[gfp:] Deutschlands operative Mittelmeer-Initiative

Patrouillen nach deutschem Standard

Die Bun­des­re­pu­blik for­ciert die Hoch­rüs­tung der tune­si­schen Außen­gren­zen seit vie­len Jah­ren. Bereits im Jahr 2005 lie­fer­te Ber­lin der tune­si­schen Küs­ten­wa­che sechs Schnell­boo­te, die es Tunis erleich­tern soll­ten, das Able­gen von Flücht­lings­schif­fen zu ver­hin­dern. Inten­si­viert wur­den die Maß­nah­men ins­be­son­de­re ab 2012, als Tune­si­en zunächst ver­stärkt soge­nann­te Aus­bil­dungs- und Aus­stat­tungs­hil­fe der Bun­des­po­li­zei erhielt – nicht zuletzt für die Grenz­ab­schot­tung – und im Jahr 2015 die Ein­rich­tung eines „Pro­jekt­bü­ros“ in der Haupt­stadt geneh­mig­te, in dem drei deut­sche Poli­zis­ten sta­tio­niert wur­den, um vor allem tune­si­sche Grenz­be­am­te zu trai­nie­ren. Dabei wer­de ver­mit­telt, heißt es in einem Bericht, „wie man patrouil­liert, wie man gefälsch­te Päs­se erkennt und ver­däch­ti­ge Per­so­nen befragt, wie man Nacht­sicht­ge­rä­te und Wär­me­bild­ka­me­ras bedient“. Ergän­zend zu Aus­bil­dungs­maß­nah­men etwa in der Kom­man­do­schu­le der tune­si­schen Natio­nal­gar­de in Oued Zar­ga wur­den tune­si­sche Ein­satz­kräf­te zum Bei­spiel auch am Mari­ti­men Trai­nings­zen­trum der Bun­des­po­li­zei im hol­stei­ni­schen Neu­stadt geschult. Ein tune­si­scher Offi­zier wur­de im Herbst 2016 mit der Äuße­rung zitiert: „Bis spä­tes­tens 2020 wird an allen Gren­zen Tune­si­ens nach deut­schem Stan­dard patrouilliert.“[1]

Konjunkturprogramm für die Überwachungsindustrie

Dane­ben hat Ber­lin die bereits 2005 mit der Lie­fe­rung der sechs Schnell­boo­te ein­ge­lei­te­te Aus­stat­tung der tune­si­schen Grenz­ab­schot­tungs­ap­pa­ra­te kon­ti­nu­ier­lich fort­ge­setzt. Allein in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren wur­den unter ande­rem zahl­rei­che trans­por­ta­ble Sperr­an­la­gen, mobi­le Boden­über­wa­chungs­ra­dar­ge­rä­te („Spe­xer-2000“), auf­stell­ba­re Nacht­sicht­ge­rä­te („Nigh­tOwl M“) sowie klei­ne­re, auf auto­ma­ti­sche Waf­fen auf­mon­tier­ba­re Nacht­sicht­ge­rä­te gelie­fert, dar­über hin­aus zehn gepan­zer­te Mann­schafts­trans­por­ter vom Typ Din­go sowie Gerät für Grenz­kon­trol­len, so etwa Kör­per­scan­ner, und eini­ges mehr.[2] Anfang 2019 wur­de bekannt, die Bun­des­re­gie­rung wol­le 18 Mil­lio­nen Euro bereit­stel­len, um an der tune­sisch-liby­schen Gren­ze noch wei­te­re elek­tro­ni­sche Grenz­über­wa­chungs­sys­te­me zu instal­lie­ren. Dazu zähl­ten „Sperr­wäl­le, neue Poli­zei­sta­tio­nen in der Wüs­te, Anla­gen des Mili­tärs, Über­wa­chungs­an­la­gen und Satellitenkapazitäten“.[3] Übli­cher­wei­se erhält Tune­si­en dabei Gerät aus deut­scher Pro­duk­ti­on. Fak­tisch han­delt es sich damit bei der Hoch­rüs­tung der tune­si­schen Gren­zen stets auch um ein „mas­si­ves Kon­junk­tur­pro­gramm für die euro­päi­sche Rüs­tungs- und Über­wa­chungs­in­dus­trie“, hielt Andrej Hun­ko, Abge­ord­ne­ter der Links­par­tei im Bun­des­tag, Anfang ver­gan­ge­nen Jah­res fest.[4]

Unter Federführung der von der Leyen-Kommission

Aktu­ell nutzt die Bun­des­re­gie­rung die deut­sche EU-Rats­prä­si­dent­schaft, um die Abrie­ge­lung nicht nur Tune­si­ens, son­dern des gesam­ten Maghreb vor­an­zu­trei­ben. Dies geht aus der Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf eine Anfra­ge des Abge­ord­ne­ten Hun­ko her­vor. Dem­nach nimmt Ber­lin eine Kon­fe­renz vom 13. Juli, bei der die Innen­mi­nis­ter Deutsch­lands, Frank­reichs, Ita­li­ens, Mal­tas und Spa­ni­ens mit ihren Amts­kol­le­gen aus Marok­ko, Mau­re­ta­ni­en, Alge­ri­en, Tune­si­en und Liby­en und außer­dem mit den zustän­di­gen EU-Kom­mis­sa­ren zusam­men­ka­men, zum Anlass, um eine „breit ange­leg­te[…] Koope­ra­ti­on zwi­schen der Euro­päi­schen Uni­on und den fünf nord­afri­ka­ni­schen Teil­neh­mer­staa­ten … im Migra­ti­ons­be­reich“ anzuschieben.[5] Diver­se Fol­ge­tref­fen haben bereits statt­ge­fun­den; „unter Feder­füh­rung“ der EU-Kom­mis­si­on mit ihrer Prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en sol­len gemein­sa­me „Anstren­gun­gen“ unter­nom­men wer­den, um die „Zusam­men­ar­beit mit Her­kunfts- und Tran­sit­staa­ten“ in der Abwehr uner­wünsch­ter Ein­wan­de­rung nach Euro­pa „zu inten­si­vie­ren“. Die Bun­des­re­gie­rung spricht von einer „ope­ra­ti­ven Mit­tel­meer-Initia­ti­ve“, in deren Rah­men nun „in einem ers­ten Schritt … kon­kre­te Maß­nah­men im Bereich des Grenz­ma­nage­ments und der Schleu­sungs­be­kämp­fung“ gestar­tet wer­den sol­len. Ein­ge­bun­den sind Euro­pol sowie die EU-Flücht­lings­ab­wehr­be­hör­de Fron­tex, die zuletzt mit völ­ker­rechts­wid­ri­gen Prak­ti­ken der Flücht­lings­ab­wehr von sich reden gemacht hat.[6]

Miserable Perspektiven

Der Abschot­tung der tune­si­schen See­gren­ze im Mit­tel­meer kommt auch des­halb eine beson­de­re Bedeu­tung zu, weil immer mehr Tune­si­er nach Euro­pa über­zu­set­zen ver­su­chen – wegen der mise­ra­blen Wirt­schafts­per­spek­ti­ven im Land. Tune­si­en hat sich nach den Umbrü­chen von 2011 öko­no­misch nie wirk­lich erholt und war Ende 2016 gezwun­gen, eine Kre­dit­ver­ein­ba­rung mit dem Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) zu schlie­ßen. Im Gegen­zug hat der IWF, wie üblich, har­te Kür­zun­gen erzwun­gen, dar­un­ter das Ein­frie­ren der Gehäl­ter von Staats­an­ge­stell­ten, einen Ein­stel­lungs­stopp im Staats­dienst und eine spür­ba­re Redu­zie­rung von Sub­ven­tio­nen. Das hat vor allem die ohne­hin benach­tei­lig­ten Regio­nen im tune­si­schen Hin­ter­land emp­find­lich getrof­fen und immer wie­der zu hef­ti­gen Pro­tes­ten geführt.[7] Die Covid-19-Pan­de­mie hat die Situa­ti­on noch ver­schärft: Zum einen brach jetzt auch die ein­sei­tig vom Tou­ris­mus abhän­gi­ge Wirt­schaft in den Küs­ten­re­gio­nen ein; zum ande­ren ver­lo­ren neben Tune­si­ern auch Flücht­lin­ge aus Län­dern süd­lich der Saha­ra ihren Job. Dies wie­der­um trieb die Zahl der­je­ni­gen in die Höhe, die sich per Boot auf den gefähr­li­chen Weg nach Euro­pa mach­ten. So waren mehr als zwei Fünf­tel der knapp 23.500 Boots­flücht­lin­ge, die zwi­schen Janu­ar und Ende Sep­tem­ber in Ita­li­en ein­tra­fen, Bür­ger Tunesiens.[8] Rom hat auf einem Fol­ge­tref­fen der Innen­mi­nis­ter­kon­fe­renz vom 13. Juli mas­siv Druck auf Tunis aus­ge­übt und eine Ver­dop­pe­lung der Abschie­bun­gen dort­hin durch­ge­setzt. Zudem inten­si­vie­ren Tune­si­ens Behör­den die Jagd auf able­gen­de Flücht­lings­boo­te.

Die einzige Alternative

Pro­fi­ta­bel ist Tune­si­ens deso­la­te Lage ledig­lich für Unter­neh­men aus der EU, ins­be­son­de­re auch aus Deutsch­land, die in dem Land zu nied­rigs­ten Löh­nen vor­wie­gend für den euro­päi­schen Markt pro­du­zie­ren. Bekannt ist etwa der Plüsch­tier­her­stel­ler Steiff mit sei­nem Werk in Sidi Bou­zid; in dem Ort steck­te sich am 17. Dezem­ber 2010 der Gemü­se­ver­käu­fer Moha­med Boua­zi­zi aus Ver­zweif­lung über die mise­ra­ble Wirt­schafts­si­tua­ti­on in Brand – und lös­te damit Mas­sen­pro­tes­te aus, die im Jahr 2011 auch diver­se wei­te­re ara­bi­sche Län­der erfass­ten. In Tune­si­en haben dar­über hin­aus ande­re Tex­til- sowie Elek­tro­un­ter­neh­men Fabri­ken errich­tet, dar­un­ter Kfz-Zulie­fe­rer wie Leo­ni und Dräxlmai­er; Dräxlmai­er hat erst zu Jah­res­be­ginn sein inzwi­schen fünf­tes Werk in dem Land eröff­net. Deut­sche Fir­men ver­ar­bei­ten in Tune­si­en typi­scher­wei­se Vor­pro­duk­te, die sie aus dem Aus­land ein­füh­ren, in rela­tiv arbeits­in­ten­si­ven Vor­gän­gen zu Waren, die sie anschlie­ßend wie­der nach Euro­pa expor­tie­ren. Zuletzt urteil­te die bun­des­ei­ge­ne Außen­wirt­schafts­agen­tur Ger­ma­ny Tra­de & Invest (gtai), der „Stand­ort“ Tune­si­en bie­te sich „für eine Ver­la­ge­rung von Pro­duk­ti­on“ ins­be­son­de­re aus Asi­en „in die Peri­phe­rie der EU an“.[9] Chan­cen zur stra­te­gi­schen Wei­ter­ent­wick­lung für die ein­hei­mi­sche tune­si­sche Wirt­schaft erge­ben sich auf der Grund­la­ge der abhän­gi­gen Nied­rig­lohn­pro­duk­ti­on frei­lich kaum. Vor allem jun­gen Men­schen, die nach einer Zukunfts­per­spek­ti­ve suchen, bleibt oft kei­ne ande­re Alter­na­ti­ve als die Emi­gra­ti­on.

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[1] Hau­ke Frie­de­richs, Cate­ri­na Loben­stein: Die gekauf­te Gren­ze. www​.zeit​.de 29.10.2016. S. dazu Flücht­lings­ab­wehr in Nord­afri­ka (III).

[2] Mat­thi­as Mon­roy: Bun­des­re­gie­rung finan­ziert neue Tech­nik zur Grenz­über­wa­chung in Tune­si­en. netz​po​li​tik​.org 18.12.2017.

[3], [4] Bund will 18 Mil­lio­nen Euro an Tune­si­en zah­len. fr​.de 06.01.2019.

[5] Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die Klei­ne Anfra­ge des Abge­ord­ne­ten Andrej Hun­ko u.a. und der Frak­ti­on Die Lin­ke. Ber­lin, 21.10.2020.

[6] Zu Fron­tex s. auch Der Tod der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und Die grie­chi­sche Blau­pau­se.

[7] Sofi­an Phil­ip Naceur: Tune­si­ens Zivil­ge­sell­schaft for­dert IWF her­aus. de​.qan​t​a​ra​.de 08.02.2019.

[8] Sofi­an Phil­ip Naceur: Tune­si­en akzep­tiert „außer­ge­wöhn­li­che Abschie­bun­gen“. de​.qan​t​a​ra​.de 02.10.2020.

[9] Tune­si­en könn­te von Pro­duk­ti­ons­ver­la­ge­run­gen der EU pro­fi­tie­ren. gtai​.de 24.06.2020.

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