[KgK:] Leo Trotzki: Anmerkungen zu den Thesenentwürfen der Südafrikanischen Arbeiterpartei

Die The­sen sind zwei­fel­los auf der Grund­la­ge einer ernst­haf­ten Unter­su­chung sowohl der wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Bedin­gun­gen Süd­afri­kas als auch der Lite­ra­tur des Mar­xis­mus und Leni­nis­mus, ins­be­son­de­re der bol­sche­wis­tisch-leni­nis­ti­schen Lite­ra­tur, ver­fasst wor­den. Eine seriö­se wis­sen­schaft­li­che Her­an­ge­hens­wei­se an alle Fra­gen ist eine der wich­tigs­ten Vor­aus­set­zun­gen für den Erfolg einer revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sa­ti­on. Das Bei­spiel unse­rer süd­afri­ka­ni­schen Freun­de bestä­tigt erneut die Tat­sa­che, dass in der gegen­wär­ti­gen Epo­che nur die Bol­sche­wi­ki-Leni­nis­ten, d.h. die kon­se­quen­ten pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tio­nä­re, eine ernst­haf­te Hal­tung zur Theo­rie ein­neh­men, die Rea­li­tä­ten ana­ly­sie­ren und selbst ler­nen, bevor sie ande­re unter­rich­ten. Die sta­li­nis­ti­sche Büro­kra­tie hat den Mar­xis­mus längst durch eine Kom­bi­na­ti­on aus Igno­ranz und Unver­schämt­heit ersetzt.

In den fol­gen­den Zei­len möch­te ich eini­ge Anmer­kun­gen zu den The­sen­ent­wür­fen machen, die als Pro­gramm für die Workers Par­ty of South Afri­ca die­nen wer­den. Unter kei­nen Umstän­den brin­ge ich die­se Bemer­kun­gen in Wider­spruch zum Text der The­sen vor. Ich bin zu unzu­rei­chend mit den Bedin­gun­gen in Süd­afri­ka ver­traut, um eine voll­stän­di­ge abschlie­ßen­de Mei­nung zu einer Rei­he prak­ti­scher Fra­gen vor­zu­ge­ben. Nur an bestimm­ten Stel­len bin ich ver­pflich­tet, mei­ne Unei­nig­keit mit bestimm­ten Aspek­ten des The­sen­ent­wurfs zum Aus­druck zu brin­gen. Aber auch hier haben wir, soweit ich das aus der Fer­ne beur­tei­len kann, kei­ne prin­zi­pi­el­len Dif­fe­ren­zen mit den Ver­fas­sern der The­sen. Es geht viel­mehr um gewis­se pole­mi­sche Über­trei­bun­gen, die sich aus dem Kampf mit der ver­derb­li­chen natio­na­len Poli­tik des Sta­li­nis­mus erge­ben. Aber es liegt im Inter­es­se der Sache, auch klei­ne Unge­nau­ig­kei­ten in der Dar­stel­lung nicht zu glät­ten, son­dern im Gegen­teil, sie einer offe­nen Betrach­tung aus­zu­set­zen, um zu einem mög­lichst kla­ren und tadel­lo­sen Text zu gelan­gen. Dies ist das Ziel der fol­gen­den Zei­len, die von dem Wunsch dik­tiert sind, unse­ren süd­afri­ka­ni­schen Bol­sche­wi­ki-Leni­nis­ten bei die­ser gro­ßen und ver­ant­wor­tungs­vol­len Arbeit, der sie sich ver­schrie­ben haben, eine gewis­se Unter­stüt­zung zu geben.

Die süd­afri­ka­ni­schen Besit­zun­gen Groß­bri­tan­ni­ens bil­den nur aus der Sicht der wei­ßen Min­der­heit ein Domi­ni­on1. Aus der Sicht der schwar­zen Mehr­heit ist Süd­afri­ka eine Skla­ven­ko­lo­nie.

Mit der Bei­be­hal­tung des bri­ti­schen Impe­ria­lis­mus in dem süd­afri­ka­ni­schen Domi­ni­on ist kei­ne sozia­le Umwäl­zung (in ers­ter Linie eine Agrar­re­vo­lu­ti­on) denk­bar. Der Sturz des bri­ti­schen Impe­ria­lis­mus in Süd­afri­ka ist für den Tri­umph des Sozia­lis­mus in Süd­afri­ka eben­so unver­zicht­bar wie für Groß­bri­tan­ni­en selbst.

Wenn, wie man anneh­men kann, die Revo­lu­ti­on zuerst in Groß­bri­tan­ni­en beginnt, wird die bri­ti­sche Bour­geoi­sie, je weni­ger Unter­stüt­zung sie in den Kolo­nien und Herr­schafts­ge­bie­ten, ein­schließ­lich eines so wich­ti­gen Besit­zes wie Süd­afri­ka, fin­det, des­to schnel­ler wird ihre Nie­der­la­ge zu Hau­se sein. Der Kampf für die Ver­trei­bung des bri­ti­schen Impe­ria­lis­mus, sei­ner Werk­zeu­ge und Agen­ten, wird somit zu einem unver­zicht­ba­ren Teil des Pro­gramms der pro­le­ta­ri­schen Par­tei Süd­afri­kas.

Die Schwarze Republik

Der Sturz der Hege­mo­nie des bri­ti­schen Impe­ria­lis­mus in Süd­afri­ka kann als Fol­ge einer mili­tä­ri­schen Nie­der­la­ge Groß­bri­tan­ni­ens und des Zer­falls des Impe­ri­ums erfol­gen; in die­sem Fall kön­nen die süd­afri­ka­ni­schen Wei­ßen noch für eine gewis­se, kaum nen­nens­wer­te Zeit ihre Vor­herr­schaft über die Schwar­zen behal­ten. Eine ande­re Mög­lich­keit, die in der Pra­xis mit der ers­ten ver­bun­den sein könn­te, ist eine Revo­lu­ti­on in Groß­bri­tan­ni­en und sei­nen kolo­nia­len Gebie­ten. Drei Vier­tel der Bevöl­ke­rung Süd­afri­kas (fast sechs von fast acht Mil­lio­nen) bestehen aus Nicht-Euro­pä­ern. Eine sieg­rei­che Revo­lu­ti­on ist ohne das Erwa­chen der ein­hei­mi­schen Mas­sen undenk­bar; sie wird ihnen ihrer­seits das geben, was ihnen heu­te so fehlt: Ver­trau­en in ihre Stär­ke, ein gestei­ger­tes per­sön­li­ches Bewusst­sein, ein kul­tu­rel­les Wachs­tum. Unter die­sen Bedin­gun­gen wird die Süd­afri­ka­ni­sche Repu­blik zunächst als „Schwar­ze“ Repu­blik her­vor­ge­hen; dies schließt natür­lich weder die vol­le Gleich­be­rech­ti­gung der Wei­ßen noch brü­der­li­che Bezie­hun­gen zwi­schen den bei­den Races2 aus (was haupt­säch­lich vom Ver­hal­ten der Wei­ßen abhängt). Aber es ist völ­lig klar, dass die über­wie­gen­de Mehr­heit der Bevöl­ke­rung, befreit von skla­vi­scher Abhän­gig­keit, dem Staat eine gewis­se Prä­gung geben wird.

Inso­fern eine sieg­rei­che Revo­lu­ti­on nicht nur das Ver­hält­nis zwi­schen den Klas­sen, son­dern auch zwi­schen den Races radi­kal ver­än­dern und den Schwar­zen den Platz im Staat sichern wird, der ihrer Zahl ent­spricht, so weit wird die sozia­le Revo­lu­ti­on in Süd­afri­ka auch einen natio­na­len Cha­rak­ter haben. Wir haben nicht den gerings­ten Grund, die Augen vor die­ser Sei­te der Fra­ge zu ver­schlie­ßen oder ihre Bedeu­tung zu schmä­lern. Im Gegen­teil, die pro­le­ta­ri­sche Par­tei soll­te in Wor­ten und Taten offen und mutig die Lösung des natio­na­len (Race-)Problems in die Hand neh­men.

Den­noch kann und muss die pro­le­ta­ri­sche Par­tei das natio­na­le Pro­blem mit ihren eige­nen Metho­den lösen.

Die his­to­ri­sche Waf­fe der natio­na­len Befrei­ung kann nur der Klas­sen­kampf sein. Die Kom­in­tern ver­wan­del­te ab 1924 das Pro­gramm der natio­na­len Befrei­ung des kolo­nia­len Vol­kes in eine lee­re demo­kra­ti­sche Abs­trak­ti­on, die über die Rea­li­tät der Klas­sen­ver­hält­nis­se geho­ben ist. Im Kampf gegen die natio­na­le Unter­drü­ckung befrei­en sich ver­schie­de­ne Klas­sen (vor­über­ge­hend!) von mate­ri­el­len Inter­es­sen und wer­den zu ein­fa­chen „anti­im­pe­ria­lis­ti­schen“ Kräf­ten. Damit die­se geist­li­chen „Kräf­te“ die ihnen von der Kom­in­tern über­tra­ge­ne Auf­ga­be mutig erfül­len, wird ihnen als Beloh­nung ein geist­li­cher „natio­nal-demo­kra­ti­scher“ Staat ver­spro­chen (mit dem unver­meid­li­chen Hin­weis auf Lenins For­mel, „demo­kra­ti­sche Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats und der Bau­ern­schaft“).

Lenin im Jahre 1917

Die The­se weist dar­auf hin, dass Lenin 1917 die Losung der „demo­kra­ti­schen Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats und der Bau­ern­schaft“ offen und ein für alle Mal ver­warf, als sei sie eine not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für die Lösung der Agrar­fra­ge. Das ist völ­lig rich­tig. Aber um Miss­ver­ständ­nis­sen vor­zu­beu­gen, muss hin­zu­ge­fügt wer­den, dass (a) Lenin immer von einer revo­lu­tio­nä­ren bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Dik­ta­tur sprach und nicht von einem geist­li­chen „Volks“-Staat, (b) er im Kampf für eine bür­ger­lich-demo­kra­ti­sche Dik­ta­tur nicht einen Block aller „antiza­ris­ti­schen Kräf­te“ anbot, son­dern eine unab­hän­gi­ge Klas­sen­po­li­tik des Pro­le­ta­ri­ats betrieb. Ein „antiza­ris­ti­scher“ Block war die Idee der rus­si­schen Sozi­al­re­vo­lu­tio­nis­ten und der lin­ken Kadet­ten, d.h. der Par­tei­en der Klein- und Mit­tel­bour­geoi­sie. Gegen die­se Par­tei­en haben die Bol­sche­wi­ki immer einen unver­söhn­li­chen Kampf geführt.

Wenn die The­se lau­tet, dass die Losung einer „Schwar­zen Repu­blik“ eben­so schäd­lich für die revo­lu­tio­nä­re Sache ist wie die Losung eines „Süd­afri­ka für die Wei­ßen“, dann kön­nen wir der Form die­ser Aus­sa­ge nicht zustim­men: Wäh­rend bei letz­te­rer die Unter­stüt­zung der voll­stän­di­gen Unter­drü­ckung im Vor­der­grund steht, geht es bei ers­te­rer dar­um, die ers­ten Schrit­te zur Befrei­ung zu unter­neh­men. Wir müs­sen mit aller Ent­schie­den­heit und ohne jeden Vor­be­halt das voll­stän­di­ge und bedin­gungs­lo­se Recht der Schwar­zen auf Unab­hän­gig­keit akzep­tie­ren. Nur auf der Grund­la­ge eines gegen­sei­ti­gen Kamp­fes gegen die Vor­herr­schaft der wei­ßen Aus­beu­ter kann die Soli­da­ri­tät der schwar­zen und wei­ßen Werk­tä­ti­gen gepflegt und gestärkt wer­den. Es ist mög­lich, dass es für die Schwar­zen nach dem Sieg unnö­tig sein wird, einen sepa­ra­ten schwar­zen Staat in Süd­afri­ka zu grün­den; sicher­lich wer­den wir sie nicht zwin­gen, einen sepa­ra­ten Staat zu grün­den; aber las­sen Sie sie die­ses Ein­ge­ständ­nis frei, auf der Grund­la­ge ihrer eige­nen Erfah­rung, und nicht durch den Sjam­bok (süd­afri­ka­ni­scher Spa­zier­stock) der wei­ßen Unter­drü­cker erzwun­gen machen. Die pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tio­nä­re dür­fen nie­mals das Recht der unter­drück­ten Natio­na­li­tä­ten auf Selbst­be­stim­mung, ein­schließ­lich der voll­stän­di­gen Tren­nung, und die Pflicht des Pro­le­ta­ri­ats der unter­drü­cken­den Nati­on ver­ges­sen, die­ses Recht not­falls mit Waf­fen in der Hand zu ver­tei­di­gen!

Die The­se unter­streicht ganz rich­tig, dass die Lösung der natio­na­len Fra­ge in Russ­land durch die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on her­bei­ge­führt wur­de. Natio­na­le demo­kra­ti­sche Bewe­gun­gen allein waren der natio­na­len Unter­drü­ckung durch den Zaris­mus macht­los aus­ge­lie­fert. Nur auf­grund der Tat­sa­che, dass die Bewe­gung der unter­drück­ten Natio­na­li­tä­ten, wie auch die Agrar­be­we­gung der Bau­ern­schaft, dem Pro­le­ta­ri­at die Mög­lich­keit gab, die Macht zu ergrei­fen und sei­ne Dik­ta­tur zu errich­ten, fan­den sowohl die natio­na­le Fra­ge als auch die Agrar-Fra­ge eine küh­ne und ent­schie­de­ne Lösung. Aber gera­de die Ver­bin­dung der natio­na­len Bewe­gun­gen mit dem Kampf des Pro­le­ta­ri­ats um die Macht wur­de poli­tisch nur dank der Tat­sa­che mög­lich, dass die Bol­sche­wi­ki wäh­rend ihrer gan­zen Geschich­te einen unver­söhn­li­chen Kampf mit den gro­ßen rus­si­schen Unter­drü­ckern führ­ten und stets und ohne Vor­be­hal­te das Recht der unter­drück­ten Natio­na­li­tä­ten auf Selbst­be­stim­mung ein­schließ­lich der Tren­nung von Russ­land unter­stütz­ten.

Lenins Methoden des Klassenkampfes

Die Poli­tik Lenins gegen­über den unter­drück­ten Natio­nen hat­te jedoch nichts mit der Poli­tik der (sta­li­nis­ti­schen) Epi­go­nen3 gemein. Die Bol­sche­wis­ti­sche Par­tei ver­tei­dig­te das Selbst­be­stim­mungs­recht der unter­drück­ten Natio­nen mit den Metho­den des pro­le­ta­ri­schen Klas­sen­kamp­fes und lehn­te die schar­la­ta­ni­schen „anti­im­pe­ria­lis­ti­schen“ Blö­cke mit den zahl­rei­chen klein­bür­ger­li­chen „natio­na­len“ Par­tei­en des zaris­ti­schen Russ­lands (PPS, die Par­tei von Pil­sud­ski im zaris­ti­schen Polen, Daschna­ki in Arme­ni­en, die ukrai­ni­schen Natio­na­lis­ten, die jüdi­schen Zio­nis­ten usw. usw.) gänz­lich ab. Die Bol­sche­wi­ki haben die­se Par­tei­en stets gna­den­los ent­larvt, eben­so wie die rus­si­schen Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re, ihre Schwan­kung und ihr Aben­teu­rer­tum, vor allem aber ihre ideo­lo­gi­sche Lüge, über dem Klas­sen­kampf zu ste­hen. Lenin hör­te nicht auf mit sei­ner unnach­gie­bi­gen Kri­tik, selbst wenn die Umstän­de ihm die­se oder jene epi­so­dische, rein prak­ti­sche Ver­ein­ba­rung mit ihnen auf­zwan­gen. Von einer dau­er­haf­ten Alli­anz mit ihnen unter dem Ban­ner des „Antiza­ris­mus“ konn­te kei­ne Rede sein. Nur dank sei­ner unver­söhn­li­chen Klas­sen­po­li­tik konn­te es dem Bol­sche­wis­mus in der Zeit der Revo­lu­ti­on gelin­gen, die Men­sche­wi­ki, die Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re, die natio­na­len klein­bür­ger­li­chen Par­tei­en bei­sei­te zu wer­fen und die Mas­sen der Bau­ern­schaft und der unter­drück­ten Natio­na­li­tä­ten um das Pro­le­ta­ri­at zu scha­ren.

„Wir dür­fen“, so die The­se, „nicht durch natio­na­lis­ti­sche Losun­gen mit dem Afri­ka­ni­schen Natio­nal­kon­gress kon­kur­rie­ren, um die Mas­sen der Ein­hei­mi­schen zu gewin­nen“. Die Idee ist an sich rich­tig, aber sie bedarf einer kon­kre­ten Erwei­te­rung. Da ich mit den Akti­vi­tä­ten des Natio­nal­kon­gres­ses nur unzu­rei­chend ver­traut bin, kann ich nur auf der Grund­la­ge von Ana­lo­gien unse­re dies­be­züg­li­che Poli­tik skiz­zie­ren und im Vor­aus mei­ne Bereit­schaft erklä­ren, mei­ne Emp­feh­lun­gen mit allen not­wen­di­gen Ände­run­gen zu ergän­zen.

  1. Die Bol­sche­wi­ki-Leni­nis­ten set­zen sich für die Ver­tei­di­gung des Kon­gres­ses ein, so wie es in allen Fäl­len ist, wenn er von den wei­ßen Unter­drü­ckern und ihren chau­vi­nis­ti­schen Agen­ten in den Rei­hen der Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen ange­grif­fen wird.
  2. Die Bol­sche­wi­ki-Leni­nis­ten stel­len den Fort­schritt­li­chen gegen­über den reak­tio­nä­ren Ten­den­zen in das Pro­gramm des Kon­gres­ses.
  3. Die Bol­sche­wi­ki-Leni­nis­ten ent­lar­ven vor den ein­hei­mi­schen Mas­sen die Unfä­hig­keit des Kon­gres­ses, wegen sei­ner ober­fläch­li­chen, ver­söhn­li­chen Poli­tik auch nur sei­ne eige­nen For­de­run­gen durch­zu­set­zen, und ent­wi­ckeln im Gegen­satz zum Kon­gress ein Pro­gramm des klas­sen­re­vo­lu­tio­nä­ren Kamp­fes.
  4. Getrenn­te, epi­so­dische Ver­ein­ba­run­gen mit dem Kon­greß sind, wenn sie durch die Umstän­de erzwun­gen wer­den, nur im Rah­men streng defi­nier­ter prak­ti­scher Auf­ga­ben unter Bei­be­hal­tung der voll­stän­di­gen und tota­len Unab­hän­gig­keit unse­rer eige­nen Orga­ni­sa­ti­on und der Frei­heit der poli­ti­schen Kri­tik zuläs­sig.

Die The­se stellt als wich­tigs­ten poli­ti­schen Losungs­punkt nicht einen „natio­na­len demo­kra­ti­schen Staat“, son­dern einen süd­afri­ka­ni­schen „Okto­ber“ her­aus. Die The­se beweist und beweist über­zeu­gend, (a) dass die natio­na­len und agra­ri­schen Fra­gen in Süd­afri­ka in ihren Grund­la­gen über­ein­stim­men; (b) dass die­se bei­den Fra­gen nur auf revo­lu­tio­nä­re Wei­se gelöst wer­den kön­nen; (c) dass die revo­lu­tio­nä­re Lösung die­ser Fra­gen unwei­ger­lich zur Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats führt, die die ein­hei­mi­schen Bau­ern­mas­sen führt; (d) dass die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats eine Ära des Sowjet­re­gimes und des sozia­lis­ti­schen Auf­baus eröff­nen wird. Die­se Schluss­fol­ge­rung ist der Eck­pfei­ler der gesam­ten Struk­tur des Pro­gramms. Hier sind wir uns völ­lig einig.

Taktische Losungen

Aber die Mas­sen müs­sen mit Hil­fe einer Rei­he tak­ti­scher Slo­gans zu die­ser all­ge­mei­nen „stra­te­gi­schen“ For­mel gebracht wer­den. Die Aus­ar­bei­tung die­ser Slo­gans ist in jedem Sta­di­um nur auf der Grund­la­ge einer Ana­ly­se der kon­kre­ten Umstän­de des Lebens und des Kamp­fes des Pro­le­ta­ri­ats und der Bau­ern­schaft sowie der gesam­ten inne­ren und inter­na­tio­na­len Situa­ti­on mög­lich. Ohne in die Tie­fe zu gehen, möch­te ich kurz auf die wech­sel­sei­ti­gen Bezie­hun­gen der natio­na­len und agra­ri­schen Losun­gen ein­ge­hen.

Die The­se unter­streicht mehr­fach, dass an ers­ter Stel­le die agra­ri­schen und nicht die natio­na­len For­de­run­gen gestellt wer­den müs­sen. Dies ist eine sehr wich­ti­ge Fra­ge, die ernst­haf­te Auf­merk­sam­keit ver­dient. Die natio­na­len Losun­gen bei­sei­te zu schie­ben oder zu schwä­chen mit dem Ziel, die wei­ßen Chau­vi­nis­ten in den Rei­hen der Arbei­ter­klas­se nicht gegen sich auf­zu­brin­gen, wäre natür­lich ein kri­mi­nel­ler Oppor­tu­nis­mus, der den Autoren und Anhän­gern der The­se völ­lig fremd ist: Dies geht ganz klar aus dem Text der The­se her­vor, der vom Geist des revo­lu­tio­nä­ren Inter­na­tio­na­lis­mus durch­drun­gen ist. Die The­se sagt von den „Sozia­lis­ten“, die für die Pri­vi­le­gi­en der Wei­ßen kämp­fen, bewun­derns­wert, dass „wir sie als die größ­ten Fein­de der Revo­lu­ti­on aner­ken­nen müs­sen“. Wir müs­sen also nach einer ande­ren Erklä­rung suchen, die im Text selbst kurz ange­deu­tet wird: Die rück­stän­di­gen ein­hei­mi­schen Bau­ern­mas­sen spü­ren die agra­ri­sche Unter­drü­ckung viel stär­ker direkt als die natio­na­le Unter­drü­ckung. Es ist durch­aus mög­lich: Die Mehr­heit der Ein­hei­mi­schen sind Bau­ern; der größ­te Teil des Lan­des ist in den Hän­den einer wei­ßen Min­der­heit. Die rus­si­schen Bau­ern hat­ten wäh­rend ihres Kamp­fes um Land lan­ge auf den Zaren ver­traut und sich hart­nä­ckig gewei­gert, poli­ti­sche Schluss­fol­ge­run­gen zu zie­hen. Von der tra­di­tio­nel­len Losung der revo­lu­tio­nä­ren Intel­li­genz, „Land und Frei­heit“, akzep­tier­te der Bau­er lan­ge Zeit nur den ers­ten Teil. Es bedurf­te jahr­zehn­te­lan­ger agra­ri­scher Unru­hen sowie des Ein­flus­ses und des Han­delns der Stadt­ar­bei­ter, damit die Bau­ern­schaft bei­de Losun­gen mit­ein­an­der ver­bin­den konn­te.

Die armen ver­sklav­ten Ban­tu haben kaum mehr Hoff­nung auf den bri­ti­schen König oder auf Mac­Do­nald. Sei­ne extre­me poli­ti­sche Rück­stän­dig­keit drückt sich aber auch in sei­nem feh­len­den natio­na­len Selbst­be­wusst­sein aus. Gleich­zei­tig spürt er sehr stark die Land- und Steu­er­fes­seln. Unter die­sen Bedin­gun­gen kann und muss die Pro­pa­gan­da in ers­ter Linie aus den Losun­gen der Agrar­re­vo­lu­ti­on flie­ßen, damit die Bau­ern­schaft Schritt für Schritt auf der Grund­la­ge der Erfah­run­gen des Kamp­fes zu den not­wen­di­gen poli­ti­schen und natio­na­len Schluss­fol­ge­run­gen gebracht wer­den kann. Wenn die­se hypo­the­ti­schen Über­le­gun­gen rich­tig sind, dann geht es hier nicht um das Pro­gramm selbst, son­dern viel­mehr um die Mit­tel und Wege, die­ses Pro­gramm in das Bewusst­sein der ein­hei­mi­schen Mas­sen zu tra­gen.

In Anbe­tracht der gerin­gen Zahl der revo­lu­tio­nä­ren Kader und der extre­men Ver­brei­tung der Bau­ern­schaft wird es zumin­dest in unmit­tel­ba­rer Zukunft mög­lich sein, die Bau­ern­schaft zu beein­flus­sen, haupt­säch­lich, wenn nicht gar aus­schließ­lich, über das Mit­tel der fort­ge­schrit­te­nen Arbei­ter. Daher ist es von größ­ter Wich­tig­keit, die fort­ge­schrit­te­nen Arbei­ter im Geis­te eines kla­ren Ver­ständ­nis­ses der Bedeu­tung der Agrar­re­vo­lu­ti­on für das his­to­ri­sche Schick­sal Süd­afri­kas aus­zu­bil­den.

Über die fortgeschrittenen Arbeiter

Das Pro­le­ta­ri­at des Lan­des besteht aus rück­stän­di­gen Schwar­zen Pari­as4 und einer pri­vi­le­gier­ten arro­gan­ten Kas­te von Wei­ßen. Dar­in liegt die größ­te Schwie­rig­keit der gan­zen Situa­ti­on. Wie die The­se rich­tig aus­sagt, müs­sen die wirt­schaft­li­chen Erschüt­te­run­gen des ver­fau­len­den Kapi­ta­lis­mus die alten Bar­rie­ren stark erschüt­tern und die Arbeit des revo­lu­tio­nä­ren Zusam­men­wach­sens erleich­tern. In jedem Fall wäre das schlimms­te Ver­bre­chen der Revo­lu­tio­nä­re, den Pri­vi­le­gi­en und Vor­ur­tei­len der Wei­ßen die kleins­ten Zuge­ständ­nis­se zu machen. Wer dem Teu­fel des Chau­vi­nis­mus den klei­nen Fin­ger gibt, ist ver­lo­ren. Die revo­lu­tio­nä­re Par­tei muss vor jeden wei­ßen Arbei­ter die fol­gen­den Alter­na­ti­ven stel­len: ent­we­der mit dem bri­ti­schen Impe­ria­lis­mus und der wei­ßen Bour­geoi­sie Süd­afri­kas oder mit den schwar­zen Arbei­tern und Bau­ern gegen die wei­ßen Feu­da­lis­ten und Skla­ven­be­sit­zer und ihre Agen­ten in den Rei­hen der Arbei­ter­klas­se selbst.

Der Sturz der bri­ti­schen Herr­schaft über die schwar­ze Bevöl­ke­rung Süd­afri­kas wird natür­lich kei­nen wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Bruch mit dem bis­he­ri­gen Mut­ter­land bedeu­ten, wenn die­ses sich von der Unter­drü­ckung durch sei­ne impe­ria­lis­ti­schen Plün­de­rer befrei­en wird. Ein sowje­ti­sches Eng­land wird in der Lage sein, einen mäch­ti­gen wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Ein­fluss auf Süd­afri­ka über jene Wei­ßen aus­zu­üben, die in der Tat, im tat­säch­li­chen Kampf, ihr Schick­sal mit dem der gegen­wär­ti­gen Kolo­ni­al­skla­ven ver­bun­den haben wer­den. Die­ser Ein­fluss wird nicht auf Herr­schaft, son­dern auf pro­le­ta­ri­scher Zusam­men­ar­beit beru­hen.

Wich­ti­ger aber wird aller Wahr­schein­lich­keit nach der Ein­fluss sein, den ein sowje­ti­sches Süd­afri­ka auf den gesam­ten schwar­zen Kon­ti­nent aus­üben wird. Den Schwar­zen zu hel­fen, zur wei­ßen Race auf­zu­schlie­ßen, um Hand in Hand mit ihnen zu neu­en kul­tu­rel­len Höhen auf­zu­stei­gen, wird eine der gro­ßen und edlen Auf­ga­ben eines sieg­rei­chen Sozia­lis­mus sein.

Zur Organisation

Abschlie­ßend möch­te ich noch ein paar Wor­te zur Fra­ge der lega­len und ille­ga­len Orga­ni­sa­ti­on sagen. (Betref­fend die Sat­zung der Par­tei).

Die The­se unter­streicht zu Recht den untrenn­ba­ren Zusam­men­hang zwi­schen Orga­ni­sa­ti­on, revo­lu­tio­nä­ren Auf­ga­ben und der Ergän­zung des lega­len Appa­ra­tes durch einen ille­ga­len. Nie­mand schlägt natür­lich vor, einen ille­ga­len Appa­rat für sol­che Funk­tio­nen zu schaf­fen, die unter den gege­be­nen Bedin­gun­gen von lega­len Orga­nen aus­ge­führt wer­den kön­nen. Aber unter den Bedin­gun­gen einer her­an­na­hen­den poli­ti­schen Kri­se müs­sen spe­zi­el­le ille­ga­le Ker­ne des Par­tei­ap­pa­ra­tes geschaf­fen wer­den, die sich je nach Bedarf ent­wi­ckeln wer­den. Ein gewis­ser Teil, und übri­gens ein sehr wich­ti­ger Teil, der Arbeit kann unter kei­nen Umstän­den offen, d.h. vor den Augen der Klas­sen­fein­de, durch­ge­führt wer­den.

Nichts­des­to­trotz ist die wich­tigs­te Form der ille­ga­len oder halb­le­ga­len Arbeit der Revo­lu­tio­nä­re für den gege­be­nen Zeit­raum die Arbeit der Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen und nicht unter die Schlä­ge des reak­tio­nä­ren Appa­ra­tes zu fal­len. Dies ist ein sehr wich­ti­ger, für den gege­be­nen Zeit­raum wich­tigs­ter Teil der ille­ga­len Arbeit. Eine revo­lu­tio­nä­re Grup­pe in einer Gewerk­schaft, die in der Pra­xis alle not­wen­di­gen Ver­schwö­rungs­re­geln gelernt hat, wird in der Lage sein, ihre Arbeit in einen ille­ga­len Sta­tus umzu­wan­deln, wenn die Umstän­de dies erfor­dern.

Quel­le: Fourth Inter­na­tio­nal, Vol. 6 No. 11., Novem­ber 1945 /​Tran­skript: Mar­xists Inter­net Archi­ve. /​Letz­ter Teil ver­füg­bar in der Rubrik Süd­afri­ka, No. 4..

Fuß­no­ten
1. Fuß­no­te Domi­ni­on, eine selbst­ver­wal­te­te Nati­on unter der nomi­nel­len Herr­schaft des bri­ti­schen Mon­ar­chen. (Anm. d. R.)
2. Wir ver­wen­den das Wort Race für eine his­to­ri­sche Kon­struk­ti­on, auf­ge­la­den mit sozia­ler, kul­tu­rel­ler, poli­ti­scher und ideo­lo­gi­scher Bedeu­tung. Race beschreibt kei­ne „natür­li­che“ Unter­schei­dung zwi­schen Men­schen. (Anm. d. R.)
3. Epi­go­nen, sowohl in der Kunst als auch in der (Geistes-)Wissenschaft geis­ti­ge Nach­fol­ger von Autoren bzw. Kom­po­nis­ten; meist pejo­ra­tiv (abwer­tend) im Sin­ne von „unbe­deu­ten­de Nach­ah­mer“ oder „Tritt­brett­fah­rer“.
4. Aus­ge­sto­ße­ner bzw. Außen­sei­ter (Anm. d. R.)

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