[KgK:] #Coronarealität: Berliner Polizei unterdrückt Queers

Der Einsatz gegen das Pornceptual Open-Air war ein Einsatz gegen sexuelle Befreiung

Seit Jah­ren ver­an­stal­tet das sex­po­si­ti­ve Pro­jekt Porn­cep­tu­al Par­tys in Ber­lin. Sie gel­ten als siche­re Räu­me, bie­ten Tanz­mu­sik, Per­for­man­ces und Film­vor­füh­run­gen. Zum sex­po­si­ti­ven Kon­zept gehört, dass jede sexu­el­le Iden­ti­tät und jede kon­sen­su­el­le Inti­mi­tät will­kom­men sind. Wer den Kon­sens nicht ach­tet oder sich an quee­ren Inti­mi­tä­ten stört, gehört hier nicht her. Das unter­schei­det die­se Ver­an­stal­tungs­rei­he von den meis­ten Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen in deut­schen Städ­ten: Lust, die der cis­he­te­ro­se­xu­el­len Norm ent­spricht, ist zwar akzep­tiert, soll aber aus­drück­lich nicht die ein­zi­ge Lust sein, die bei einem Porn­cep­tu­al-Event statt­fin­det.

Das letz­te davon fand am ver­gan­ge­nen Sams­tag ab 14 Uhr unter dem Namen „Porn by Porn­cep­tu­al /​Open Air with DVS1“ unter frei­em Him­mel im Innen­hof der Alten Mün­ze in Ber­lin Mit­te statt. Die sonst mit tau­sen­den Gäs­ten gefei­er­te Ver­an­stal­tung wur­de auf 600 Leu­te geschrumpft, die auf­grund der stark auf­flam­men­den Coro­na-Epi­de­mie an kla­re Hygie­ne­maß­nah­men gebun­den wur­den:

| TICKETS |
As a safe­ty mea­su­re, we have limi­ted capa­ci­ty. For that rea­son, we recom­mend guests to purcha­se tickets in advan­ce as we won’t have door sales.

| RESPECT, PROTECT & ENJOY |
Help us keep this event safe by respec­ting the gui­de­li­nes, safe­ty mea­su­res, and others around you. If you are fee­ling unwell, plea­se, pro­tect staff and other visi­tors by stay­ing home.

* You are requi­red to wear a mask or simi­lar at all times. Only take it off when sit­ting down.
*Plea­se, keep 1,5m distance from oxt­her guests.
*Saniti­ze your hands regu­lar­ly.
*Regis­tra­ti­on will be requi­red.

Unter die­sen Bedin­gun­gen sind in Ber­lin aktu­ell Ver­an­stal­tun­gen in geschlos­se­nen Räu­men mit bis zu 1000 und im Frei­en mit bis zu 5000 zeit­gleich Anwe­sen­den erlaubt. Den­noch tra­ten am Abend gegen 20:30 Uhr Hand­lan­ger des Ord­nungssamts Ber­lin-Mit­te auf dem bis dahin queer­freund­li­chen Event auf. In ihrem Gefol­ge waren 40 bewaff­ne­te Ein­satz­kräf­te der Ber­li­ner Poli­zei und der Bun­des­po­li­zei. Sie drang­sa­lier­ten nun die Anwe­sen­den, demü­tig­ten quee­re Lebens­ent­wür­fe. Ent­wür­di­gen­de Video- und Foto­auf­nah­men ohne Ein­wil­li­gun­gen folg­ten auf der Stra­ße.

Zum Her­gang erklärt das Team der Loca­ti­on:

Am Sams­tag hat im Innen­hof der Alten Mün­ze (3.500 m²) eine Open Air Ver­an­stal­tung unter Ein­hal­tung der aktu­el­len Hygie­never­ord­nung des Lan­des Ber­lin statt­ge­fun­den. Seit dem 07.03.2020 haben wir auf unse­rem Are­al kei­ne Indoor Tanz­ver­an­stal­tun­gen durch­ge­führt.

Es wur­de kri­ti­siert, dass der Min­dest­ab­stand trotz Mas­ke auf der Open Air Ver­an­stal­tung nicht voll­um­fäng­lich ein­ge­hal­ten wur­de, dies geht aus der aktu­el­len Ver­ord­nung nicht her­vor. Die Ver­an­stal­tung dien­te als Treff­punkt der Com­mu­ni­ty und hat­te mit dem kör­per­li­chen Cha­rak­ter einer Fetisch­par­ty kei­ne Par­al­le­len. Wir bedau­ern, dass skan­da­lie­ren­de Sprach­bil­der genutzt wer­den um Empö­rung zu erre­gen. Es ist zudem bedau­er­lich, dass eine Ver­an­stal­tung fern­ab der hete­ro­nor­ma­ti­ven Gesell­schaft genutzt wur­de, um gezielt mit Halb­wahr­hei­ten das erlaub­te öffent­lich zu kri­mi­na­li­sie­ren.

Es ist uns ein Anlie­gen die Fak­ten­la­ge dar­zu­stel­len:

  • all­ge­mei­ne Mas­ken­pflicht
  • Out­door /​Open Air (3.500m2)
  • kei­ne Geträn­ke & Rau­chen auf der Tanz­flä­che
  • Des­in­fek­ti­ons­pen­der für alle Gäs­te
  • bar­geld­lo­se Zah­lun­gen
  • Sitz­grup­pen bis zu 5 Per­so­nen ohne Mas­ke
  • 9 Per­so­nen Awa­reness zzgl. 7 Einlass/​Sicherheitspersonal zzgl. 2 Rei­ni­gungs­kräf­te
  • Tem­pe­ra­tur­mes­sung am Ein­lass
  • Geträn­ke­be­reich außer­halb der Tanz­flä­che
  • digi­ta­le Kon­takt­da­ten­er­fas­sung inkl. Besuchs­zeit aller Gäs­te
  • aus­schließ­lich online Vor­ver­kauf

Die aktu­el­le Geneh­mi­gungs­la­ge erlaubt Ver­an­stal­tun­gen im Frei­en mit bis zu 5.000 Per­so­nen.

Abschlie­ßend möch­ten wir mit­tei­len, dass es gesamt­ge­sell­schaft­lich mora­lisch zu dis­ku­tie­ren ist ob Ver­an­stal­tun­gen in die­ser Form aktu­ell statt­fin­den soll­ten. Die­ser Dis­kus­si­on ver­schlie­ßen wir uns nicht und möch­ten erklä­ren, dass es ohne­hin die letz­te Open Air Zusam­men­kunft der Com­mu­ni­ty für eine unab­seh­ba­re Zeit war, bei des­sen Pla­nung und Umset­zung die Ein­hal­tung der gel­ten­den Richt­li­ni­en zur Ein­däm­mung des Coro­na­vi­rus SARS-CoV‑2 immer obers­te Prä­mis­se war.

Dan­ke an alle Unter­stüt­zer.
Euer Team der Alten Mün­ze

Die mora­li­sche Dis­kus­si­on ist über­flüs­sig. Viel wesent­li­cher ist die poli­ti­sche Dimen­si­on die­ses Über­griffs. Auf die kommt die ergän­zen­de Stel­lung­nah­me der Veranstalter*innen zu spre­chen:

Dies hat uns erneut bewie­sen, dass unser Kampf gegen kon­ser­va­ti­ve Macht­struk­tu­ren noch lan­ge nicht zu Ende ist, als wir uns mit der auto­ri­tä­ren Kon­trol­le von über vier­zig Poli­zis­ten aus­ein­an­der­set­zen muss­ten. Ihre Prä­mis­se: Wir haben uns nicht an die gel­ten­den Vor­schrif­ten gehal­ten. Die Rea­li­tät: Wir waren Gast­ge­ber einer lega­len Open-Air-Ver­an­stal­tung mit stren­gen Regeln, hat­ten es aber immer noch mit einer extrem kon­ser­va­ti­ven Insti­tu­ti­on zu tun, die kei­ne Ahnung hat­te, was siche­re­re Räu­me bedeu­ten, und die uns als “ekel­haft und per­vers” emp­fin­det, wie ein Mit­glied ihres Teams sag­te.

Porn­cep­tu­al ist in sei­nem Wesen immer ein politisches/​queeres Pro­jekt gewe­sen – der Kampf für sexu­el­le Frei­heit und die Infra­ge­stel­lung gesell­schaft­li­cher Nor­men. Wir nut­zen unse­re Platt­for­men als ein Instru­ment des Wider­stands gegen nicht-kon­for­me Min­der­hei­ten, die oft zen­siert wer­den. Als Kol­lek­tiv arbei­ten wir pro­ak­tiv dar­an, einen siche­re­ren Raum zu schaf­fen, und glau­ben, dass der ein­zi­ge Weg zur Ver­än­de­rung über Kom­mu­ni­ka­ti­on führt. In die­sem Jahr haben wir uns für sozia­le Distan­zie­rung ein­ge­setzt und unse­re Platt­form genutzt, um einen posi­ti­ve­ren Ansatz zur Iso­la­ti­on zu ver­brei­ten. Wäh­rend der Abrie­ge­lung haben wir unse­re Anhän­ger dazu inspi­riert, zu Hau­se krea­tiv zu blei­ben und gleich­zei­tig die sozia­le Iso­la­ti­on zu respek­tie­ren. Obwohl wir wis­sen, dass die Pan­de­mie eine Her­aus­for­de­rung für alle ist, glau­ben wir, dass der ein­zi­ge Weg, sie zu über­ste­hen, das Zusam­men­blei­ben ist.

Die Pan­de­mie hat unse­re Arbeit und unse­re Gemein­schaft seit März mas­siv und kon­ti­nu­ier­lich beein­träch­tigt. Bei der Ent­schei­dung, eine lega­le Open-Air-Ver­an­stal­tung aus­zu­rich­ten, haben wir alle not­wen­di­gen Sicher­heits­maß­nah­men in Betracht gezo­gen und alle aktu­el­len Regeln gemäß der neu­es­ten Ber­li­ner Infek­ti­ons­schutz­ver­ord­nung befolgt.

Als das Amt für öffent­li­che Ord­nung ein­traf und uns auf­for­der­te, die Ver­an­stal­tung zu been­den, arbei­te­ten wir zusam­men und for­der­ten alle Gäs­te auf, das Gelän­de wie ange­wie­sen zu ver­las­sen. In der Zwi­schen­zeit dran­gen meh­re­re Poli­zis­ten in die Ver­an­stal­tung ein und hiel­ten die Gäs­te an, um sie ein­zeln zu bestra­fen. Unse­re Gäs­te wur­den als Freaks und Gesetz­lo­se behan­delt und von der Poli­zei gede­mü­tigt. Das bewei­sen auch die Schlag­zei­len in den Medi­en. Wäh­rend vie­le ande­re lega­le Open-Airs in Ber­lin ges­tern geschlos­sen wur­den, schafft es nur die “Fetisch­par­ty” in die Medi­en und erweckt den Ein­druck, Teil der Fetisch­sze­ne zu sein, sei beschä­mend. Wir ste­hen gegen die­sen Ansatz und wer­den nicht auf­hö­ren, gegen die­se Art von mora­li­scher Beur­tei­lung zu kämp­fen.

Wir befin­den uns inmit­ten eines Kul­tur­kamp­fes. Das war nicht nur ein Angriff auf die Kul­tur, son­dern auch auf ihre Min­der­hei­ten. Wir wer­den wei­ter auf­ste­hen, unge­ach­tet aller Schwie­rig­kei­ten die­ser Zei­ten. Wir wer­den für unse­re Gemein­schaft auf­ste­hen und für unse­ren Platz in die­ser Stadt kämp­fen.

Noch am Abend ihres unver­schäm­ten Ein­marschs prahl­te die Ber­li­ner Poli­zei mit ihrem Gewalt­akt in aller Öffent­lich­keit. Zwei Fotos, in denen halb­nack­te Betei­lig­te auf der Stra­ße zwi­schen den Ein­satz­kräf­ten zu sehen sind, pos­te­te sie auf Twit­ter und ver­fass­te dazu den Alt­her­ren­witz, für die­se „Gäs­te einer Fetisch-Par­ty in #Mit­te ende­te die­se ver­mut­lich unbe­frie­di­gend.“ Den Tweet schloss sie mit dem Hash­tag #GemeinsamGegenCovid19.

Woge­gen die reak­tio­nä­re Behör­de jedoch wirk­lich vor­geht, ist die sexu­el­le Befrei­ung. Gemein­sam tut sie das nicht mit uns, mit der Bevöl­ke­rung Ber­lins, son­dern mit der Regie­rung, die uns unter­drückt. Die rot-rot-grü­nen Maß­nah­men gegen Fei­ern im Frei­en lau­fen unter dem offe­nen Bekennt­nis, kei­ne Fak­ten als Grund­la­ge zu haben. Was in Kitas, Schu­len und Betrie­ben ganz all­täg­lich bleibt, soll in unse­rer Frei­zeit plötz­lich hoch­ge­fähr­lich sein. Wäh­rend die vom Regie­ren­den Bür­ger­meis­ter gern besuch­te Oper „beden­ken­los“, das Thea­ter in geschlos­se­nen Räu­men „safe“ genannt wird, wer­den Lebens­prak­ti­ken, die von der Bür­ger­lich­keit abwei­chen, selbst bei aller Ach­tung vor den ver­korks­ten Geset­zen und Vor­sicht vor dem Infek­ti­ons­ge­sche­hen unter­wor­fen, auf die Stra­ße gezerrt und beschämt.

Der Plan der Poli­zei ging auf: Nicht nur die Sprin­ger-Pres­se stürz­te sich sen­sa­ti­ons­lüs­tern auf die „Fetisch-Par­ty mit 600 Leu­ten“, selbst öffent­lich-recht­li­che Erzeug­nis­se ver­brei­te­ten die Poli­zei­lü­gen unge­prüft und ohne Gegen­stand­punkt wei­ter. Dem­entspre­chend erei­fern sich nun sogar man­che, die sich sonst pro­gres­siv äußern, über die „viel zu gro­ße“ „Fetisch-Par­ty“. So wie AIDS in den 1980ern als „Schwu­len­pest“ den LGBT-Com­mu­nities in die Schu­he gescho­ben wur­de, wird nun mit COVID-19 gegen quee­re Milieus gehetzt.

Die Polizei geht nicht gegen COVID-19 vor

Dass der Seu­chen­schutz nur als bil­li­ger Vor­wand für die­se sexu­el­le Unter­drü­ckung dient, sehen wir dar­an, wie egal er den Ver­fol­gungs­be­hör­den ansons­ten ist. Allein an die­sem Wochen­en­de mar­schier­ten wie­der coro­nal­eug­nen­de Rechts­ex­tre­me durch Ber­lin. Die­se Bewe­gung ist dafür bekannt gewor­den, im August mit Flag­gen des Deut­schen Reichs den Platz vor dem Reichs­tag gestürmt zu haben. Nach­dem bereits am Frei­tag­abend zahl­rei­che Ange­hö­ri­ge die­ser Sze­ne nach Ber­lin ange­reist waren, wur­den in der Nacht Schmie­re­rei­en an einem Denk­mal auf der Muse­ums­in­sel ange­bracht. Bereits am 3. Okto­ber, als die rechts­ex­tre­me Orga­ni­sa­ti­on „Der III. Weg“ einen Auf­marsch ver­an­stal­te­te, waren 63 Kunst­wer­ke dort beschä­digt wor­den. Zuvor hat­te der Ver­schwö­rungs­dog­ma­ti­ker Atti­la Hild­mann erklärt, im Per­ga­mon­mu­se­um auf der Muse­ums­in­sel befän­de sich „der Thron des Satan“, es sei „Zen­trum der glo­ba­len Sata­nis­ten-Sze­ne und Coro­na-Ver­bre­cher“, die dort Men­schen­op­fer bräch­ten und Kin­der schän­de­ten, und einen Zusam­men­hang zum nahe­ge­le­ge­nen Wohn­sitz Ange­la Mer­kels gezo­gen, die eine „Sta­si-Sata­nis­tin“ und Illu­mi­na­ti sei. Sei­ne Anhänger*innen spe­ku­lie­ren über gehei­me Gän­ge, die aus der Muse­ums­in­sel unter­ir­disch fort­gin­gen.

Eben­falls in der Nacht von Frei­tag auf Sams­tag wur­den Brand­sät­ze auf ein Gebäu­de des Robert-Koch-Insti­tuts in Ber­lin-Tem­pel­hof gewor­fen. Das RKI ist als Bun­des­be­hör­de beson­ders mit Infor­ma­tio­nen und Bewer­tun­gen zur Coro­na-Epi­de­mie betraut. Die geleg­ten Flam­men konn­ten in kur­zer Zeit gelöscht wer­den. Im Vor­feld fan­ta­sier­ten Hild­mann-Fans in einer Tele­gram­grup­pe über einen Brand des Insti­tuts. Bei­de Angrif­fe wur­den von der Poli­zei weder ver­hin­dert noch abge­wehrt.

Am Sams­tag spiel­te der Män­ner­fuß­ball­ver­ein Uni­on Ber­lin ein Heim­spiel vor Publi­kum. Kei­ne Sprech­chö­re, Mas­ken­pflicht: Die Regeln für das Sport­er­eig­nis waren nicht stren­ger als die auf dem Porn­cep­tu­al-Open-Air. Nur, dass sie bei einem vor­he­ri­gen Test­spiel schon miss­ach­tet wor­den waren und nicht 600, son­dern 4500 Besucher*innen kamen. Die Regie­rung beließ es bei lau­en Appel­len und Wün­schen, weder Ord­nungs­amt noch Poli­zei mar­schier­ten ein, kei­ne Behör­de mach­te sich öffent­lich über die Fuß­ball­fans lus­tig.

Unmit­tel­bar vor der Demons­tra­ti­on der Seuchenunterstützer*innen zogen die­se gröh­lend durch Ber­li­ner Ein­kaufs­zen­tren, miss­ach­te­ten dabei alle Hygie­ne­vor­schrif­ten und beläs­tig­ten in S- und U‑Bahnen Fahr­gäs­te, die einen Mund-Nase-Schutz tru­gen. Die kon­kre­te Gesund­heits­ge­fähr­dung wird, obwohl ille­gal, poli­zei­lich eben­so­we­nig ver­folgt wie die das über­grif­fi­ge Macho­ver­hal­ten, mit dem die Rechts­ra­di­ka­len bahn­fah­ren­den Frau­en erkenn­bar Angst mach­ten. Schon im Vor­hin­ein war klar, dass die Demons­trie­ren­den weder Abstands- noch Mas­ken­auf­la­gen ein­hal­ten wür­den. Als die so ent­schlos­se­nen 2000 Coronaleugner*innen am Sonn­tag­nach­mit­tag star­ten woll­ten, wur­de der Auf­zug von der Poli­zei for­mal unter­sagt. Die Demons­tra­ti­on lief trotz­dem los, von der Poli­zei weit­ge­hend unbe­glei­tet. Auch dage­gen ging die Behör­de nicht vor. Sie recht­fer­tigt das damit, dass sie „nicht die Bil­der einer Eska­la­ti­on haben will“ – ledig­lich Stun­den, nach­dem sie selbst Bil­der einer Ernied­ri­gung der quee­ren Sze­ne gepos­tet hat!

Reden wir nicht drum­her­um: Dies ist die­sel­be Poli­zei, die vor nicht ein­mal einem Jahr die Anti­fa­schis­tin Maria in ihrem WG-Zim­mer über­fal­len und erschos­sen hat. Die Tötung bleibt unauf­ge­klärt, ihre Täter haben kei­ne Kon­se­quen­zen zu befürch­ten. Es ist die­sel­be Poli­zei, die die Black-Lives-Mat­ter-Demo am Alex­an­der­platz mit Gewalt­ex­zes­sen und Fest­nah­men bestraf­te. Es ist die­sel­be Poli­zei, aus der das Auf­nah­me­ri­tu­al mit den Wen­dun­gen „mei­ne MP5 zer­fickt alles“, „wir wei­chen nicht zurück“ und „wir haben schon Zecken beim Sex beob­ach­tet“ bekannt wur­de. Es ist die­sel­be Poli­zei, in der „Sieg Heil“-Rufe kei­ner Ver­be­am­tung im Weg ste­hen. Es ist die­sel­be Poli­zei, die in einer ras­sis­ti­schen Chat­grup­pe den Schuss­waf­fen­ge­brauch gegen lin­ke Demonstrant*innen for­dert und „Ver­bün­de­te“ in den Rech­ten sieht, denen „eine Par­ty zu gön­nen“ sei. Es ist die­sel­be Poli­zei, deren Studienanfänger*innen in einer voll­kom­men ande­ren Chat­grup­pe Ras­sis­mus, Haken­kreu­ze, Holo­caust-Leug­nung und Tier­por­no­gra­fie aus­tau­schen.

Wer ver­steht, dass das nur die Spit­ze des Eis­bergs sein kann, weil die Rechts­ra­di­ka­li­sie­rung der Poli­zei abseits der Öffent­lich­keit statt­fin­det, kann auch erken­nen, dass die­se Poli­zei gesund­heits­schäd­li­cher ist, als es 600 open air fei­ern­de Jugend­li­che je sein könn­ten.

Kampf der Unterdrückung, bedingungslose Solidarität gegen Staat und Kapital!

Die­se Poli­zei wird nicht etwa irr­tüm­lich und gegen eine ein­zel­ne quee­re Par­ty ein­ge­setzt. Im Som­mer ent­stan­den aus quee­ren Sze­ne­treffs regel­mä­ßi­ge Par­tys in der Hasen­hei­de, die schließ­lich mehr­mals von der Poli­zei unter dem Vor­wand der Pan­de­mie­be­kämp­fung geräumt wur­den. Durch die häu­fi­gen Poli­zei­pa­trouil­len wur­de das Crui­sing dort unmög­lich. Danach ließ die rot­rot­grü­ne Lan­des­re­gie­rung die­se Poli­zei das Syn­di­kat räu­men, 35 Jah­re lang einer der wich­tigs­ten Treff­punk­te der lin­ken Sze­ne Ber­lins. Die Regie­rung Ber­lins setz­te die­se Poli­zei auch zur Räu­mung der Liebig34 ein, ein 30-jäh­ri­ges Wohn­pro­jekt, das zu einem der wich­tigs­ten quee­ren Lebens­räu­me der Mil­lio­nen­stadt wur­de und vor dem nun vom Immo­bi­li­en­kon­zern beauf­trag­te Schlä­ger ein Regime der Eisen­stan­ge durch­set­zen.

Gera­de jetzt in der Coro­na-Epi­de­mie wird die­ses beson­ders mar­tia­li­sche Repres­si­ons­or­gan gegen pre­kä­re Jugend­li­che und LGBTIQ* gerich­tet. Denn die Kri­se gibt den Herr­schen­den bes­te Gele­gen­hei­ten, die Bevöl­ke­rung durch gegen­sei­ti­ge Vor­wür­fe zu spal­ten. Daher dür­fen wir uns kei­ne Distan­zie­run­gen von ero­ti­schen Feti­schen, Per­ver­sio­nen, sexu­el­ler Frei­zü­gig­keit und Tanz­aben­den auf­zwin­gen las­sen. Mora­li­sche Dis­kus­sio­nen über unse­re Frei­zeit­ge­stal­tung füh­ren uns nur in die Irre. Der von Porn­cep­tu­al erkann­te Kul­tur­kampf ist in vol­ler Fahrt, und er besteht sehr wohl aus Angrif­fen auf die Min­der­hei­ten. Der Staat geht gemein­sam mit COVID-19 gegen unse­re Gemein­schaft vor. Dar­um muss unser Kampf für unse­re Gemein­schaft ein Kampf für die Abschaf­fung der Poli­zei sein. Dar­um muss unser Kampf um unse­ren Platz in die­ser Stadt ein Kampf gegen die Regie­rung sein. Als die Poli­zei­raz­zia im Stone­wall Inn mit einem Stein­wurf gestört wur­de, begann ein Auf­stand, dem heu­ti­ge LGBTIQ*-Leute alle seit­her errun­ge­nen Rech­te ver­dan­ken. Zu einem sol­chen Befrei­ungs­schlag ist es in der Alten Mün­ze nicht gekom­men. Unse­re bedin­gungs­lo­se Soli­da­ri­tät zuein­an­der gegen Staat und Kapi­tal wird ent­schei­den, wie­vie­le Repres­sio­nen die­se noch gegen uns durch­set­zen kön­nen, bevor wir uns erfolg­reich ver­tei­di­gen.

Klas­se Gegen Klas­se