[ISO:] Der Staat in der Corona-Krise

Die Poli­tik der jewei­li­gen Regie­rung unter­schei­det sich von Land zu Land, doch gera­de in der Coro­na-Kri­se sind sie ganz grund­sätz­lich mit den glei­chen Auf­ga­ben kon­fron­tiert.

Dabei schwankt sie ‒ in gewis­sen Gren­zen ‒ zwi­schen Maß­nah­men für eine unver­züg­lich wir­ken­de Kon­junk­tur­po­li­tik und der mit­tel- und län­ger­fris­ti­gen Absi­che­rung der Kapi­tal­ver­wer­tung.

John Bel­l­a­my Fos­ter
und Intan Suwan­di schrei­ben: „Der Kapi­ta­lis­mus geht mit einer enor­men
öko­lo­gi­schen, epi­de­mio­lo­gi­schen und öko­no­mi­schen Fra­gi­li­tät ein­her. Durch die
aktu­el­le Covid-19-Pan­de­mie wird dies deut­li­cher denn je. Mit Beginn des drit­ten
Jahr­zehnts des ein­und­zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts erle­ben wir, wie die struk­tu­rel­le
Kri­se des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems pla­ne­ta­ri­sche Dimen­sio­nen ein­nimmt und
zuneh­mend mit der Ent­ste­hung eines glo­ba­len Kata­stro­phen­ka­pi­ta­lis­mus
ein­her­geht.“[1]

Der Staat in der
Pandemie

Wie­wohl der Staat
weit mehr als die Spit­ze des Staats­ap­pa­ra­tes ist, neh­men die Men­schen den Staat
in ers­ter Linie als kon­kre­tes Regie­rungs­han­deln wahr.[2] Wie reagiert nun in der
Pan­de­mie „der Staat“ auf die für ihn ‒ zumin­dest gemes­sen an den Vor­komm­nis­sen
der letz­ten Jahr­zehn­te ‒ recht neu­ar­ti­ge Her­aus­for­de­rung?[3] Wenn
wir die ver­schie­de­nen Staa­ten (nicht nur im glo­ba­len Nor­den) anschau­en, dann
schä­len sich für die jewei­li­gen Staats­ap­pa­ra­te fol­gen­de Pro­ble­me her­aus, über
deren Lösung übri­gens in der gesam­ten herr­schen­den Klas­se noch Unei­nig­keit
besteht: Wie viel Schutz der Bevöl­ke­rung ist nötig? Wie viel Struk­tur­hil­fe und
wie viel direk­te mate­ri­el­le Unter­stüt­zung benö­tigt das Kapi­tal? Wie wird das
finan­ziert und wie wird all dies poli­tisch umge­setzt?

Es ist offen­sicht­lich, dass sich hier vor allem kurz­fris­ti­ge und län­ger­fris­ti­ge Über­le­gun­gen gegen­über­ste­hen. Die Rol­le des Staa­tes ist klar: Die jewei­li­ge Regie­rung wirkt als Ver­tre­te­rin des Gesamt­in­ter­es­ses der bür­ger­li­chen Klas­se und will als vor­ran­gi­ges Ziel die Kon­junk­tur ankur­beln. Dabei schwankt sie ‒ in gewis­sen Gren­zen ‒ zwi­schen Maß­nah­men für eine unver­züg­lich wir­ken­de Kon­junk­tur­po­li­tik und der mit­tel- und län­ger­fris­ti­gen Absi­che­rung der Kapi­tal­ver­wer­tung. Denn nichts wäre ver­hee­ren­der, wenn trotz der im Früh­jahr gewon­ne­nen Erfah­run­gen: im Umgang mit Coro­na ein zwei­ter und lan­ger Lock­down erfor­der­lich wäre. Der zwei­te Grund für gewis­se Schwan­kun­gen und Unsi­cher­hei­ten der Regie­rungs­po­li­tik liegt in der Angst, eine mög­li­cher­wei­se auf­kom­men­de Pro­test­wel­le nicht mehr kon­trol­lie­ren zu kön­nen.

Die­se für den neo­li­be­ra­len Staat auf den ers­ten Blick unge­wöhn­li­chen Maß­nah­men dür­fen also in kei­nem Fall mit einem Umschwen­ken auf keyne­sia­ni­sche Poli­tik ver­wech­selt wer­den.

Um die­se
Kon­flikt­si­tua­ti­on in den Rei­hen der Herr­schen­den rich­tig ein­schät­zen zu kön­nen,
dür­fen wir nicht ver­ges­sen, wie tief die Kri­se ist[4]: Im Früh­jahr 2020 stand in
zahl­rei­chen Län­dern die Wirt­schaft vor dem Kol­laps. Um einen Zusam­men­bruch zu
ver­mei­den, muss­ten gewal­ti­ge Ret­tungs­pro­gram­me gestar­tet wer­den, wobei der
Staat ‒ nicht nur in Deutsch­land ‒ auf zwei Ebe­nen vor­ging. Zum einen gewähr­te
er direk­te Hil­fen für eine Unzahl von Betrie­ben, am meis­ten natür­lich für
die­je­ni­gen, die vom Staat als sys­tem­re­le­vant ange­se­hen wer­den (in Deutsch­land
allen vor­an Luft­han­sa und die Auto­in­dus­trie). Zum ande­ren wur­den in vie­len
Län­dern direk­te Unter­stüt­zungs­zah­lun­gen min­des­tens an Tei­le der Bevöl­ke­rung
geleis­tet. In Deutsch­land waren (bzw. sind) dies etwa der Kin­der­bo­nus von 300
Euro für jedes Kind wie auch die bis zu 15 000 Euro direk­ter Zuschüs­se für
Klein­be­trie­be, was vor allem den Solo­selb­stän­di­gen zugu­te­kam. Ähn­lich lief es
in den USA, wo Trump eine Not­hil­fe von 1200 $ für 70 Mio. Men­schen (sowie 500 $
für jedes ihrer Kin­der) aus­zah­len ließ, oder auch in Bra­si­li­en, wo für
Bedürf­ti­ge 600 Real (etwa 120 $) aus­ge­zahlt wur­den.

Die
Unter­neh­mens­hil­fen lau­fen in Deutsch­land auf drei Ebe­nen: Direk­te staat­li­che Betei­li­gun­gen
(s. Luft­han­sa), Steu­er­stun­dun­gen und Aus­set­zen der Anzei­ge­pflicht für
insol­ven­te Unter­neh­men (zunächst für ein hal­bes Jahr befris­tet aus­ge­setzt und dann
Anfang Sep­tem­ber bis zum Jah­res­en­de ver­län­gert). Par­al­lel dazu wur­de ein
gewal­ti­ges Kon­junk­tur­pro­gramm auf­ge­legt, das von der befris­te­ten Sen­kung der
Mehr­wert­steu­er bis zu staat­li­chen Inves­ti­tio­nen reicht. Die­se Pro­gram­me
umfas­sen in den USA 2 Bil­lio­nen $, in Deutsch­land 130 Mrd. €, in der EU 750
Mrd. € usw. Dabei wur­den wie­der kei­ne Euro­bonds eta­bliert und schon gar nicht
geht es hier dar­um, den bedürf­ti­gen Men­schen zu hel­fen (genau­so wenig wie
Rea­gans Mili­tär­keyne­sia­nis­mus der Bevöl­ke­rung zugu­te­kam).

„Denn so viel ist
klar: zur Über­win­dung einer Struk­tur­kri­se, und in einer sol­chen unge­heu­ren
Aus­ma­ßes befin­det sich die EU zur­zeit, ist die Belast­bar­keit der Ach­se
Kapi­tal-Staat von ent­schei­den­der Bedeu­tung. Also lau­te­te der Kon­sens: 360
Mil­li­ar­den als Kre­di­te, 390 Mil­li­ar­den als Zuschüs­se. Dass von den 750
Mil­li­ar­den Euro 100 Mil­li­ar­den kein fri­sches Geld sind, son­dern aus ande­ren
Töp­fen umge­lei­tet wird, macht die Sache etwas bil­li­ger. Und es zeigt auch die
Rich­tung vor, in die staat­li­che Nach­fra­ge gehen soll. Denn einer der Fonds der
für das Coro­na-Paket geop­fert wird, ist der Sol­venz­fonds, der immer­hin 26
Mil­li­ar­den Euro umfass­te, Der Geld­se­gen ist also weni­ger für wirt­schaft­li­che
Ver­lie­rer der Kri­se gedacht, son­dern soll in den durch die
Anti-Coro­na-Maß­nah­men befeu­er­ten bio­tech­nisch-phar­ma­zeu­tisch-digi­ta­len Kom­plex
flie­ßen. Ähn­li­ches konn­te man bereits bei der Ent­schei­dung der deut­schen
Regie­rung beob­ach­ten, den ehr­wür­di­gen Auto­bau­ern dies­mal die Abwrack­prä­mie zu
ver­wei­gern. Nur der elek­trisch betrie­be­ne Indi­vi­du­al­ver­kehr soll, geht es nach
der Poli­tik, geför­dert wer­den.“[5]

Die­se für den
neo­li­be­ra­len Staat auf den ers­ten Blick unge­wöhn­li­chen Maß­nah­men dür­fen also in
kei­nem Fall mit einem Umschwen­ken auf keyne­sia­ni­sche Poli­tik ver­wech­selt
wer­den. Par­al­lel zu die­sen unmit­tel­ba­ren Hilfs­maß­nah­men für die Wirt­schaft
wer­den schon Plä­ne geschmie­det, wie die Lohn­ab­hän­gi­gen – wenn sich erst mal die
Lage etwas beru­higt hat ‒ die Zeche bezah­len sol­len. Es sind also kei­ne
Zuge­ständ­nis­se an die Arbeiter*innenklasse geplant, im Gegen­teil: Die
Spar­pro­gram­me im Sozi­al­be­reich wer­den schon aus­ge­ar­bei­tet und auch die
Dere­gu­lie­rung des Finanz­sek­tors schrei­tet wei­ter vor­an.

Für die­se Poli­tik
wird in Deutsch­land 2020 allein auf Bun­des­ebe­ne mit einer Net­to­kre­dit­auf­nah­me
von 217,8 Mrd. € gerech­net. Die Staats­ver­schul­dung (gemes­sen am BIP) wird
inner­halb eines Jah­res von gut 60% auf über 75% stei­gen.[6] Auf­grund der öko­no­mi­schen
Unsi­cher­heit liegt der Schwer­punkt der Regie­rungs­po­li­tik vor­läu­fig also auf dem
Raus­schie­ben des Zah­lens für die Kri­sen­fol­gen.

Zwangs­läu­fig wer­den
damit die öko­no­mi­schen Pro­ble­me nicht gera­de gerin­ger, denn die gewal­tig
stei­gen­de Staats­ver­schul­dung engt den künf­ti­gen Hand­lungs­spiel­raum ein.
Schließ­lich droht bei einer ufer­lo­sen Ver­schul­dung ein mas­si­ver
Ver­trau­ens­ver­lust in die Wäh­rung, wobei Deutsch­land eine Schlüs­sel­rol­le
zukommt. Die Über­schrei­tung einer kri­ti­schen Gren­ze in der größ­ten (und bis­her
ver­gleichs­wei­se sta­bi­len) Volks­wirt­schaft im Euro-Raum hät­te fata­le Fol­gen für
den Bestand der Ein­heits­wäh­rung.

Vor die­sem kon­kre­ten
Hin­ter­grund ver­hal­ten sich ver­schie­de­ne Stel­len des Staa­tes (auch die bekann­ten
Reprä­sen­tan­ten der Staats­spit­ze) in gewis­sen Gren­zen unter­schied­lich, es eint
sie aber das über­ge­ord­ne­te Bemü­hen, das gesam­te Sys­tem zu schüt­zen und dabei die
„Wett­be­werbs­fä­hig­keit“ der deut­schen Wirt­schaft (und des deut­schen
Wett­be­werbs­staa­tes) nicht zu gefähr­den. Mer­kel und ande­re haben in den
Som­mer­mo­na­ten anklin­gen las­sen, man wer­de wahr­schein­lich „gestärkt“ aus der
Kri­se her­aus­kom­men[7].
Mit ande­ren Wor­ten: Man ver­spricht sich für die Zeit nach der Coro­na-Kri­se eine
bes­se­re Kon­kur­renz­po­si­ti­on, weil es ande­ren Volks­wirt­schaf­ten noch schlech­ter
geht und sie noch grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten haben, die Kri­se zu bewäl­ti­gen.

Entfremdung vom
Staat

In der BRD emp­fin­den
sicher­lich die meis­ten Men­schen die all­ge­mei­ne Lage nicht als
Kata­stro­phen­zu­stand, aber die Leich­tig­keit und Beden­ken­lo­sig­keit, mit der sich
vie­le Coro­na-Leug­ner heu­te mit aus­ge­wie­se­nen Ras­sis­ten und Faschis­ten
zusam­men­tun, lässt auf eine tief­grei­fen­de Ableh­nung des Staa­tes durch einen
beacht­li­chen Teil der Bevöl­ke­rung schlie­ßen. So man­che Lin­ke haben
Schwie­rig­kei­ten, sich auf der einen Sei­te von die­sen Strö­mun­gen unmiss­ver­ständ­lich
abzu­gren­zen, gleich­zei­tig aber eine prin­zi­pi­ell ableh­nen­de Hal­tung gegen­über
dem bür­ger­li­chen Staat zu bewah­ren. Am ver­hee­rends­ten ist, dass die „Quer­front“
auch eini­ge Men­schen anzieht, die man eher zum lin­ken Spek­trum gezählt hät­te.

Auf der ande­ren, der
lin­ken Sei­te des poli­ti­schen Spek­trums erle­ben wir gleich­zei­tig eine rat­lo­se
Par­tei Die LINKE, die auf die gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen der Kri­se kei­ne
klas­sen­po­li­tisch und öko­so­zia­lis­tisch kohä­ren­te Posi­ti­on ein­nimmt, son­dern als
zen­tra­le stra­te­gi­sche Ori­en­tie­rung nur das Bemü­hen um eine
Regie­rungs­be­tei­li­gung anzu­bie­ten hat.

Schon in nor­ma­len,
weni­ger kri­sen­ge­schüt­tel­ten Zei­ten gilt, was Ernest Man­del fol­gen­der­ma­ßen
umreißt: „Bei­de wider­spruchs­vol­len
Aspek­te des ‚ver­ding­lich­ten Bewusst­seins‘ (die Resi­gna­ti­on und die Rebel­li­on)
sind dem­nach sys­tem­im­ma­nent, aber sie haben sehr ver­schie­de­ne Aus­wir­kun­gen auf
poten­ti­el­le Gefähr­dun­gen des Sys­tems.“[8]

Seit meh­re­ren Jah­ren
wächst die Distanz eines statt­li­chen Teils der Bevöl­ke­rung zum Staat, was nur
vor dem Hin­ter­grund der von Foster/​Suwandi umschrie­be­nen Kri­se zu erklä­ren ist.
Dies betrifft nicht die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung und vor allem nicht in der
glei­chen Wei­se, aber die­se Ten­denz wird zuneh­mend mani­fest.

Ganz aktu­ell ‒
min­des­tens bis tief in den Herbst 2020 hin­ein ‒ sind zwei sehr unter­schied­li­che
Phä­no­me­ne aus­zu­ma­chen, die auf den ers­ten Blick nicht zusam­men­pas­sen: Auf der
einen Sei­te genießt die Regie­rung in brei­ten Bevöl­ke­rungs­krei­sen für ihre
Maß­nah­men im Rah­men der Coro­na-Kri­se gro­ße Unter­stüt­zung. Auf der ande­ren Sei­te
ist unver­kenn­bar, dass ein wach­sen­der Teil der Bevöl­ke­rung zuneh­mend erzürnt
und wütend ist. Umfra­gen von Ende August/​Anfang Sep­tem­ber zei­gen: 19 Pro­zent
der Bevöl­ke­rung hal­ten es für „wahr­schein­lich rich­tig“ und 11 Pro­zent für
„sicher rich­tig“, dass „gehei­me Mäch­te die Welt steu­ern“.[9]

Dies ist der Boden­satz für eine Bewe­gung, in der sich die Akti­ven als Unzu­frie­de­ne und Pro­tes­tie­ren­de, zum Teil auch als „Wut­bür­ger“ ver­nehm­bar machen. Sie wen­den sich dabei gegen den Staat, den sie als die Ver­kör­pe­rung „fins­te­rer Mäch­te“ anse­hen. Min­des­tens sei der Staat dafür ver­ant­wort­lich, dass Per­so­nen, die man als Draht­zie­her aus­ge­macht hat (Bill Gates usw.), nicht in die Schran­ken gewie­sen wer­den. Eine Extrem­form der rechts­ex­tre­men Verschwörungstheoretiker*innen ist die QAnon-Strö­mung, die zunächst in den USA und jetzt auch in Euro­pa Zulauf erhält.[10]

Die poli­ti­schen Gegen­kräf­te sind schwach. Auch die Par­tei Die LINKE erweist sich nicht in der Lage, eine kohä­ren­te Gegen­be­we­gung anzu­füh­ren, was schließ­lich mit ihrer wei­ter fort­schrei­ten­den Par­la­men­ta­ri­sie­rung und ihrer Ori­en­tie­rung auf das heiß ersehn­te Mit­re­gie­ren zusam­men­hängt.

Aus einem Augen­zeu­gen­be­richt von der Demo der Coro­na-Leug­ner am 6. 9.
2020 in Wies­ba­den:

„Was die Coro­na-Leug­ner sagen und for­dern: For­de­rung nach Frie­dens­ver­trag
(Reichs­bür­ger); Coro­na sei ein Kon­strukt der Mas­se­me­di­en; Die Stra­ße des 17.
Juni sei 5G ver­seucht, des­halb sei die Demo­rou­te in Ber­lin eine
Pro­vo­ka­ti­on gegen sie gewe­sen.

Der Sturm der Reichs­tag­trep­pe sei insze­niert gewe­sen von der Regie­rung
bzw. den Geheim­diens­ten.

QAnon-Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen wur­den repro­du­ziert. Der Ham­mer und
das wirk­lich Gefähr­li­che kam aber gegen Ende: Die Mode­ra­to­rin der
Querdenker611 bat die Teil­neh­mer alle in die Hocke, was sie dann auch
taten und zu sanf­ter Musik wur­den die Teil­neh­mer dann laut
auf­ge­ru­fen „Deutsch­land, erheb Dich“, was sie dann natür­lich auch taten. Für
die Gegendemonstrant*innen klang es wie: ‚Deutsch­land erwa­che‘.“

Ver­schwö­rungs­theo­rien
und vor allem blin­de Wut sind Aus­druck einer gesell­schaft­li­chen Kri­se, die sich
in den meis­ten Län­dern seit der Durch­set­zung des Neo­li­be­ra­lis­mus gra­vie­rend
ver­stärkt hat. Hier haben sich ‒ eng mit­ein­an­der ver­knüpft ‒ zwei Ten­den­zen
ent­wi­ckelt, deren Aus­wir­kun­gen noch lan­ge nicht erschöpft sind: Zum einen ist
mit diver­sen „Libe­ra­li­sie­run­gen“ das Kon­kur­renz­prin­zip in neue Lebens­be­rei­che
ein­ge­führt oder ver­stärkt wor­den, zum ande­ren sind sozia­le Siche­rungs­sys­te­me
sys­te­ma­tisch durch­lö­chert, teil­wei­se auch ganz abge­schafft wor­den. Die­se
„Moder­ni­sie­run­gen“ haben nicht nur die Zahl der Ver­lie­rer stei­gen las­sen,
son­dern set­zen auch jene gewal­tig unter Druck, die noch nicht sozi­al
abge­stie­gen sind, aber heu­te unter ganz ande­ren Abstiegs­ängs­ten leben, als dies
für ver­gleich­ba­re Bevöl­ke­rungs­grup­pen vor ein paar Jahr­zehn­ten noch der Fall
war.

Zu die­ser Grund­ten­denz
gesel­len sich wei­te­re Fak­to­ren, die nicht gera­de das Ver­trau­en in eine
befrie­di­gen­de Rege­lungs­fä­hig­keit des moder­nen Staa­tes stär­ken. So ruft bei­spiels­wei­se
die tief­sit­zen­de und von Jahr zu Jahr sich ver­schär­fen­de Kri­se der EU umso
grö­ße­re Ableh­nung „der Poli­ti­ker“ durch Tei­le der Bevöl­ke­rung her­vor, als mit
der EU ein gewal­ti­ger büro­kra­ti­scher Appa­rat ver­bun­den ist, der im Zwei­fels­fall
den Rege­lun­gen vor Ort aller­hand Bar­rie­ren auf­er­legt oder sie in eine
Zwangs­ja­cke steckt. All dies wird nicht gera­de dadurch ver­bes­sert, dass sich
vie­le Politiker(innen) immer auf­fäl­li­ger mit­tels Regie­rungs­wis­sen mate­ri­el­le
Vor­tei­le und Kar­rie­re­sprün­ge sichern (etwa mit Wech­seln auf Auf­sichts­rats­pos­ten
gro­ßer Unter­neh­men). Tudy­ka bezeich­net sie des­halb als die „Nomen­kla­tu­ra der
real exis­tie­ren­den Demo­kra­tie.“[11]

Ergänzt wird dies
durch die deut­li­cher wer­den­de auto­ri­tä­re Ten­denz des Staa­tes. Hirsch nennt sie
eine „Ten­denz zur auto­ri­tä­ren Ver­selb­stän­di­gung der Staats­ap­pa­ra­te“[12], was aber m. E. nicht den
Kern trifft, denn auch vor­her sind die Staats­ap­pa­ra­te „selb­stän­dig“, ver­fü­gen
also über mehr als nur eine „rela­ti­ve“ Auto­no­mie.

Und zu allem
Über­fluss erle­ben wir auch noch eine Ent­wick­lung zum Über­wa­chungs­staat, sodass
wir von einem Kom­plex an Zumu­tun­gen spre­chen kön­nen, die ‒ in Tei­len der
Bevöl­ke­rung ‒ für eine wach­sen­de Ableh­nung des Staa­tes und sei­ner
Reprä­sen­tan­ten sor­gen.

In der aktu­el­len
Kri­se machen es sich die Corona-Leugner*innen aller­dings gefähr­lich leicht,
wenn sie das Grund­recht jedes Men­schen auf „freie Ent­fal­tung sei­ner
Per­sön­lich­keit“ über das „Recht auf Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit“
stel­len. Fakt ist nun mal: „Nach zwei umfang­rei­chen Stu­di­en haben die
Coro­na-beding­ten Maß­nah­men allein in Euro­pa mehr als drei Mil­lio­nen Todes­fäl­le
ver­hin­dert. […] Die Über­trei­bun­gen, Mythen und Hirn­ge­spins­te der Coro­na-Leug­ner
soll­ten uns aber nicht über­se­hen las­sen, dass die Coro­na-Kri­se nach
alt­be­währ­tem Mus­ter von den Herr­schen­den auch dazu genutzt wird, tat­säch­lich
demo­kra­ti­sche Rech­te ein­zu­schrän­ken und die Ten­denz zum Star­ken Staat
vor­an­zu­trei­ben. Vie­le Maß­nah­men wur­de rein auf dem Ver­ord­nungs­weg durch­ge­setzt,
Geset­ze wur­den in Win­des­ei­le durch das Par­la­ment gepeitscht und es wur­den der
Regie­rung (spe­zi­ell dem Gesund­heits­mi­nis­ter) auch Voll­mach­ten für die Zukunft
erteilt.“[13]

Dass es bei die­sen
Maß­nah­men in letz­ter Kon­se­quenz doch wie­der vor­ran­gig
um die Kapi­tal­in­ter­es­sen geht, zei­gen nicht nur die gewal­ti­gen
Unter­stüt­zungs­sum­men für die Kon­zer­ne wie Luft­han­sa. „Auto­häu­ser wur­den früh
geöff­net. Kitas blie­ben lan­ge geschlos­sen. Im öffent­li­chen Leben gilt die
1,5‑Meter-Distanz. Am Arbeits­platz muss oft Schul­ter an Schul­ter gear­bei­tet
wer­den. […] Demons­tra­tio­nen blie­ben lan­ge ver­bo­ten.“ (ibid)

Die poli­ti­schen
Gegen­kräf­te sind schwach. Auch die Par­tei Die LINKE erweist sich nicht in der
Lage, eine kohä­ren­te Gegen­be­we­gung anzu­füh­ren, was schließ­lich mit ihrer wei­ter
fort­schrei­ten­den Par­la­men­ta­ri­sie­rung und ihrer Ori­en­tie­rung auf das heiß
ersehn­te Mit­re­gie­ren zusam­men­hängt. Dabei haben doch die diver­sen Regie­rungs­be­tei­li­gun­gen
(aktu­ell Thü­rin­gen, Ber­lin und Bre­men) alles ande­re als die Sache des
Sozia­lis­mus vor­an­ge­bracht. Statt näm­lich mit die­ser Poli­tik wenigs­tens die
Kräf­te­ver­hält­nis­se zuguns­ten der Aus­ge­beu­te­ten und Unter­drück­ten zu ver­bes­sern,
führt die Mit­ver­ant­wor­tung bei der Ver­wal­tung der Mise­re nur dazu,
sozia­lis­ti­sche Poli­tik zu dis­kre­di­tie­ren und die Par­tei Die LINKE als Teil des
poli­ti­schen Estab­lish­ments erschei­nen zu las­sen. Letzt­lich ist die­se Art von
Poli­tik aber für all jene zwin­gend, die sich kei­ne Gesell­schaft jen­seits des
Kapi­ta­lis­mus vor­stel­len kön­nen. Oder aber es zeugt von einem stüm­per­haf­ten
Staats­ver­ständ­nis, das rein gar nichts von den Struk­tu­ren wahr­nimmt oder
wahr­neh­men will.

Solan­ge die
Auf­leh­nung gegen die kapi­ta­lis­ti­sche Poli­tik nicht von klas­sen­kämp­fe­ri­schen
Kräf­ten ange­führt wird, ist die Gefahr groß, dass die­se Ent­frem­dung noch mehr in
reak­tio­nä­re Bah­nen gelenkt wird, ange­fan­gen bei der Stär­kung des
Wohl­stand­schau­vi­nis­mus bis hin zu offen ras­sis­ti­schen Mobi­li­sie­run­gen.

Agambens Irreführung

In einem
Gast­kom­men­tar in der Neu­en Züri­cher
Zei­tung
(NZZ) hat­te der weit­hin aner­kann­te Phi­lo­soph Gior­gio Agam­ben die
sei­ner Ansicht nach kri­tik­lo­se Hin­nah­me staat­li­cher Maß­nah­men zur Ein­däm­mung
des Virus beklagt. „Eine Gesell­schaft, die im stän­di­gen Aus­nah­me­zu­stand lebt,
kann kei­ne freie Gesell­schaft sein“. Sei­ne Aus­füh­run­gen wur­den umge­hend von
vie­len Coro­na-Leug­nern auf­ge­grif­fen und als Beleg dafür ange­führt, dass man
sich den epi­de­mio­lo­gi­schen Schutz­maß­nah­men wider­set­zen muss.

In sei­ner „Klar­stel­lung“
vom 18.3. 2020 („Nach Coro­na: Wir sind nur­mehr das nack­te Leben“[14]) macht er es lei­der nicht bes­ser. Wei­ter­hin (so
auch mit dem Arti­kel „Ich hät­te da noch eine Fra­ge“ vom 15. April 2020)
ver­harm­lost er die Pan­de­mie und macht auch noch den unver­zeih­li­chen Feh­ler,
sich über­haupt nicht auf wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se zu bezie­hen. Er beschränkt
sich auf poli­tisch-ethi­sche Erör­te­run­gen zum Umgang mit dem Aus­nah­me­zu­stand,
wobei er damit unver­se­hens im luft­lee­ren Raum lan­det. Weder berück­sich­tigt er (und
noch weni­ger wider­legt er) dabei die unter Epi­de­mio­lo­gen weit geteil­te
Ein­schät­zung von der Gefähr­lich­keit des Virus, noch setzt er die ver­ord­ne­ten
Schutz­maß­nah­men in Bezie­hung zu den Schrit­ten, die er selbst für erfor­der­lich hiel­te.
Schlim­mer noch: Er gibt gar kei­ne Alter­na­ti­ven an, sodass sei­ne Aus­füh­run­gen
wei­ter­hin naht­los von den Coro­na-Leug­nern her­an­ge­zo­gen wer­den kön­nen.

Beson­ders ärger­lich
dabei ist sei­ne Bana­li­sie­rung des Begriffs „Aus­nah­me­zu­stand“. Ein Blick über
die Lan­des­gren­ze Ita­li­ens hin­aus hät­te schon ein wenig gehol­fen, sei­ne
ver­ab­so­lu­tie­ren­de Sicht zu rela­ti­vie­ren. Lei­der lässt er dabei selbst ein
abso­lu­tes Mini­mum geschicht­li­chen Ver­ständ­nis­ses ver­mis­sen, vom Feh­len einer
mate­ria­lis­ti­schen Sys­tem­ana­ly­se des Staa­tes und staat­li­cher Poli­tik noch ganz
zu schwei­gen. Ohne nach­voll­zieh­ba­re Bele­ge schwa­dro­niert er vom „Zusam­men­bruch
der libe­ra­len Demo­kra­tie“, ohne dies zu bele­gen, und erst recht lei­tet er das
nicht aus ver­än­der­ten Kräf­te­ver­hält­nis­sen zwi­schen den Klas­sen ab. Wie
Hubatsch­ke zurecht kri­ti­siert, schreckt Agam­ben dabei noch nicht mal davor
zurück, die Maß­nah­men gegen die Virus­ver­brei­tung mit den Taten des Nazi­re­gimes
und jene, die die­se Maß­nah­men befür­wor­ten oder für not­wen­dig hal­ten, mit Adolf
Eich­mann zu ver­glei­chen.[15]

Wer wie Agam­ben die
in Ita­li­en oder ande­ren Län­dern ange­ord­ne­ten Schutz­maß­nah­men als einen
faschis­to­iden Aus­nah­me­zu­stand ansieht, der hat nicht nur wesent­li­che Leh­ren der
Geschich­te nicht begrif­fen, son­dern ver­harm­lost letzt­end­lich den Unter­schied
zwi­schen der „Nor­mal­form“ bür­ger­li­cher Herr­schaft (wie sie heu­te in den meis­ten
Län­dern des glo­ba­len Nor­dens in Form der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie
exis­tiert) und den Bru­tal­va­ri­an­ten bür­ger­li­cher Klas­sen­herr­schaft, näm­lich der
Mili­tär­dik­ta­tur oder des Faschis­mus.

Die von
ver­schie­de­nen Sei­ten vor­ge­brach­ten Kri­ti­ken an sei­nen Aus­füh­run­gen haben
Agam­ben nicht zur Besin­nung gebracht. Sei­ne abs­trak­ten, rea­li­täts­fer­nen
Aus­füh­run­gen hän­gen des­we­gen in der Luft, weil er nicht von der Klas­sen­fra­ge
aus­geht. Er sieht nicht, dass es für den bür­ger­li­chen Staat heu­te zwar
vor­dring­lich dar­um geht, die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se abzu­si­chern und
einen Kol­laps der Wirt­schaft (und auch ein all­ge­mei­nes gesell­schaft­li­ches
Cha­os) zu ver­hin­dern, dass damit aber noch lan­ge nicht jede Maß­nah­me umsetz­bar
ist.

Wenn wir an der
Poli­tik der ver­schie­de­nen Staa­ten ‒ in dem Fall der Regie­run­gen und allem, was
sonst noch zu den Staats­spit­zen gehört ‒ kri­ti­sie­ren, dann soll­ten zwei Din­ge
im Zen­trum ste­hen:

Ers­tens: Die staat­li­chen Maß­nah­men (auch in der BRD) sind nicht nur inkon­se­quent
und schwan­kend, son­dern wer­den in kei­ner Wei­se den Her­aus­for­de­run­gen gerecht. Schließ­lich
gibt es schon die gan­ze Zeit zu wenig Ärz­te und Pfle­ge­kräf­te, zu weni­ge
Kran­ken­häu­ser, kei­ne aus­rei­chen­de Pan­de­mie­vor­sor­ge (nicht nur zu weni­ge
Schutz­aus­rüs­tun­gen), zu wenig Gesund­heits­schutz an den ande­ren Arbeits­plät­zen
usw. Auch das gan­ze Bil­dungs­sys­tem (von den Kin­der­gär­ten bis zu den Unis) ist
voll­kom­men unter­ver­sorgt (nicht nur im Digi­tal­be­reich). So feh­len eh schon
vie­le Lehrer*innen, das Betreu­ungs­an­ge­bot in Ganz­tags­schu­len ist extrem schlecht,
von den kata­stro­pha­len hygie­ni­schen Bedin­gun­gen noch gar nicht zu spre­chen. Selbst
Mona­te nach dem Aus­bruch der Pan­de­mie gibt es in all die­sen Berei­chen kein Umsteu­ern.

Zwei­tens: In den meis­ten Staa­ten (viel­leicht sogar über­all) wer­den im Moment die erfor­der­li­chen
Schutz­maß­nah­men sowie die all­ge­mei­ne Vor­sicht und die Zurück­hal­tung der Arbeiter*innenklasse
(vor allem ihrer Gewerk­schaf­ten) und der ver­schie­de­nen sozia­len Bewe­gun­gen dazu
genutzt, Bür­ger­rech­te ein­zu­schrän­ken. Dies soll offen­sicht­lich dabei hel­fen,
die Abwäl­zung der Kri­sen­las­ten auf die brei­te Mas­se der Bevöl­ke­rung ohne all­zu
gro­ßen Wider­stand durch­zu­set­zen. Schließ­lich will die herr­schen­de Klas­se nicht
etwa mit höhe­ren Steu­ern für Rei­che belas­tet wer­den.

Ein Bei­spiel für
Maß­nah­men, die nun im Wind­schat­ten der Coro­na-Kri­se durch­ge­setzt wur­den: In
Baden-Würt­tem­berg kön­nen nun Poli­zis­ten auch in Woh­nun­gen und Dis­ko­the­ken
Body­cams tra­gen.[16] Auf die­se Wei­se wird die
Gewöh­nung an noch mehr Über­wa­chung vor­an­ge­trie­ben.

Wofür gilt es, (nicht
nur in Pandemiezeiten) zu streiten?

Für eine
über­schau­ba­re Zeit (lei­der mög­li­cher­wei­se bis Mit­te nächs­ten Jah­res) wer­den wir
pan­de­mie-bedingt auf einen Teil unse­rer bis­he­ri­gen Gewohn­hei­ten und auf
lebens­wer­te Tei­le unse­res All­tags­le­bens ver­zich­ten müs­sen. Aber das soll­te uns
nicht davon abhal­ten, uns zur Wehr zu set­zen.

„Wir sind für
den Schutz der Bevöl­ke­rung, aber wir sind dabei nicht staats­tra­gend“ (Wil­fried
Dubo­is). Unser Ansatz muss also ein ande­rer sein, als ledig­lich die staat­li­chen
Maß­nah­men zum Schutz der Bevöl­ke­rung zu ver­tei­di­gen oder umge­kehrt einen
angeb­lich berech­tig­ten Kern in den Ver­schwö­rungs­theo­rien zu suchen. Eine
huma­nis­ti­sche und fort­schritt­li­che poli­ti­sche Akti­vi­tät muss auf einem
klas­sen­ba­sier­ten Ansatz beru­hen, will hei­ßen: Es gilt ein Gegen­pro­gramm zur
kapi­ta­lis­ti­schen Poli­tik zu ent­wer­fen, das den Anfor­de­run­gen der kom­bi­nier­ten
Kri­se gerecht wird und im Ansatz den Weg über den Kapi­ta­lis­mus hin­aus in eine
soli­da­ri­sche Gesell­schafts­ord­nung weist

Ein sol­ches
Gegen­pro­gramm muss für brei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung anschluss­fä­hig sein (also
an ihrem aktu­el­len Bewusst­sein und ihren Pro­blem­la­gen anknüp­fen) und es muss in
sich kohä­rent sein. Es ist dann am über­zeu­gends­ten, wenn die Umset­zung als
mach­bar ange­se­hen wird, es gleich­zei­tig aber mehr als nur ein Her­um­dok­tern an
tages­ak­tu­el­len Sym­pto­men ist.

Das größ­te Pro­blem
dabei ist sicher­lich, dass ein sol­ches Gegen­pro­gramm erst dann die nöti­ge
Auf­merk­sam­keit erhält und tat­säch­lich zu einer fort­schritt­li­chen Akti­vie­rung
brei­te­rer Krei­se anregt, wenn es von einem gro­ßen „Akteur“ ein­ge­bracht und
aktiv ver­folgt wird. Nach Lage der Din­ge kann dies in der BRD heu­te am ehes­ten
eine gro­ße Ein­zel­ge­werk­schaft sein, aber es gibt wenig Anzei­chen, dass dies in
nächs­ter Zeit gesche­hen wird. Mit die­ser Fest­stel­lung ist aber die Sache nicht
erle­digt. Die sys­tem­kri­ti­schen fort­schritt­li­chen Kräf­te müs­sen auf den
unter­schied­li­chen Ebe­nen inhalt­lich in die­se Rich­tung argu­men­tie­ren und auf den
Auf­bau einer wirk­sa­men Gegen­be­we­gung drän­gen.

An die­ser Stel­le soll
bewusst kein kom­plet­tes Pro­gramm auf­ge­rollt wer­den. Was die größ­te Zug­kraft für
die Ent­wick­lung einer ent­spre­chen­den Bewe­gung bil­den wird, lässt sich schwer
vor­her­sa­gen, eini­ges wird von gewis­sen Zufäl­len und Anläs­sen abhän­gen. Den­noch
las­sen sich ein paar Kern­fra­gen defi­nie­ren, auf die man in der täg­li­chen
Dis­kus­si­on gro­ßen Wert legen soll­te:

  • Für die
    Ver­tei­di­gung der Arbeits­plät­ze brei­te gesell­schaft­li­che Mobi­li­sie­run­gen
    auf­bau­en, statt den Stel­len­ab­bau mit­tels Sozi­al­plä­nen zu beglei­ten! Der Gei­sel
    Erwerbs­lo­sig­keit kann nur mit einem Kampf für eine all­ge­mei­ne
    Arbeits­zeit­ver­kür­zung in gro­ßen Schrit­ten bei vol­lem Ent­gelt- und
    Per­so­nal­aus­gleich begeg­net wer­den. Der Kapi­ta­lis­mus basiert grund­sätz­lich auf Ein­spa­rung
    leben­di­ger Arbeit und wird nie­mals eine wirk­li­che Voll­be­schäf­ti­gung umset­zen,
    ganz abge­se­hen davon, dass das Kapi­tal damit ein wirk­sa­mes Druck­mit­tel ver­lö­re.
    Aber es macht einen gro­ßen Unter­schied in den betrieb­li­chen und
    außer­be­trieb­li­chen Kräf­te­ver­hält­nis­sen, ob es mit einem ent­schlos­se­nen Kampf
    gelingt, die Zahl der Erwerbs­lo­sen deut­lich zu sen­ken und auch die Absi­che­rung
    der Erwerbs­lo­sen qua­li­ta­tiv zu ver­bes­sern (also: Weg mit Hartz IV und
    dras­ti­sche Anhe­bung der Grund­si­che­rung!). Zu ver­bin­den ist ein sol­cher Kampf am
    bes­ten mit der Losung: Ver­tei­lung der Arbeit auf alle Hän­de und Köp­fe ohne
    Ent­gelt­ein­bu­ßen.
  • Allein
    schon die öko­lo­gi­sche Her­aus­for­de­rung ver­langt nach einem kom­plet­ten Umbau der
    herr­schen­den Wirt­schafts- und Gesell­schafts­ord­nung. Wird die Pro­duk­ti­ons­wei­se
    nicht umge­stellt, hat die Mensch­heit kei­ne Chan­ce, die Ver­pes­tung der Umwelt,
    das Arten­ster­ben, die Zer­stö­rung der natür­li­chen Lebens­grund­la­gen des Men­schen
    oder etwa den Kli­ma­wan­del wirk­lich zu stop­pen. Klar ist natür­lich auch, dass
    wir mit dem Kampf für eine men­schen­freund­li­che Umwelt­po­li­tik nicht bis zum
    Sturz des Kapi­ta­lis­mus war­ten kön­nen. Des­we­gen gilt es bei­spiels­wei­se, die
    Paro­le „Koh­le­aus­stieg ist Hand­ar­beit“ ernst zu neh­men und sich mit
    Mobi­li­sie­run­gen ein­schließ­lich Blo­cka­den für eine Ener­gie­wen­de zu enga­gie­ren.
    Ähn­lich ist es mit der Ver­kehrs­wen­de. Sie ist schon aus sozia­len Grün­den
    gebo­ten, vor allem aber wegen der drin­gend erfor­der­li­chen dras­ti­schen Sen­kung
    der CO2-Emis­sio­nen. Nur mit radi­kal weni­ger moto­ri­sier­tem
    Indi­vi­du­al­ver­kehr kön­nen Städ­te lebens­wert gemacht wer­den. Mit Recht rücken
    auch die Ver­bre­chen der Agrar­in­dus­trie zuneh­mend in den Fokus, Wir müs­sen klar
    machen: Kapi­ta­lis­ti­sche Agrar­po­li­tik ist per se umwelt­zer­stö­re­risch.
    Agrar­kon­zer­ne sind genau­so kon­kret zu bekämp­fen wie der Ver­trieb nicht regio­na­ler
    Pro­duk­te oder etwa die Bei­mi­schung von Etha­nol zum Ben­zin.
  • Die
    Pan­de­mie hat brei­te­ren Tei­len der Bevöl­ke­rung dra­ma­tisch vor Augen geführt,
    wor­an unser Gesund­heits­sys­tem krankt: Seit Jahr­zehn­ten wird die
    Gesund­heits­ver­sor­gung zuneh­mend zur Ware gemacht. Die „Fall­pau­scha­len“ und die dadurch erst lukra­tiv gewor­de­ne
    Pri­va­ti­sie­rung von Kran­ken­häu­sern sowie die all­ge­mei­ne Spar­po­li­tik haben die
    Durch­set­zung des Pro­fit­sys­tems auch in den noch nicht pri­va­ti­sier­ten
    Ein­rich­tun­gen zur Fol­ge (dra­ma­ti­scher Bet­ten­ab­bau in den Kran­ken­häu­sern;
    Schlie­ßung von Kran­ken­häu­sern in der Flä­che usw.). Gleich­zei­tig wer­den den
    Phar­ma­kon­zer­nen Mil­li­ar­den­ge­win­ne ermög­licht. Des­we­gen: Deut­li­che Anhe­bung der
    Bezah­lung von Pfle­ge­kräf­ten; für eine Abschaf­fung der Fall­pau­scha­len und die
    Rekom­mu­na­li­sie­rung von Kran­ken­häu­sern.[17]
  • Bei all
    die­sen Maß­nah­men ‒ von der Ver­kehrs­wen­de bis zur Gesund­heits­po­li­tik ‒ kann eine
    zukunfts­fä­hi­ge, eine fort­schritt­li­che Poli­tik nicht an der Eigen­tums­fra­ge
    vor­bei­kom­men. Will man wirk­lich z. B. die Auto­in­dus­trie umbau­en (für die
    Pro­duk­ti­on von Bus­sen, Bah­nen und ande­ren gesell­schaft­lich nütz­li­chen Din­gen),
    dann ist dies nur mög­lich, wenn es gegen die Pro­fit­in­ter­es­sen des Kapi­tals
    durch­ge­setzt wird.
  • Schon
    für die Bewäl­ti­gung der unmit­tel­bars­ten Auf­ga­ben muss die Maxi­me lau­ten: Die
    Rei­chen müs­sen zah­len. Ent­schei­dend wird sein: Für die Zie­le der Agrar­wen­de,
    der Ener­gie­wen­de, der Ver­kehrs­wen­de usw. gilt es eine so brei­te Bewe­gung
    auf­zu­bau­en, dass es ‒ je frü­her des­to bes­ser ‒ auch gelin­gen wird, die Waf­fe
    des Streiks ein­zu­set­zen. Letzt­lich ist dies das alles ent­schei­den­de
    Druck­mit­tel, das der lohn­ab­hän­gi­gen Bevöl­ke­rung (also der gro­ßen Mehr­heit der
    Erwerbs­tä­ti­gen) zur Ver­fü­gung steht. Ziel muss die Ver­ge­sell­schaf­tung der
    Phar­ma­in­dus­trie, der Auto­in­dus­trie und ande­rer Schlüs­sel­be­rei­che sein, immer
    mit der Maß­ga­be einer Kon­trol­le durch die jeweils dort Beschäf­tig­ten und die
    Öffent­lich­keit.

10.10.2020


[1]
„Covid-19 und der Kata­stro­phen­ka­pi­ta­lis­mus“ in Z, Zeit­schrift mar­xis­ti­sche
Erneue­rung, Nr. 123, Sep­tem­ber 2020, S. 14

[2]
Zur grund­sätz­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit der Staats­fra­ge sie­he: Jakob
Schä­fer: „Zur Kon­sti­tu­ti­on des bür­ger­li­chen Staa­tes“, https://​inter​soz​.org/​d​i​e​-​m​a​r​x​i​s​t​i​s​c​h​e​-​s​t​a​a​t​s​t​h​e​o​r​ie/

[3]
Eine ver­gleich­ba­re Her­aus­for­de­rung war die soge­nann­te „Spa­ni­sche Grip­pe“, die
am Ende das I. Welt­kriegs Euro­pa heim­such­te und auf eine durch­weg geschwäch­te
Bevöl­ke­rung traf.

[4]
Zum Aus­maß der Wirt­schafts­kri­se, die übri­gens schon 2019 ein­setz­te, sie­he bei­spiels­wei­se
https://​inter​soz​.org/​d​e​r​-​b​e​s​c​h​l​e​u​n​i​g​t​e​-​m​a​r​s​c​h​-​i​n​-​d​i​e​-​r​e​z​e​s​s​i​on/

[5]
Han­nes Hof­bau­er: „Coro­na-Gip­fel in Brüs­sel: Mil­li­ar­den für den Fort­be­stand der
Schief­la­ge“, in Lun­pa­park21, Heft 51, S. 15

[6]
„In Deutsch­land dürf­te das Minus [des Staats­haus­halts] in
Rela­ti­on zum Brut­to­in­lands­pro­dukt (BIP) in die­sem Jahr acht Pro­zent, in der
Euro­zo­ne zehn Pro­zent betra­gen.“ http://​www​.akti​en​check​.de/​e​x​k​l​u​s​i​v​/​A​r​t​i​k​k​e​l​-​E​u​r​o​z​o​n​e​_​S​t​a​a​t​s​v​e​r​s​c​h​u​l​d​u​n​g​_​s​t​e​i​g​t​_​w​e​n​i​g​e​r​_​s​t​a​r​k​-​1​1​9​5​1​077 Nur zur Erin­ne­rung: Die Maas­trich­tri­te­ri­en
erlau­ben 3 Pro­zent für das Haus­halts­de­fi­zit und 60 % Staats­ver­schul­dung, gemes­sen am BIP.

[7]
https://​www​.bun​des​re​gie​rung​.de/​b​r​e​g​-​d​e​/​a​k​t​u​e​l​l​e​s​/​d​t​-​f​r​a​n​z​-​i​n​i​t​i​a​t​i​v​e​-​1​7​5​3​644

[8]
E. Man­del: „Metho­di­sches zur Bestim­mung der Klas­sen­na­tur des bür­ger­li­chen
Staa­tes.“ in: Ernst Bloch u. a. (Hrsg.) Mar­xis­mus und Anthro­po­lo­gie.
Fest­schrift für Leo Kof­ler, Bochum 1980 (S. 213 – 232, hier S. 216; https://​inter​soz​.org/​m​e​t​h​o​d​i​s​c​h​e​s​-​z​u​r​-​b​e​s​t​i​m​m​u​n​g​-​d​e​r​-​k​l​a​s​s​e​n​n​a​t​u​r​-​d​e​s​-​b​u​r​g​e​r​l​i​c​h​e​n​-​s​t​a​a​t​es/

[9]
Umfra­ge von Infra­test dimap, https://​www​.pro​-medi​en​ma​ga​zin​.de/​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​/​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​/​2​0​2​0​/​0​9​/​0​6​/​u​m​f​r​a​g​e​-​g​l​a​u​b​e​-​a​n​-​g​e​h​e​i​m​e​-​m​a​e​c​h​t​e​-​d​u​r​c​h​a​u​s​-​v​e​r​b​r​e​i​t​et/

[10]
https://​www​.tages​schau​.de/​f​a​k​t​e​n​f​i​n​d​e​r​/​q​a​n​o​n​-​f​a​q​-​1​0​1​.​h​tml
sowie: https://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​Q​A​non

[11]
Kurt Tudy­ka: „Von der Par­tei­en­de­mo­kra­tie zur Herr­schaft der poli­ti­schen Klas­se“
in: M. Th. Gre­ven u. a. (Hrsg.) „Poli­tik­wis­sen­schaft als kri­ti­sche Theo­rie“,
Baden-Baden 1994

[12]
Joa­chim Hirsch: Mate­ria­lis­ti­sche Staats­theo­rie. Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­ses de
kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten­sys­tems, Ham­burg, (VSA) 2005, S. 204

[13]
Vere­na Krei­lin­ger, Win­fried Wolf, Chris­ti­an Zel­ler: Coro­na, Kri­se, Kapi­tal.
Plä­doy­er für eine soli­da­ri­sche Alter­na­ti­ve in Zei­ten der Pan­de­mie“, Köln
(Papy­Ros­sa) Sep­tem­ber 2020, S. 188 f. Die Autor*innen ver­wei­sen dabei auf die
Hoch­rech­nung der For­scher­grup­pe um Seth Flex­man vom Impe­ri­al Col­le­ge, Lon­don,
wonach durch flä­chen­de­cken­de Lock­downs, Grenz­schlie­ßun­gen, Kon­takt­sper­ren usw.
bis ein­schließ­lich Mai etwa 3,1 Mio. Todes­fäl­le ver­hin­dert wur­den. Und sie
ver­wei­sen auf eine Stu­die des For­scher­teams um Solomin Hsiang (Uni­ver­si­ty of
Cali­for­nia). Bei­des ist refe­riert in SZ
vom 10. Juni 2020

[14]
https://www.nzz.ch/feuilleton/giorgio-agamben-ueber-das-coronavirus-wie-es-unsere-gesellschaft-veraendert-ld.1547093?mktcid=smsh&mktcval=OS%20Share%20Hub

[15]
Chris­toph Hubatsch­ke: https://​www​.die​bre​sche​.org/​a​g​a​m​b​e​n​-​w​e​s​s​e​n​-​f​r​e​i​h​e​i​t​-​a​u​f​-​w​e​s​s​e​n​-​k​o​s​t​en/

[16]
https://​www​.stutt​gar​ter​-nach​rich​ten​.de/​i​n​h​a​l​t​.​l​a​n​d​t​a​g​-​b​e​s​c​h​l​i​e​s​s​t​-​p​o​l​i​z​e​i​g​e​s​e​t​z​-​p​o​l​i​z​i​s​t​e​n​-​d​u​e​r​f​e​n​-​b​o​d​y​c​a​m​s​-​i​n​-​w​o​h​n​u​n​g​e​n​-​e​i​n​s​e​t​z​e​n​.​5​3​4​7​2​6​9​5​-​a​2​c​4​-​4​e​c​a​-​b​8​8​2​-​1​2​1​6​1​7​b​1​1​b​1​3​.​h​t​m​l​?​u​t​m​_​s​o​u​r​c​e​=​C​l​e​v​e​r​P​u​s​h​&​u​t​m​_​m​e​d​i​u​m​=​P​u​s​h​&​u​t​m​_​c​a​m​p​a​i​g​n​=​c​l​e​v​e​r​p​u​s​h​-​1​6​0​1​4​6​3​3​7​7​&​s​r​c​=cp

[17]
Mehr hier­zu in dem Bei­trag von Fried­rich Voß­küh­ler und Jani­na Wilms unter: https://​www​.inp​re​korr​.de/​i​n​t​e​r​n​a​t​5​8​4​.​pdf
sowie in der Erklä­rung der IV. Inter­na­tio­na­le unter: https://​inter​soz​.org/​d​i​e​-​c​o​r​o​n​a​v​i​r​u​s​-​p​a​n​d​e​m​i​e​-​v​e​r​s​c​h​a​e​r​f​t​-​d​i​e​-​w​e​l​t​w​e​i​t​e​n​-​k​r​i​s​en/

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