aus­schluss der Jugend, die alles mit dem Sprin­gen über die Dreh­kreu­ze begon­nen hat, usw.). Wir sind die immense Mehr­heit“.

Dau­no Tóto­ro, Anfüh­rer der Par­tei Revo­lu­tio­nä­rer Arbeiter:innen (PTR) Chi­les, die dem „Kom­man­do für eine freie und sou­ve­rä­ne Ver­fas­sungs­ge­ben­de Ver­samm­lung“ ange­hört, sag­te: „Nur wenn wir unse­ren Kräf­ten auf der Stra­ße ver­trau­en, kön­nen wir der AFP ein für alle Mal ein Ende set­zen und ange­mes­se­ne Ren­ten für unse­re Rentner:innen erlan­gen. Nur so kön­nen wir Arbeit für alle errei­chen, mit anstän­di­gen Gehäl­tern ent­spre­chend dem Min­dest­ver­brauch eines Durch­schnitts­haus­halts und ohne Pre­ka­ri­sie­rung. Nur so kön­nen wir eine kos­ten­lo­se und qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge öffent­li­che Gesund­heit errei­chen, nur so kön­nen wir die stra­te­gi­schen Res­sour­cen zum Woh­le der arbei­ten­den Men­schen und ihrer Bedürf­nis­se ver­staat­li­chen. Für die Frei­heit der Gefan­ge­nen, ein Ende der Straf­lo­sig­keit und für Bestra­fung der poli­tisch und mate­ri­ell für die Repres­si­on Ver­ant­wort­li­chen. Raus mit Piñe­ra und für eine wirk­lich freie und sou­ve­rä­ne ver­fas­sungs­ge­ben­de Ver­samm­lung. Der Weg der Mobi­li­sie­rung der Arbeiter:innenklasse und der Mas­sen ist der Schlüs­sel zur Ver­wirk­li­chung unse­rer Bestre­bun­gen und zur Been­di­gung all die­ses Erbes der Dik­ta­tur.“ Er fuhr fort:

Die KP und die FA haben nicht die Absicht, die­ses alte Regime und sei­ne Par­tei­en der Bos­se zu kon­fron­tie­ren. Des­halb suchen sie Alli­an­zen mit der alten Con­cert­a­ción und set­zen alles auf den „insti­tu­tio­nel­len Weg“, ohne die Fal­len des „Friedensabkommens“-Prozesses anzu­pran­gern, wäh­rend sie aktiv demo­bi­li­sie­ren und einen Waf­fen­still­stand auf­recht­erhal­ten, der nur den Bos­sen dient.

Die Par­tei Revo­lu­tio­nä­rer Arbeiter:innen, die La Izquier­da Dia­rio Chi­le her­aus­gibt, war Teil der über­wäl­ti­gen­den Mehr­heit, die für die Been­di­gung der Pino­chet-Ver­fas­sung stimm­te. Zugleich pran­ger­te sie ihre Fal­len an und for­der­te eine freie und sou­ve­rä­ne Ver­fas­sungs­ge­ben­de Ver­samm­lung ohne Piñe­ra. Kürz­lich gelang es ihnen, Tau­sen­de von Unter­schrif­ten im gan­zen Land zu sam­meln und ihre Lega­li­tät als Par­tei in Städ­ten wie Sant­ia­go, Val­pa­rai­so, Anto­fagas­ta, Ari­ca aus­zu­wei­ten, um eine unab­hän­gi­ge poli­ti­sche Alter­na­ti­ve der Arbeiter:innen vor­zu­stel­len, die in der Per­spek­ti­ve einer Regie­rung der Arbeiter:innen den gan­zen Weg gegen die­ses Regime und die­ses Sys­tem gehen will.

Die­ser Arti­kel erschien zuerst auf Spa­nisch bei La Izquier­da Dia­rio Chi­le.

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