[ISO:] Zur Konstitution des bürgerlichen Staates

Auch wenn wir heu­te
kei­ne Staats­kri­se haben: Nicht nur die Coro­na-Pro­tes­te las­sen es sinn­voll
erschei­nen, eini­ge Grund­satz­fra­gen zur Rol­le des Staa­tes neu zu erör­tern.

Jakob Schä­fer

In der
Gewerk­schafts­po­li­tik wie bei Fra­gen der Wahl­be­tei­li­gung, bei Fra­gen der
Beset­zung staat­li­cher Ämter (auch auf kom­mu­na­ler Ebe­ne) wie bei der
Grund­aus­rich­tung eines sozia­lis­ti­schen Pro­gramms ist ein kor­rek­tes Ver­ständ­nis
des bür­ger­li­chen Staa­tes von zen­tra­ler Bedeu­tung.

Der Staat als eine
Folge gesellschaftlicher Arbeitsteilung

Unab­hän­gig von den
kon­kre­ten Funk­tio­nen in den ver­schie­de­nen gesell­schaft­li­chen Epo­chen weist der Staat
zwei zen­tra­le Gemein­sam­kei­ten auf: Er ent­steht (a) im Zusam­men­hang mit der
Ent­fal­tung gesell­schaft­li­cher Arbeits­tei­lung und (b) mit der Her­aus­bil­dung von
Klas­sen. Ernest Man­del schreibt dazu: „Zu einer bestimm­ten Zeit der Ent­wick­lung
mensch­li­cher Gesell­schaft, bevor sie sich näm­lich in Klas­sen auf­spal­te­te,
wur­den bestimm­te Funk­tio­nen wie das Recht, Waf­fen zu tra­gen oder Recht zu
spre­chen, von allen erwach­se­nen Mit­glie­dern der Gemein­schaft kol­lek­tiv
aus­ge­übt. Erst im Rah­men der spä­te­ren Ent­wick­lung und in dem Maß, wie sich die
Gesell­schaft in Klas­sen auf­spal­te­te, wur­den die­se Kom­pe­ten­zen dem Kol­lek­tiv
ent­zo­gen und einer Min­der­heit vor­be­hal­ten, die sie auf beson­de­re Art nutzt.“[1]

Laut Fried­rich
Engels ist der Staat „ein Pro­dukt der Gesell­schaft auf bestimm­ter
Ent­wick­lungs­stu­fe; er ist das Ein­ge­ständ­nis, daß die­se Gesell­schaft sich in
einen unlös­ba­ren Wider­spruch mit sich selbst ver­wi­ckelt, sich in unver­söhn­li­che
Gegen­sät­ze gespal­ten hat, die zu ban­nen sie ohn­mäch­tig ist. Damit aber die­se
Gegen­sät­ze, Klas­sen mit wider­strei­ten­den öko­no­mi­schen Inter­es­sen nicht sich und
die Gesell­schaft in frucht­lo­sem Kampf ver­zeh­ren, ist eine schein­bar über der
Gesell­schaft ste­hen­de Macht nötig gewor­den, die den Kon­flikt dämp­fen, inner­halb
der Schran­ken der ‚Ord­nung‘ hal­ten soll; und die­se, aus der Gesell­schaft
her­vor­ge­gan­gen, aber sich über sie stel­len­de, sich ihr mehr und mehr
ent­frem­den­de Macht ist der Staat.“[2] Und wei­ter: „Da der Staat
ent­stan­den ist aus dem Bedürf­nis, Klas­sen­ge­gen­sät­ze im Zaum zu hal­ten, da er
aber gleich­zei­tig mit­ten im Kon­flikt die­ser Klas­sen ent­stan­den ist, so ist er
in der Regel Staat der mäch­tigs­ten, öko­no­misch herr­schen­den Klas­se, die
ver­mit­telst sei­ner auch poli­tisch herr­schen­de Klas­se wird und so neue Mit­tel erwirbt
zur Nie­der­hal­tung und Aus­beu­tung der unter­drück­ten Klas­se.“[3]

Über die­se
all­ge­mei­ne Bestim­mung hin­aus weist der „moder­ne Staat“, wie er sich in den
letz­ten 400 Jah­ren in (West)europa her­aus­ge­bil­det hat[4],
gewis­se Züge auf, die es näher zu betrach­ten gilt. Dabei soll­ten wir
fest­hal­ten: Genau­so wie in frü­he­ren Gesell­schafts­epo­chen ist auch der Staat im
Kapi­ta­lis­mus nicht ein­fach von der herr­schen­den Klas­se instal­liert wor­den.
Zwei­tens lei­tet er sich in sei­ner kon­kre­ten Form auch nicht logisch aus die­ser
oder jener Kapi­tal­ent­wick­lung ab. Er ist auf­grund sei­ner kom­ple­xen Geschich­te ‒
und von Land zu Land unter­schied­lich ‒ ein Ergeb­nis kon­kre­ter
Aus­ein­an­der­set­zun­gen des Bür­ger­tums (und spä­ter auch ande­rer Klas­sen) mit den
herr­schen­den Kräf­ten der vor­an­ge­gan­gen Gesell­schafts­for­ma­ti­on (vor allem dem
Feu­da­la­del). Dar­auf wei­sen z. B. Pou­lant­z­as und mehr noch Hirsch hin. Metho­disch
hat dies auch Ernest Man­del in sei­nen diver­sen Schrif­ten her­vor­ge­ho­ben und auch
mit kon­kre­ten Ana­ly­sen unter­mau­ert.[5]

In der feu­da­len
Gesell­schafts­ord­nung genüg­te es ‒ zumin­dest genüg­te das den Herr­schen­den ‒, die
ein­fa­che Repro­duk­ti­on
sicher­zu­stel­len. Das Besond­re nun am bür­ger­li­chen Staat ‒ am Staat im
Kapi­ta­lis­mus ‒ ergibt sich aus der spe­zi­fi­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se. Marx hat dies
schon im I. Band des Kapi­tals aus­rei­chend
klar gemacht hat: Im Unter­schied zu frü­he­ren Gesell­schafts­for­ma­tio­nen
(Gesell­schafts­ord­nun­gen mit jeweils eige­ner Pro­duk­ti­ons­wei­se) kommt es im
Kapi­ta­lis­mus dar­auf an, dass eine erwei­ter­te
Repro­duk­ti­on statt­fin­det und fort­lau­fend gesi­chert wird. Erwei­tert repro­du­ziert
wird aller­dings nur das Kapi­tal, nicht unbe­dingt die Gesamt­heit der
gesell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­mit­tel.[6] Denn: Die Kon­kur­renz der
Kapi­ta­le (Kapi­ta­lis­mus ohne Kon­kur­renz kann es nicht geben) zwingt zur
stän­di­gen Akku­mu­la­ti­on. Das Kapi­tal, das nicht erwei­tert repro­du­ziert wird (das
also nicht akku­mu­liert wird, um bei der nächs­ten tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung
mit­hal­ten zu kön­nen), ist dem Unter­gang geweiht.[7]
Des­we­gen ist das Prin­zip des „Immer-Mehr“ dem Kapi­ta­lis­mus inhä­rent und kann
nicht mit bür­ger­li­cher Poli­tik (also im Rah­men der herr­schen­den Wirt­schafts-
und Gesell­schafts­ord­nung) aus­ge­he­belt wer­den.[8]

Autonomie des
Staates in der bürgerlichen Gesellschaft

Marx hat sei­ne
Staats­theo­rie nicht im Detail aus­ge­ar­bei­tet, ein dazu geplan­tes Werk wur­de
nicht mehr rea­li­siert, aber sei­ne Hin­wei­se sind hilf­reich: „Er [der Staat]
ver­hält sich als ‚höhe­re Macht‘ zu ihren [der Fami­lie und der bür­ger­li­chen
Gesell­schaft] ‚Geset­zen und Inter­es­sen‘. Ihr ‚Inter­es­se‘ und ‚Gesetz‘ ver­hal­ten
sich als ein ‚Unter­ge­ord­ne­ter‘. Sie leben in der Abhän­gig­keit von ihm. Eben
weil ‚Unter­ord­nung’ und ‚Unab­hän­gig­keit‘ äuße­re,
das selb­stän­di­ge Wesen ein­engen­de und ihm zuwi­der­lau­fen­de Ver­hält­nis­se sind,
ist das Ver­hält­nis der ‚Fami­lie‘ und der ‚bür­ger­li­chen Gesell­schaft‘ zum Staa­te
das der ‚äußer­li­chen Not­wen­dig­keit‘,
eine Not­wen­dig­keit, die gegen das inne­re Wesen der Sache geht.“[9]

Für die
kapi­ta­lis­ti­sche Ent­wick­lung reicht es nicht, dass die Instanz „Staat“ von den
unmit­tel­ba­ren öko­no­mi­schen Pri­vat­in­ter­es­sen unab­hän­gig bleibt. Selbst die
Unab­hän­gig­keit von den spe­zi­fi­schen Inter­es­sen gro­ßer Tei­le der kapi­ta­lis­ti­schen Klas­se reicht nicht aus. Mehr als
in den vor­an­ge­gan­ge­nen Gesell­schafts­ord­nun­gen ver­fügt der bür­ger­li­che Staat
über eine rela­ti­ve Auto­no­mie, das heißt über ein gewis­ses Maß an Unab­hän­gig­keit
auch gegen­über den öko­no­misch Herr­schen­den.

Man­del zitiert Elmar
Alt­va­ter: „Das Kapi­tal kann somit von sich aus in sei­nen Aktio­nen die
Gesell­schaft­lich­keit sei­ner Exis­tenz gar nicht pro­du­zie­ren; es bedarf auf
sei­ner Grund­la­ge einer beson­de­ren Ein­rich­tung, die sei­nen Gren­zen nicht
unter­wor­fen ist, deren Han­deln also nicht von der Not­wen­dig­keit der [eige­nen]
Mehr­wert­pro­duk­ti­on bestimmt ist und die gleich­zei­tig auf der unan­ge­tas­te­ten
Grund­la­ge des Kapi­tals den imma­nen­ten Not­wen­dig­kei­ten nach­kommt, die das
Kapi­tal ver­nach­läs­sigt. […] Der Staat kann also weder als bloß poli­ti­sches
Instru­ment noch als vom Kapi­tal auf­ge­ho­be­ne Insti­tu­ti­on begrif­fen wer­den,
son­dern nur als beson­de­re Form der Durch­set­zung der gesell­schaft­li­chen Exis­tenz
des Kapi­tals neben und außer­halb der Kon­kur­renz.“[10]

Die for­ma­le
Rechts­gleich­heit in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft mit ihrer voll ent­fal­te­ten
Waren­wirt­schaft ‒ ein­schließ­lich des schein­bar gleich­wer­ti­gen Tauschs von
Arbeit gegen Lohn[11] ‒ ist die Grund­la­ge für den
Waren‑, aber auch für den Staats­fe­ti­schis­mus.[12] Die insti­tu­tio­nel­le Basis
für die rela­ti­ve Auto­no­mie des Staa­tes liegt in der Viel­fäl­tig­keit sei­ner
Auf­ga­ben und dem Aus­maß sei­ner Appa­ra­te, die infol­ge­des­sen ein gewis­ses
„Eigen­le­ben“ ent­wi­ckeln.[13]

Die mate­ri­el­le Basis
des Staa­tes sind die Steu­ern, ohne sie kein kapi­ta­lis­ti­scher Staat! Und ohne
Repres­si­ons­in­stru­men­te (Armee, Poli­zei, Jus­tiz, Straf­voll­zug) ist alles ande­re
Schall und Rauch. Der Staat erfüllt aller­dings sei­nen Zweck dann am bes­ten,
wenn er wenig Repres­si­on ein­set­zen muss, denn die­se hat letzt­lich
Rei­bungs­ver­lus­te zur Fol­ge. Gram­sci beschreibt dies so: „Die nor­ma­le Aus­übung
von Hege­mo­nie zeich­net sich durch die Kom­bi­na­ti­on von Zwang und Kon­sens aus, die
sich in ver­schie­de­ner Wei­se die Waa­ge hal­ten, ohne dass der Zwang zu sehr über
den Kon­sens über­wiegt.“

Grund­le­gend für die Macht­aus­übung
und Siche­rung ist zunächst die Ver­fü­gungs­ge­walt über bestimm­tes Wis­sen. „Die
büro­kra­ti­sche Ver­wal­tung bedeu­tet: Herr­schaft kraft Wis­sen: dies ist ihr
spe­zi­fisch ratio­na­ler Grund­cha­rak­ter. Über die durch das Fachwis­sen
beding­te gewal­ti­ge Macht­stel­lung hin­aus hat die Bure­au­kra­tie (oder der Herr,
der sich ihrer bedient), die Ten­denz, ihre Macht noch wei­ter zu stei­gern durch
das Dienst-wis­sen: die durch Dienst­ver­kehr erwor­be­nen oder ‚akten­kun­di­gen‘
Tat­sa­chen­kennt­nis­se. Der nicht nur, aber aller­dings spe­zi­fisch bure­au­kra­ti­sche
Begriff des ‚Amts­ge­heim­nis­ses‘ – in sei­ner Bezie­hung zum Fach­wis­sen etwa den
kom­mer­zi­el­len Betriebs­ge­heim­nis­sen gegen­über den tech­ni­schen ver­gleich­bar –
ent­stammt die­sem Macht­stre­ben. Über­le­gen ist der Bure­au­kra­tie an
Wis­sen: Fach­wis­sen und Tat­sa­chen­kennt­nis, inner­halb sei­nes Inter­es­sen­be­reichs,
regel­mä­ßig nur: der pri­va­te Erwerbs­in­ter­es­sent. Also: der
kapi­ta­lis­ti­sche Unter­neh­mer. Er ist die ein­zi­ge wirk­lich gegen
die Unent­rinn­bar­keit der bure­au­kra­ti­schen ratio­na­len Wis­sens-Herr­schaft
(min­des­tens: rela­tiv) immu­ne Instanz. Alle andern sind
in Mas­senver­bän­den der bure­au­kra­ti­schen Beherr­schung unent­rinn­bar
ver­fal­len, genau wie der Herr­schaft der sach­li­chen Prä­zi­si­ons­ma­schi­ne in der Mas­sen­gü­ter­be­schaf­fung.“[14]

Althus­ser,
Pou­lant­z­as und ande­re knüp­fen dar­an an, aber Pou­lant­z­as macht einen
ent­schei­den­den Feh­ler (in gewis­ser Wei­se bei Althus­ser, sei­nem Leh­rer, schon
ange­legt): Pou­lant­z­as führt die­se Ebe­ne des Macht­er­halts und der
Macht­aus­deh­nung des Staa­tes auf die Tren­nung von Kopf- und Hand­ar­beit zurück
und sieht dar­in die Kern­ur­sa­che für die Ent­ste­hung bzw. Fort­exis­tenz und
Wei­ter­ent­wick­lung des Staa­tes.[15]

Wenn man die
spe­zi­fisch für die (Staats)bürokratie nütz­li­che Wis­sens­an­häu­fung nicht aus­ei­chend
kon­kre­ti­siert und statt­des­sen alle Arbeits­tei­lung unter die Tren­nung von Hand-
und Kopf­ar­beit sub­su­miert, dann kann man neue­re Ent­wick­lun­gen ‒ erst recht die
der „Wis­sens­ge­sell­schaft“ ‒ über­haupt nicht mehr erklä­ren. Schließ­lich ist es
so ‒ und auch in den 1970er Jah­ren, als Pou­lant­z­as sei­ne Bücher schrieb, schon
gut erkenn­bar ‒, dass es gera­de nicht
eine fort­schrei­ten­de Tren­nung von Hand- und Kopf­ar­beit gibt. Neue­re
tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen ‒ schon im For­dis­mus! ‒ wären auf die­se Wei­se nie mög­lich
gewe­sen. Es fand schon im For­dis­mus eine wach­sen­de Reinte­gra­ti­on der Kopf­ar­beit
in den Pro­duk­ti­ons­pro­zess statt. Erst recht ist der Post­for­dis­mus zu einem
erheb­li­chen Teil auch eine Wis­sens­ge­sell­schaft, was allein schon dar­an
ersicht­lich ist, dass der Staat heu­te in zuneh­men­dem Maß z. B. auf digi­ta­le Kom­pe­ten­zen von Pri­vat­fir­men und der dort
arbei­ten­den Men­schen ange­wie­sen ist.

Zudem kann der Staat
nicht nur als Ver­dich­tung von Kräf­te­ver­hält­nis­sen ange­se­hen wer­den, son­dern
muss vor allem von sei­nen Grund­funk­tio­nen aus­ge­hend begrif­fen wer­den. Ohne eine
sol­che Staats­ab­lei­tung hängt die Dar­stel­lung der „rela­ti­ven Auto­no­mie“ völ­lig in
der Luft. So ist bei­spiels­wei­se die Begren­zung der Höchst­ar­beits­zeit in Eng­land
(Ein­füh­rung des Zehn-Stun­den-Geset­zes) ohne ein sol­ches Ver­ständ­nis nicht zu
erklä­ren. Die­ses Gesetz dien­te der phy­si­schen Erhal­tung der Arbeiter*innen und
war gleich­zei­tig eine Vor­keh­rung gegen poli­tisch nicht kon­trol­lier­ba­re
Auf­stän­de. So hat also der kapi­ta­lis­ti­sche Staat in jeder sei­ner Pha­sen nicht
eine abs­trak­te Funk­ti­on erfüllt, son­dern jeweils das umge­setzt, was sowohl dem
Eigen­in­ter­es­se des Staats­ap­pa­rats als auch dem Erhalt der kapi­ta­lis­ti­schen
Pro­duk­ti­ons­wei­se (und damit der öko­no­mi­schen Macht des Kapi­tals) dien­te.

Aufgaben und Funktionsabsicherung
des Staats

Aus­gangs­punkt einer
kor­rek­ten Wesens­be­stim­mung muss sein, dass wir den bür­ger­li­chen Staats­ap­pa­rat
nicht als eine Ansamm­lung von Spit­zen­po­li­ti­kern oder Büro­kra­ten (Spit­zen­be­am­ten
des Staa­tes) sehen, die vom Kapi­tal ihre Order bekom­men. Nichts wäre fal­scher
als das!

Der bür­ger­li­che
Staat erfüllt dann – und nur dann opti­mal ‒ sei­ne Funk­ti­on, wenn er best­mög­lich
für die Absi­che­rung der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se sorgt. Ganz
unmit­tel­bar sorgt der bür­ger­li­che Staat für die öko­no­mi­sche, sozia­le und
tech­ni­sche Infra­struk­tur. Dies reicht von der Siche­rung der Geld­wirt­schaft bis
dahin, dass der Staat not­falls eige­ne Wirt­schafts­un­ter­neh­men grün­det, um die
öko­no­mi­sche oder tech­ni­sche Infra­struk­tur für die gesam­te kapi­ta­lis­ti­sche
Klas­se zu ver­bes­sern. In Frank­reich ist ‒ his­to­risch bedingt ‒ die­se Tätig­keit
viel aus­ge­präg­ter als in der BRD. Vor allem säku­la­re Pro­jek­te fal­len in der
Regel dem Staat zu, also jene wirt­schaft­li­chen Inves­ti­tio­nen, die für das
Ein­zel­ka­pi­tal nicht zu stem­men wären (bzw. zu wenig Pro­fi­te abwer­fen wür­den).
Ein Extrem­bei­spiel ist die Grün­dung der Reichs­wer­ke Her­mann Göring im
Faschis­mus (Juli 1937), um die Aus­lands­ab­hän­gig­keit bei Roh­stof­fen auf ein
Mini­mum zu redu­zie­ren.

Aber die Auf­ga­ben
rei­chen wei­ter: „Mate­ri­el­le Umver­tei­lun­gen inner­halb und zwi­schen den Klas­sen
sind ohne staat­li­che Gewalt nicht rea­li­sier­bar und die Exis­tenz von Staa­ten
bleibt ele­men­tar für die Regu­la­ti­on der Klas­sen­ver­hält­nis­se, für die
Legi­ti­ma­ti­on der herr­schen­den Ver­hält­nis­se und für die Gewähr­leis­tung eines gewis­sen sozia­len Zusam­men­halts.“[16]

All dies muss auch
von einem bestimm­ten Per­so­nal umge­setzt wer­den. Wie Man­del betont, ist es ein
mecha­ni­scher Feh­ler, die bür­ger­li­che Klas­se auf die „fun­gie­ren­den Kapi­ta­lis­ten“
zu redu­zie­ren. Sämt­li­che Kapi­tal­be­sit­zer gehö­ren zu die­ser Klas­se, also auch
die Ren­tiers (Cou­pon­schnei­der), hoch bezahl­te Mana­ger usw. Eine wich­ti­ge
„Neben­li­nie“ der Bour­geoi­sie bil­den die „Berufs­po­li­ti­ker“ und die obe­ren Rän­ge
der Staats­bü­ro­kra­tie. Die­ses „Neben­li­nie“ wächst im Gleich­klang mit der
Hyper­tro­phie des Staa­tes. Die­se Büro­kra­tie iden­ti­fi­ziert sich weit­ge­hend mit
dem Staat „an sich“ und die­ser Iden­ti­fi­zie­rung ent­spricht am genau­es­ten die
Ideo­lo­gie des Gesamt­in­ter­es­ses der Gesell­schaft.

Man­del: „Die hohen
Ein­künf­te der Spit­zen des Staats­ap­pa­ra­tes, ihr Zugang zu ver­trau­li­chen
Infor­ma­tio­nen für ein­träg­li­che und gesi­cher­te Spekulationen…sichert in qua­si
auto­ma­ti­scher Wei­se die Ein­bin­dung (Inte­gra­ti­on) von Spit­zen­po­li­ti­kern und
Spit­zen­be­am­ten in die bür­ger­li­che Klas­se, unge­ach­tet ihrer Her­kunft, weil es
ihnen Akku­mu­la­ti­on von Geld­ka­pi­tal ermög­licht. Als Kapi­tal­eig­ner sind sie dann
an der Erhal­tung des Grund­be­stands der bür­ger­li­chen Ord­nung inter­es­siert.“[17]

„Die­se Selek­ti­ons­ver­fah­ren – die weni­ger
auf direk­tem Ämter­kauf, Nepo­tis­mus, Ver­er­bung von Pfrün­den oder Beloh­nung von
Diens­ten an Staats­häup­tern beru­hen, wie dies in vor­ka­pi­ta­lis­ti­schen Staa­ten der
Fall war – fußen in beträcht­li­chem Aus­maß
auf Leis­tungs­zwang und Kon­kur­renz, die selbst­ver­ständ­lich nicht von der in der
kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se wur­zeln­den Kon­kur­renz und Leis­tungs­zwang in
der mate­ri­el­len Pro­duk­ti­on will­kür­lich getrennt wer­den kön­nen. Wich­tig jedoch
ist es zu unter­strei­chen, dass sich in die­sem Selek­ti­ons­pro­zess
Ver­hal­tens­wei­sen und Denk­for­men durch­set­zen müs­sen,
die erfolg­rei­che bür­ger­li­che Poli­ti­ker und hohe Beam­te objek­tiv zu
Instru­men­ten der Klas­sen­herr­schaft des Bür­ger­tums gestal­ten, unab­hän­gig von
ihrer per­sön­li­chen Moti­vie­rung oder ihrem sub­jek­ti­ven Selbst­ver­ständ­nis.“[18] Nur wer also den Klas­sen­in­ter­es­sen des
Kapi­tals ent­spricht, kann ent­spre­chend auf­stei­gen. Dies nicht erkannt zu haben,
ist ein wesent­li­cher Schwach­punkt aller Reformist*innen.

Man­del schreibt:
„Aber nicht nur der hier­ar­chi­sche Auf­bau bestimmt die Rol­le des bür­ger­li­chen
Staa­tes als Herr­schafts­in­stru­ment der bür­ger­li­chen Klas­se. Sei­ne Struk­tur
selbst ist das hier ent­schei­den­de Moment, wel­ches bewirkt, daß die­ser Staat –
auch in sei­ner demo­kra­tischs­ten Form – die­se Rol­le und nur die­se Rol­le spie­len kann.“ Und als Fuß­no­te fügt er hin­zu:
„Unkennt­nis des Struk­tur­cha­rak­ters des bür­ger­li­chen Staa­tes und der
kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se ist der Haupt­feh­ler aller Refor­mis­ten
und Neo-Refor­mis­ten, inkl. jener mit den ‚bes­ten Absich­ten‘: der Befür­wor­ter
‚sys­tem­über­win­den­der‘ Refor­men und der Anhän­ger des Kon­zepts des
‚anti-mono­po­lis­ti­schen‘ Bünd­nis­ses“.[19]
„Den bür­ger­li­chen Staats­ap­pa­rat zur sozia­lis­ti­schen Umge­stal­tung der
Gesell­schaft benut­zen zu wol­len, unter­schei­det sich nicht von der Illu­si­on,
eine Armee mit Hil­fe pazi­fis­ti­scher Gene­rä­le auf­lö­sen zu kön­nen.“[20]

„Bedenkt man
über­dies, wie stark die Vor­herr­schaft der all­ge­mei­nen Ideo­lo­gie des Bür­ger­tums
auch im Pro­le­ta­ri­at in ‚ruhi­gen Zei­ten‘ bleibt und blei­ben muß; wie sehr
meh­re­re ‚Grund­my­then‘ als selbst­ver­ständ­lich gel­ten, gera­de weil sie nichts
ande­res sind als ein ideo­lo­gi­scher Reflex der bestehen­den gesell­schaft­li­chen
Ver­hält­nis­se, dann ver­steht man, wel­che gewal­ti­ge inte­grie­ren­de Kraft von der
bür­ger­li­chen Staats­form aus­geht ‒ eine Kraft, die nicht zuletzt füh­ren­de Kader
von Arbei­ter­mas­sen­par­tei­en und Mas­sen­ge­werk­schaf­ten über die Sym­bio­se mit dem
Staats­ap­pa­rat in zahl­rei­chen kon­zer­tie­ren­den Gre­mi­en zu sys­tem­kon­for­mem
Ver­hal­ten, wenn nicht sogar zu prak­ti­scher Aus­söh­nung mit dem Spät­ka­pi­ta­lis­mus
ver­lei­tet.“[21]

Im
vor­i­m­pe­ria­lis­ti­schen Sta­di­um des Kapi­ta­lis­mus war der Staat ver­gleichs­wei­se
schwach. Der Haupt­un­ter­schied zur vor­an­ge­gan­ge­nen Gesell­schafts­ord­nung lag sei­ner­zeit
dar­in, dass die herr­schen­de Klas­se weni­ger direk­te Gewalt zur Durch­set­zung der
unmit­tel­ba­ren Zwangs- und Knecht­schafts­ver­hält­nis­se benö­tig­te.

In dem Maße, wie
sich aller­dings die Klas­sen­kämp­fe ver­schärf­ten (also die ideo­lo­gi­sche
Inte­gra­ti­on nicht mehr aus­rei­chend für Klas­sen­ru­he sor­gen konn­te), wuchs die
Macht des bür­ger­li­chen Staa­tes, und zwar sowohl in sei­ner unmit­tel­bar
öko­no­mi­schen Rol­le wie auch beim Ein­satz ver­mehr­ter Repres­si­on. Dabei fin­det
ein bedeut­sa­mer Aus­bau des eigent­li­chen Staats­ap­pa­rats statt, der für eine
eige­ne „inter­ne“ Kon­ti­nui­tät sorgt. Will hei­ßen: Die offi­zi­el­le Staats­spit­ze
kann (seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts sogar in wach­sen­dem Maß) rela­tiv pro­blem­los
aus­ge­tauscht wer­den, ohne dass damit der gan­ze Funk­ti­ons­zu­sam­men­hang oder die
Auf­ga­ben­be­stim­mung des Gesamt­ap­pa­ra­tes gefähr­det wird. Mehr und mehr ent­wi­ckelt
die­ser Appa­rat eine sehr funk­ti­ons­fä­hi­ge Infra­struk­tur, deren wich­ti­ges
Per­so­nal der Öffent­lich­keit weit­ge­hend unbe­kannt ist. In den letz­ten
Jahr­zehn­ten wur­de dies in eini­gen Län­dern (am bes­ten bekannt für den Fall der
Tür­kei) noch durch eine Ent­wick­lung des „tie­fen Staa­tes“ ergänzt, also einer
kon­spi­ra­ti­ven Ver­flech­tung von Geheim­diens­ten, Mili­tär und Tei­len des
tra­di­tio­nel­len enge­ren Staats­ap­pa­rats.[22]

Wir soll­ten
fest­hal­ten ‒ auch Pou­lant­z­as hat dies zu Recht betont –, dass es kei­ne
unauf­halt­sa­me linea­re Ten­denz in Rich­tung auto­ri­tä­rer oder gar faschis­ti­scher
Staat gibt. Die Behaup­tung von einer all­ge­mei­nen „Faschi­sie­rung“ des Staa­tes
ist purer Unsinn, weil dies nicht die wech­seln­den Kräf­te­ver­hält­nis­se und die dar­aus
sich für die Bour­geoi­sie erge­ben­den Kon­se­quen­zen wahr­nimmt. Georg („Schorsch“)
Jung­clas schreibt dazu: „Die Bour­geoi­se übt ihre Herr­schaft jeweils in der Form
aus, die vom Stand­punkt ihrer Klas­sen­in­ter­es­sen die zweck­ent­spre­chends­te ist.“[23] Zur Bevor­zu­gung die­ser
oder jener Form des bür­ger­li­chen Staa­tes (par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie, Bona­par­tis­mus,
Mili­tär­dik­ta­tur, Faschis­mus) gelangt die Bour­geoi­sie natür­lich nicht mit­tels wei­sen Beschlus­ses eines
Rates aller Kapitalist*innen. Gera­de auf­grund der rela­ti­ven Auto­no­mie des
Staa­tes kann es zu sehr zähem Rin­gen und Kräf­te­mes­sen kom­men. So hat sich in
Frank­reich nach den revo­lu­tio­nä­ren Unru­hen von 1848 erst im Ver­lauf von mehr
als andert­halb Jah­ren der Bona­par­tis­mus durch­ge­setzt.[24]

Veränderungen der
konkreten Staatsaufgaben im Spätkapitalismus

Im Kapi­ta­lis­mus
haben wir einen schein­bar wider­sprüch­li­chen Pro­zess, der aber bei genaue­rem
Hin­se­hen kei­ne wirk­li­chen Ver­ständ­nis­pro­ble­me berei­tet. Auf der einen Sei­te
ent­wi­ckelt der bür­ger­li­che Staat mit dem Ent­ste­hen des Impe­ria­lis­mus eine
zuneh­mend akti­ve Rol­le zur Siche­rung der unmit­tel­ba­ren
Pro­fit­in­ter­es­sen des hei­mi­schen Kapi­tals (mit der Ent­wick­lung des
„Wett­be­werbs­staa­tes“ stei­gert sich dies sogar qua­li­ta­tiv[25]).
Auf der ande­ren Sei­te ver­stärkt der Staat mit der Zunah­me wei­te­rer kon­kre­ter
Funk­tio­nen und dem Aus­bau sei­ner Appa­ra­te die rela­ti­ve Auto­no­mie des Staa­tes
gegen­über den unmit­tel­ba­ren Wirt­schafts­in­ter­es­sen die­ser oder jener
Kapi­tal­frak­ti­on. Da die­ser Aus­bau des Staa­tes auto­ma­tisch mit einer Stär­kung
der mate­ri­el­len und poli­ti­schen Inter­es­sen der Staats­agen­ten ein­her­geht, sind
nicht weni­ge Men­schen davon über­zeugt, dass der Staat ein klas­sen­un­ab­hän­gi­ges
Gebil­de ist, das gera­de nicht den ein­gangs zitier­ten Aus­sa­gen von Engels
ent­spricht.

Im Post­for­dis­mus
kommt es zu einem gewal­ti­gen Aus­bau der inter­na­tio­na­len Wert­schöp­fungs­ket­ten.
Foster/​Suwandi schrei­ben: „Die Covid-19-Pan­de­mie mit ihren Lock­downs und den
Maß­nah­men sozia­ler Distan­zie­rung ist ‚die ers­te glo­ba­le Lie­fer­ket­ten­kri­se‘
(Ste­fa­no Fel­tri, Why Coro­na­vi­rus Trig­ge­red the First Glo­bal Sup­ply Chain
Cri­sis‘ in Pro-Mar­ket, 5. März 2020). Sie hat zu öko­no­mi­schen Wert­ver­lus­ten,
enor­mer Arbeits­lo­sig­keit und Unter­be­schäf­ti­gung, dem Zusam­men­bruch von Fir­men,
weit ver­brei­te­tem Hun­ger und ande­ren Ent­beh­run­gen geführt.“[26]
Die Autoren schrei­ben wei­ter (und zitie­ren dabei Eli­sa­beth Braw[27]), dass bei­spiels­wei­se
Volks­wa­gen „ ‚5000 direk­te Zulie­fe­rer hat, die alle noch ein­mal im Durch­schnitt
250 Zulie­fe­rer der zwei­ten Ebe­ne besit­zen. Dies bedeu­tet, dass die Fir­ma
tat­säch­lich 1,25 Mil­lio­nen Zulie­fe­rer hat, von denen sie [eine mul­ti­na­tio­na­le
Fir­ma] die gro­ße Mehr­heit nicht kennt.‘ Zulie­fe­rer der drit­ten Ebe­ne sind dabei
noch gar nicht berück­sich­tigt.“[28] 

Die qua­li­ta­tiv
gestei­ger­te Ver­flech­tung der Welt­wirt­schaft – bedeu­tend mehr Welt­han­del sowie
gewal­tig aus­ge­dehn­te Lie­fer­ket­ten ‒ hat weit­rei­chen­de Fol­gen für die kon­kre­ten
Auf­ga­ben des Staa­tes. Der in die­sem Pro­zess sich ent­wi­ckeln­de Wett­be­werbs­staat
erfor­dert von den Staats­ap­pa­ra­ten ande­re Mit­tel, als es sie noch im For­dis­mus
gab, u. a. auch und gera­de die ver­stärk­ten inter­na­tio­na­len Akti­vi­tä­ten (WTO
usw.), im Extrem­fall bis hin zu wie­der mehr bewaff­ne­ten Inter­ven­tio­nen. Die
Staats­funk­tio­nen neh­men also zu!

Natür­lich ist ein
Wett­be­werbs­staat in aller Regel auch wei­ter­hin ein Natio­nal­staat (die Fäl­le, in
denen er meh­re­re Natio­nen abdeckt, sind hier mit­ge­dacht) und somit auch als
rei­ner Appa­rat schon dar­um bemüht, sich (natio­nal und inter­na­tio­nal) zu
behaup­ten. Die rela­ti­ve Auto­no­mie wirkt fort, aber der Staat ent­wi­ckelt kein
von Klas­sen­in­ter­es­sen unab­hän­gi­ges oder „neu­tra­les“ Eigen­le­ben.

Das nimmt im
Wett­be­werbs­staat sehr hand­fes­te For­men an. Es gibt kei­nen bedeut­sa­men
Staats­be­such in Chi­na, Russ­land, Sau­di-Ara­bi­en usw., bei dem nicht gro­ße
„Wirt­schafts­de­le­ga­tio­nen“ mit­rei­sen, denen die staat­li­chen Ver­tre­ter ‒ von
Gut­ten­berg (sie­he Wire­card) bis Alt­mei­er ‒ die Türen öff­nen.

Die Kon­kur­renz der
Stand­or­te erleich­tert es den Herr­schen­den ganz beträcht­lich, den Druck auf die
Lohn­ab­hän­gi­gen (und ande­re unter­drück­te Schich­ten) zu erhö­hen. Gleich­zei­tig
hilft die­se Kon­kur­renz der Wett­be­werbs­staa­ten, ein Natio­nal­ge­fühl her­zu­stel­len
oder zu fes­ti­gen (Fetisch der „Volks­ge­mein­schaft“). Die inter­na­tio­nal
agie­ren­den Unter­neh­men brau­chen aber auch staat­li­che Unter­stüt­zung bei der
Absi­che­rung ihrer Geschäf­te. Nicht zuletzt die Herr­schaft über die Peri­phe­rie
wäre ohne die akti­ve Tätig­keit der impe­ria­lis­ti­schen Staa­ten nicht in dem heu­te
vor­han­de­nen Maß auf­recht­zu­er­hal­ten. Hirsch: Das glo­ba­le kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem
ist ein „ver­än­der­li­ches Netz­werk
gegen­sätz­li­cher und zugleich ver­bun­de­ner ein­zel­staat­li­cher, gege­be­nen­falls
regio­na­ler Akku­mu­la­ti­ons- und Regu­la­ti­ons­zu­sam­men­hän­ge.“[29]

Basis und Überbau

Gera­de in der
bür­ger­li­chen Gesell­schaft besteht der Staat aus sehr viel mehr als nur den
Spit­zen des Staats­ap­pa­rats. Gram­sci leg­te gro­ßen Wert dar­auf, her­vor­zu­he­ben,
dass in dem Gesamt­ge­bil­de, das den Men­schen als Staat gegen­über­steht, eine
Rei­he von „Insti­tu­tio­nen“ mit zu betrach­ten sind: Medi­en, Kir­che, Fami­lie.[30] Für Gram­sci sind letzt­lich
auch Par­tei­en, Ver­bän­de, Uni­ver­si­tä­ten usw. Teil der „zivi­len Gesell­schaft“ und
Bestand­tei­le des regu­la­ti­ven Sys­tems und damit Teil des Staa­tes, also Teil der
ver­dich­te­ten Kräf­te­ver­hält­nis­se.

Für sei­ne Funk­ti­ons­ab­si­che­rung
nutzt der Staat nicht zuletzt ideo­lo­gi­sche
Staats­ap­pa­ra­te.
Die­se Begriff­lich­keit geht auf Althus­ser zurück[31] und wird von Pou­lant­z­as
(teil­wei­se abge­wan­delt) auf­ge­grif­fen. Im Grun­de aber ist die­se Erkennt­nis nicht
neu. Marx und Engels füh­ren aus: „Die Gedan­ken der herr­schen­den Klas­se sind in
jeder Epo­che die herr­schen­den Gedan­ken, d. h. die Klas­se, wel­che die herr­schend
mate­ri­el­le Macht der Gesell­schaft
ist, ist zugleich ihre herr­schen­de geis­ti­ge
Macht. Die Klas­se, die die Mit­tel zur mate­ri­el­len Pro­duk­ti­on zur Ver­fü­gung hat,
dis­po­niert damit zugleich über die Mit­tel zur geis­ti­gen Pro­duk­ti­on.“[32] Kurz: Auch im Kapi­ta­lis­mus
des 19. Jahr­hun­derts wirk­ten die­se Appa­ra­te, damals mit einer grö­ße­ren Rol­le
der Kir­che, aber eben­falls schon mit der kapi­ta­lis­tisch erzie­hen­den Rol­le der
Schu­le, der Medi­en usw.

Aus den Aus­füh­run­gen
zur eigen­stän­di­gen Rol­le des Staa­tes lei­tet sich auch ab, dass die oft
ver­wen­de­te Cha­rak­te­ri­sie­rung des Staa­tes als „Über­bau“ ganz leicht zu
Miss­ver­ständ­nis­sen füh­ren kann und des­halb tun­lichst ver­mie­den wer­den soll­te. Gram­sci
schreibt dazu:

„Öko­no­mie und Ideo­lo­gie. Die Behaup­tung, die wie ein grund­le­gen­des Pos­tu­lat des his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus vor­ge­bracht wird, daß jede Bewe­gung in der Poli­tik und der Ideo­lo­gie als ein unmit­tel­ba­rer Aus­druck der Basis dar­zu­stel­len und zu erklä­ren ist, muß theo­re­tisch als pri­mi­ti­ver Infan­ti­lis­mus und prak­tisch mit dem authen­ti­schen Zeug­nis von Karl Marx bekämpft wer­den, der kon­kre­te his­to­ri­sche und poli­ti­sche Wer­ke ver­faßt hat. […]

  1. Die Schwie­rig­keit, die Basis jeweils sta­tisch (wie eine foto­gra­fi­sche Moment­auf­nah­me) zu erfas­sen. Die Poli­tik ist in der Tat stets die Wider­spie­ge­lung der Ent­wick­lungs­ten­den­zen der Basis, die­se Ten­den­zen müs­sen aber nicht unbe­dingt zu ihrer vol­len Ent­fal­tung kom­men. Eine Pha­se der Basis kann erst dann kon­kret stu­diert und ana­ly­siert wer­den, wenn sie ihren gesam­ten Ent­wick­lungs­pro­zeß durch­lau­fen hat, und nicht schon wäh­rend des Pro­zes­ses selbst. In die­sem Fall darf man nur eine Hypo­the­se auf­stel­len, wobei man aus­drück­lich beto­nen muß, daß es sich um eine Hypo­the­se han­delt.
  2. Dar­aus folgt, daß einer bestimm­ten poli­ti­schen Hand­lung durch­aus ein Kal­ku­la­ti­ons­feh­ler von Füh­rern der herr­schen­den Klas­sen zugrun­de gele­gen haben kann, ein Feh­ler, den die his­to­ri­sche Ent­wick­lung im Zuge der par­la­men­ta­ri­schen Regie­rungs­kri­sen der herr­schen­den Klas­sen kor­ri­giert und über­win­det: Der mecha­ni­sche his­to­ri­sche Mate­ria­lis­mus zieht die Mög­lich­keit des Irr­tums über­haupt nicht in Betracht, son­dern sieht jeden poli­ti­schen Akt unmit­tel­bar durch die Basis bestimmt, das heißt als eine Wider­spie­ge­lung einer rea­len und dau­er­haf­ten (erwor­be­nen) Ver­än­de­rung der Basis. Das Prin­zip des „Irr­tums” ist kom­plex: Er kann auf einem indi­vi­du­el­len Impuls auf Grund fal­scher Ein­schät­zung beru­hen oder auch Aus­druck eines Ver­suchs bestimm­ter Grup­pen und Grüpp­chen sein, die Vor­herr­schaft inner­halb der herr­schen­den Grup­pie­rung an sich zu rei­ßen; Ver­su­che, die schei­tern kön­nen.
  3. Es wird nicht genü­gend berück­sich­tigt, daß vie­le poli­ti­sche Hand­lun­gen durch eine inne­re Not­wen­dig­keit der Orga­ni­sa­ti­on ver­ur­sacht wer­den, das heißt, sie sind durch das Erfor­der­nis bedingt, einer ‚Par­tei‘, einer Grup­pe, einer Gesell­schaft einen geschlos­se­nen Cha­rak­ter zu geben. Das zeigt sich zum Bei­spiel klar in der Geschich­te der katho­li­schen Kir­che. Wenn man für jeden ideo­lo­gi­schen Kampf inner­halb der Kir­che die unmit­tel­ba­re und ursprüng­li­che Erklä­rung in der Basis suchen woll­te, wür­de man schön her­ein­fal­len …“[33]

Zu den von Gram­sci
so bezeich­ne­ten „Kal­ku­la­ti­ons­feh­lern“ will ich ein Bei­spiel geben, das mir
schla­gend erscheint: Hät­ten die ent­schei­den­den staat­li­chen Stel­len am 10. Mai
1968 nicht in Paris die Stu­die­ren­den ange­grif­fen, son­dern hät­ten sie sich zu
Gesprä­chen und Zuge­ständ­nis­sen bereit erklärt, dann wäre es nicht zur „Nacht
der Bar­ri­ka­den“ gekom­men. Die aber wur­de im gan­zen Land live über­tra­gen, die
Repres­si­on der Poli­zei hat eine gewal­ti­ge Empö­rung aus­ge­löst. Drei Tage spä­ter,
am Mon­tag, den 13. Mai, begann der größ­te Gene­ral­streik in der fran­zö­si­schen
Geschich­te (9,5 Mio. Strei­ken­de) und eine bis dahin nicht dage­we­se­ne brei­te
gesell­schaft­li­che Mobi­li­sie­rung, die die fran­zö­si­sche Geschich­te (auch die
Ent­wick­lung jen­seits der Lan­des­gren­zen) über Jah­re geprägt hat und für eine
gewis­se Zeit die Kräf­te­ver­hält­nis­se in Frank­reich spür­bar ver­än­dert hat. Mehr
noch: Wie Dani­el Ben­saïd mehr­fach in sei­nen Reden und Schrif­ten erklärt hat:
Ende des Monats stand drei Tage lang nicht fest, in wel­che Rich­tung sich das
Kräf­te­mes­sen ent­wi­ckeln wür­de. Der Staat ‒ in dem Fall die „V. Repu­blik“ ‒
befand sich in einer bis dahin nicht dage­we­se­nen Kri­se.

Der Staat ist und
bleibt ein Klassenstaat

Nur wenn wir die bis­he­ri­gen
Aus­füh­run­gen in ihrem Kern ernst neh­men, kön­nen wir uns wie­der auf Marx und
Engels bezie­hen und rich­tig ein­ord­nen, was sie im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest geschrie­ben haben: „Die moder­ne
Staats­ge­walt ist nur ein Aus­schuß, der die gemein­schaft­li­chen Geschäf­te der
gan­ze Bour­geoi­sie ver­wal­tet.“[34]
Oder auch Engels: „Der moder­ne Staat, was auch sei­ne Form, ist eine wesent­lich
kapi­ta­lis­ti­sche Maschi­ne, Staat der Kapi­ta­lis­ten, der ideel­le Gesamt­ka­pi­ta­list.“[35]

Mit ande­ren Wor­ten:
Die Erkennt­nis, dass der bür­ger­li­che Staat (mehr als sei­ne Vor­gän­ger) über eine
weit­rei­chen­de Auto­no­mie ver­fügt (selbst der weit gebräuch­li­che Begriff „rela­ti­ve
Auto­no­mie“ ist eher zu schwach), bedeu­tet nicht, dass die­ser Staat ein
Eigen­le­ben hat, das es ihm ermög­licht, sich von den Inter­es­sen der herr­schen­den
Klas­se, näm­lich der Auf­recht­erhal­tung der kapi­ta­lis­ti­schen
Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se, abzu­kop­peln oder sie zu bekämp­fen. Für die im
Staats­ap­pa­rat Täti­gen (min­des­tens an ihrer Spit­ze) bestehen auch ganz eige­ne
Inter­es­sen, vor­ran­gig die der eige­nen mate­ri­el­len Absi­che­rung, unab­hän­gig von
der gera­de bestehen­den Kapi­tal­pro­fi­ta­bi­li­tät. Aber auch die sind letzt­lich an
die Fort­exis­tenz der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se gebun­den.

Eine Poli­tik, die
dies nach­hal­tig unter­gra­ben wür­de, käme einem Selbst­mord der hohen
Staats­be­am­ten gleich. Mehr noch: Wür­den bedeu­ten­de Kapi­tal­krei­se (ganz gleich,
ob in offi­zi­el­len Ver­bän­den orga­ni­siert oder nur „pri­vat“ mit­ein­an­der ver­bun­den)
eine sol­che Gefahr sehen, dann wür­den sie unver­züg­lich mit „ein­sich­ti­gen“
Krei­sen der Armee, der Poli­zei usw. einen Staats­streich in die Wege lei­ten. Der
kann bona­par­tis­tisch oder in Form einer Mili­tär­dik­ta­tur (not­falls auch
faschis­tisch) umge­setzt wer­den. So hat sich in Deutsch­land im Jahr 1932 das
Groß­ka­pi­tal hin­ter Hit­ler ver­sam­melt, ein­ge­lei­tet durch die Ein­la­dung Hit­lers
im Indus­trie­club zu Düs­sel­dorf (26. 1. 1932), als er vor 300 hand­ver­le­se­nen
Groß­ka­pi­ta­lis­ten (Frau­en waren kei­ne dabei) sein Pro­gramm dar­le­gen konn­te. Nicht
anders war es bei den Bei­spie­len, die Ernest Man­del in sei­nem Auf­satz „Metho­di­sches
zur Klas­sen­na­tur des bür­ger­li­chen Staa­tes“ anführt.[36]

Die hohen
Staats­bea­men haben nicht nur ein ideo­lo­gi­sches Inter­es­se an der Auf­recht­erhal­tung
des Kapi­ta­lis­mus. „Wer aus Angst, dem ‚Vul­gär­mar­xis­mus‘ zu ver­fal­len
oder sich
in ‚beschrei­ben­dem Klein­kram‘ zu ver­lie­ren, die­ses Moment aus der Ana­ly­se des Struk­tur­cha­rak­ters der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, die Staat und Bour­geoi­sie unzer­trenn­lich
mit­ein­an­der ver­bin­den, aus­schal­tet, ver­liert den Blick für ein Wesens­mo­ment die­ser
Gesell­schaft, d.h. des Kapi­tals selbst. Denn uni­ver­sel­ler Berei­che­rungs­trieb und uni­ver­sel­le
Geld­wirt­schaft
sind nicht eine ‚exter­ne‘ Neben­er­schei­nung, die der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se irgend­wie auf­ge­pfropft wäre: sie sind struk­tu­rel­le Wesens­zü­ge die­ser Gesell­schaft, von deren Wir­kun­gen sich
kei­ne Grup­pe
von Men­schen dau­er­haft befrei­en kann, dem­nach auch nicht Berufs­po­li­ti­ker oder
Büro­kra­ten.
Nicht indi­vi­du­el­le Kor­rup­ti­on, son­dern die unver­meid­li­chen Aus­wir­kun­gen der dem
Kapi­ta­lis­mus imma­nen­ten Ten­denz, jede beträcht­li­che Geld­sum­me in eine Quel­le von Mehr­wert zu ver­wan­deln, d.h. zu kapi­ta­li­sie­ren, lie­gen an der Basis die­ser Ana­ly­se.“[37]

Heu­te sieht die
Ver­bin­dung von Staats­ap­pa­rat und Groß­kon­zer­nen so aus, dass die gegen­sei­ti­ge
„Bera­tung“ über die offi­zi­el­le Lob­by­is­ten­schie­ne ver­läuft. Wie unver­fro­ren man
dabei vor­geht, zeigt die spe­zi­ell dafür ein­ge­rich­te­te Beur­lau­bung des
Diplo­ma­ten Jens Hane­feld (Außen­mi­nis­te­ri­um), damit er bei VW als Lei­ter
der Abtei­lung „Inter­na­tio­na­le und Euro­päi­sche Poli­tik“ fun­gie­ren kann.[38]

Ohne Gegenmacht
keine Infragestellung des Staates

Sowohl die
sorg­fäl­ti­ge Ana­ly­se des struk­tu­rel­len Cha­rak­ters des bür­ger­li­chen Staa­tes als
auch die Aus­wer­tung aller geschicht­li­chen Erfah­run­gen des Kampfs gegen den
Staat im Kapi­ta­lis­mus machen unmiss­ver­ständ­lich klar: Ein scheib­chen­wei­ses
Über­win­den der kapi­ta­lis­ti­schen Staats­ord­nung und ein Hin­über­glei­ten in eine
demo­kra­tisch-sozia­lis­ti­sche Ver­wal­tung des Gemein­we­sens (gar mit der Ten­denz
des Abster­bens staat­li­cher Macht) ist schlicht nicht vor­stell­bar. Die Angst,
die Not­wen­dig­keit des revo­lu­tio­nä­ren Bruchs offen aus­zu­spre­chen, zeich­net
aller­dings nicht nur aus­ge­mach­te refor­mis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen wie etwa die
Par­tei Die LINKE aus, die mei­nen, dass eine sol­che Klar­stel­lung abschre­cken und
ihrer „Real­po­li­tik“ scha­den wür­de.

So drückt sich auch
der viel­seits geschätz­te Pou­lant­z­as (der kei­nem „real­po­li­ti­schen Druck“
aus­ge­setzt war) um die­se Klar­stel­lung, wenn er bei­spiels­wei­se aus­führt: „Die
radi­ka­le Trans­for­ma­ti­on des Staats­ap­pa­rats in einem demo­kra­ti­schen Weg zum
Sozia­lis­mus impli­ziert, dass es nun nicht mehr um das gehen kann, was man
tra­di­tio­nel­ler­wei­se als Zer­schla­gung oder Zer­stö­ren die­ses Appa­rats bezeich­net.“[39]

Ursa­che für Pou­lant­z­as‘
Her­an­ge­hens­wei­se ist sei­ne feh­ler­haf­te Auf­ar­bei­tung der Geschich­te, wenn er bei
Lenin „Kei­me des Sta­li­nis­mus“[40] aus­macht und einen
Wider­spruch zwi­schen Räte­macht und Demo­kra­tie sieht. Die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on
sieht Pou­lant­z­as nur vor dem Hin­ter­grund des zaris­ti­schen Russ­lands als
gerecht­fer­tigt bzw. in die­ser Form für not­wen­dig an. Ver­all­ge­mei­nern­de Leh­ren
dar­aus zu zie­hen, wie Lenin und vor allem die III. Inter­na­tio­na­le in ihrer
Anfangs­zeit (also vor ihrer sta­li­nis­ti­schen Dege­ne­ra­ti­on) vor­schlu­gen, lehnt
Pou­lant­z­as ab.[41]

Der Kern sei­nes
Miss­ver­ständ­nis­ses liegt in sei­ner Gleich­stel­lung einer „jako­bi­ni­schen
Tra­di­ti­on“ mit der Räte­macht, die im Gegen­satz zur „Selbst­ver­wal­tung und der
direk­ten Basis­de­mo­kra­tie“ ste­he.[42] Er erklärt das so: „War
nicht die­se Situa­ti­on, die­se Linie (die radi­ka­le Erset­zung der reprä­sen­ta­ti­ven
Demo­kra­tie durch die blo­ße Räte­de­mo­kra­tie) der grund­le­gen­de Fak­tor für das, was
in der Sowjet­uni­on bereits zu Lenins Leb­zei­ten gesche­hen ist, und der den
zen­tra­lis­ti­schen und eta­tis­ti­schen Lenin her­vor­brach­te, des­sen Erben man kennt?“[43] Wie­so sich Räte­de­mo­kra­tie
und Selbst­ver­wal­tung aber angeb­lich gegen­sei­tig aus­schlie­ßen, erklärt er nicht.
Umge­kehrt wird ein Schuh draus: Ohne poli­ti­sche Struk­tur, die die Selbst­ver­wal­tung
über­haupt ermög­licht und öko­no­misch sowie poli­tisch absi­chert, ist ein
Abster­ben des Staa­tes (also der Kampf gegen den Eta­tis­mus) gar nicht
vor­stell­bar. Den Eta­tis­mus (im Namen der Selbst­ver­wal­tung) abzu­leh­nen, aber gleich­zei­tig
den radi­ka­len Bruch mit dem bür­ger­li­chen Staat abzu­leh­nen, ist nicht gera­de
beson­ders kon­se­quent.

Um sein
Etap­pen­mo­dell zu recht­fer­ti­gen führt Pou­lant­z­as aus: „Der kapi­ta­lis­ti­sche Staat
wird dabei [von den Ver­fech­tern der Räte­de­mo­kra­tie] als blo­ßes Objekt oder
Instru­ment betrach­tet, das von der Bour­geoi­sie, deren Pro­dukt er ist, nach
Belie­ben mani­pu­liert wer­den kann ‒ man gesteht ihm also kei­ne inne­ren
Wider­sprü­che zu. […] Wenn die Sowjets en bloc den bür­ger­li­chen Staat erset­zen
sol­len, so bedeu­tet dies nicht mehr, dass die bür­ger­li­che Demo­kra­tie durch die
direk­te Basis­de­mo­kra­tie ersetzt wird. Das Pro­blem ist nicht mehr der
Anti-Staat, als viel­mehr der Par­al­lel-Staat,
der dem instru­men­ta­lis­ti­schen Modell des gegen­wär­ti­gen Staa­tes nach­ge­bil­det ist
und inso­fern ein pro­le­ta­ri­scher Staat sein soll, als er von oben durch die
revo­lu­tio­nä­re ‚Einheits‘partei kon­trol­liert und besetzt wird.“[44]

Wenn man auf die­se
Wei­se Räte­de­mo­kra­tie mit Sta­li­nis­mus ver­wech­selt (also mit einem Sys­tem der „Ein­heits­par­tei“,
ohne demo­kra­ti­sche Wil­lens­bil­dung usw.), dann ver­baut man sich natür­lich den
Weg für die Aus­ar­bei­tung einer tat­säch­li­chen Alter­na­ti­ve zur bür­ger­li­chen
Wirt­schafts- und Gesell­schafts­ord­nung. Noch ein­deu­ti­ger kommt Pou­lant­z­as‘ gra­dua­lis­ti­sche
Sicht­wei­se in fol­gen­den Aus­füh­run­gen zum Aus­druck: „Der demo­kra­ti­sche Weg zum
Sozia­lis­mus ist ein lan­ger Pro­zess, in dem der Kampf der Volks­mas­sen nicht auf
die Errich­tung der Dop­pel­herr­schaft zielt, die par­al­lel zum Staat und außer­halb
von ihm ver­läuft, son­dern sich auf die inne­ren Wider­sprü­che des Staa­tes
rich­tet. […] Die Macht ist kei­ne quan­ti­fi­zier­ba­re Sub­stanz, die der Staat
besitzt und die man ihm ent­rei­ßen müss­te. Die Macht besteht aus einer Serie von
Ver­hält­nis­sen zwi­schen den gesell­schaft­li­chen Klas­sen, die sich par excel­lence
im Staat kon­zen­trie­ren, der die Ver­dich­tung eines Kräf­te­ver­hält­nis­ses zwi­schen
den Klas­sen kon­sti­tu­iert. […] Der lan­ge Pro­zess der Macht­er­grei­fung in einem
demo­kra­ti­schen Weg zum Sozia­lis­mus besteht im Wesent­li­chen dar­in, die inner­halb
der staat­li­chen Netz­wer­ke ver­streu­ten Wider­stands­zen­tren der Mas­sen zu
ent­fal­ten, ver­stär­ken, koor­di­nie­ren und zu lei­ten, sowie neue Zen­tren zu
schaf­fen und zu ent­wi­ckeln. Dadurch kön­nen die­se Zen­tren auf dem stra­te­gi­schen
Ter­rain des Staa­tes zu effek­ti­ven Zen­tren rea­ler Macht wer­den. Also nicht um
die simp­le Alter­na­ti­ve zwi­schen Stel­lungs- und Bewe­gungs­krieg, denn der
Stel­lungs­krieg im Sin­ne Gram­scis besteht immer in der Ein­krei­sung des
Staa­tes-als-Burg.“[45]

Nicht nur steht
Pou­lant­z­as damit doch recht deut­lich im Gegen­satz zur stra­te­gi­schen
Ori­en­tie­rung eines Anto­nio Gram­sci. Mehr noch: Es ist auf­grund die­ser
Aus­füh­run­gen auch über­haupt nicht ver­wun­der­lich, dass er gro­ße Sym­pa­thien für
den Euro­kom­mu­nis­mus hat­te.[46]

Wir soll­ten nichts
ver­ne­beln: Das Gegen­stück zu die­sen illu­sio­nä­ren Kon­zep­ten des etap­pen­wei­sen
Über­win­dens des bür­ger­li­chen Staa­tes ist die Pra­xis der Pari­ser Com­mu­ne, die
Marx als „die end­lich gefun­de­ne poli­ti­sche Form“[47] der Dik­ta­tur des
Pro­le­ta­ri­ats bezeich­ne­te. Aus all den bis hier­hin dar­ge­leg­ten Cha­rak­te­ris­ti­ka
des bür­ger­li­chen Staa­tes ‒ sei­ner struk­tu­rell auf die Wah­rung der
kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se basie­ren­den Funk­ti­on wie auch der erbit­ter­ten
Ver­tei­di­gung die­ser Rol­le durch die Bour­geoi­sie ‒ geht zwin­gend her­vor: Die
Bour­geoi­se wäre mit dem Klam­mer­sack gepu­dert, wenn sie zulie­ße, dass der Garant
ihrer öko­no­mi­schen Macht – der Staat- stück­chen­wei­se demon­tiert wird. Von daher ist
auch „rebel­li­sches Regie­ren“ nicht mög­lich, was sogar die in der Par­tei Die
LINKE nicht gera­de auf dem lin­ken Flü­gel ver­or­te­ten Micha­el Brie und Gabi
Zim­mer ansatz­wei­se ein­se­hen[48]. Die Erfah­rung der
Geschich­te lehrt viel­mehr das Gegen­teil: Ent­we­der eine (refor­mis­ti­sche) Par­tei
oder Par­tei­en­ko­ali­ti­on passt sich an und über­nimmt die Ver­wal­tung der Mise­re (und
ist dadurch gera­de kein
mobi­li­sie­ren­der Fak­tor im Klas­sen­kampf) oder aber eine sol­che Regie­rung wird
aus dem Weg geräumt bzw. kommt gar nicht erst ins Amt. Die Geschich­te lehrt nun
mal kein Gegen­bei­spiel zu die­sen zwei Schick­sa­len refor­mis­ti­scher Par­tei­en an
der Regie­rung.

Das beharr­li­che
Ori­en­tie­ren der Par­tei Die LINKE auf eine Regie­rungs­be­tei­li­gung belegt nur, wie
stark sie dem refor­mis­ti­schen Weg ver­pflich­tet ist, der immer wie­der in die o.
g. Sack­gas­se geführt hat.

15. 10. 2020


[1]
Ernest Man­del: „Die mar­xis­ti­sche Staats­theo­rie“ deut­sche Erst­ver­öf­fent­li­chung
in „Gegen den Strom“ Nr. 1 (Dezem­ber 2013), S. 8 https://​inter​soz​.org/​d​i​e​-​m​a​r​x​i​s​t​i​s​c​h​e​-​s​t​a​a​t​s​t​h​e​o​r​ie/

[2]
Engels: Der Ursprung der Fami­lie, des Pri­vat­ei­gen­tums und des Staats. MEW 21:
165

[3]
Engels a. a. O. S. 166 f

[4]
Joa­chim Hirsch legt ‒ so in „Mar­xis­ti­sche Staats­theo­rie.
Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se des kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten­sys­tems“, Ham­burg (VSA),
2015 ‒ gro­ßen Wert auf den Unter­schied des moder­nen Staats zu allen
Vor­gän­ger­ge­bil­den. Man könn­te ihm aller­dings vor­wer­fen, dass er nicht aus­rei­chend
betont, dass sich mit die­sen Ände­run­gen gera­de nichts an der grund­le­gen­den
Wesens­be­stim­mung des Staa­tes geän­dert hat.

[5]
Zum Grund­sätz­li­chen sie­he Ernest Man­del: „Metho­di­sches zur Bestim­mung der
Klas­sen­na­tur des bür­ger­li­chen Staa­tes“, in: Mar­xis­mus und Anthro­po­lo­gie.
Fest­schrift für Leo Kof­ler, Bochum 1980, S. 213 – 232; https://​inter​soz​.org/​m​e​t​h​o​d​i​s​c​h​e​s​-​z​u​r​-​b​e​s​t​i​m​m​u​n​g​-​d​e​r​-​k​l​a​s​s​e​n​n​a​t​u​r​-​d​e​s​-​b​u​r​g​e​r​l​i​c​h​e​n​-​s​t​a​a​t​es/
Zur Unter­maue­rung im Kon­kre­ten sie­he z. B. Man­dels Buch „Der Zwei­te Welt­krieg“,
Frank­furt (isp-Ver­lag) 1991 und hier im Beson­de­ren das Kapi­tel zum
His­to­ri­ker­streit.

[6]
Wie die erwei­ter­te Repro­duk­ti­on des Kapi­tals kon­kret funk­tio­niert, leg­te Marx
im II. Band des Kapi­tals dar.

[7]
Sie­he dazu im Beson­de­ren Kapi­tel 13 in Das
Kapi­tal
Band I.

[8]
Die­se wesent­li­che Erkennt­nis, die Marx uns ver­mit­telt hat, scheint in der
Par­tei­füh­rung der LINKEN nicht gera­de stark ver­an­kert zu sein.

[9]
Karl Marx, „Kri­tik des Hegel­schen Staats­rechts“, MEW 1: 204

[10]
E. Alt­va­ter: “Zu eini­gen Pro­ble­men des Staats­in­ter­ven­tio­nis­mus“ in Pro­ble­me des Klas­sen­kampfs, Nr. 3, hier
zitiert nach Ernest Man­del: „Der Spät­ka­pi­ta­lis­mus“, Frank­furt (suhr­kamp), 1972,
S. 436

[11]
Arbeits­kraft und Lohn ent­spre­chen sich wert­mä­ßig, nicht aber Arbeit und Lohn.
Zur Unter­schei­dung sie­he MEW 23: 181–200

[12]
Mehr zum Staats­fe­ti­schis­mus in Ernest Man­del: „Macht und Geld“, Köln (isp),
2000, im Beson­de­ren Kapi­tel 1

[13]
Die Sum­me der vom Staat zu schaf­fen­den
„all­ge­mei­nen Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen“ steigt stän­dig und zwar im Gegen­satz
zur Behaup­tung des Neo­li­be­ra­lis­mus. Das wird auch von der Ten­denz zum angeb­lich
schlan­ken Staat nicht wider­legt. Schlan­ker (also mit mög­li­cher­wei­se weni­ger
Per­so­nal) bedeu­tet nicht weni­ger Büro­kra­tie oder weni­ger staat­li­che
Auf­ga­ben. In Wirk­lich­keit läuft „schlan­ker machen“ nur auf mehr Frei­heit für
das Kapi­tal hin­aus.

[14]
Max Weber: „Wirt­schaft und Gesell­schaft“, Tübin­gen 1980, S. 128f.

[15]
Sie­he etwa: „Es gehört zu den grund­le­gen­den Aus­sa­gen der Klas­si­ker des
Mar­xis­mus, dass der zwei­fel­los wich­tigs­te Aspekt in der gesell­schaft­li­chen
Arbeits­tei­lung in Bezug auf die Her­aus­bil­dung des Staa­tes als ‚beson­de­rem
Appa­rat‘ in der Tei­lung zwi­schen manu­el­ler und geis­ti­ger Arbeit zu suchen ist. [Bele­ge
führt Pou­lant­z­as nicht an.] […] Erst im kapi­ta­lis­ti­schen Staat erhält das
orga­ni­sche Ver­hält­nis von geis­ti­ger Arbeit und poli­ti­scher Herr­schaft, von
Wis­sen und Macht sei­ne voll­ende­te Form.“ Nicos Pou­lant­z­as: „Staats­theo­rie.
Poli­ti­scher Über­bau, Ideo­lo­gie, Auto­ri­tä­rer Eta­tis­mus.“ Ham­burg 2002 (VSA), S.
83 Ähn­lich a. a. O. S. 88)

[16]
Hirsch, a. A. O. S. 134

[17]
Ernest Man­del: Metho­di­sches zur Bestim­mung …, a. a. O. S. 229

[18]
E. M. Metho­di­sches …, a. a. O. S. 230

[19]
Ernest Man­del: Der Spät­ka­pi­ta­lis­mus,
Frank­furt (suhr­kamp) 1972, S. 441

[20]
E. M.: Der Spät­ka­pi­ta­lis­mus, a. a. O.
S. 442

[21]
eben­da

[22]
Wor­auf sich der „tie­fe Staat“ unter ande­rem stützt, hat Hans-Jür­gen Schulz
dar­ge­legt in „Die gehei­me Inter­na­tio­na­le. Spit­zel, Ter­ror und Com­pu­ter. Zu Geschich­te und Funk­ti­on der Geheim­diens­te
in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft“, Frank­furt (isp-Ver­lag) 1982

Für eine Abkehr von der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie
kön­nen sich staats­tra­gen­de reak­tio­nä­re Kräf­te im gege­be­nen Fall in Frank­reich
z.B. sehr stark auf die Poli­zei stüt­zen, die bei den „élec­tions pro­fes­si­onnel­les“
(sie ent­spre­chen in etwa den Per­so­nal­rats­wah­len) zu mehr als zwei Drit­teln für
die zwei sehr rech­ten Polizei“gewerkschaften“ Alli­an­ce und Unité SGP
stimmt.

[23]
Georg Jung­clas: „Die For­men des kapi­ta­lis­ti­schen Staa­tes“, Ham­burg (isp-Ver­lag)
1972, S. 1

[24]
Sie­he dazu die für die mar­xis­ti­sche Staats­theo­rie so grund­le­gen­de Schrift: Karl
Marx: „Der acht­zehn­te Bru­mai­re des Lou­is Bona­par­te“, MEW 8:111 ff

[25]
Sie­he dazu Joa­chim Hirsch: „Mar­xis­ti­sche Staats­theo­rie. Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se
des kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten­sys­tems“, Ham­burg (VSA), 2015, im Beson­de­ren
Kapi­tel 3

[26]
Foster/​Suwandi „Covid-19 und der Kata­stro­phen­ka­pi­ta­lis­mus“ in Z, Zeit­schrift
mar­xis­ti­sche Erneue­rung, Nr. 123, Sep­tem­ber 2020, S. 23

[27] E. Braw: „Blindsi­ded on the Sup­ply
Side”, in For­eign Poli­cy, 4. März 2020

[28]
Fos­ter Suwan­di, a. a. O. S. 23

[29]
Hirsch a. a. O. S. 103

[30]
Mehr dazu in Anto­nio Gram­sci: „Gefäng­nis­hef­te“, Krit. Aus­ga­be Bd. 2, vor allem
in Heft 7

[31]
Lou­is Althus­ser: „Ideo­lo­gie und ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­ra­te“, Ham­burg (VSA),
2010

[32]
Marx/​Engels: Die deut­sche Ideo­lo­gie,
MEW 3: 46

[33]
Anto­nio Gram­sci: „Gefäng­nis­hef­te“, Heft 7, Krit. Aus­ga­be Bd. 2, S. 871–873,
hier zitiert nach Anto­nio Gram­sci: „Zur Poli­tik, Geschich­te und Kul­tur“,
Frank­furt (Röder­berg) 1980, S. 219 f

[34]
MEW 4 : 464

[35]
 Fried­rich Engels: Die Ent­wick­lung des
Sozia­lis­mus von der Uto­pie zur Wis­sen­schaft. MEW 19, S.222, 1880

[36]
E. M. „Metho­di­sches zur Bestim­mung …“ a. a. O. S. 231

[37]
E. M. a. a. O. S. 229

[38]
Nähe­res dazu unter: https://​gewerk​schafts​fo​rum​.de/​v​w​-​w​a​r​b​-​l​o​b​b​y​i​s​t​e​n​-​a​u​s​-​d​e​m​-​a​u​s​s​e​n​m​i​n​i​s​t​e​r​i​u​m​-​ab/

[39] Pou­lant­z­as, a. a. O. S. 289

[40] a. a. O. S. 279

[41] a. a. O. S. 278 f

[42] a. a. O. S. 278

[43] a. a. O. S. 280

[44] a. a. O. S. 281 f

[45] a. a. O. S. 285 f

[46]
Zur Kri­tik des Euro­kom­mu­nis­mus sei auf Ernest Man­del ver­wie­sen: „Kri­tik des
Euro­kom­mu­nis­mus. Revo­lu­tio­nä­re Alter­na­ti­ve oder neue Etap­pe in der Kri­se des
Sta­li­nis­mus?“, Ber­lin (Olle & Wol­ter) 1978, im Beson­de­ren auf Kapi­tel 11
Die KPF, der Euro­kom­mu­nis­mus und der bür­ger­li­che Staat.“

[47]
MEW 17: 342

[48]
Micha­el Brie und Gabi Zim­mer: „Sagen, was ist! Zur Stra­te­gie­de­bat­te der Par­tei Die
LINKE im Vor­feld der Bun­des­tags­wahl 2021“ in Sozia­lis­mus 10–2020, S. 5

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