[labournet:] [Buch] Cyber Valley – Unfall des Wissens. Künstliche Intelligenz und ihre Produktionsbedingungen – Am Beispiel Tübingen

Dossier

[Buch] Cyber Valley - Unfall des Wissens. Künstliche Intelligenz und ihre Produktionsbedingungen - Am Beispiel TübingenKünst­li­che Intel­li­genz (KI) ist das The­ma der Gegen­wart und als sol­ches formt es die Zukunft. Der Staat pro­pa­giert sie, die Indus­trie for­ciert sie und die Bevöl­ke­rung nutzt sie. Ers­te­re reden von einer Revo­lu­ti­on, letz­te­re erwar­ten kei­ne gro­ßen Ver­än­de­run­gen. Schau­en wir uns an, wo sie erforscht wird, wer von Anfang an dabei ist und wer nicht. Schau­en wir auf das beschau­li­che Uni­ver­si­tät­städt­chen Tübin­gen. Hier soll Ama­zon ansie­deln, hier soll ein Top-Stand­ort für KI-For­schung welt­weit ent­ste­hen. Man baut hier For­schungs­la­bo­re statt Woh­nun­gen; man hofft auf den Boom; man lügt wie gedruckt. Viel­leicht war es zu viel Zukunft für einen klei­nen Ort. Man woll­te als Stand­ort „viral gehen“, glän­zen durch Popu­la­ri­tät. Man bau­te einen Erleb­nis­park für Risi­ko­ka­pi­tal. Man bau­te einen For­schung­cam­pus. Und es regt sich Pro­test. Die Wis­sen­schaft fusio­niert hier mit der Wirt­schaft: Gemein­sam tes­ten sie Daten­ban­ken und Infra­struk­tu­ren mit irgend­wel­chen Daten und ver­kau­fen uns das als Ver­gan­gen­heit der Mensch­heit, Zukunft der Tech­nik oder Auf­bau der DNA. Sie mei­nen, alles bewie­sen zu haben, weil sie es berech­net haben. Woher sie das neh­men, liegt im Dun­kel der Daten­ban­ken – die wir ohne ihre Hil­fe nicht mehr ent­schlüs­seln kön­nen.” Klap­pen­text zum Buch von Chris­toph Marisch­ka vom Dezem­ber 2019 (Papy­ros­sa-Ver­lag, ISBN: 978 3894387228, 164 S., 14,90 €). Sie­he wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum Buch und die Lese­pro­be im Labour­Net Ger­ma­ny, das Unter­ka­pi­tel “Über­wa­chungs- oder Platt­form­ka­pi­ta­lis­mus?” – wir dan­ken Autor und Ver­lag! Sie­he dar­über hin­aus wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum Cyber Val­ley in Tübin­gen:

  • Cyber Val­ley: Pro­test vor Gericht New
    Statt Ama­zon wird in Tübin­gen einem Anti­mi­li­ta­ris­ten der Pro­zess gemacht, weil er aus dem Bun­des­wehr-Papier “Künst­li­che Intel­li­genz in den Land­streit­kräf­ten im Gemein­de­rat vor­ge­le­sen hat­te. Am 25. Novem­ber wird ein Akti­vist in Tübin­gen vor Gericht ste­hen, weil er wäh­rend einer Sit­zung des Tübin­ger Gemein­de­ra­tes aus einem The­sen­pa­pier des Amts für Hee­res­ent­wick­lung der Bun­des­wehr vor­ge­le­sen hat­te. Titel: “Künst­li­che Intel­li­genz in den Land­streit­kräf­ten”. Was hat das mit dem Cyber Val­ley zu tun und mit dem Bau eines For­schungs­zen­trums für maschi­nel­les Ler­nen, über das damals im Gemein­de­rat ent­schie­den wur­de? Seit dem Beginn der Pro­tes­te gegen das Cyber Val­ley in Tübin­gen steht die Befürch­tung im Raum, damit dro­he der Regi­on eine “Trans­for­ma­ti­on in einen Rüs­tungs­stand­ort”. Das Cyber Val­ley ist nach eige­nen Anga­ben “eine der größ­ten For­schungs­ko­ope­ra­tio­nen Euro­pas im Bereich der künst­li­chen Intel­li­genz”, betei­ligt sind v.a. die Auto­mo­bil­in­dus­trie und eini­ge ihrer Zulie­fe­rer, die auch in der Rüs­tung aktiv sind. (…) In Tübin­gen sei eine Zuar­beit für die Rüs­tung jedoch undenk­bar, wur­de von den Befürworter*innen des Cyber Val­ley wie­der und wie­der behaup­tet – und dabei auf “unse­re Wer­te” ver­wie­sen. In Tübin­gen gefällt man sich in der Vor­stel­lung, ganz vor­ne dabei zu sein beim Kampf gegen Kli­ma­wan­del, Dis­kri­mi­nie­rung und für den Frie­den. Die Ver­bin­dung von Moder­ni­tät und mora­li­scher Inte­gri­tät prägt die Selbst­wahr­neh­mung der Stadt eben­so wie deren Außen­dar­stel­lung. (…) Kon­kret beriet der Gemein­de­rat an jenem 14. Novem­ber 2019 dar­über, ob das Bau­feld 13, Bau­grund in kom­mu­na­ler Hand, an die Reisch GmbH ver­kauft wird, um hier – im Rah­men des Cyber Val­leys – für Ama­zon ein For­schungs­zen­trum für maschi­nel­les Ler­nen zu errich­ten. Als Kauf­preis wur­den 500.000 Euro fest­ge­legt, ein Betrag, der ange­sichts von Woh­nungs­not und explo­die­ren­den Immo­bi­li­en­prei­sen in Tübin­gen für Pri­vat­per­so­nen gera­de­zu obs­zön nied­rig erscheint. Noch ein Jahr zuvor, bei der Ver­län­ge­rung der Ver­kaufs­op­ti­on für das Gelän­de, wur­den Ver­bin­dun­gen zwi­schen Ama­zon und dem Mili­tär im Gemein­de­rat als “Ver­schwö­rungs­theo­rie” abqua­li­fi­ziert. (…) Fünf Mona­te nach der Ent­schei­dung für den Ver­kauf wur­de bekannt, dass eine der Cyber Val­ley For­schungs­grup­pen nicht nur von Ama­zon finan­ziert wird – und zwar für die Model­lie­rung des Seh­sys­tems von Mäu­sen -, son­dern auch von der For­schungs­be­hör­de der US-Geheim­diens­te, IARPA, im Rah­men ihres MICrONs-Pro­jek­tes. (…) Sowohl das “Bünd­nis gegen das Cyber Val­ley”, als auch die lin­ke Frak­ti­on im Gemein­de­rat haben wie­der­holt gefor­dert, die Zivil­klau­sel der Uni­ver­si­tät auch auf den Tech­no­lo­gie­park und das Cyber Val­ley anzu­wen­den. Sol­che Klau­seln sind zwar in der Regel nicht bin­dend, wür­den “unse­re Wer­te” aber zumin­dest auf eine Art for­mu­lie­ren, auf die man sich bezie­hen könn­te. Sie hät­te im Tübin­ger Fall sicher eine objek­ti­ve­re Dis­kus­si­on dar­über zuge­las­sen, ob und unter wel­chen Bedin­gun­gen man einen – übri­gens sehr schön gele­ge­nen – Bau­platz an Ama­zon ver­scha­chern will. Und sie könn­ten auch dazu bei­tra­gen, das Start­up-Modell zur Kom­mer­zia­li­sie­rung der Ergeb­nis­se öffent­lich finan­zier­ter For­schung in Fra­ge zu stel­len…” Arti­kel von Chris­toph Marisch­ka vom 24. Okto­ber 2020 in tele­po­lis externer Link
  • „Cyber-Val­ley-Pro­jekt“: Wem gehört (die Regi­on) Tübin­gen?
    „… Mit­te Okto­ber 2018 wur­de auf einer Abend­ver­an­stal­tung im gro­ßen Hör­saal der Uni­ver­si­tät Panik ver­brei­tet. Ein eigens aus dem kali­for­ni­schen Sili­con Val­ley ein­ge­flo­ge­ner Refe­rent zeig­te sich zutiefst besorgt dar­über, dass aus­ge­rech­net die Deut­schen als Erfin­der des Autos die Ent­wick­lung in punc­to auto­no­mes Fah­ren völ­lig ver­schla­fen hät­ten. Es ging also um Geld für die Ent­wick­lung künst­li­cher Intel­li­genz, kurz KI genannt. Sei­tens der Uni­ver­si­tät Tübin­gen hieß es dazu: »Wir soll­ten die For­schung im Bereich KI nicht nur ande­ren, zum Bei­spiel Nord­ame­ri­ka und Chi­na, über­las­sen. Damit Euro­pa eine füh­ren­de Rol­le spie­len kann, bedarf es stra­te­gi­scher Inves­ti­tio­nen in die Grund­la­gen­for­schung.« – Und nicht in die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, hät­te man ehr­li­cher­wei­se hin­zu­fü­gen müs­sen. In der »Mar­gi­na­li­sie­rung des Sozia­len« erkennt Marisch­ka denn auch eines der wesent­li­chen Ele­men­te des »Unfalls des Wis­sens« (so der zwei­te Teil des Titels), der sich etwas weni­ger dra­ma­tisch auch als Domi­nanz der Kyber­ne­tik bezeich­nen lie­ße, also der wis­sen­schaft­li­chen Erfor­schung selbst­tä­ti­ger Steue­rungs­me­cha­nis­men in ver­schie­dens­ten Sys­te­men. Ein wei­te­res Merk­mal die­ses Unfalls sieht der Autor in den »indus­triellen Abhän­gig­kei­ten«. »Das Maschi­nel­le Ler­nen als gegen­wär­tig vor­herr­schen­de Metho­de der KI-For­schung«, schreibt er, »setzt gro­ße Daten­men­gen und Rechen­ka­pa­zi­tä­ten vor­aus.« Über die­se wür­den öffent­li­che Insti­tu­te jedoch nicht ver­fü­gen. Im Cyber Val­ley wur­de des­halb Ama­zon ins Boot geholt, des­sen Kurs sich wohl den Wün­schen aller Pas­sa­gie­re anpas­sen wird, zumal Ama­zon in Tübin­gen ein For­schungs­zen­trum mit rund 100 Mit­ar­bei­tern errich­ten will…“ – aus der Buch­be­spre­chung „Wie man eine Stadt gefü­gig macht“ von Ronald Kohl am 08. Juli 2020 in der jun­gen welt externer Link (über „Cyber Val­ley – Unfall des Wis­sen“ – Künst­li­che Intel­li­genz und ihre Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen, Papy­ros­sa-Ver­lag). Sie­he dazu auch eine IMI-Stu­die (eben­falls von C. Marisch­ka) zum „Mit­wir­ken“ der Geheim­diens­te an dem Groß­pro­jekt – und einen älte­ren Bei­trag, der die Ent­wick­lung der Kri­tik dar­an deut­lich macht, einen Bei­trag über die Repres­si­ons­maß­nah­men gegen Kri­tik, sowie eines von vie­len mög­li­chen Bei­spie­len zur Ver­tei­di­gung des Pro­jek­tes qua „Fort­schritt“ – Pro­pa­gan­da…
    • „Cyber Val­ley, MPG und US-Geheim­diens­te“ von Chris­toph Marisch­ka vom 15. Mai 2020 (IMI-Stu­die 3/​2020) externer Link ist eine klei­ne Stu­die, die der Rol­le der US-Geheim­diens­te bei dem wis­sen­schaft­li­chen Groß­pro­jekt in Tübin­gen gewid­met ist – und führt dazu unter vie­lem ande­ren aus: „… Ent­spre­chend horch­te u.a. die Frie­dens­be­we­gung in Tübin­gen auf, nach­dem bekannt wur­de, dass mit dem Cyber Val­ley zwi-schen Stutt­gart und Tübin­gen ein neu­es, euro­pa­weit füh­ren­des und welt­weit sicht­ba­res Zen­trum für die Ent­wick­lung Künst­li-cher Intel­li­genz ent­ste­hen soll. Die Infor­ma­ti­ons­stel­le Mili­ta­ri-sie­rung etwa ver­trat fol­gen­de The­se: „Soll­te das Cyber Val­ley – mit dem ja nicht nur die Obe­re Vieh­wei­de (auf einem Berg) in Tübin­gen, son­dern das gesam­te Neckar­tal zwi­schen Tübin­gen und Stutt­gart gemeint ist – sich ent­spre­chend den gegen­wär­tig noch etwas groß­spu­rig wir­ken­den Zie­le ent­wi­ckeln, ist abseh­bar, dass sich die Regi­on zu einem neu­en Rüs­tungs­stand­ort ent­wik-keln wird – ganz unab­hän­gig von den Inten­tio­nen der Betei­lig-ten“.4 Anhalts­punk­te für die­se The­se war u.a. die Betei­li­gung des Rüs­tungs­un­ter­neh­mens ZF Fried­richs­ha­fen und der Kon­zer­ne Daim­ler und Ama­zon als „Kern­part­ner“ des Cyber Val­leys, die eben­falls als Zulie­fe­rer und Dienst­leis­ter des Mili­tärs tätig sind.Der Redak­ti­ons­lei­ter des Schwä­bi­schen Tag­blat­tes reagier­te damals gera­de­zu aus­fal­lend mit sei­ner mitt­ler­wei­le im loka­len Kon­text berühmt gewor­de­nen Brot­mes­ser-Ana­lo­gie: „Stim-mungs­ma­che statt Fak­ten. Der Text klingt sach­lich, ver­mischt aber alles Mög­li­che, das rein gar nichts mit­ein­an­der zu tun hat, zu einer Sup­pe, die dann gif­tig ist […]. Grund­la­gen­for­schung ist Grund­la­gen­for­schung, ein Brot­mes­ser bleibt ein Brot­mes­ser, auch wenn jemand mal damit jeman­den ver­letzt oder umbringt. […] Will die Lin­ke künf­tig alle Brot­mes­ser ver­bie­ten? Das ist die ‚Logik‘ hin­ter der­Bö­se-Böse-Panik­ma­che“.5 Auf eine ers­te Kund­ge­bung gegen das Cyber Val­ley reagier­te er mit einem Bei­trag, in dem v.a. die Pressesprecher*innen des For­schungs­pro­jek­tes zu Wort kamen. (…) Nun wur­de bekannt, dass eine der Cyber-Val­ley-For­schungs-grup­pen das IAR­PA-Pro­gramm MICrONs als Finan­zie­rungs­quel­le angibt. Bei der IARPA han­delt es sich um die gemein­sa­me For­schungs­agen­tur der 16 US-Geheim­diens­te, der sog. ‚Intel­li­gence Com­mu­ni­ty‘. Sie wur­de 2006 auf der Grund­la­ge des „Büros für dis­rup­ti­ve Inno­va­tio­nen“ der Natio­nal Secu­ri­ty Agen­cy (NSA) nach dem Vor­bild der DARPA – der For­schungs­agen­tur des Pen­ta­gons – auf­ge­baut. Auf ihrer Home­page beschreibt sie ihre Auf­ga­be damit, „die lang­fris­ti­gen Bedürf­nis­se der Intel­li­gence Com­mu­ni­ty zu anti­zi­pie­ren und die­ser For­schung und tech­ni­sche Fähig­kei­ten zur Ver­fü­gung zu stel­len“. Im Gegen-satz zur DARPA, die in der Brei­te und Flä­che eine schier unüber­schau­ba­re Zahl von Pro­gram­men und Pro­jek­ten för­dert und aus der US-For­schungs­land­schaft kaum weg­zu­den­ken ist (und sie damit auch wesent­lich struk­tu­riert), ver­folgt die IARPA im aktu­el­len För­der­zy­klus „nur“ 31 Pro­gram­me, von denen eines MICrONs ist, mit dem das Cyber Val­ley und Ama­zon auf ver­schie­de­ne Arten ver­bun­den sind…“
    • „Das Tübin­ger Cyber Val­ley und das „Prin­zip Ama­zon““ am 19. Okto­ber 2018 bei der IL Tübin­gen externer Link erin­nert an die in jener Zeit (bis heu­te) aktu­el­len Kri­ti­ken und Aktio­nen gegen Ama­zon quer über den Glo­bus und auch in der BRD und fragt dann: „… Und in Tübin­gen? Hier herrscht Grün­der­stim­mung bei Ver­wal­tung, Wirt­schaft und Wis­sen­schaft. Das „Cyber Val­ley“ gilt zual­ler­erst als „Leucht­turm“ der For­schung und Ama­zon als des­sen „Magnet“. Sogar ein­zel­ne Künstler*innen stimm­ten kürz­lich bei einer öffent­li­chen Dis­kus­si­on in die­sen Chor ein. Für wel­che Zwe­cke, mit wel­chen Zie­len und zu wes­sen Nut­zen geforscht wer­den soll, scheint für sie alle kei­ne Rol­le zu spie­len. Wohl­ge­merkt: Das Cyber Val­ley forscht an Künst­li­cher Intel­li­genz und damit in einem Bereich, der auch von sei­nen auf­ge­klär­ten Befürworter*innen als das aktu­ell ris­kan­tes­te und abseh­bar eine Viel­zahl ethi­scher Pro­ble­me pro­du­zie­ren­de For­schungs­feld ein­ge­ord­net wird. Hier ent­ste­hen­de Tech­no­lo­gien kön­nen gleich­zei­tig unge­ahn­te Macht und Mani­pu­la­ti­ons­mög­lich­kei­ten ver­schaf­fen. Und „For­schungs­part­ner“ sind welt­weit ope­rie­ren­de Kon­zer­ne wie Ama­zon oder die deut­schen Auto­mo­bil­bau­er und mit ZF Fried­richs­ha­fen zumin­dest auch ein im Rüs­tungs­sek­tor akti­ver deut­scher Groß­be­trieb. Trotz­dem oder gera­de des­halb froh­lo­cken die Einen über „hoch­at­trak­ti­ve“ Arbeits­plät­ze und welt­wei­tes Anse­hen, der „grü­ne“ OB sieht ein drin­gend benö­tig­tes neu­es Geschäfts­mo­dell für Baden-Würt­tem­berg. Ande­re wol­len mit dem Fort­schritt sein und freu­en sich auf das ange­lock­te, angeb­lich span­nen­de und bun­te For­scher- und Fir­men­grün­der­völk­chen. Natür­lich wehrt der Ama­zon-Direk­tor für Maschi­nel­les Ler­nen im Tag­blatt-Inter­view jeg­li­che Kri­tik an sei­nem Unter­neh­men pau­schal ab. Von der Lokal­po­li­tik wird Ama­zon zwar als nicht unpro­ble­ma­tisch ange­se­hen (was im Übri­gen kaum anders auch für die betei­lig­ten deut­schen Kon­zer­ne gel­ten müss­te), aber laut OB Pal­mer über­wie­ge für Tübin­gen der Nut­zen und „der Fir­ma die Tür vor der Nase zuzu­schla­gen, wür­de Tübin­gen enor­men Scha­den zufü­gen“. Wel­che ernst zu neh­men­de Prü­fung er da vor­ge­nom­men hat, bleibt sein Geheim­nis. Im Früh­jahr 2018 stimm­te die Mehr­heit des Gemein­de­rats der Ver­ga­be öffent­li­cher Flä­chen grund­sätz­lich zu und gab grü­nes Licht für wei­te­re Ver­hand­lun­gen mit Ama­zon und den genann­ten ande­ren Unter­neh­men…“
    • „Die „wehr­haf­te Demo­kra­tie“ (Pal­mer) ent­schei­det für Ama­zon – und lei­tet Ver­fah­ren gegen die Kritiker*innen ein“ von Max-Punk-Insti­tut am 18. Novem­ber 2019 bei de.indymedia externer Link (wor­auf wir bereits in dem Bei­trag „„Recht auf Stadt“? Kann man kau­fen. Etwa, wenn man Ama­zon heißt“ am 20. Novem­ber 2019 ver­linkt hat­ten, bei dem es um Ama­zon in meh­re­ren bun­des­deut­schen Städ­ten ging) zu den Repres­si­ons­maß­nah­men eines Oliv­grü­nen Bür­ger­meis­ters unter ande­rem: „… Boris Pal­mer (Ober­bür­ger­meis­ter von Tübin­gen) besinnt sich auf die „wehr­haf­te Demo­kra­tie“ und lässt Ver­fah­ren ein­lei­ten gegen Men­schen, die „Gemein­de­rä­te unter Druck … set­zen. Der Staat darf sich hier nicht schwach oder unent­schie­den zei­gen. Das muss Kon­se­quen­zen haben.“ Da dürf­ten doch eini­ge Leu­te kurz mal erschro­cken sein, als sie das lasen. Rechts­ra­di­ka­le, die Mord­dro­hun­gen gegen Lokal­po­li­ti­ker aus­sen­de­ten etwa oder rechts­ex­tre­me Netz­wer­ke in Poli­zei, Geheim­diens­ten und Mili­tär. Doch sie waren mit der Voka­bel der „wehr­haf­ten Demo­kra­tie“ – wie immer – nicht gemeint. Auch im Rek­to­rat der Uni­ver­si­tät mögen eini­ge kurz bleich gewor­den sein. Schließ­lich hat­te man hier – zwei Tage vor der Gemein­de­rats­ent­schei­dung – noch eine eili­ge Pres­se­mit­tei­lung her­aus­ge­ge­ben, in der „die Uni­ver­si­tät an alle poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen in der Stadt Tübin­gen appel­liert, sich für eine Stär­kung des For­schungs­stand­or­tes zu ent­schei­den“, da „die Fol­gen einer ableh­nen­den Ent­schei­dung gegen­über Ama­zon der­zeit unüber­seh­bar“ sei­en. Stu­die­ren­de ant­wor­te­ten dar­auf mit einer eige­nen Pres­se­mit­tei­lung: „Das Rek­to­rat spricht nicht für die Uni­ver­si­tät!“ Doch da hät­ten sich Pal­mer und Tag­blatt-Lei­ter Ste­gert selbst als Ziel der „wehr­haf­ten Demo­kra­tie“ sehen müs­sen, denn mit ihrer lokal­pa­trio­tisch-natio­na­lis­ti­schen Argu­men­ta­ti­on hat­ten sie schon Mona­te zuvor den Gemein­de­rat bear­bei­tet und – mehr noch viel­leicht als ein­zel­ne Pro­tes­tie­ren­de wäh­rend der Sit­zung – unter Druck gesetzt. So schrieb Ste­gert in sei­ner „Bericht­erstat­tung“ über die Ent­schei­dung des Gemein­de­ra­tes zum Bosch-For­schungs­zen­trum im Cyber Val­ley: „Denn KI-For­schung auf Welt­ni­veau gehe in Deutsch­land nur in Tübin­gen, sag­te Pal­mer. Inso­fern habe die Stadt eine bun­des­wei­te Ver­ant­wor­tung für zehn­tau­sen­de, ja hun­dert­tau­sen­de Stel­len. Klingt groß­spu­rig, stimmt aber.“ An vie­len ande­ren Orten wur­de die „Ver­ant­wor­tung“ für „Deutsch­land“ oder „Euro­pa“ betont, die es not­wen­dig mache, Ama­zon und das gan­ze Cyber Val­ley hier in Tübin­gen anzu­sie­deln und dafür eben loka­le Aus­wir­kun­gen auf den Woh­nungs­markt, den Ver­kehr, die Stadt und die Uni­ver­si­tät im Sin­ne der „Zukunfts­fä­hi­geit“ und des natio­na­len bzw. euro­päi­schen Inter­es­ses hin­ten­an­zu­stel­len. Wie hieß es so schön in der Pres­se­mit­tei­lung der Uni-Lei­tung: „sach­frem­de Erwä­gun­gen“ wie die „Arbeits­be­din­gun­gen und die Ent­loh­nung in Ama­zon-Logis­tik­zen­tren“ oder die „Besteue­rung von mul­ti­na­tio­na­len Inter­net­kon­zer­nen“ wer­den „nicht in Tübin­gen ent­schie­den“ – dafür aber die Zukunft Deutsch­lands und die Rol­le Euro­pas in der Welt. Irre, aber die Feind*innen der Demo­kra­tie wer­den kon­se­quent nicht in jenen Akteu­ren gese­hen, die mit natio­na­lis­tisch-patrio­ti­schen Schein­ar­gu­men­ten – basie­rend auf den Pro­gno­sen von Ven­ture-Kapi­tal – den Gemein­de­rat unter Druck set­zen, der irr­sin­ni­gen Ansied­lung von Ama­zon und dem Ver­kauf städ­ti­scher Flä­chen für 0.5 Mio Euro zuzu­stim­men. Die Feind*innen der Demo­kra­tie wer­den nicht in denen gese­hen, die sich unter dem Druck (oder der Ent­las­tung) die­ser Argu­men­te gegen das kla­re Votum (1:4) des Orts­bei­ra­tes Nord rich­ten, der Bau­tä­tig­kei­ten, Ver­kehrs­auf­kom­men und all­ge­mein die infra­struk­tu­rel­le Über­las­tung bereits jetzt bemerkt – und dem kla­rer ist, dass das nur der Anfang des Cyber Val­ley ist…“
    • „Wie viel Zukunft will Deutsch­land? „ von Susan­ne Preuß am 21. Dezem­ber 2019 im Faz​.net externer Link (abopflich­tig, aber aus­rei­chend) steht hier einer­seits als ein Bei­spiel der umfas­sen­den Pro­pa­gan­da für die­ses Mili­tär­pro­jekt mit dem Mit­tel der Fort­schritts­pre­digt – räumt aber, wie bewusst auch immer, immer­hin ein, dass der Wider­stand dage­gen „aus der Bevöl­ke­rung“ kom­me: „… Wir kön­nen es uns jetzt schon nicht mehr leis­ten, hier zu leben. Die­sen Satz schreit eine Demons­tran­tin den Tübin­ger Gemein­de­rä­ten ent­ge­gen. „Das soll kei­ne Stadt wer­den für eine Eli­te, son­dern eine Stadt für alle.“ Die Demons­tran­tin ist nicht allein. Die Stadt­ver­wal­tung hat­te in Erwar­tung sol­cher Pro­tes­te Poli­zei­schutz für die Sit­zung der Kom­mu­nal­po­li­ti­ker ange­for­dert; acht Beam­te waren vor Ort, fünf Per­so­nen wur­den des Saa­les ver­wie­sen. Es geht um die Grund­stücks­ver­ga­be für das Ama­zon-For­schungs­zen­trum. Genau­er gesagt: ein Lab­let. Wis­sen Sie, was ein Lab­let ist? Goog­le anschei­nend auch nicht. Die Such­ma­schi­ne reagiert wie auf einen Schreib­feh­ler und bie­tet Ergeb­nis­se zu Tablet an. Doch der Begriff wird Schu­le machen, weil Ama­zon ihn in die Welt setzt. Ein Begriff, der ein Ver­klei­ne­rungs­form von Labor sein soll...“
  • Ama­zons Rol­le in der Mili­tär­tech­nik und dem Cyber Val­ley
    Der US-Kon­zern Ama­zon hat sich in kür­zes­ter Zeit zu einem der reichs­ten Unter­neh­men der Welt ent­wi­ckelt. Im der­zeit in Baden-Würt­tem­berg ent­ste­hen­den „Cyber Val­ley“ will das Unter­neh­men in Tübin­gen zu Künst­li­cher Intel­li­genz for­schen. Eine Ana­ly­se der aktu­el­len Fir­men­po­li­tik zeigt, dass der Kon­zern damit auch Über­wa­chung und Kriegs­tech­nik vor­an­trei­ben kann. (…) In Tübin­gen soll neben Aachen, Ber­lin und Dres­den Ama­zons vier­tes For­schungs­zen­trum in Deutsch­land ent­ste­hen. Dazu steu­ert das Unter­neh­men 1,25 Mil­lio­nen Euro bei und för­dert das Max-Planck-Insti­tut im Rah­men des Ama­zon Rese­arch Awards mit 420.000 € jähr­lich. Der Kon­zern will laut eige­nen Anga­ben in Tübin­gen ver­stärkt dar­an for­schen, dass künst­li­che Intel­li­genz visu­el­le Daten ver­ar­bei­ten kann, um z.B. Ama­zon Web Ser­vices, Ale­xa und das Online-Shop­ping zu ver­bes­sern. Dazu hat sich Ama­zon zum Ziel gesetzt, auf dem Cam­pus inner­halb der nächs­ten 5 Jah­re ein eige­nes For­schungs­team aus 100 Wissenschaftler*innen zusam­men­zu­stel­len. (…) Die Mili­tärzu­sam­men­ar­beit wächst. Wiki­leaks hat ver­öf­fent­licht, dass Ama­zon seit 2013 über den Pla­ne­ten ver­teilt – aber auch in Deutsch­land – Ser­ver und Cloud­diens­te für die CIA bereit­stellt. Dafür bekam Ama­zon von der US-Regie­rung 600 Mil­lio­nen US-Dol­lar, damit Geheim­diens­te sicher Infor­ma­tio­nen aus­tau­schen kön­nen. Der­zeit ist Ama­zon der füh­ren­de Bewer­ber um den Ver­trag zur Umset­zung des JEDI-Pro­gramms des US-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums, der auf 10 Mrd. US-Dol­lar geschätzt wird. Die Joint Enter­pri­se Defen­se Infra­st­ruc­tu­re soll die Sicher­heit und Daten­zu­gän­ge des Mili­tärs ver­bes­sern und es Geheim­diens­ten ver­ein­fa­chen, Cloud Diens­te anzu­pas­sen, zu benut­zen und Boden­trup­pen die­se Infor­ma­tio­nen bereit­zu­stel­len. Wer die Gewin­ne­rin des 10-jäh­ri­gen Ver­tra­ges sein wird, wird im April ver­kün­det. Auf­grund der bestehen­den Zusam­men­ar­beit ist es sehr wahr­schein­lich, dass Bezos‘ Fir­ma den Zuschlag bekommt. Die Unter­neh­men Ora­cle und IBM hat­ten sogar pro­tes­tiert, dass Ama­zon in der Bewer­bung um den Ver­trag unfair bevor­zugt wird…“ Arti­kel von Domi­nik Nico­laj Wet­zel vom 23.11.2018 bei der Infor­ma­ti­ons­stel­le Mili­ta­ri­sie­rung e.V.  externer Link

Infos zum Buch:

  • Der Papy­ros­sa-Ver­lag hat neben Infos zum Buch (und Bestel­lung) externer Link das Inhalts­ver­zeich­nis externer Link und die Ein­lei­tung externer Link als Lese­pro­be ver­öf­fent­licht.
  • Auf dem Blog zum Buch externer Link wer­den beglei­tend die Online-Quel­len zum Buch externer Link doku­men­tiert, aber auch Lesun­gen /​Vor­trä­ge des Autors
  • Chris­toph Marisch­ka hat Poli­tik, Volks­wirt­schafts­leh­re und Psy­cho­lo­gie in Tübin­gen stu­diert und ist dort bis heu­te in der Infor­ma­ti­ons­stel­le Mili­ta­ri­sie­rung aktiv, wo er sich u.a. mit Mili­tär­for­schung an deut­schen Hoch­schu­len beschäf­tigt.
  • “Über­wa­chungs- oder Platt­form­ka­pi­ta­lis­mus?”
    Set­zen wir dem Über­wa­chungs­ka­pi­ta­lis­mus nach Zub­off das gegen­über, was Nick Srnicek als Platt­form­ka­pi­ta­lis­mus bezeich­net. Dem­nach soll­ten auch »Tech-Unter­neh­men … als wirt­schaft­li­che Akteu­re inner­halb einer kapi­ta­lis­ti­schen Sphä­re der Pro­duk­ti­on betrach­tet wer­den.« Dies bedeu­te, von ihrer Rol­le als »kul­tu­rel­le Akteu­re, defi­niert durch die Kali­for­ni­sche Ideo­lo­gie, oder poli­ti­sche Akteu­re, die nach Macht stre­ben«, zu abs­tra­hie­ren und statt­des­sen im Kern anzu­er­ken­nen, dass sie »dazu gezwun­gen sind, Pro­fi­te zu machen, um Wett­be­wer­ber aus­zu­ste­chen«. Anders als Zub­off betont Srnicek nicht nur die vie­len For­men, mit denen Men­schen und sozia­le Bezie­hun­gen erfasst wer­den, son­dern auch die Funk­ti­on, die Big Data im Pro­duk­ti­ons­pro­zess selbst ein­nimmt ein­nimmt: »Auf der grund­le­gends­ten Ebe­ne beinhal­tet das indus­tri­el­le Inter­net die Inte­gra­ti­on von Sen­so­ren und Com­pu­ter­chips in den Pro­duk­ti­ons­pro­zess und von Tra­ckern (z. B. RFID) in die Logis­tik. In Deutsch­land wur­de die­se Ent­wick­lung ›Indus­trie 4.0‹ getauft. Die Idee besteht dar­in, dass jede Kom­po­nen­te im Pro­duk­ti­ons­pro­zess in die Lage ver­setzt wird, mit Maschi­nen und ande­ren Kom­po­nen­ten ohne die Füh­rung durch Arbeiter*innen oder Manager*innen zu kom­mu­ni­zie­ren. Daten über die Posi­ti­on und den Zustand die­ser Kom­po­nen­ten wer­den stän­dig mit ande­ren Ele­men­ten des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses aus­ge­tauscht.« Das zugrun­de lie­gen­de Ziel sei kei­nes­wegs neu und bestehe in einer Stei­ge­rung der Effi­zi­enz, der Reduk­ti­on von Kos­ten und Stand­zei­ten. Auch dass sich der Kapi­ta­lis­mus immer neue Wege suche und suchen müs­se, um Pro­fit zu erzie­len, sei kei­ne Neu­ig­keit. Dies habe schon in der Ver­gan­gen­heit den Drang nach kon­ti­nu­ier­li­chen tech­no­lo­gi­schen Inno­va­tio­nen her­vor­ge­bracht, die gebraucht wur­den, um Kos­ten zu redu­zie­ren und Markt­an­tei­le zu gewin­nen, aber auch, um Arbeiter*innen zu kon­trol­lie­ren, zu dequa­li­fi­zie­ren und die Macht qua­li­fi­zier­ter Arbeiter*innen zu unter­lau­fen. Die heu­ti­ge Pro­mi­nenz von Platt­form-Indus­trien erklärt er nicht pri­mär über die Exis­tenz neu­er tech­ni­scher Mög­lich­kei­ten, son­dern kurz gesagt dar­aus, dass sich das Kapi­tal wegen einer struk­tu­rel­len Kri­se der pro­du­zie­ren­den Indus­trie zuneh­mend in die High­tech-Bran­chen ver­la­gert hät­te. (…) Der Platt­form­ka­pi­ta­lis­mus ist einer­seits davon geprägt, dass die digi­ta­le Wirt­schaft als hege­mo­nia­les Modell erscheint: »Städ­te müs­sen smart wer­den, die Wirt­schaft dis­rup­tiv, Arbeiter*innen müs­sen fle­xi­bler wer­den und Regie­run­gen füg­sam und intel­li­gent.« Eine zen­tra­le Rol­le spie­len hier­bei Platt­form-Unter­neh­men. (…) Mar­xis­tisch inspi­rier­te Lite­ra­tur nähert sich ent­spre­chend dem The­ma der Digi­ta­li­sie­rung oft an, ohne gleich eine neue Stu­fe oder Form des Kapi­ta­lis­mus aus­zu­ru­fen und ana­ly­siert statt­des­sen deren Wir­kung auf den Arbeits­markt und die Arbeits­ver­hält­nis­se. Unter­su­chun­gen aus nahe­zu allen Bran­chen – von der Pfle­ge über die Bil­dung bis in die Pro­duk­ti­on – zei­gen, wie die Digi­ta­li­sie­rung die Pre­ka­ri­sie­rung, Über­wa­chung und den Arbeits­druck erhöht und die Orga­ni­sie­rung und Auto­no­mie der Ange­stell­ten ten­den­zi­ell ein­schränkt…” Unter­ka­pi­tel III.5: 2. Teil (Sei­ten 120–131) aus dem Buch Cyber Val­ley – Unfall des Wis­sens

Der Bei­trag [Buch] Cyber Val­ley – Unfall des Wis­sens. Künst­li­che Intel­li­genz und ihre Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen – Am Bei­spiel Tübin­gen erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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