[LCM:] Alles hat ein Ende, nur der Merz hat zwei

Die CDU ver­schiebt ihren Par­tei­tag vom 4. Dezem­ber 2020 in das Früh­jahr 2021. Der rech­te Par­tei­flü­gel um Fried­rich Merz sieht dar­in eine Ver­schwö­rung der Par­tei­obe­ren gegen sich. Der selbst­er­nann­te Kämp­fer gegen das Estab­lish­ment teilt ordent­lich aus und sieht sich als Opfer. Dabei hat die CDU-Füh­rung nicht ohne Grund wenig Ver­trau­en in den man­dats­lo­sen Merz.

Am 4. Dezem­ber 2020, woll­te Fried­rich Merz sich eigent­lich zum Par­tei­vor­sit­zen­den (und damit ver­mut­lich auch nächs­ten Kanz­ler­kan­di­da­ten) der Uni­on wäh­len las­sen. Doch der Par­tei­tag wur­de auf­grund der Covid-19 Pan­de­mie abge­sagt. Der rech­te Flü­gel um Merz sieht das als Ver­schwö­rung des „Estab­lish­ments“ zu dem er sich, eben­so wie zur Ober­schicht, selbst­ver­ständ­lich nicht zählt. Dass die CDU-Füh­rung Merz ver­hin­dern will, liegt jedoch weni­ger an sei­ner ver­meint­li­chen Außen­sei­ter­rol­le, son­dern ist ledig­lich eine rein tak­ti­sche Ent­schei­dung der Politstrateg*innen. Man weiß dort, dass Merz Stim­men von FDP und AfD abgra­ben wür­de, aller­dings bei gleich­zei­ti­gen Ver­lus­ten an SPD und Grü­ne. Es ist zwei­fel­haft, dass die neu­ge­won­ne­nen Stim­men aus dem rech­ten Lager Letz­te­re auf­wie­gen wür­den. In wei­ten Tei­len der Par­tei dage­gen genießt Fried­rich Merz viel Unter­stüt­zung. Es ist nicht unwahr­schein­lich, dass er bei einer Mit­glie­der­be­fra­gung gewin­nen wür­de. Sei­ne Insze­nie­rung als Kämp­fer gegen das Estab­lish­ment und Stim­me des klei­nen Man­nes trifft gera­de auf Kreis­ebe­ne und bei Mit­glie­dern ohne Man­da­te auf Gegen­lie­be. Beson­ders viel Wut bekommt dabei einer sei­ner direk­ten Kon­tra­hen­ten ab. So ver­kün­de­te Merz am 26. Okto­ber auf Twit­ter: „Ich habe kla­re Hin­wei­se dar­auf, dass Armin Laschet die Devi­se aus­ge­ge­ben hat: Er brau­che mehr Zeit, um sei­ne Per­for­mance zu ver­bes­sern.“ Merz ver­sucht, den Par­tei­vor­sitz zu gewin­nen und setzt dabei auch auf einen schmut­zi­gen Wahl­kampf mit direk­ten Angrif­fen. Ob das sei­ne Chan­cen erhöht und sei­ner poli­ti­schen Kar­rie­re zuträg­lich ist, darf bezwei­felt wer­den.

Aber noch ein­mal zurück zu den Anfän­gen. Die Kar­rie­re von Fried­rich Merz ist eigent­lich nicht grö­ßer bemer­kens­wert, wäre da nicht sein frü­hes Kar­rie­re­en­de. Damals, Anfang der Nul­ler-Jah­re, unter­lag der von ihm ver­tre­te­ne rech­te Par­tei­flü­gel in einem CDU-inter­nen Macht­kampf dem libe­ra­len Flü­gel um Ange­la Mer­kel. Doch Merz hielt sich in der Öffent­lich­keit, wur­de sehr ger­ne von Zei­tun­gen zitiert und hat­te Stamm­gast-Sta­tus in Talk­shows, wo er regel­mä­ßig sei­ne neo­li­be­ra­len und natio­na­lis­ti­schen Posi­tio­nen ver­trat. Dar­an änder­te weder etwas, dass er 1997 gegen die Ein­füh­rung des Straf­tat­be­stan­des der Ver­ge­wal­ti­gung in der Ehe gestimmt hat­te, noch die­se klei­ne Geschich­te: Anfang der Nul­ler-Jah­re hat­te Merz näm­lich einen Regie­rungs­lap­top ver­lo­ren, der nur dank einem ehr­li­chen Fin­der wie­der auf­tauch­te. Als Dank schick­te Fried­rich Merz dem woh­nungs­lo­sen Mann sein eige­nes Buch. So viel Arro­ganz muss sein. Und das alles, obwohl er nicht mal einen rele­van­ten Pos­ten inne hat oder hat­te. Dar­auf ange­spro­chen, dass er nichts wei­ter als ein Appa­rat­schik des CDU-Par­tei­ap­pa­rats war und ist, reagiert er in der Regel sehr genervt. So das letz­te Mal bei Mar­kus Lanz, als Lui­sa Neu­bau­er (Fri­days for Future) ihn dar­auf hin­wies, dass er „man­dats­po­li­tisch“ nichts ist.

Merz gro­ße media­le Prä­senz ist aber weder dem Zufall, noch sei­nen regel­mä­ßi­gen Aus­fäl­lig­kei­ten geschul­det. Er ist – ähn­lich wie Karl Theo­dor zu Gut­ten­berg Mit­te der Nul­ler-Jah­re – der Wunsch­kan­di­dat des kon­ser­va­ti­ven Estab­lish­ments. Dem­entspre­chend regel­mä­ßig wird er in Schlag­zei­len erwähnt und von der kon­ser­va­ti­ven Pres­se mit wohl­wol­len­der Bericht­erstat­tung bedacht. Denn letzt­lich steht er in ers­ter Linie für Sozi­al­ab­bau und Law and Order – und damit Klas­sen­kampf von oben. Dar­an ändert auch sei­ne neue Begeis­te­rung für eine schwarz-grü­ne Koali­ti­on auf Bun­des­ebe­ne nichts, im Gegen­teil; Sie ist ledig­lich ein Beleg für den Oppor­tu­nis­mus der Grü­nen und ihren Wunsch, die SPD auf Bun­des­ebe­ne als Juni­or­part­ner der Uni­on abzu­lö­sen. Dass die Grü­nen sich bei ihren Annä­he­rungs­ver­su­chen nicht nur auf den wirt­schafts­li­be­ra­len Uni­ons­flü­gel um Mer­kel beschrän­ken, son­dern prä­ven­tiv auch schon mal mit den Par­tei­rech­ten um Merz gut stel­len, über­rascht dann auch nicht wei­ter.

Der wei­te­re Ver­lauf des inner­par­tei­li­chen Macht­kamp­fes bleibt also span­nend – vor allem für Gegner*innen der Uni­on. Denn das Jahr 2021 ist das, was man im poli­ti­schen Jar­gon „Super­wahl­jahr“ nennt. Die anste­hen­de Bun­des­tags­wahl, sowie Land­tags­wah­len in Rhein­land-Pfalz, Baden-Würt­tem­berg und vier wei­te­ren Län­dern ver­lan­gen nach einer kla­ren Linie und vor allem einer geklär­ten Füh­rungs­fra­ge. Keins von bei­dem kann die CDU momen­tan vor­wei­sen.

Die SPD hat mit ihrer frü­hen Nomi­nie­rung von Olaf Scholz als Kanz­ler­kan­di­dat die Uni­on bereits unter Druck gesetzt. Auch der aktu­el­le Rich­tungs­kampf zwi­schen wirt­schafts­li­be­ra­len und kon­ser­va­ti­ven, sowie rechts­po­pu­lis­ti­schen Kräf­ten inner­halb der Par­tei trägt ver­mut­lich eben­so­we­nig zum gro­ßen Erfolg bei, wie es eine deut­lich nach rechts rücken­de CDU unter Merz lang­fris­tig wohl tun wür­de. Hin­zu kommt, dass Fried­rich Merz sich durch sei­ne jüngs­ten homo­pho­ben und chau­vi­nis­ti­schen Aus­fäl­le mit etwas Glück jede Chan­ce auf den Par­tei­vor­sitz selbst ver­baut und so sei­ne Kar­rie­re zum zwei­ten und hof­fent­lich auch letz­ten Mal been­det haben könn­te.

# Titel­bild: Olaf Kosin­sky, CC BY-SA 3.0‑de, Fried­rich Merz beim “poli­ti­schen Ascher­mitt­woch im Febru­ar 2020

Der Bei­trag Alles hat ein Ende, nur der Merz hat zwei erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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