[KgK:] Attentat in Nizza: Zwischen Dschihad und République en Marche

Ges­tern Mor­gen ist in Niz­za in der Basi­li­ka Not­re-Dame de l’Assomption ein mit einem Mes­ser bewaff­ne­ter Mann in das Got­tes­haus ein­ge­tre­ten und hat die zur Andacht anwe­sen­den Gläu­bi­gen ange­grif­fen. Drei Todes­op­fer waren in Fol­ged es Angriffs zu bekla­gen. Der Täter wur­de im Rah­mes des Ein­sat­zes der Poli­zei ver­letzt und ins Kran­ken­haus gebracht. Wie in einem Kom­mu­ni­qué der Neu­en Anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Par­tei (NPA) berich­tet, scheint es ange­sichts der ver­füg­ba­ren Infor­ma­tio­nen, dass die­se Mor­de im Namen dschi­ha­dis­ti­scher Ideen began­gen wur­den.

Wir ver­ur­tei­len die­ses abscheu­li­che Ver­bre­chen auf das Schärfs­te und möch­ten den Fami­li­en und Ange­hö­ri­gen der Opfer unse­re Soli­da­ri­tät und unser Bei­leid aus­spre­chen. Wir kämp­fen und wer­den immer gegen die reak­tio­nä­ren Ideen kämp­fen, in deren Namen die Dschi­ha­dis­ten Tod und Ter­ror säen.

Ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren wegen „Mor­des und ver­such­ten Mor­des im Zusam­men­hang mit einem ter­ro­ris­ti­schen Unter­fan­gen“ und „kri­mi­nel­ler ter­ro­ris­ti­scher Ver­ei­ni­gung“ wur­de ein­ge­lei­tet, und die Natio­na­le Anti-Ter­ro­ris­mus-Staats­an­walt­schaft wur­de ein­ge­schal­tet. Die Stadt Niz­za war bereits am 14. Juli 2016 von isla­mis­ti­scher ter­ro­ris­ti­scher Gewalt heim­ge­sucht wor­den, als ein Auto in eine Men­schen­men­ge fuhr. Ein schreck­li­cher Anschlag, bei dem 86 Men­schen ums Leben kamen.

Pre­mier­mi­nis­ter Jean Castex hat ange­kün­digt, dass der Plan „Vigi­pi­ra­te“ – ein seit 1978 bestehen­des Bedro­hungs-Risi­ko­stu­fen-Sys­tem des fran­zö­si­schen Staa­tes, anhand des­sen die „inne­re Sicher­heit“ ein­ge­stuft wird – nun „auf der Not­fall­stu­fe eines Angriffs auf das gesam­te Staats­ge­biet“, d.h. auf der höchs­ten Ebe­ne, liegt. Prä­si­dent Emma­nu­el Macron, der in Niz­za anwe­send war, kün­dig­te an, dass sich die Zahl der Sol­da­ten der Ope­ra­ti­on Sen­ti­nel mehr als ver­dop­peln wird, von 3.000 auf 7.000 Per­so­nen, die in ganz Frank­reich mobi­li­siert wer­den.

Die­se Maß­nah­men nüt­zen nichts, um ter­ro­ris­ti­sche Akte zu ver­hin­dern oder abzu­schre­cken, wie die­ses Atten­tat ins­be­son­de­re zeigt. Doch sie tra­gen unter dem Deck­man­tel des „Zivil­schut­zes“ dazu bei, die Mecha­nis­men der Bevöl­ke­rungs­über­wa­chung zu stär­ken und die öffent­li­che Mei­nung dazu zu bewe­gen, die Idee eines „per­ma­nen­ten laten­ten Bür­ger­krie­ges“ zu akzep­tie­ren, der die Befug­nis­se der Ord­nungs­kräf­te, sei­en sie nun von der Poli­zei oder von der Armee, ver­harm­lost und nor­ma­li­siert.

„Wir müs­sen uns in die­sen Momen­ten zusam­men­schlie­ßen und dür­fen nicht dem Geist der Spal­tung nach­ge­ben“, sag­te der Prä­si­dent der Repu­blik in sei­ner Rede, in der er den zwei­ten Lock­down ange­sichts der Coro­na-Pan­de­mie ankün­dig­te. Die­ser ist eine direk­te Fol­ge des inkon­se­quen­ten Umgangs der Regie­rung mit der Gesund­heits­kri­se. Macrons Rede ziel­te auch dar­auf ab, die Idee zu fes­ti­gen, dass die natio­na­le Ein­heit eine abso­lu­te Not­wen­dig­keit ist, und macht jeden regie­rungs­kri­ti­schen Dis­kurs zu einer inner­staat­li­chen Bedro­hung. Die­se Linie steht im Ein­klang mit der Instru­men­ta­li­sie­rung der Ermor­dung von Samu­el Paty zu zur Ver­stär­kung repres­si­ver und anti­mus­li­misch-ras­sis­ti­scher Maß­nah­men.

So hat das Innen­mi­nis­te­ri­um auch die Auf­lö­sung des „Kol­lek­tivs gegen Isla­mo­phho­bie in Frank­reich“ (CCIF) und der mus­li­mi­schen NGO Bara­ka­ci­ty beschlos­sen, sowie die Aus­wei­sung von als „radi­ka­li­siert“ ein­ge­stuf­ten Ausländer:innen, bevor es die Schlie­ßung der Pan­tin-Moschee und die Wie­der­eröff­nung der Debat­te um das Avia-Gesetz for­der­te, wel­ches die Zen­sur von Inhal­ten in sozia­len Netz­wer­ken und im Inter­net erleich­tert.

Die extre­me Rech­te hat selbst­ver­ständ­lich schnell reagiert und schreit nach einer Ver­schär­fung des Geset­zes und einer repres­si­ven Poli­tik, im Sin­ne von Mari­ne Le Pens Vor­schlag, die eine „Kriegs­ge­setz­ge­bung“ will, um Isla­mis­ten „unfä­hig zu machen, Scha­den zuzu­fü­gen“. Jean Mes­siha, natio­na­ler Dele­gier­ter des Ras­sem­ble­ment Natio­nal, der rech­ten Par­tei Frank­reichs, hat in einem iro­ni­schen Tweet eine direk­te Ver­bin­dung zwi­schen Ein­wan­de­rung, Islam und Ter­ro­ris­mus her­ge­stellt: „Der Ter­ro­rist in Niz­za ist ein tune­si­scher Migrant, der vor kur­zem über Lam­pe­du­sa nach Frank­reich gekom­men ist. Aber es soll immer noch nichts mit Ein­wan­de­rung oder Islam zu tun haben.”

In die­sem Zusam­men­hang trägt die natio­na­le Ein­heit, an dem die staats­tra­gen­de Lin­ke um Jean-Luc Mélen­chons Fran­ce Inso­u­mi­se und die Gewerk­schafts­füh­run­gen betei­ligt waren, in der Tat dazu bei, nicht nur die Instru­men­ta­li­sie­rung sei­tens der Regie­rung, son­dern auch die dar­aus resul­tie­ren­de Eska­la­ti­on der Repres­si­on zu unter­stüt­zen. Denn es besteht in der Tat ein Zusam­men­hang zwi­schen der anti­mus­li­misch-ras­sis­ti­schen Offen­si­ve und der Aus­gangs­sper­re, die eher eine poli­zei­li­che Maß­nah­me ist als eine „nächt­li­che Sperr­stun­de“ aus gesund­heit­li­chen Grün­den.

Die natio­na­le Ein­heit als Kampf­bünd­nis gegen den Isla­mis­mus erweist beson­ders in Frank­reich sei­ne Heu­che­lei, wo allein wäh­rend der drei­mo­na­ti­gen Höchst­pha­se der Gelb­wes­ten-Bewe­gung (Novem­ber 2018 bis Janu­ar 2019) 12 Men­schen vom Repres­si­ons­ap­pa­rat und ihren poli­ti­schen Ver­ant­wort­li­chen (die Regie­rung) ermor­det wor­den sind. Hin­zu kommt, dass der isla­mo­pho­be Kurs von Macron, der die Büh­ne für Le Pen eif­rig auf­baut, genutzt wird, um die Anführer:innen der sozia­len Bewe­gun­gen und Mas­sen­streiks der letz­ten Jah­re zu atta­ckie­ren. Dies lässt sich an den Mord­dro­hun­gen gegen unse­ren Genos­sen der CCR in der NPA, Anna­se Kha­zib gut erken­nen, der den Streik der Eisenbahnfahrer:innen im letz­ten Jahr mit ange­führt hat.

Wie es im Kom­mu­ni­qué der NPA heißt: „Die Regie­rung for­dert uns auf, hin­ter ihr zu ste­hen, ihre anti­so­zia­le, xeno­pho­be, isla­mo­pho­be, kriegs­ähn­li­che Poli­tik zu akzep­tie­ren, die sich auf die durch die­se Angrif­fe her­vor­ge­ru­fe­nen Emo­tio­nen stützt. Mari­ne Le Pen treibt die­se Logik auf die Spit­ze, indem sie Kriegs­maß­nah­men for­dert, zwei­fel­los neue Ein­schrän­kun­gen der Frei­hei­ten.”

„Wir bekräf­ti­gen unse­ren Kampf gegen reak­tio­nä­re und töd­li­che Ideen, die Atten­tä­ter bewaff­nen und Spal­tun­gen näh­ren. Wir rufen alle fort­schritt­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen dazu auf, die Rhe­to­rik der natio­na­len Ein­heit und repres­si­ve Maß­nah­men abzu­leh­nen und Aus­drucks­for­men und Demons­tra­tio­nen der Soli­da­ri­tät zwi­schen ver­schie­de­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen zu för­dern, unab­hän­gig von ihrem Wohn­ort, ihrer natio­na­len Her­kunft oder ihrer reli­giö­sen Über­zeu­gung. In die­sem Zusam­men­hang sind beson­ders die Mär­sche und ande­re Initia­ti­ven gegen Ras­sis­mus und für Gleich­heit zu erwäh­nen, die die bes­ten Garan­tien für die Ver­tei­di­gung einer ega­li­tä­ren und soli­da­ri­schen Gesell­schaft gegen­über allen För­de­rern des Bür­ger­kriegs sind.”

Die­ser Arti­kel basiert auf die­sem und die­sem Arti­kel von Révo­lu­ti­on Per­ma­nen­te.

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