[gfp:] Ein schwieriger Bündnispartner (I)

„Enger zusammenrücken“

Mit Blick auf die Prä­si­den­ten­wahl in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten haben Außen­po­li­tik-Think Tanks auf bei­den Sei­ten des Atlan­tik ihre Suche nach einem neu­en Inter­es­sen­ab­gleich zwi­schen Deutsch­land bzw. der EU und den USA inten­si­viert. Anlass sind einer­seits die hef­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Trump-Admi­nis­tra­ti­on, die die Bestre­bun­gen Ber­lins und Brüs­sels, „auf Augen­hö­he“ mit Washing­ton zu gelan­gen [1], mit diver­sen Zwangs­maß­nah­men beant­wor­tet, dar­un­ter die Ver­hän­gung von Straf­zöl­len, die Anwen­dung extra­ter­ri­to­ria­ler Sank­tio­nen gegen Unter­neh­men aus Euro­pa, der Ver­such, den Bau der Erd­gas­pipe­line Nord Stream 2 zu ver­hin­dern, und das Bemü­hen, eine ein­heit­li­che EU-Außen­po­li­tik durch eine fes­te Ein­bin­dung ins­be­son­de­re Polens und der bal­ti­schen Län­der in US-Stra­te­gien zu ver­hin­dern [2]. Ande­rer­seits heißt es regel­mä­ßig, die aktu­ell eska­lie­ren­den Kri­sen und Kon­flik­te von der Covid-19-Pan­de­mie und der mit die­ser ver­bun­de­nen Wirt­schafts­kri­se über den Kli­ma­wan­del bis hin zu den his­to­ri­schen Macht­ver­schie­bun­gen wegen des Auf­stiegs der Volks­re­pu­blik Chi­na lie­ßen ein abge­stimm­tes gemein­sa­mes Vor­ge­hen eines welt­po­li­tisch geschlos­sen auf­tre­ten­den Wes­tens heu­te not­wen­di­ger erschei­nen denn je. Es gel­te „enger zusam­men­zu­rü­cken“, ver­lang­ten ver­gan­ge­ne Woche Ex-Außen­mi­nis­ter Sig­mar Gabri­el, Vor­sit­zen­der der Atlan­tik Brü­cke, und John B. Emer­son, Ex-US-Bot­schaf­ter in Deutsch­land, heu­te Vor­sit­zen­der des Ame­ri­can Coun­cil on Ger­ma­ny, in einem gemein­sa­men Namens­ar­ti­kel in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zeitung.[3]

Transatlantic Task Force

Die Bedeu­tung, die dem Bemü­hen um einen Inter­es­sen­ab­gleich bei­gemes­sen wird, lässt sich schon dar­an able­sen, dass ein­fluss­rei­che Think Tanks eigens zu die­sem Zweck zum Teil pro­mi­nent besetz­te Gre­mi­en gebil­det haben. So hat der Ger­man Mar­shall Fund of the United Sta­tes (GMF) gemein­sam mit der Bun­des­kanz­ler-Hel­mut-Schmidt-Stif­tung schon im Dezem­ber 2019 eine Trans­at­lan­tic Task For­ce gegrün­det, die soeben „Emp­feh­lun­gen“ für die zukünf­ti­ge trans­at­lan­ti­sche Poli­tik vor­ge­legt hat. Gelei­tet wird die „Task For­ce“ von GMF-Prä­si­den­tin Karen Don­fried sowie dem Chef der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz, Wolf­gang Ischin­ger; betei­ligt sind meh­re­re US-Par­la­men­ta­ri­er, zwei ehe­ma­li­ge EU-Kom­mis­sa­rin­nen sowie Ver­tre­ter von Unter­neh­men und Denk­fa­bri­ken aus den USA und meh­re­ren Staa­ten Euro­pas. Die Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik (SWP) wie­der­um hat im Früh­jahr 2020 eine „Exper­ten­grup­pe“ ins Leben geru­fen, die sich aktu­ell mit der Ana­ly­se lang­fris­ti­ger Trends in der US-Poli­tik und mit deren Aus­wir­kun­gen auf die trans­at­lan­ti­schen Bezie­hun­gen befasst. Ihr gehö­ren rund zwei Dut­zend Per­so­nen an, dar­un­ter außer Spe­zia­lis­ten aus diver­sen Think Tanks Wis­sen­schaft­ler, Mit­ar­bei­ter der Bun­des­tags­frak­tio­nen von CDU/​CSU und Bünd­nis 90/​Die Grü­nen, Funk­tio­nä­re von Wirt­schafts­ver­bän­den sowie meh­re­re Ver­tre­ter des Aus­wär­ti­gen Amts. Die Tätig­keit der Exper­ten­grup­pe, die soeben eine kur­ze Ana­ly­se zum The­ma vor­ge­legt hat, wird vom Ber­li­ner Außen­mi­nis­te­ri­um finan­ziert.

Ungleichheit und Polarisierung

In ihrer Unter­su­chung warnt die SWP-Exper­ten­grup­pe – über­ein­stim­mend mit der über­wie­gen­den Mehr­heit der Beob­ach­ter -, die Ver­ei­nig­ten Staa­ten blie­ben „auch unter einer Biden-Admi­nis­tra­ti­on aller Vor­aus­sicht nach ein schwie­ri­ger Bündnispartner“.[4] Das lie­ge nicht nur dar­an, dass in den USA die „wach­sen­de Ungleich­heit“ in der Bevöl­ke­rung eine immer stär­ke­re „gesell­schaft­li­che Spal­tung“ und damit eine beträcht­lich „zuneh­men­de poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Pola­ri­sie­rung“ mit sich brin­ge und so die „innen­po­li­ti­schen Grund­la­gen“ der „außen­po­li­ti­schen Ambi­tio­nen der USA“ unter­mi­nie­re. Hin­zu kom­me, dass auf kon­kre­ten trans­at­lan­ti­schen Kon­flikt­fel­dern nicht nur bei einem Wahl­sieg von Donald Trump, son­dern auch bei einem Wech­sel im Wei­ßen Haus mit trans­at­lan­ti­schen Dif­fe­ren­zen zu rech­nen sei. So sei „zu erwar­ten“, dass auch die Wirt­schafts­po­li­tik der nächs­ten US-Admi­nis­tra­ti­on „von natio­na­lis­ti­schen und pro­tek­tio­nis­ti­schen Ten­den­zen durch­zo­gen sein“ wer­de – mit dem Ziel, „das ver­ar­bei­ten­de Gewer­be in den USA [zu] stüt­zen bzw. [zu] för­dern“. Dar­über hin­aus sei von fort­dau­ern­den Dif­fe­ren­zen in der Chi­na­po­li­tik aus­zu­ge­hen (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­tet in Kür­ze). In der Kli­ma­po­li­tik wer­de man sich im Fal­le eines Wahl­sie­ges von Joe Biden viel­leicht etwas annä­hern kön­nen; doch wer­de auch dabei jede „US-Regie­rung ihren eige­nen Vor­stel­lun­gen über den Umgang mit den Kli­ma­fol­gen und dem Kli­ma­schutz Vor­rang geben“, die wie­der­um „nicht auto­ma­tisch im Ein­klang“ mit „kli­ma­po­li­ti­schen Prio­ri­tä­ten euro­päi­scher und ande­rer inter­na­tio­na­ler Part­ner“ stün­den.

Militärisch „im selben Boot“

Kon­kre­te Erwä­gun­gen für gemein­sa­me trans­at­lan­ti­sche Akti­vi­tä­ten nach der US-Prä­si­den­ten­wahl trägt die vom GMF gegrün­de­te Trans­at­lan­tic Task For­ce vor. So plä­diert sie etwa dafür, die Anstren­gun­gen zur wirt­schaft­li­chen Erho­lung nach der Covid-19-Pan­de­mie eng zu „koordinieren“.[5] In der Kli­ma­po­li­tik schlägt sie eine Koope­ra­ti­on unter­halb der bun­des­staat­li­chen Ebe­ne vor: So könn­ten, heißt es, ein­zel­ne Gemein­den, Unter­neh­men oder Nicht-Regie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen etwa bei der För­de­rung erneu­er­ba­rer Ener­gien koope­rie­ren. US-Städ­te und ‑Gemein­den ste­hen in punc­to Kli­ma­po­li­tik zuwei­len in schrof­fem Gegen­satz zur Trump-Admi­nis­tra­ti­on. Dar­über hin­aus spricht sich die Trans­at­lan­tic Task For­ce für die Bei­be­hal­tung einer „robus­ten“ US-Mili­tär­prä­senz in der EU sowie für eine sorg­fäl­tig koor­di­nier­te, ent­schlos­se­ne Auf­rüs­tung in der NATO aus. Die mas­si­ve Auf­rüs­tung der Bun­des­wehr und eine Stär­kung des west­li­chen Kriegs­bünd­nis­ses inklu­si­ve einer „Fort­set­zung“ der „nuklea­ren Teil­ha­be“ hat am Frei­tag auch Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er verlangt.[6] Bei­des ist weit­ge­hend Kon­sens; auf eine „Stär­kung der Nato als gemein­sa­mes Ver­tei­di­gungs­bünd­nis“ drin­gen auch Sig­mar Gabri­el (Atlan­tik Brü­cke) und John B. Emer­son (Atlan­tic Coun­cil on Ger­ma­ny): „Wir sit­zen im sel­ben Boot.“[7]

„Keine blinde Gefolgschaft“

Dabei bestehen die Bun­des­re­gie­rung wie auch deut­sche Think Tanks ein­mü­tig dar­auf, gegen­über der künf­ti­gen US-Admi­nis­tra­ti­on die eige­nen Inter­es­sen klar durch­zu­set­zen. „Das Ziel lau­tet: euro­päi­sche Sou­ve­rä­ni­tät“, teil­te Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas am Wochen­en­de in der trans­at­lan­tisch fest­ge­leg­ten „Welt am Sonn­tag“ mit; „Part­ner­schaft“ bedeu­te „nicht blin­de Gefolgschaft“.[8] „Ame­ri­ka und Euro­pa“ blick­ten „unter­schied­lich auf Russ­land, Chi­na, den Nahen Osten, Afri­ka oder den Indo­pa­zi­fik“: Das trei­be mitt­ler­wei­le „einen immer tie­fe­ren Keil … zwi­schen Euro­pa und Ame­ri­ka“. „Bes­ser wäre es anzu­er­ken­nen“, äußer­te Maas, „dass auch unter­schied­li­che Ansät­ze zum Ziel füh­ren und sich gegen­sei­tig ver­stär­ken kön­nen“. Es gel­te, „unse­re Sank­ti­ons­po­li­tik, aber auch mög­li­che Koope­ra­ti­ons­an­ge­bo­te“ etwa gegen­über Russ­land bes­ser abzu­stim­men. US-Bemü­hun­gen, eine ein­heit­li­che EU-Außen­po­li­tik zu ver­hin­dern, sol­len been­det wer­den; so for­dern Gabri­el und Emer­son etwa eine „gemein­sa­me Unter­stüt­zung der Drei-Mee­re-Initia­ti­ve“. Letz­te­re zielt dar­auf ab, die öst­li­chen EU-Staa­ten vom Bal­ti­kum bis nach Kroa­ti­en und Bul­ga­ri­en unter enger Anbin­dung an die USA gegen Russ­land in Stel­lung zu brin­gen (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [9]). Eine maß­geb­li­che Ber­li­ner Betei­li­gung an ihr näh­me den USA die­sen Ein­fluss­he­bel aus der Hand.

[1] S. dazu Auf Augen­hö­he und Trans­at­lan­ti­sche Riva­len.

[2] S. dazu Ost­eu­ro­pas geo­stra­te­gi­sche Drift.

[3] Sig­mar Gabri­el, John B. Emer­son: Wir brau­chen ein­an­der. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 21.10.2020.

[4] Jen­seits der Wah­len. SWP-Aktu­ell Nr. 82. Ber­lin, Okto­ber 2020.

[5] Tog­e­ther or Alo­ne? Choices and Stra­te­gies for Trans­at­lan­tic Rela­ti­ons for 2021 and Bey­ond. Washing­ton, Octo­ber 2020.

[6] AKK: Rede zur Ver­lei­hung des Medi­en­prei­ses. bmvg​.de 23.10.2020.

[7] Sig­mar Gabri­el, John B. Emer­son: Wir brau­chen ein­an­der. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 21.10.2020.

[8] Hei­ko Maas: Es ist Zeit für einen trans­at­lan­ti­schen Neu­an­fang. welt​.de 25.10.2020.

[9] S. dazu Ost­eu­ro­pas geo­stra­te­gi­sche Drift.

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