[perspektive:] „Ich wollte den Schmerzen der Frauen mit ihren bunten Kleidern Ausdruck verleihen“

Tara Abullah will mit ihrer Kunst auf patriarchale Gewalt aufmerksam machen. Dafür hat die junge Künstlerin aus dem Kurdengebiet im Nordirak die Kleidung von Frauen, die von Männern attackiert geworden sind, gesammelt und zusammengenäht. Die Kleidungsstücke wurden an ein Seil angebracht, das entlang einer Hauptstraße in der nordirakischen Solaimaniah aufgehängt wurde. Das so entstandene Ausstellungstück hatte eine Länge von 4.800 Metern. Ein Interview mit Tara Abdulla über ihr Projekt „WEIBLICH“.

Wie geht es dir? Kannst du dich unse­ren Leser:innen vor­stel­len?

Dan­ke, mir geht es gut. Mein Name ist Tara Abdul­lah. Ich bin die Pro­du­zen­tin des Pro­jek­tes „WEIBLICH“. Ich habe Kunst stu­diert und bin Künst­le­rin. Ich ver­su­che stets, mei­ne Gedan­ken, die Fra­gen, die ich mir stel­le, mit mei­ner Kunst zu ver­bin­den.

Kannst du uns von deinem Projekt erzählen? Warum heißt es überhaupt „WEIBLICH“? Woher kommt die Idee? Und wie lange hast du an dem Projekt gearbeitet?

Mein Pro­jekt heißt „WEIBLICH“, weil mei­ner Mei­nung nach hin­ter die­sem Wort eine gro­ße Fra­ge steht und ich möch­te Weib­lich­keit in Fra­ge stel­len. Anhand des Namens weißt man bereits, wor­um es geht: Ich woll­te zei­gen, was es heißt, in die­ser Gesell­schaft, auf die­ser Welt eine Frau zu sein. Ich woll­te das Leid und die Schmer­zen der Frau­en, die stän­dig Gewalt erle­ben, weil sie Frau­en sind, ins Licht rücken.

Auf die­se Idee zu kom­men war für mich nicht schwie­rig, weil ich selbst eine Frau in der kur­di­schen Gesell­schaft und in einer kur­di­schen Fami­lie bin. Ich erle­be das Gan­ze selbst haut­nah.

Ich habe für das Pro­jekt mehr als 3 Mona­te lang Tag und Nacht gear­bei­tet. In die­ser Zeit muss­te ich von 6:00 Uhr mor­gens bis 18:00 Uhr abends in ver­schie­de­nen Gebie­ten Kur­di­stans von Tür zu Tür wan­dern, um mit den Frau­en zu reden. Auf die­se Wei­se konn­te ich ihre Klei­dungs­stü­cke bekom­men. Das war har­te Arbeit, die mich viel kör­per­li­che und emo­tio­na­le Kraft gekos­tet hat. An die­ser Stel­le möch­te ich mich bei mei­nen Kolleg:innen der Orga­ni­sa­ti­on „Civil Deve­lo­p­ment Orga­niz­a­ti­on“ für ihre Unter­stüt­zung bedan­ken. Es ist eine Orga­ni­sa­ti­on, die sich für eine sozia­le Ent­wick­lung im Irak ein­setzt.

Welche Art von Gewalt haben die Frauen erlebt und wie viele Frauen haben teilgenommen?

An dem Pro­jekt haben mehr als 99.876 Frau­en teil­ge­nom­men; Frau­en, die kör­per­li­che, ver­ba­le, psy­chi­sche und sexua­li­sier­te häus­li­che Gewalt erfah­ren haben. Die Klei­dungstü­cke konn­te ich nur aus eini­gen weni­gen Gebie­ten sam­meln. Den­noch konn­te ich mehr als 4,800 Ein­zel­stü­cke ver­wen­den.

Wenn man das in allen Städ­ten und Dör­fern Kur­di­stans mach­ten wür­de, wür­de man ein tau­sen­de Kilo­me­ter lan­ges Seil auf­hän­gen müs­sen. Denn fast jede Frau in unser Gesell­schaft hat patri­ar­cha­le Gewalt in ver­schie­de­nen For­men erlebt. Hin­ter jedem ein­zel­nen Klei­dungs­stück steckt die Geschich­te einer Frau, die patri­ar­cha­le Gewalt erlebt hat oder immer noch erlebt.

Was war dein Ziel?

Mein Ziel war es, die Men­schen aus ihrem tie­fen Schlaf auf­zu­we­cken und zu sagen: Seht, was mit den Frau­en in jedem Haus, in jedem Zim­mer, auf jeder Stra­ße die­ser Gesell­schaft pas­siert. Ich woll­te den Schmer­zen der Frau­en mit ihren bun­ten Klei­dern Aus­druck ver­lei­hen. Ich den­ke, die­ses Ziel habe ich erreicht.

Das kilo­me­ter­lan­ge Bild weib­li­cher Klei­der hat unse­re Gesell­schaft immer­hin zwei Tage lang in den sozia­len Medi­en, auf dem Basa­ren, eigent­lich über­all pola­ri­siert. Es gab tau­sen­de von Kom­men­ta­ren, die belei­di­gend waren oder gar mit Gewalt droh­ten. Es gab hef­ti­ge Dis­kus­sio­nen zwi­schen Befürworter:innen und Gegner:innen. Patri­ar­cha­le Gewalt gegen Frau­en war noch nie so prä­sent allen Schich­ten der kur­di­schen Gesell­schaft.

Als nachts ein paar Meter des Aus­stel­lungs­stücks von Unbe­kann­ten ver­brannt wur­den, war ich sicher, dass ich mein Ziel erreicht hat­te. Die frau­en­feind­li­che Hal­tung saß noch tie­fer in den Kno­chen der Gesell­schaft, als man es in der Öffent­lich­keit wahr­nahm.

Wenn Men­schen sich als Zer­stö­rer von Frau­en­klei­dern ent­pup­pen, heißt das, dass die patri­ar­cha­le Gesell­schaft den Kör­per der Frau als feind­li­ches Objekt betrach­tet und sich für die­sen sogar schämt. Die Män­ner die mein Werk ange­zün­det haben, haben mir damit gesagt: „Wir sind noch gewalt­tä­ti­ger als es du mit dei­nem Pro­jekt zei­gen woll­test.“

Hast du den oder die Täter angezeigt? Wird die Polizei sich darum kümmern?

Es gab einen Brand­an­schlag auf mein Pro­jekt. Es ist noch unklar, wer die Täter waren.

Nach dem Anschlag auf dein Kunstprojekt hast du offiziell bekannt gegeben, das Projekt beenden zu wollen und die Kleider wieder zu wegzuräumen. Warum? Wurdest du bedroht?

Ja, eini­ge Tei­le wur­den in der Nacht vom 27. auf den 28. Okto­ber von Unbe­kann­ten ver­brannt. Aber glück­li­cher­wei­se haben soli­da­ri­sche Men­schen schnell reagiert, das Feu­er gelöscht und den Rest geret­tet. Das hat mir gro­ße Freu­de berei­tet. Die Frau­en­klei­der hät­ten eine gro­ße Gefahr für uns und die Stadt Sulai­ma­niah bedeu­ten kön­nen. Zur Sicher­heit der Stadt muss­te ich die Aus­stel­lung been­den und auf­räu­men.

Tara, hat dir das Projekt und die ganze Geschehen Mut gemacht oder hast du jetzt Angst um deine zukünftigen Projekte?

Ich wur­de bedroht, beschimpft und belei­digt. Mein Werk wur­de ver­brannt. Die wol­len mir Angst machen, aber sie haben das genaue Gegen­teil erreicht. Die ver­ba­len Angrif­fe und der Brand­an­schlag haben mich bestärkt und ermu­tigt. Ich habe noch mehr Mut und Kraft für bes­se­re Wer­ke in die­ser Rich­tung gewon­nen.

Vie­len Dank Tara, dass du uns dei­ne Zeit geschenkt hast und wün­schen dir viel Kraft und Erfolg für dei­ne zukünf­ti­gen Pro­jek­te.

Ich dan­ke euch auch für euer Inter­es­se und eure Mühen. Ich wün­sche euch auch viel Erfolg.

Der Bei­trag „Ich woll­te den Schmer­zen der Frau­en mit ihren bun­ten Klei­dern Aus­druck ver­lei­hen“ erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

Read More