[re:volt mag:] Drei Mythen über die Corona-Krise. Teil Zwei.

Drei Mythen über die Corona-Krise. Teil Zwei.

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Die Coro­na-Pan­de­mie bringt für uns kon­stant Ver­än­de­run­gen mit sich: Im Tages- oder im Wochen­takt wer­den neue Bedin­gun­gen und Regeln auf­ge­stellt. Die meis­ten von uns ver­fol­gen die Ent­wick­lun­gen mehr oder weni­ger regel­mä­ßig und ver­su­chen, die Ereig­nis­se und damit auch mög­li­che Sze­na­ri­en der Kri­sen­be­ar­bei­tung durch die Herr­schen­den ein­zu­ord­nen und zu ana­ly­sie­ren. Dabei gibt es auch Annah­men und Mys­ti­fi­zie­run­gen, die es (zum aktu­el­len Zeit­punkt) zu hin­ter­fra­gen und zu dis­ku­tie­ren gibt. Die­ser Bei­trag ist der Auf­takt einer Rei­he zum The­ma. Obwohl sich eini­ge der Aus­sa­gen sicher ver­all­ge­mei­nern las­sen, bezie­hen sich die fol­gen­den Über­le­gun­gen in ers­ter Linie auf die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.


Mythos 2: Wir befin­den uns in einer pan­de­mie­be­ding­ten Kri­se.


Natür­lich befin­den wir uns in einer kri­sen­haf­ten Zeit. Zum einen ist da die Gesund­heits­kri­se: Gesund­heit und Leben der welt­wei­ten Bevöl­ke­rung sind durch das Virus und sei­ne Aus­brei­tung tat­säch­lich bedroht. Ist von einer pan­de­mie­be­ding­ten Kri­se die Rede, so ist aber zumeist eine wirt­schaft­li­che Kri­se gemeint, die durch die Pan­de­mie ver­ur­sacht wird. Die­se Schluss­fol­ge­rung lässt sich von zwei Sei­ten aus kri­ti­sie­ren.

Kapitalistische Krisen

Es wird zum einen aus­ge­blen­det, dass der Kapi­ta­lis­mus an sich kri­sen­haft ist. Sei­ne funk­tio­nel­len Mecha­nis­men haben zer­stö­re­ri­sche Wir­kung, was sich auf grund­sätz­lich wider­sprüch­li­che Ver­hält­nis­se die­ser Wirt­schafts­ord­nung zurück­füh­ren lässt. Der Kapi­ta­lis­mus ist auf die Natur­kräf­te und die Natur­pro­duk­te bezie­hungs­wei­se natür­li­chen Res­sour­cen ange­wie­sen. Sie bil­den die Grund­la­ge der Waren­pro­duk­ti­on. Unge­ach­tet des­sen strebt das Kapi­tal nach immer bes­se­ren und umfas­sen­de­ren Ver­wer­tungs­mög­lich­kei­ten, sprich mehr Pro­fit – und das ohne Rück­sicht auf die repro­duk­ti­ven Gren­zen der Natur. Es ent­zieht sich Stück für Stück die eige­ne Funk­ti­ons­grund­la­ge.

Der Kapi­ta­lis­mus tritt damit in Wider­spruch zu sich selbst. Zudem befin­det sich der Mensch in einem dia­lek­ti­schen Ver­hält­nis zur Natur, „inso­fern sie 1. ein unmit­tel­ba­res Lebens­mit­tel, als inwie­fern sie [2.] die Mate­rie, der Gegen­stand und das Werk­zeug sei­ner Lebens­tä­tig­keit ist. […] Daß das phy­si­sche und geis­ti­ge Leben des Men­schen mit der Natur zusam­men­hängt, hat kei­nen and­ren Sinn, als daß die Natur mit sich selbst zusam­men­hängt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur“ (MEW 40: 516). Der Mensch ist also selbst Natur und steht ihr zugleich gegen­über, indem er sie durch sei­ne pro­duk­ti­ve Tätig­keit ver­än­dert. Durch die kapi­ta­lis­ti­sche Ent­frem­dung von der Natur, die zu einer immer stär­ke­ren Aus­beu­tung ihrer Kräf­te und Res­sour­cen durch die mensch­li­che Arbeit führt, tritt der Mensch also letzt­lich in Wider­spruch zu sich selbst, indem er Lebens­mit­tel und Gegen­stand sei­ner Arbeit zer­stört. Wor­um es im Kapi­ta­lis­mus geht, ist Kapi­tal­ver­wer­tung und die Pro­duk­ti­on von Mehr­wert.

Es geht nicht dar­um, das Leben der Men­schen durch Fort­schritt zu ver­bes­sern, es geht nicht um Wohl­stand für die brei­te Bevöl­ke­rung, es geht nicht um Nach­hal­tig­keit durch ver­bes­ser­te Tech­no­lo­gien, son­dern um eines: mög­lichst effi­zi­en­te Kapi­tal­ver­wer­tung und den sich dar­aus erge­ben­den Unter­neh­mens­pro­fit. Das Argu­ment des Fort­schritts durch Inno­va­ti­ons­druck in der unter­neh­me­ri­schen Kon­kur­renz ist letzt­lich eine ideo­lo­gi­sche Über­blen­dung die­ser nüch­ter­nen Pro­fit­lo­gik. Der Kapi­ta­lis­mus mag gewal­ti­ge Pro­duk­tiv­kräf­te her­vor­brin­gen, aber eben dar­um wirkt er zer­stö­re­risch auf den Men­schen und die Natur. Die Form eines „Green New Deal“, wie ihn etwa EU-Kom­mis­si­ons-Prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en pro­pa­giert, ist auch des­halb eine Far­ce: Effi­zi­en­te­re Tech­no­lo­gien, die sich in einer nicht-kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung wahr­schein­lich tat­säch­lich im Sin­ne einer nach­hal­ti­ge­ren Pro­duk­ti­on nut­zen lie­ßen, füh­ren durch die Trieb­kräf­te des Kapi­tals statt­des­sen zu Rebound-Effek­ten, das heißt, zu Mehr­pro­duk­ti­on oder Mehr­kon­sum­ti­on durch frei wer­den­de Res­sour­cen, anstatt sie ein­zu­spa­ren. Einen grü­nen Kapi­ta­lis­mus gibt es nicht, da die ihm inne­woh­nen­den Mecha­nis­men zwangs­läu­fig die Über­nut­zung von Res­sour­cen nach sich zie­hen.

Krisen ins Innere verlagern

Zur Zer­stö­rung der Natur kommt die Zer­stö­rung der ein­zel­nen Men­schen durch phy­si­sche und psy­chi­sche Belas­tung. Im Zuge der Neo­li­be­ra­li­sie­rung haben sich dabei der Druck und Zwang auf die Arbeiter*innen zum gro­ßen Teil von außen nach innen ver­la­gert. Selb­st­op­ti­mie­rung und ‑Manage­ment wer­den zu Leit­be­grif­fen immer grö­ße­rer Tei­le der Bevöl­ke­rung. Sie sind die Prin­zi­pi­en der neu­en Arbeits- und Aus­beu­tungs­mo­del­le. Die schlimms­ten Aus­wüch­se der Explo­ita­ti­on, wie sie noch im 19. Jahr­hun­dert vor­herrsch­ten, sind nur schein­bar über­wun­den. Nach wie vor sind Kapi­ta­lis­mus und Aus­beu­tung eins: „Stößt die Ver­län­ge­rung der Arbeits­zeit auf­grund gesetz­li­cher oder tarif­li­cher Beschrän­kun­gen an Gren­zen, dann ver­sucht der Kapi­ta­list in der Regel eine Inten­si­vie­rung der Arbeit durch­zu­set­zen, etwa durch ein höhe­res Tem­po der Maschi­nen“ (Hein­rich 2018: 114). In die­se Ker­be schlägt bei­spiels­wei­se der kürz­li­che Vor­stoß des Gesamt­me­tall-Chefs und Mul­ti­mil­lio­närs Ste­fan Wolf, Pau­sen­re­ge­lun­gen auf­zu­wei­chen, sowie Mehr­ar­beit ohne Lohn­zu­schlag ableis­ten zu las­sen.

Unge­hin­dert wür­de sich das Kapi­tal sei­ner ein­zi­gen wirk­li­chen wert­schaf­fen­den Grund­la­ge berau­ben: der mensch­li­chen Arbeits­kraft. Allein poli­ti­sche Regle­ments und der Staat, die die Über­be­las­tung der Arbeiter*innen begren­zen und die Repro­du­zier­bar­keit der Arbeits­kraft garan­tier­ten, ver­hin­dern die­se Ent­wick­lung – aller­dings nicht pri­mär zuguns­ten der Arbeiter*innen, son­dern zuguns­ten der Siche­rung des Kapi­ta­lis­mus selbst. In kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tien ist die grund­le­gen­de Auf­ga­be der Poli­tik, die Gesund­heit und Arbeits­kraft der Bevöl­ke­rung so weit zu erhal­ten, dass sie für das Kapi­tal pro­duk­tiv bleibt. Die rea­len Lebens­um­stän­de eini­ger Men­schen mögen dadurch an ver­schie­de­nen Punk­ten tat­säch­lich ver­bes­sert wer­den, was aber nichts an der zer­stö­re­ri­schen Ten­denz des Kapi­ta­lis­mus ändert und schon gar nicht etwas über die Qua­li­tät die­ses staat­li­chen Modells aus­sagt. In einem sol­chen Sys­tem blei­ben den­noch all jene auf der Stre­cke, die sich nicht stan­dar­di­siert ver­wer­ten las­sen oder auf­grund struk­tu­rel­ler Benach­tei­li­gung und Aus­schlüs­se von vorn­her­ein schlech­te­re Chan­cen haben.

Krise der Wirtschaft?

Des Wei­te­ren müs­sen wir nun genau­er betrach­ten, was eine Wirt­schafts­kri­se im kapi­ta­lis­ti­schen Kon­text über­haupt bedeu­tet. In eine Kri­se gerät die kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schaft, wenn ein gro­ßer Teil der pro­du­zier­ten Waren wegen zurück­ge­hen­der Zah­lungs­fä­hig­keit nicht mehr absetz­bar ist. His­to­risch betrach­tet ver­lief die Ent­wick­lung des Kapi­ta­lis­mus seit sei­nen Anfän­gen in immer wie­der­keh­ren­den Kri­sen. Die unter­neh­me­ri­sche Kon­kur­renz und der Zwang, Pro­fit zu machen, bedin­gen den Wachs­tums­zwang im Kapi­ta­lis­mus. Er drängt das Kapi­tal zu einer immer wei­ter getrie­be­nen Ver­wer­tung, was in einer Situa­ti­on begrenz­ter Res­sour­cen und Kon­sum­ti­ons­fä­hig­keit zwangs­läu­fig an mate­ri­el­le Gren­zen sto­ßen muss. Das führt zu zykli­schen Kri­sen, in denen die pro­du­zier­te Waren­men­ge abnimmt. Wachs­tums­hem­mend sind die­se nur gering­fü­gig.

Nach einem jah­re­lan­gen kon­ti­nu­ier­li­chen Anstieg nahm in Deutsch­land selbst in der letz­ten gro­ßen Wirt­schafts­kri­se nur im Jahr 2009 die Wirt­schafts­leis­tung um eini­ge Pro­zent ab und stieg ab 2010 wei­ter an. Auch inmit­ten der Pan­de­mie schrei­tet die wirt­schaft­li­che Erho­lung welt­weit (und ins­be­son­de­re in Deutsch­land, dank umfang­rei­cher finan­zi­el­ler Kon­junk­tur­stüt­zungs­maß­nah­men der Bun­des­re­gie­rung) immer wei­ter vor­an. Ent­spre­chend nimmt der Res­sour­cen­ver­brauch auch trotz Kri­sen kon­stant zu und hat dem­entspre­chend das Poten­ti­al zu immer ver­schärf­te­ren Kri­sen. Damit ist nicht gesagt, dass die kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­wei­se zusam­men­bre­chen muss. Kri­sen haben für den Kapi­ta­lis­mus sogar nut­zen­brin­gen­de Wir­kun­gen. So sind Unter­neh­men durch die nach­las­sen­de Kauf­kraft gezwun­gen, ihre Pro­duk­ti­on wie­der enger an die Nach­fra­ge bzw. Zah­lungs­fä­hig­keit der Warenkonsument*innen zu kop­peln und sie durch tech­ni­sche Neue­run­gen den ver­än­der­ten Bedin­gun­gen anzu­pas­sen.

In der Kri­se kön­nen neue Indus­trie­zwei­ge oder Bran­chen ent­ste­hen und wenig pro­fi­ta­ble Unter­neh­men wer­den durch Bank­rott aus­ge­siebt. Damit wer­den die Bedin­gun­gen für den nächs­ten Auf­schwung geschaf­fen. Kri­sen sind dem Kapi­ta­lis­mus also nicht nur auf­grund der sach­lich beding­ten Kapi­tal­be­we­gung inhä­rent, son­dern er kann sie funk­tio­nell inte­grie­ren. Obwohl sie für ein­zel­ne Unternehmer*innen nach­tei­lig sind, kön­nen sie ins­ge­samt die Wirt­schafts­ord­nung am Lau­fen hal­ten.

Krise der Krisenerzählung

Auch die aktu­el­le (wirt­schaft­li­che) Kri­se ist kei­nes­wegs rein pan­de­mie­be­dingt. Viel­mehr ist der Kapi­ta­lis­mus in sei­nem Wesen wider­sprüch­lich und somit kri­sen­haft und führt zyklisch zu wirt­schaft­li­chen Ein­brü­chen. Dar­in ist die Pan­de­mie ein beson­de­rer Anlass der Kri­se, wobei sie einen kapi­ta­lis­ti­schen Cha­rak­ter hat und im Wesent­li­chen kapi­ta­lis­tisch bedingt ist. Kri­sen bedeu­ten im Kapi­ta­lis­mus nach­las­sen­des Wachs­tum. Um die Herr­schen­den die­se momen­ta­ne Kri­se der kapi­ta­lis­ti­schen Waren­pro­duk­ti­on nicht auf unse­rem Rücken aus­tra­gen las­sen, müs­sen wir den kapi­ta­lis­ti­schen Wachs­tums­zwang selbst als die Kri­se und den Grund für Aus­beu­tung und Gefähr­dung unse­rer Leben, unse­res Pla­ne­ten und die unge­rech­te Ord­nung unse­rer Gesell­schaft erken­nen.

Letzt­lich zielt die bedroh­li­che Rhe­to­rik der Poli­tik in Bezug auf die Wirt­schafts­kri­se dar­auf ab, die Akzep­tanz dafür zu stär­ken, dass eine schlecht lau­fen­de Wirt­schaft vor allem unse­re per­sön­li­chen Leben beein­träch­tigt und das ange­streb­te Wirt­schafts­wachs­tum (das uns gern wider­sprüch­lich als „wirt­schaft­li­che Sta­bi­li­tät“ ver­kauft wird) unser ganz indi­vi­du­el­les wie vor­dring­lichs­tes gesell­schaft­li­ches Inter­es­se sei. Doch wer pro­fi­tiert am Ende am meis­ten von den staat­li­chen Kon­junk­tur-Maß­nah­men? Schlech­te Kapi­tal­ver­wer­tungs­mög­lich­kei­ten füh­ren durch die nach­las­sen­de Nach­fra­ge nach Arbeits­kraft zu Arbeits­lo­sig­keit und damit zu einer rea­len Ver­schlech­te­rung der Lebens­be­din­gun­gen der Lohn­ab­hän­gi­gen durch Man­gel an Ein­kom­men zur Exis­tenz­si­che­rung.

Das hat mit den Lebens­be­din­gun­gen der Arbeiter*innen im Kapi­ta­lis­mus gene­rell zu tun. Indem man jede*n Ein­zel­nen in die Pflicht nimmt, sich dem „kapi­ta­lis­ti­schen Gemein­wohl“ ver­pflich­tet zu füh­len, sug­ge­riert man, dass sich Kapi­tal­in­ter­es­sen mit sozia­len Inter­es­sen decken wür­den. Das ist der Mythos, der in Teil drei die­ser Rei­he unter­sucht wird.


Weiterführende Literatur:

Hein­rich, Micha­el (2018): Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie: eine Ein­füh­rung in „Das Kapi­tal“ von Karl Marx. Rei­he Theo​rie​.org. Stutt­gart: Schmet­ter­ling Ver­lag.

Marx, Karl (1968): Öko­no­misch-phi­lo­so­phi­sche Manu­skrip­te aus dem Jah­re 1844. In: Karl Marx Fried­rich Engels Ergän­zungs­band, MEW 40. Ber­lin: Dietz Ver­lag, S. 465–588.

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