[gfp:] Das Lithium und der Putsch

Ein deutsch-bolivianisches Joint Venture

Den Zugriff auf die gewal­ti­gen Lithi­um­vor­kom­men im Salar de Uyu­ni, dem größ­ten Salz­see der Erde, hat­te sich Mit­te Dezem­ber 2018 der deut­sche Mit­tel­ständ­ler ACI Sys­tems aus Zim­mern ob Rott­weil (Baden-Würt­tem­berg) sichern können.[1] Dazu hat­ten der Fir­men­ab­le­ger ACISA (ACI Sys­tems Ale­ma­nia) und die staat­li­che boli­via­ni­sche YLB („Yaci­mi­ent­os de Litio Boli­via­nos“, „Boli­via­ni­sche Lithi­um­vor­kom­men“) ein Joint Ven­ture gegrün­det, an dem YLB die knap­pe Mehr­heit von 51 Pro­zent hielt. ACI Sys­tems hat­te dabei von poli­ti­scher Unter­stüt­zung pro­fi­tiert: Die Bun­des­re­gie­rung wünscht einen direk­ten deut­schen Zugriff auf Lithi­um, weil der Roh­stoff für die Pro­duk­ti­on von Bat­te­rien für Elek­tro­au­tos, damit aber auch für die deut­sche Kfz-Indus­trie unver­zicht­bar ist. Aller­dings hat­te die dama­li­ge Regie­rung in La Paz unter Prä­si­dent Evo Mora­les strikt dar­auf gedrun­gen, dass ACISA den Roh­stoff nicht unver­ar­bei­tet expor­tiert, son­dern dass das Lithi­um in Boli­vi­en wei­ter­ver­ar­bei­tet und dass mit Hil­fe des deut­schen Unter­neh­mens auch eine Bat­te­rie­pro­duk­ti­on im Land selbst auf­ge­baut wird. Ziel war es, einen größt­mög­li­chen Teil der Wert­schöp­fung vor Ort zu rea­li­sie­ren, um den Wirt­schafts­auf­bau vor­an­trei­ben und die Armut im Land wirk­sam bekämp­fen zu können.[2]

Auf Eis gelegt

Schwie­rig­kei­ten erga­ben sich im Herbst 2019. Damals pro­tes­tier­ten im Depar­te­ment Poto­sí im boli­via­ni­schen Hoch­land, in dem der Salar de Uyu­ni liegt, loka­le Bür­ger­ko­mi­tees gegen den Lithi­um­ab­bau, weil sie erheb­li­che Umwelt­schä­den etwa mit Aus­wir­kun­gen auf das Grund­was­ser befürch­te­ten und sich von dem ACIS­A/YLB-Joint Ven­ture finan­zi­ell über­vor­teilt sahen (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [3]). Die Pro­tes­te fie­len zeit­lich zusam­men mit dem Wahl­kampf und der Durch­füh­rung der Prä­si­den­ten­wahl am 20. Okto­ber 2019, nach der die unter­le­ge­ne Oppo­si­ti­on unter dem Vor­wand, es habe mas­si­ve Fäl­schun­gen gege­ben, brei­te Unru­hen gegen Prä­si­dent Mora­les orga­ni­sier­te. Unter hef­ti­gen Druck gera­ten, leg­te Mora­les das Pro­jekt vor­läu­fig auf Eis; geplant war, wie unter Beru­fung auf ihn berich­tet wur­de, „bis Ende des Jah­res in Uyu­ni eine auto­no­me Regi­on zu schaf­fen und das Pro­blem damit zu lösen“.[4] Der Plan schei­ter­te, weil die rech­te Oppo­si­ti­on – ange­führt von wohl­ha­ben­den Wei­ßen, nicht zuletzt Groß­grund­be­sit­zern, aus dem boli­via­ni­schen Tief­land – die Unru­hen gewalt­tä­tig eska­lier­te und Mora­les, den poli­ti­schen Ver­tre­ter der ver­arm­ten indi­ge­nen Bevöl­ke­rungs­mehr­heit vor allem aus dem Hoch­land, schließ­lich per Putsch aus dem Amt jagte.[5] Damit steck­te auch das deut­sche Lithi­um­pro­jekt fest.

Die Legitimation für den Putsch

An der Behaup­tung der Put­schis­ten, Mora­les habe die Wahl mas­siv fäl­schen las­sen, sind von Anfang an begrün­de­te Zwei­fel laut geworden.[6] Dies wiegt schwer, denn die Behaup­tung wur­de von der – unter kla­rem US-Ein­fluss ste­hen­den – Orga­niz­a­ti­on of Ame­ri­can Sta­tes (OAS), die die Wahl beob­ach­tet hat­te, bestä­tigt, was von den west­li­chen Staa­ten als Legi­ti­ma­ti­on genutzt wur­de, Mora­les’ Sturz zu bil­li­gen. Mitt­ler­wei­le kann sie aller­dings als wider­legt gel­ten. Bereits im Juni wur­de eine wis­sen­schaft­li­che Stu­die bekannt, die nach­weist, dass sta­tis­ti­sche Beson­der­hei­ten, die die OAS feh­ler­haft als angeb­li­chen Beleg für Wahl­fäl­schun­gen her­an­zog, tat­säch­lich aus dem nor­ma­len Wahl­ab­lauf in abge­le­ge­nen länd­li­chen Regio­nen erklär­bar sind.[7] In der ver­gan­ge­nen Woche hat nun das Washing­to­ner Cen­ter for Eco­no­mic and Poli­cy Rese­arch (CEPR) aus einem Ver­gleich der dies­jäh­ri­gen Wahl­er­geb­nis­se mit den inkri­mi­nier­ten Resul­ta­ten des Vor­jah­res gleich­falls den Schluss gezo­gen, die Fäl­schungs­vor­wür­fe sei­en aus der Luft gegrif­fen gewe­sen. Dazu ver­weist das CEPR dar­auf, dass Arce die­ses Jahr in man­chen indi­ge­nen Wahl­be­zir­ken des Hoch­lan­des mehr als 90 Pro­zent erzie­len konn­te. Dies war – poli­tisch leicht erklär­lich – im ver­gan­ge­nen Jahr auch Mora­les gelun­gen, damals aber von der OAS als unwi­der­leg­ba­rer Beweis für Wahl­fäl­schun­gen ange­führt worden.[8] Mora­les zieht jetzt in Betracht, den ver­ant­wort­li­chen OAS-Gene­ral­se­kre­tär Luis Alma­gro vor den Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof in Den Haag zu bringen.[9]

„Die richtige Entscheidung des Militärs“

Auch die Bun­des­re­gie­rung sowie Tei­le der Oppo­si­ti­on hat­ten sich im ver­gan­ge­nen Jahr offen auf die Sei­te der boli­via­ni­schen Put­schis­ten geschla­gen. Unmit­tel­bar nach Mora­les’ Sturz behaup­te­te Regie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert, die­ser sei ein „wich­ti­ger Schritt hin zu einer fried­li­chen Lösung“. Omid Nou­ripour, außen­po­li­ti­scher Spre­cher der Bun­des­tags­frak­ti­on von Bünd­nis 90/​Die Grü­nen, erklär­te, „das Mili­tär“ habe „die rich­ti­ge Ent­schei­dung getrof­fen, sich auf die Sei­te der Demons­trie­ren­den zu stellen“.[10] Auf die Fra­ge der Links­frak­ti­on im Bun­des­tag, ob sie die in La Paz amtie­ren­de Putsch­prä­si­den­tin Jea­ni­ne Áñez „als recht­mä­ßi­ge Inte­rims­prä­si­den­tin Boli­vi­ens“ aner­ken­ne, teil­te die Bun­des­re­gie­rung im Janu­ar 2020 mit, sie „begrüß[e], dass das Macht­va­ku­um“ in dem Land „durch Aus­ru­fen von Jea­ni­ne Áñez zur Über­gangs­prä­si­den­tin been­det wurde“.[11] Die­sem Urteil stand auch nicht ent­ge­gen, dass Poli­zei und Armee mit bru­ta­ler Gewalt gegen Unter­stüt­zer von Mora­les vor­ge­gan­gen waren und bei deren Demons­tra­tio­nen allei­ne in den Orten Saca­ba (Cocha­bam­ba) und Sen­ka­ta (El Alto) min­des­tens 19 Men­schen von den Repres­si­ons­kräf­ten getö­tet wor­den waren. Die UN-Hoch­kom­mis­sa­rin für Men­schen­rech­te, Michel­le Bache­let, hat im August erklärt, sie sei „zutiefst besorgt“, dass die Fäl­le immer noch nicht auf­ge­klärt wor­den sei­en und für mut­maß­li­che Ver­bre­chen der Repres­si­ons­ap­pa­ra­te unter Áñez Straf­frei­heit herrsche.[12] Ber­lin, das sich bei poli­ti­scher Oppor­tu­ni­tät stets als Vor­kämp­fer für die Men­schen­rech­te welt­weit insze­niert, schweigt.

Vor der Wiederaufnahme

Seit dem haus­ho­hen Wahl­sieg von Luis Arce, dem Kan­di­da­ten der Mora­les-Par­tei Movi­mi­en­to al Socia­lis­mo (MAS), bei der Prä­si­den­ten­wahl am 18. Okto­ber – Arce gewann bereits im ers­ten Wahl­gang mit 55,1 Pro­zent der Stim­men vor sei­nem weit abge­schla­ge­nen Haupt­ri­va­len Car­los Mesa (28,8 Pro­zent) – neh­men deut­sche Medi­en jetzt wie­der die Chan­ce ins Visier, einen direk­ten Zugriff auf das boli­via­ni­sche Lithi­um zu erhal­ten. Das Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um sowie das Aus­wär­ti­ge Amt hat­ten das Roh­stoff­pro­jekt von ACI Sys­tems im ver­gan­ge­nen Jahr beglei­tet, „auf Arbeits­ebe­ne“, wie die Bun­des­re­gie­rung bestä­tigt. Arce hat­te bereits vor sei­nem Wahl­sieg zu erken­nen gege­ben, er wol­le das Vor­ha­ben nach Mög­lich­keit gemein­sam mit der deut­schen Fir­ma wie­der auf­neh­men. Jetzt hat er mit­ge­teilt, „die loka­len Orga­ni­sa­tio­nen“ im Depar­te­ment Poto­sí woll­ten „einen grö­ße­ren Anteil“ am Ertrag „und eine kür­ze­re Ver­trags­dau­er“: „Wenn die deut­sche Fir­ma die Bedin­gun­gen anpasst, dann set­zen wir die Zusam­men­ar­beit fort.“ Wei­ge­re sich ACI Sys­tems aller­dings, dies zu tun, dann „gibt es ande­re Part­ner, mit denen wir die Ver­ar­bei­tung von Lithi­um vor­an­trei­ben können“.[13] Die boli­via­ni­sche Lithi­um­för­de­rung hän­ge „nicht von einer ein­zel­nen Fir­ma ab“.

[1] Deutsch­land soll welt­größ­tes Lithi­um-Vor­kom­men in Boli­vi­en aus­beu­ten. han​dels​blatt​.com 12.12.2018.

[2] Karl-Ludolf Hübe­ner: Was wird aus der Lithi­um-Ver­ar­bei­tung? npla​.de 03.06.2020.

[3] S. dazu Pro­test gegen deut­sche Roh­stoff­si­che­rung in Boli­vi­en.

[4] Evo Mora­les: Lithi­um-Pro­jekt mit ACI Sys­tems war nicht vom Tisch. han​dels​blatt​.com 19.11.2020.

[5] S. dazu Ber­lin und der Putsch.

[6] Vil­ma Guz­man, Jona­tan Pfei­fen­ber­ger: Boli­vi­en: Kuba zieht Per­so­nal ab, unab­hän­gi­ge Berich­te sehen kei­nen Wahl­be­trug. ame​ri​ka21​.de 16.11.2019. S. auch Ber­lin und der Putsch (II).

[7] Ana­to­ly Kur­ma­na­ev, María Sil­via Tri­go: A Bit­ter Elec­tion. Accu­sa­ti­ons of Fraud. And Now Second Thoughts. nyti​mes​.com 07.06.2020. Nicolás Idro­bo, Doro­thy Kro­nick, Fran­cis­co Rodrí­guez: Do Shifts in Late-Coun­ted Votes Signal Fraud? Evi­dence From Boli­via. papers​.ssrn​.com 30.09.2020.

[8] Jake Johns­ton: Data from Bolivia’s Elec­tion Add More Evi­dence That OAS Fab­ri­ca­ted Last Year’s Fraud Claims. cepr​.net 21.10.2020.

[9] Mar­ta Andujo: Kann Luis Alma­gro am Amt des OAS-Gene­ral­se­kre­tärs wei­ter fest­hal­ten? ame​ri​ka21​.de 26.10.2020.

[10] S. dazu Ber­lin und der Putsch.

[11] Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die Klei­ne Anfra­ge der Abge­ord­ne­ten Andrej Hun­ko, Hei­ke Hän­sel, Michel Brandt, wei­te­rer Abge­ord­ne­ter und der Frak­ti­on Die Lin­ke. Deut­scher Bun­des­tag, Druck­sa­che 19/​16877. Ber­lin, 29.01.2020.

[12] Boli­via: Bache­let ins­ta a rea­li­zar cam­bi­os est­ruc­tu­ra­les ante cri­sis. ohchr​.org 24.08.2020. Jona­tan Pfei­fen­ber­ger: Tote und Fol­ter nach Putsch in Boli­vi­en: UNO for­dert Auf­klä­rung. ame​ri​ka21​.de 26.08.2020.

[13] „Ich wer­de regie­ren, nicht Evo“. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 23.10.2020.

Read More