[gG:] Fotos: Leerstand Hab-ich-saath

Am 29.10. gegen Mit­tag haben 20 woh­nungs­lo­se- und obdach­lo­se Men­schen und Unterstützer*innen meh­re­re Woh­nun­gen in der Haber­saath­stra­ße 46 in Ber­lin-Mit­te besetzt. Ins­ge­samt 85 Woh­nun­gen ste­hen hier seit Jah­ren leer, die ver­blie­be­nen Mieter*innen wer­den mit Ent­mie­tungs­tak­ti­ken schicka­niert. Auf Twit­ter ver­kün­de­te Bezirks­bür­ger­meis­ter Ste­phan von Das­sel (Grü­ne), dass der Bezirk die Beschlag­nah­mung prü­fe, da man die Woh­nun­gen für Per­so­nen brau­che, die ohne Wohn­raum ihre Qua­ran­tä­ne­ver­pflich­tung nicht erfül­len könn­ten. Am Abend wur­de die Beset­zung von der Poli­zei den­noch gewalt­sam geräumt. Fotos: https://​umbruch​-bild​ar​chiv​.org/​l​e​e​r​s​t​a​n​d​-​h​a​b​-​i​c​h​-​s​a​a​th/

Um die 150 Men­schen ver­sam­mel­ten sich vor dem Haus um die Akti­on zu unter­stüt­zen. Gegen 20 Uhr wur­de die Beset­zung gewalt­sam geräumt. Für die Besetzer*innengibt es wei­ter­hin kei­nen lang­fris­tig gesi­cher­ten Wohn­raum. Das Recht auf Woh­nen und Gesund­heit zäh­len in Ber­lin wei­ter­hin weni­ger als der Pro­fit. “Die selbst­be­stimm­te Been­di­gung von Obdach­lo­sig­keit wird bestraft, die jah­re­lan­ge Zweck­ent­frem­dung von Wohn­raum wird hin­ge­gen mit teu­ren Poli­zei­ein­sät­zen gewähr­leis­tet.”, kom­men­tiert die Spre­che­rin Valen­ti­na Hau­ser.

Der Eigen­tü­mer Andre­as Pichot­ta woll­te zu kei­nem Zeit­punkt ver­han­deln. Er bestand auf eine poli­zei­li­che Räu­mung. Er plant den Abriss der bezugs­fer­ti­gen Woh­nun­gen zuguns­ten eines Luxus­neu­baus.

Der rot-rot-grü­ne Senat schob am Ende die Poli­zei­prä­si­den­tin Slo­wik vor, um die Räu­mung zu ver­kün­den. Dabei ist klar, dass mit ent­spre­chen­dem poli­ti­schen Wil­len von Innen­se­na­tor Gei­sel und dem grü­nen Bezirks­bür­ger­meis­ter von Mit­te von Das­sel eine poli­ti­sche Lösung mög­lich gewe­sen wäre. Zahl­rei­che Politiker*innen hat­ten sich den Tag über hier­für ein­ge­setzt. (…)

Die Besetzer*innen wur­den in fest­ge­nom­men. Die Fra­ge, wo sie in Zukunft eine wür­di­ge, lang­fris­ti­ge Woh­nung fin­den wer­den, bleibt offen. Wir wer­den hart­nä­ckig nach einer Ant­wort suchen.
Pres­se­mit­tei­lung der Initia­ti­ve “Leer­stand Hab-ich-saath”

*Für Don­ners­tag, den 5. Novem­ber lädt die Initia­ti­ve dazu ein, um 12:30 vor das Rat­haus Tier­gar­ten, am Mat­hil­de-Jacob-Platz 1 zu kom­men, um bei einem gemein­sa­men Mit­tag­essen von den Men­schen, die aus der Haber­saath­stra­ße geräumt wur­den zu erfah­ren, wie sie die Beset­zung und die Räu­mung erlebt haben und wie es ihnen nun zurück auf der Stra­ße ergeht. *

Bericht von den Besetzer*innen am Tag danach:

> Guten Mor­gen! Wir sind alle noch dabei, den Tag zu ver­ar­bei­ten. Hier ein Abriss der Gescheh­nis­se im Haus: Die Haber­saath­stra­ße wur­de von uns gegen Mit­tag bezo­gen. Die Woh­nun­gen sahen aus als wür­den sie nur auf Bewoh­ne­rIn­nen war­ten. Möbel, TV, Skin­ca­re war da.
> Für die neu­en Nach­ba­rIn­nen, die Mie­te­rIn­nen, die sich vom Inves­tor nicht haben ver­ja­gen las­sen, haben wir ganz klas­sisch Brot und Salz zum Ein­zug mit­ge­bracht. Ihnen ver­dan­ken wir dass das Haus über­haupt noch steht. Auf gute Nach­bar­schaft!
> Für uns alle war es unfass­bar, dass vie­le von uns in der Käl­te, im Regen schla­fen müs­sen wäh­rend man sich in der Haber­saath­Stras­se wort­wört­lich ins gemach­te Bett legen könn­te. Ein paar obdach­lo­se Men­schen nutz­ten die sel­te­ne Gele­gen­heit zur Ruhe zu kom­men und gin­gen schla­fen. Weil man auf der Stra­ße nun mal kein Bade­zim­mer hat wur­de auch schnell die Bade­wan­ne gefüllt und ein war­mes Bad genos­sen. „Egal wie das hier aus­geht, allein dafür hat es sich gelohnt“ sagt der frisch Geba­de­te.
> Vie­le von uns hat­ten seit Jah­ren zum ers­ten mal Pri­vat­sphä­re, die Mög­lich­keit die Tür hin­ter sich zuzu­ma­chen, sich sicher zu füh­len. Eine ehe­mals obdach­lo­se Frau schließt ihre neue Woh­nung auf und sagt „wow, i don’t remem­ber this fee­ling“
> Wir waren gerührt wie vie­le Men­schen sich für #habich­saath vor dem Haus ver­sam­melt hat­ten. Immer wie­der gin­gen Grü­ße nach drau­ßen und von dort an uns. Beson­de­ren Dank an die Ber­li­ner Obdach­lo­sen­hil­fe und Hän­de weg vom Wed­ding für die Kund­ge­bung!
> Die Stim­mung war gespannt, aber fröh­lich. Als das Ange­bot von Bür­ger­meis­ter von Das­sel kam, das Haus für obdach­lo­se Men­schen zur Ver­fü­gung zu stel­len, wur­de sie eupho­risch. Das Ange­bot wur­de unter der Bedin­gung, dass die Bewoh­ne­rIn­nen selbst­be­stimmt leben kön­nen ange­nom­men. Für einen Moment schien alles zu funk­tio­nie­ren: Der Leer­stand soll­te wie­der bewohnt wer­den, die obdach­lo­sen Men­schen wie­der eine Woh­nung erhal­ten.
> Dann kam die gro­ße Ernüch­te­rung: von Das­sel hat­te sein Ange­bot zurück­ge­zo­gen, die Poli­zei mach­te sich für die Räu­mung fer­tig. Bei der Aus­sicht, statt end­lich im eige­nen Bett wie­der in der Käl­te schla­fen zu müs­sen flos­sen vie­le Trä­nen. Schließ­lich räum­te die Poli­zei das Haus. Fried­lich lie­ßen alle Beset­ze­rIn­nen sich abfüh­ren. Die Ver­zweif­lung und die Wut war groß. Man­che von uns wuss­ten sich nicht anders zu hel­fen als laut um Hil­fe zu rufen. Schlaf­sä­cke und Iso­mat­ten wur­den von der Poli­zei mit­ge­nom­men.
> Erst spät in der Nacht wur­den wir alle aus quer über die Stadt ver­teil­ten Zel­len ent­las­sen. Dafür, Gesund­heit und Sicher­heit für uns und unse­re Freun­dIn­nen zu wol­len, erwar­ten uns jetzt Ankla­gen und Stra­fen.
> Nach der Zel­le mach­ten sich vie­le von uns auf zu ihren Schlaf­plät­zen auf Park­bän­ken, in Haus­ein­gän­gen oder Bahn­hö­fen um eine wei­te­re kal­te und unge­müt­li­che Nacht zu ver­brin­gen. Wie­der sind ein paar mehr auf der Stra­ße, die ihr kurz ent­kom­men waren. Wir wol­len Woh­nun­gen für alle, und die Beschlag­nah­mung der Haber­saath Stras­se ist der ers­te Schritt! Wir machen wei­ter! Es bleibt uns kei­ne ande­re Wahl – wo sol­len wir denn hin?
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