[Freiheitsliebe:] Nichts vergessen, aber dazugelernt

Es ist auf­schluss­reich, rück­bli­ckend zu ana­ly­sie­ren, wie der 30. Jah­res­tag der deut­schen Ver­ei­ni­gung in den bun­des­deut­schen Medi­en gewür­digt wor­den ist: ins­ge­samt wenig, zudem über­wie­gend kri­tisch! Es ist aber auch nicht zu erken­nen, dass das von der Poli­tik immer wie­der beschwo­re­ne Zusam­men­wach­sen bei­der Lan­des­tei­le und Teil-Popu­la­tio­nen zuletzt gro­ße Fort­schrit­te gemacht hät­te. Eher ist das Gegen­teil zu kon­sta­tie­ren: eine Ver­fes­ti­gung der Unter­schie­de und ein gegen­sei­ti­ges Nicht­ver­ste­hen.

Letz­tes zeigt sich unter ande­rem in einer anhal­ten­den „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stö­rung“ zwi­schen Ost und West. So war zum Bei­spiel in einer kurz vor dem Jah­res­tag aus­ge­strahl­ten ARD-Doku­men­ta­ti­on davon die Rede, dass die DDR-Bür­ger am 3. Okto­ber 1990 plötz­lich „als Deut­sche“ auf­ge­wacht sei­en. Als Deut­sche! An ande­rer Stel­le wur­de behaup­tet, Deutsch­land sei durch den Bei­tritt der DDR zur Bun­des­re­pu­blik um eini­ges „grö­ßer“ gewor­den. Deutsch­land! Im Ber­li­ner Tagespie­gel vom 14. Okto­ber wur­de dar­über berich­tet, wie stark das All­tags- und das Fach­vo­ka­bu­lar in Ost und West auch 30 Jah­re nach der Ver­ei­ni­gung noch dif­fe­riert. Damit wur­de zugleich die Erwar­tung aus­ge­spro­chen, die Ost­deut­schen mögen sich doch end­lich beflei­ßi­gen, so wie die West­deut­schen zu spre­chen und zu schrei­ben. Hier­in aber, in die­ser Erwar­tungs­hal­tung, die sich im Übri­gen kei­nes­wegs nur auf das Voka­bu­lar bezieht, liegt genau das Pro­blem: Auf west­deut­scher Sei­te wird von den Ost­deut­schen Anpas­sung, Dank­bar­keit und Devo­ti­on erwar­tet, wäh­rend die Ost­deut­schen dies als Anma­ßung, Arro­ganz und Über­griff emp­fin­den. Dies ist der Kern der im Tages­spie­gel beklag­ten „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stö­rung“ zwi­schen Ost und West. Die soge­nann­te „inne­re Ein­heit“ ist wei­ter­hin Ziel und Wunsch­bild, aber noch längst nicht Rea­li­tät.

Die Ost­deut­schen haben in der Tat nichts ver­ges­sen. Weder die Über­rum­pe­lung durch die Ein­füh­rung der D‑Mark noch die rück­sichts­lo­se, vor allem west­deut­schen Inter­es­sen die­nen­de Pri­va­ti­sie­rungs­po­li­tik der „Treu­hand“, weder die Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit und erzwun­ge­ne Ent­völ­ke­rung gan­zer Land­stri­che noch die Liqui­die­rung ihrer Kul­tur­ein­rich­tun­gen, Medi­en, Orga­ni­sa­tio­nen und Insti­tu­tio­nen. Weder ihre Min­der­prä­senz in den Chef­eta­gen von Wirt­schaft, Mili­tär, Wis­sen­schaft und Kul­tur noch die man­gel­haf­te Ver­tre­tung und Berück­sich­ti­gung ihrer Anlie­gen durch die Poli­tik. Und schon gar nicht die demons­tra­ti­ve Miss­ach­tung ihrer Lebens­leis­tung und die Ver­ächt­lich­ma­chung ihrer Bio­gra­phien, die bis heu­te anhält, sowie die ent­wür­di­gen­de Behand­lung in den Arbeits­äm­tern, den Gerichts­sä­len, vor Eva­lu­ie­rungs­kom­mis­sio­nen und in Behör­den. Hin­zu kommt aktu­ell die Aus­plün­de­rung und Schi­ka­nie­rung als Mie­ter durch die mehr­heit­lich west­deut­schen Haus‑, Grund­stücks- und Woh­nungs­ei­gen­tü­mer.

MEHR ZUM THEMA: Nicht mei­ne Ein­heit

Aber die Ost­deut­schen haben auch dazu­ge­lernt: Zum Bei­spiel, poli­ti­schen Wahl­ver­spre­chen zu miss­trau­en, die eige­nen Inter­es­sen zu erken­nen und wahr­zu­neh­men, sich zu orga­ni­sie­ren. Und sie ver­ste­hen jetzt bes­ser, was West­deut­sche mei­nen, wenn sie von Gerech­tig­keitFrei­heitSoli­da­ri­tät und Deut­scher Nati­on schwa­dro­nie­ren.

Übri­gens wuss­ten die Ost­deut­schen auch schon vor 1990, wo Stutt­gart, Braun­schweig oder Flens­burg lie­gen. Und eben­so, dass die DDR ein Teil Deutsch­lands war. Des­halb hat­ten sie auch kein Pro­blem, nach 1989 in die ande­ren Lan­des­tei­le zu rei­sen. Ganz anders die West­deut­schen. Vie­le von ihnen wis­sen bis heu­te nicht, wo sie Neu­bran­den­burg, Suhl oder Cott­bus auf der Land­kar­te suchen sol­len. Sie rei­sen auch nicht in „den Osten“ (oder „die DDR“, wie man häu­fig noch hört). Mit Aus­nah­me viel­leicht von Ber­lin und Wei­mar. Die thü­rin­gi­sche Stadt ist für sie ein belieb­tes Rei­se­ziel, weil sich dort einst ihr Goe­the, ihr Schil­ler, ihr Wie­land und ihr Nietz­sche nie­der­lie­ßen. – Nein, Nietz­sche nicht, der stammt aus Röcken bei Lüt­zen und gehört damit zu Mit­tel- respek­ti­ve Ost­deutsch­land. Aber das wis­sen Alt­bun­des­bür­ger gewöhn­lich nicht.

Wäh­rend West­deut­sche immer noch glau­ben, den Ost­deut­schen „die Wie­der­ver­ei­ni­gung finan­zi­ell ermög­licht“, ja finan­ziert zu haben, dringt bei den Ost­deut­schen all­mäh­lich die Erkennt­nis durch, dass sie letzt­lich alles selbst bezahlt haben. Und mehr als das! Ihr Preis für die D‑Mark, die Demo­kra­tie und die sozia­le Markt­wirt­schaft war der gigan­ti­sche Ver­mö­gens- und Res­sour­cen­trans­fer, der sich in den 1990er Jah­ren zwi­schen Ost und West voll­zo­gen hat – in Gestalt der Über­nah­me von Grund und Boden, der ost­deut­schen Pro­duk­ti­ons­stand­or­te, von Immo­bi­li­en und in Gestalt des Abzu­ges von Mil­lio­nen Arbeits­kräf­ten.

Die in die­sem Zusam­men­hang immer wie­der ins Spiel gebrach­ten Finanz­trans­fers des Wes­tens für den Osten erwie­sen sich inzwi­schen, sofern es sich dabei nicht ohne­hin um bun­des­ein­heit­lich gere­gel­te Leis­tun­gen des Staa­tes und der Sozi­al­ver­si­che­run­gen han­del­te, als loh­nen­de Inves­ti­tio­nen, wel­che heu­te beacht­li­che Gewin­ne abwer­fen. Für die Inves­to­ren und Finan­ziers, ver­steht sich! Im Wes­ten nennt man das „Soli­da­ri­tät“, im Osten Lohn­dum­ping wegen feh­len­der Tarif­bin­dung, Miet­wu­cher und Immo­bi­li­en­spe­ku­la­ti­on.

Wenn im Frei­tag vom 1. Okto­ber zu lesen war, dass die „ent­stan­de­ne, in der Regel fol­gen­los beklag­te Kluft zwi­schen West und Ost kein Kol­la­te­ral­scha­den einer radi­ka­len Trans­for­ma­ti­on (ist), son­dern Kon­se­quenz der­sel­ben“, so ist dem unge­teilt zuzu­stim­men. Es spricht heu­te auch alles dafür, dass es im Wes­ten, O‑Ton Frei­tag, von vorn­her­ein „dar­auf ange­legt“ war, „dass es aus­ging, wie es kam“.

Solan­ge dar­über nicht ehr­lich und fak­ten­be­zo­gen zwi­schen Ost und West gespro­chen wird, wird die beklag­te „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stö­rung“ bestehen blei­ben. Dass sie gegen­wär­tig so deut­lich her­vor­tritt, hat etwas damit zu tun, dass man im Wes­ten seit 1990 zwar man­ches ver­ges­sen, aber offen­bar nichts dazu­ge­lernt hat.

Die­ser Bei­trag von Ulrich Busch ist eine Über­nah­me aus der soeben erschie­ne­nen neu­es­ten Aus­ga­be von „Das Blätt­chen – Zwei­wo­chen­schrift für Poli­tik, Kunst und Wirt­schaft“. Die kom­plet­te Aus­ga­be kann auf der Web­site www​.das​-bla​ett​chen​.de kos­ten­frei ein­ge­se­hen wer­den. Aller­dings haben auch nicht-kom­mer­zi­el­le Pro­jek­te Kos­ten. Daher hel­fen Soli-Abos zum Bezug als PDF (hier kli­cken) oder in einem eBook-For­mat (hier kli­cken) dem Redak­ti­ons­team bei der Lösung die­ser Fra­ge.

Sub­scri­be to our news­let­ter!


Unterstütze die Freiheitsliebe

624€ of 2.000€ rai­sed





Zah­lungs­me­tho­de aus­wäh­len

Per­sön­li­che Infor­ma­tio­nen

Mache die­se Spen­de anonym


Spen­den­sum­me:


3,00€

Über den Autor

Avatar
Hier wird jeweils ein Vor­ab­bei­trag aus der neu­en Aus­ga­ben von „Das Blätt­chen – Zwei­wo­chen­schrift für Poli­tik, Kunst und Wirt­schaft“. Die kom­plet­te Aus­ga­be kann jeweils auf der Web­site www​.das​-bla​ett​chen​.de kos­ten­frei ein­ge­se­hen wer­den.

The post Nichts ver­ges­sen, aber dazu­ge­lernt first appeared on Die Frei­heits­lie­be.

Read More