[gfp:] Nur die Spitze des Eisbergs

„Stiefkind der Politik“

Die mit extrem Rech­ten durch­setz­te Par­tei Alter­na­ti­ve für Deutsch­land (AfD) setzt ihre Bemü­hun­gen fort, sich als Sprach­rohr der Bun­des­wehr zu pro­fi­lie­ren und ihren Ein­fluss in der Trup­pe zu stär­ken. Deutsch­land müs­se sich „wie­der ver­tei­di­gen kön­nen“, heißt es bei der Par­tei anläss­lich der Vor­stel­lung eines von ihrer Bun­des­tags­frak­ti­on pro­du­zier­ten Films, der sich mit der Situa­ti­on der Bun­des­wehr befasst.[1] Der Film trägt den Titel „Die Bun­des­wehr-Mise­re – War­um sich Deutsch­land nicht mehr ver­tei­di­gen kann“. Laut dem ver­tei­di­gungs­po­li­ti­schen Spre­cher der AfD soll der Film die Bun­des­wehr „ins Bewusst­sein der Öffent­lich­keit“ rücken und die par­la­men­ta­ri­sche Arbeit der Rechts­au­ßen­par­tei vor­stel­len. Dabei wird, so heißt es, das Bild unter­fi­nan­zier­ter und ver­nach­läs­sig­ter Streit­kräf­te gezeich­net, die zu einem „Stief­kind“ der Poli­tik ver­kom­men seien.[2] Laut der AfD befin­de sich die Bun­des­wehr „im schlech­tes­ten Zustand seit ihrer Auf­stel­lung“. Der Film sol­le Öffent­lich­keit her­stel­len und damit einen Bei­trag leis­ten, „die Regie­rung zu zwin­gen, ihren Auf­trag zu erfül­len“. Die Par­tei plä­diert dabei vor allem für die Wie­der­ein­füh­rung der 2011 abge­schaff­ten Wehr­pflicht sowie für die Fokus­sie­rung der Streit­kräf­te auf „Lan­des- und Bünd­nis­ver­tei­di­gung“. Zudem strebt sie den Auf­bau mili­z­ar­ti­ger „Hei­mat­schutz­kräf­te“ an, wäh­rend sie eine EU-Armee ablehnt.[3] Des wei­te­ren soll der Ein­fluss der euro­päi­schen Staa­ten in der NATO gestärkt wer­den. In die­sem Zusam­men­hang haben sich AfD-Poli­ti­ker bereits für eine mas­si­ve Auf­sto­ckung des deut­schen Wehr­etats ausgesprochen.[4] Die Bun­des­wehr wie­der auf­zu­bau­en wer­de „unend­lich viel Kraft und Geld kos­ten“, erklär­te der der­zei­ti­ge ver­tei­di­gungs­po­li­ti­sche Spre­cher der Par­tei im Jahr 2019 anläss­lich einer Par­la­ments­de­bat­te über das NATO-Auf­rüs­tungs­ziel. Die Vor­ga­be von zwei Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts wer­de „da kaum rei­chen“.

Die Bundeswehr als Werbeträger

Der AfD-Film hat, wie die kon­ser­va­ti­ve Tages­zei­tung Die Welt kon­sta­tiert, schon vor sei­ner Ver­öf­fent­li­chung „poli­ti­sche Fol­gen“ gezeitigt.[5] Poli­ti­ker der Links­par­tei monier­ten, AfD-Ver­tre­ter hät­ten im Rah­men der Film­ar­bei­ten Kaser­nen besucht und sich bei Tref­fen mit Sol­da­ten fil­men las­sen. Das CDU-geführ­te Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um stell­te dar­auf­hin Anfang Okto­ber fest, die hier­bei ent­stan­de­nen Film­auf­nah­men sei­en „tat­säch­lich ohne Bil­li­gung der Bun­des­wehr für par­tei­po­li­ti­sche Wer­be­zwe­cke genutzt wor­den“. Dabei lege ein Zen­tral­er­lass fest, dass „die Bun­des­wehr und ihre Ange­hö­ri­gen selbst nicht Bestand­teil der par­tei­po­li­ti­schen Pres­se- und Öffent­lich­keits­ar­beit wer­den“ dürf­ten. Die AfD habe dage­gen ver­sto­ßen; es ent­ste­he der Ein­druck, die Bun­des­wehr befür­wor­te „ent­spre­chen­de poli­ti­sche Aus­rich­tun­gen“. Der Film­trupp der Rechts­au­ßen­par­tei habe über­dies eine Auf­la­ge miss­ach­tet, nach der Auf­nah­men von Sol­da­ten nicht „ohne deren vor­he­ri­ge Ein­wil­li­gung zu täti­gen“ sei­en. In dem Film insze­nier­ten sich die AfD-Mit­glie­der des Ver­tei­di­gungs­aus­schus­ses im Bun­des­tag als „Ken­ner des Mili­tärs“; dabei wer­de mit dem „Pfund gewu­chert“, dass nahe­zu die Hälf­te der AfD-Man­dats­trä­ger „gedient“ habe. Etli­che Par­la­men­ta­ri­er der Rechts­par­tei schwelg­ten in dem Film in Erin­ne­run­gen an ihre Bun­des­wehr­zeit.

Putschplanungen

Die Vor­gän­ge fin­den vor dem Hin­ter­grund zuneh­men­der Aus­ein­an­der­set­zun­gen um extrem rech­te Seil­schaf­ten und Struk­tu­ren im deut­schen Staats­ap­pa­rat – und ins­be­son­de­re in der Bun­des­wehr – statt. Die­se Woche star­te­te das Gerichts­ver­fah­ren gegen einen Agen­ten des Mili­tä­ri­schen Abschirm­diens­tes (MAD), dem vor­ge­wor­fen wird, extrem rech­te Netz­wer­ke in einer Son­der­ein­heit der Bun­des­wehr vor dro­hen­den Raz­zi­en gewarnt zu haben.[6] Die Durch­su­chung der Kaser­ne der Eli­te­trup­pe Kom­man­do Spe­zi­al­kräf­te (KSK) in Calw im Sep­tem­ber 2017 durch Beam­te des Bun­des­kri­mi­nal­amts (BKA) sei „ein Miss­erfolg auf gan­zer Linie“ gewe­sen, heißt es: Die Beam­ten fan­den „bes­tens vor­be­rei­te­te Sol­da­ten“ vor, die offen­sicht­lich prä­pa­riert waren, „aus­gie­big ver­nom­men zu wer­den“. Ziel der BKA-Raz­zia waren ille­ga­le Waf­fen, die von extrem rech­ten Mit­glie­dern des KSK für einen etwai­gen Mili­tär­putsch im Kri­sen­fall („Tag X“) gehor­tet wer­den soll­ten. Im Vor­feld der Durch­su­chung in Calw kam es laut Berich­ten zu einem Kon­flikt zwi­schen Bun­des­an­walt­schaft und MAD, da der Mili­tär­ge­heim­dienst unter Beru­fung auf „Quel­len­schutz“ die BKA-Durch­su­chung ver­hin­dern woll­te. Zwei Tage vor der Raz­zia habe dann der jetzt ange­klag­te MAD-Agent trotz anders­lau­ten­der Wei­sun­gen eine Quel­le inner­halb des KSK getrof­fen. Die­ser KSK-Sol­dat, der in extrem rech­ten Netz­wer­ken unter dem Pseud­onym „Han­ni­bal“ bekannt wur­de, hat laut Zeu­gen­aus­sa­gen mit sei­nem Tref­fen mit dem MAD-Mann geprahlt und sei­ne Kame­ra­den vor den anste­hen­den Durch­su­chun­gen gewarnt. „Han­ni­bal“ galt als zen­tra­le Figur der inzwi­schen unter Beob­ach­tung des Ver­fas­sungs­schut­zes ste­hen­den Orga­ni­sa­ti­on Uniter, in der sich Funk­ti­ons­trä­ger aus Jus­tiz, Poli­zei und Bun­des­wehr sowie Zivi­lis­ten und soge­nann­te Prep­per aus dem Spek­trum der extre­men Rech­ten zusam­men­schlos­sen – und laut Berich­ten an Putsch­pla­nun­gen betei­ligt waren.[7]

Kampf um das KSK

Die Eli­te­trup­pe der Bun­des­wehr, der vor­ge­wor­fen wird, in Afgha­ni­stan an ille­ga­len Liqui­die­run­gen („geziel­te Tötun­gen“) betei­ligt gewe­sen zu sein [8], steht inzwi­schen im Mit­tel­punkt einer gan­zen Rei­he von Skan­da­len. Füh­ren­de KSK-Offi­zie­re muss­ten sich schon im ver­gan­ge­nen Jahr wegen des Zei­gens des Hit­ler­gru­ßes bei einer mit Rechts­rock­mu­sik unter­leg­ten „Abschieds­fei­er“ vor Gericht verantworten.[9] Im Mai 2020 rück­ten Poli­zis­ten mit Bag­gern auf dem Pri­vat­grund­stück eines KSK-Ober­feld­we­bels im nord­säch­si­schen Collm an, um dort ein ille­ga­les Spreng­stoff- und Waf­fen­la­ger auszuheben.[10] Im Juni erhielt Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er einen Brand­brief eines Offi­ziers, der seit 2018 bei KSK tätig war und in dem Schrei­ben vor ekla­tan­ten Miss­stän­den warn­te: In der Eli­te­ein­heit wür­den „rechts­ex­tre­me Ten­den­zen gedul­det und teil­wei­se vertuscht“.[11] Dem­nach wer­de den Sol­da­ten ein­ge­bläut, „kei­ne Vor­komm­nis­se zu mel­den“. Die extrem rech­ten Umtrie­be wür­den zwar wahr­ge­nom­men, aber „aus unter­schied­li­cher Motiv­la­ge kol­lek­tiv igno­riert oder gar tole­riert“, hieß es in dem „Hil­fe­ruf“ des Offi­ziers. In Reak­ti­on dar­auf ent­schied sich das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um, die zwei­te Kom­pa­nie des KSK auf­zu­lö­sen, die nun als „Aus­gangs­punkt für rechts­ex­tre­me Umtrie­be in der Bun­des­wehr“ iden­ti­fi­ziert wurde.[12] Eine gene­rel­le Auf­lö­sung der skan­dal­um­wit­ter­ten Eli­te­ein­heit will das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um aller­dings durch ein „Reform­pro­jekt“ ver­hin­dern, das, wie es heißt, den „Sumpf tro­cken­le­gen“ sol­le – etwa, indem ein Rota­ti­ons­prin­zip ein­ge­führt und die Aus­bil­dung eines ver­klei­ner­ten KSK dem Heer über­tra­gen werde.[13]

Informant muss gehen, Rechte bleiben

Dass auch in ande­ren Trup­pen­tei­len der Bun­des­wehr die Aus­ein­an­der­set­zung mit extrem rech­ten Umtrie­ben nach Kräf­ten behin­dert wird, macht der Fall eines Unter­of­fi­ziers bei den Fall­schirm­jä­gern deut­lich, der im März 2020 publik wurde.[14] Der Sol­dat hat­te meh­re­re Sol­da­ten, die in sozia­len Netz­wer­ken unter ande­rem die Wehr­macht ver­herr­lich­ten und damit prahl­ten, den Holo­caust geleug­net zu haben, beim MAD gemel­det. Dar­auf­hin wur­de sei­ne Dienst­zeit nicht mehr ver­län­gert; einer der von ihm gemel­de­ten extrem rech­ten Sol­da­ten hin­ge­gen durf­te bei der Trup­pe blei­ben. Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker spra­chen in die­sem Zusam­men­hang von einem „ver­hee­ren­den Signal“. Anonym blei­ben­de Bun­des­wehr­of­fi­zie­re bekräf­ti­gen über­dies, die offi­zi­el­len Zah­len des MAD, wonach von rund 550 „rechts­ex­tre­men Ver­dachts­fäl­len“ bei der Bun­des­wehr aus­zu­ge­hen sei, bil­de­ten nur die „Spit­ze des Eis­ber­ges“: Er sei „über­zeugt“, dass „15 bis 20 Pro­zent der Sol­da­ten“ extrem rechts ori­en­tiert sei­en, erklär­te ein Infor­mant. Gin­ge die Poli­tik tat­säch­lich kon­se­quent gegen extrem rech­te Umtrie­be vor, dann „hät­te die Bun­des­wehr auf ein­mal erheb­lich weni­ger Per­so­nal“.

[1] AfD prä­sen­tiert Bun­des­wehr-Film: Deutsch­land muss sich wie­der ver­tei­di­gen kön­nen! afd​kom​pakt​.de 27.10.2020. S. auch Begleit­pro­gramm zur Welt­po­li­tik (II).

[2] Thors­ten Jung­holt: Schon vor der Pre­mie­re hat der ein­stün­di­ge AfD-Film poli­ti­sche Fol­gen. welt​.de 25.10.2020.

[3] Danie­la Vates: Wie die Par­tei­en die Bun­des­wehr refor­mie­ren wol­len. fr​.de 07.01.2019. S. auch Deut­sche Wehr­haf­tig­keit.

[4] Rei­ner Braun, Micha­el Maercks: AfD: mehr als 2 Pro­zent des BIP für die Rüs­tung. frie​dens​ko​ope​ra​ti​ve​.de.

[5] Thors­ten Jung­holt: Schon vor der Pre­mie­re hat der ein­stün­di­ge AfD-Film poli­ti­sche Fol­gen. welt​.de 25.10.2020.

[6] Mar­tin Kaul: Pro­zess gegen MAD-Agen­ten. Wer warn­te „Han­ni­bal“? tages​schau​.de 29.10.2020.

[7] Mar­tin Kaul, Chris­ti­na Schmidt, Dani­el Schulz: Han­ni­bals Schat­ten­ar­mee. taz​.de 16.11.2018. S. auch Uniter im Aus­lands­ein­satz.

[8] S. dazu Ruhm und Ehre.

[9] Johan­nes Jol­mes: KSK-Oberst­leut­nant wegen Hit­ler­gruß vor Gericht. tages​schau​.de 16.09.2019.

[10] Flo­ri­an Fla­de, Volk­mar Kabisch, Mar­tin Kaul, Sebas­ti­an Pit­tel­kow: Ermitt­lun­gen gegen KSK-Sol­da­ten. Die Kis­ten von Collm. tages​schau​.de. 19.10.2020.

[11] Brief an Kramp-Kar­ren­bau­er: Rechts­ex­tre­me Ten­den­zen beim KSK? tages​schau​.de 12.06.2020.

[12] Zwei­te Kom­pa­nie des KSK auf­ge­löst. dw​.com 30.07.2020.

[13] Lisa Hänel, Mar­cel Fürs­ten­au: Reform der Eli­te­ein­heit KSK: „Die Muti­gen ermu­ti­gen“. dw​.com 01.07.2020.

[14] Caro­li­ne Wal­ter, Kat­rin Kam­pling: Bun­des­wehr: Rechts­ex­tre­me blei­ben, Infor­mant muss gehen. tages​schau​.de 05.03.2020.

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