[re:volt mag:] Drei Mythen über die Corona-Krise. Teil Drei.

Drei Mythen über die Corona-Krise. Teil Drei.

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Die Coro­na-Pan­de­mie bringt für uns kon­stant Ver­än­de­run­gen mit sich: Im Tages- oder im Wochen­takt wer­den neue Bedin­gun­gen und Regeln auf­ge­stellt. Die meis­ten von uns ver­fol­gen die Ent­wick­lun­gen mehr oder weni­ger regel­mä­ßig und ver­su­chen, die Ereig­nis­se und damit auch mög­li­che Sze­na­ri­en der Kri­sen­be­ar­bei­tung durch die Herr­schen­den ein­zu­ord­nen und zu ana­ly­sie­ren. Dabei gibt es auch Annah­men und Mys­ti­fi­zie­run­gen, die es (zum aktu­el­len Zeit­punkt) zu hin­ter­fra­gen und zu dis­ku­tie­ren gibt. Die­ser Bei­trag ist der Auf­takt einer Rei­he zum The­ma. Obwohl sich eini­ge der Aus­sa­gen sicher ver­all­ge­mei­nern las­sen, bezie­hen sich die fol­gen­den Über­le­gun­gen in ers­ter Linie auf die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.


Mythos 3: Um die Kri­se zu über­win­den, müs­sen wir alle den Gür­tel enger schnal­len. Wenn wir jetzt ver­zich­ten kön­nen, wird es uns bald wie­der bes­ser gehen.


Gera­de in Kri­sen­zei­ten wird gern die Flos­kel „Wenn es der Wirt­schaft gut geht, geht es uns allen gut“ in ver­schie­de­nen Aus­for­mun­gen wie­der­holt. In der Coro­na-Pan­de­mie wird das durch die Phra­se ergänzt, wir alle wünsch­ten uns eine bal­di­ge Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät. Die­se bei­den Wunsch­ge­dan­ken bedür­fen einer grund­le­gen­den Kri­tik.

Ein gutes Leben für alle?

Was bedeu­tet es eigent­lich, die­ses „es geht uns allen gut“? Heißt es, dass wir alle einen Job haben, ein aus­rei­chen­des Ein­kom­men und eini­ger­ma­ßen siche­re Zukunfts­aus­sich­ten? Dann lie­ße sich kon­sta­tie­ren, dass die­se Lebens­um­stän­de im Kapi­ta­lis­mus selbst in wirt­schaft­li­chen Kon­junk­tur­pha­sen bei Wei­tem nicht auf alle und spä­tes­tens seit dem Finanz­crash von 2008 und im Zuge des neo­li­be­ra­len Umbaus wohl auch ins­ge­samt für immer weni­ger Men­schen zutref­fen. Außer­dem igno­riert die­se Auf­fas­sung eines „guten Lebens“ die mas­si­ve Beschnei­dung unse­rer Frei­heit im und durch das Arbeits­le­ben: Wir müs­sen unse­re Zeit­ein­tei­lung und gesam­te Lebens­pla­nung kapi­ta­lis­ti­schen Sach­zwän­gen unter­wer­fen.

Eine freie Selbst­ent­fal­tung und Selbst­ver­wirk­li­chung im Sin­ne eines guten Lebens sind kaum mög­lich: Vie­le von uns müs­sen Arbei­ten ver­rich­ten, die sie nicht tun wol­len, die sie kör­per­lich und psy­chisch zer­mür­ben und krank machen. Wir ler­nen, uns und unse­re Arbeits­kraft im Berufs­le­ben trotz­dem zu selbst wie eine Ware zu ver­kau­fen – vom Bewer­bungs­ge­spräch bis zur Pro­fi­lie­rung vor Kolleg*innen und Chef*innen – um im Kon­kur­renz­kampf nicht unter­zu­ge­hen. Wäh­rend der Arbeits­zeit, also einem meist erheb­li­chen Teil unse­rer Lebens­zeit, sind wir fremd­be­stimmt. Unser*e Arbeitgeber*in ent­schei­det, wel­che Tätig­kei­ten wir wann und wie aus­zu­füh­ren haben. Demo­kra­ti­sche Prin­zi­pi­en gibt es in der Arbeits­welt kaum und auch, wenn sich man­che Unter­neh­men gern den Anstrich fla­cher Hier­ar­chien geben, blei­ben Vor­ge­setz­te doch immer Vor­ge­setz­te, die die Gren­zen unse­rer Selbst­be­stim­mung von oben fest­le­gen und sich den täg­lich durch unse­re Arbeit geschaf­fe­nen (Mehr.)Wert aneig­nen.

Der im Kapi­ta­lis­mus struk­tu­rell unter die­sem Wert lie­gen­de Lohn, der am Ende des Monats auf unse­rem Kon­to lan­det, dient im Wesent­li­chen der Repro­duk­ti­on unse­rer Arbeits­kraft, die wir dem Unter­neh­men schließ­lich auch noch im nächs­ten Monat gewinn­brin­gend ver­kau­fen kön­nen sol­len. All das sind nur eini­ge der täg­li­chen Zumu­tun­gen des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems für unse­re Leben. Mit ande­ren Wor­ten: Im Kapi­ta­lis­mus geht es uns nie „gut“. Die rea­le Ver­schlech­te­rung unse­rer Lebens­ver­hält­nis­se, etwa durch stei­gen­de Zah­len der­je­ni­gen, die „arbeits­los“, also ohne ent­lohn­te Arbeit sind, Kurz­ar­beit, stei­gen­de Lebens­hal­tungs­kos­ten bei gleich­blei­ben­den Hart­z4-Sät­zen und sin­ken­den Löh­nen, kommt durch die Coro­na-Kri­se nun zum bestehen­den Stress noch dazu. Und wenn nun in der Pan­de­mie dar­auf ver­wie­sen wird, dass es uns allen gut geht, wenn es der Wirt­schaft gut geht, dür­fen wir nicht der Illu­si­on ver­fal­len, das Kapi­tal wür­de irgend­wel­che sozia­len Inter­es­sen ver­fol­gen.

Das liegt gar nicht in sei­ner Logik. Im Gegen­teil: Der Kapi­ta­lis­mus und dar­in das Kapi­tal pro­fi­tiert zum Bei­spiel von einer gewis­sen Zahl an Erwerbs­lo­sen, die in rela­ti­ver Ver­elen­dung leben und die schon Marx als „indus­tri­el­le Reser­ve­ar­mee“ bezeich­ne­te. Sie die­nen – wie auch Hier­ar­chi­sie­run­gen von Arbeiter*innen auf dem glo­ba­len Markt (bei der Aus­beu­tung von migran­ti­schen Arbeiter*innen zum Bei­spiel) – zugleich als abschre­cken­des Bei­spiel („Seht, wie schlecht es euch ergin­ge, wenn ihr nicht füg­sam der für euch vor­ge­se­he­nen Arbeit nach­geht!“), der Lohn­drü­cke­rei und als tat­säch­li­che Rück­la­ge von Arbeits­kraft, auf die in Zei­ten des Auf­schwungs zurück­ge­grif­fen wer­den kann. Sozi­al­staat­li­che Zuwen­dun­gen erfül­len dabei die Funk­ti­on, die poten­zi­el­len Arbeits­kräf­te in einem eini­ger­ma­ßen taug­li­chen Zustand zu hal­ten, damit sie bei Bedarf ver­wert­bar sind. Eine hohe Beschäf­ti­gungs­quo­te und ein stei­gen­der Lebens­stan­dard sind allen­falls Neben­pro­duk­te der Kapi­tal­ver­wer­tung, auf die kei­ner­lei Ver­lass ist.

Die Normalität heißt Verwertung

Kri­sen stel­len unse­re sicher geglaub­ten Erwar­tun­gen für die Zukunft infra­ge. In so einer Situa­ti­on ist nach­voll­zieh­bar, dass der Wunsch nach mehr Vor­her­seh- und Plan­bar­keit des Lebens auf­kommt. Der Kapi­ta­lis­mus bie­tet uns, ganz ein­fach indem er sei­ner ihm inne­woh­nen­den Ver­wer­tungs­lo­gik folgt und uns durch immer neue Unwet­ter oder ein­fach durch den täg­li­chen Nie­sel­re­gen peitscht, die­se Sicher­heit aber so oder so nicht. „Das Ein­zi­ge, das in die­sen öko­no­mi­schen Stür­men gewiss ist, ist die Unge­wiss­heit“ (Hein­rich 2018: 175). Zu wel­cher Art Nor­ma­li­tät soll­ten wir also zurück­wol­len? Wenn Politiker*innen davon spre­chen, dass wir alle uns eine „Rück­kehr zur Nor­ma­li­tät“ wün­schen, mei­nen sie vor allem, dass die infol­ge der Kri­se ver­schlech­ter­ten Kapi­tal­ver­wer­tungs­mög­lich­kei­ten wie­der ver­bes­sert wer­den sol­len. Für den Staat ist das wich­tig, weil er vom Kapi­tal abhän­gig ist. Staat­li­che Struk­tu­ren, Inves­ti­tio­nen und Insti­tu­tio­nen wer­den durch Steu­er­gel­der finan­ziert, wel­che die Unter­neh­men vom Reich­tum, den die Lohn­ab­hän­gi­gen für sie erar­bei­ten, abfüh­ren. Staat und Kapi­tal ste­hen in einer Wech­sel­be­zie­hung. Ins­be­son­de­re in der aktu­el­len Gesund­heits­kri­se muss der Staat Leben und Gesund­heit der Arbeiter*innen, die Wert­ba­sis der kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tie, schüt­zen. Aber nur inso­fern es dem kapi­ta­lis­ti­schen Gesamt­in­ter­es­se dient.

Die Aus­rich­tung der Poli­tik an kapi­ta­lis­ti­schen Inter­es­sen statt an heh­ren Prin­zi­pi­en zeigt sich nur all­zu deut­lich dar­an, dass die Arbeits­be­din­gun­gen in gro­ßen Betrie­ben, zum Bei­spiel in der Fleisch­in­dus­trie, als Infek­ti­ons­trei­ber von der Poli­tik aus­ge­klam­mert wer­den und aus der media­len Öffent­lich­keit weit­ge­hend ver­schwun­den sind. Die Auf­recht­erhal­tung des Wirt­schafts­le­bens hat Vor­rang – kos­te es, was es wol­le. Coro­na-Ein­schrän­kun­gen wer­den – in der zwei­ten Wel­le noch mas­si­ver – fast aus­nahms­los in den pri­va­ten, sozia­len und kul­tu­rel­len Bereich ver­legt. Die Jugend, die als Mas­se durch­weg ego­is­ti­scher Par­ty-Mons­ter insze­niert wird, ist der will­kom­me­ne Sün­den­bock, um die­se Poli­tik zu recht­fer­ti­gen. Dabei wird auf vali­de Bele­ge für die­se homo­ge­ne Dar­stel­lung eben­so gern ver­zich­tet wie auf den Hin­weis, dass durch­aus auch älte­re Men­schen trotz Pan­de­mie Fei­ern ver­an­stal­ten und so wei­ter.

Abseits des Pri­va­ten hin­ge­gen sol­len wir uns in vol­le Bah­nen quet­schen, uns acht Stun­den lang neben unse­re Kolleg*innen an den Schreib­tisch set­zen, mit Dut­zen­den von ihnen am Fließ­band ste­hen oder unse­re Tage in schlecht gelüf­te­ten Klas­sen­zim­mern ver­brin­gen (der Kapi­ta­lis­mus braucht gebil­de­te kom­men­de Genera­tio­nen). Trotz expo­nen­ti­ell stei­gen­der Fall­zah­len durf­ten wir unser Geld abends noch über vie­le Wochen hin­weg im Restau­rant las­sen – auch die Gas­tro­no­mie ist eine wich­ti­ge Bran­che, was die aktu­el­len Debat­ten und Pro­tes­te um die weit­ge­hen­den Schlie­ßun­gen noch­mal deut­lich machen – uns aber bit­te nicht im Park tref­fen. Neben der erschwer­ten Kon­trol­lier­bar­keit von Abstands­re­geln sind der­lei Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten auch ein­fach wirt­schaft­lich schlecht ver­wert­bar und erschei­nen daher aus der Per­spek­ti­ve der Poli­tik am ehes­ten ver­zicht­bar. Nach­weis­lich hilft eine Reduk­ti­on der Kon­tak­te, Infek­ti­ons­ket­ten zu unter­bre­chen und die Aus­brei­tung des Virus zu ver­lang­sa­men. Eben die­ser Argu­men­ta­ti­on fol­gend ist es nicht nach­voll­zieh­bar, dass das für die Kon­tak­te im Arbeits­all­tag nicht gel­ten soll. Es ist mehr als offen­sicht­lich, dass es nicht um uns, unse­re Bedürf­nis­se und unse­re Leben geht, son­dern unse­re Gesund­heit nüch­tern gegen Kapi­tal­in­ter­es­sen abge­wo­gen wird.

Es rettet uns kein höh’res Wesen…

Ziel der aktu­el­len Poli­tik ist nicht, das Leid, das der Kapi­ta­lis­mus für die meis­ten Men­schen bedeu­tet, zu min­dern, son­dern es so rasch wie mög­lich auf den Prä-Coro­na-Stand zu brin­gen. Die all­täg­li­che Miss­ach­tung unse­rer kör­per­li­chen und psy­chi­schen Gesund­heit ist für uns außer­halb der Ver­schär­fun­gen in der Coro­na-Kri­se weni­ger fühl­bar und damit auch „nor­mal“ gewor­den. Nur des­halb ist es leicht, uns vor­zu­gau­keln, zu die­sem Zustand zurück­zu­keh­ren sei wün­schens­wert. Im Moment las­sen sich damit sogar Wähler*innenstimmen gewin­nen. Genau­ge­nom­men wird ver­sucht, auf die­ser Grund­la­ge die Lohn­ab­hän­gi­gen die Kri­se aus­tra­gen zu las­sen. Real- und Nomi­nal­löh­ne sin­ken, wäh­rend die Ver­mö­gen der Super­rei­chen – wie in fast jeder Kri­se – wei­ter wach­sen; gro­ße Kon­zer­ne wer­den auf­wän­dig geret­tet, wäh­rend klei­ne Betrie­be, Klein­selbst­stän­di­ge und Kol­lek­ti­ve in die Röh­re schau­en.

Die Pro­fi­teu­re einer Kri­se sind sel­ten die Arbeiter*innen. Der Kapi­ta­lis­mus ist in sei­nem Wesen kri­sen­haft: Betrach­tet man die mate­ri­el­len Ver­hält­nis­se, die er schafft und ste­tig repro­du­ziert, ist sei­ne „Ret­tung“ für den größ­ten Teil der Men­schen kei­nes­wegs erstre­bens­wert. War­um soll­ten wir die­se neu­er­li­che Kri­se der kapi­ta­lis­ti­schen Waren­wirt­schaft aus­ba­den, beein­träch­tigt sie doch unse­re Leben jeden Tag?! Paro­len wie „Capi­ta­lism is the cri­sis“ oder „The virus is capi­ta­lism” haben des­halb aktu­ell zu Recht Hoch­kon­junk­tur, weil sie auf die­sen Umstand ver­wei­sen. Bei ent­spre­chen­dem poli­ti­schen Wil­len gäbe es weit­aus bes­se­re Mög­lich­kei­ten, die Kri­se finan­zi­ell abzu­fe­dern: zum Bei­spiel Ver­mö­gens- und Erb­schafts­steu­ern, stark pro­gres­si­ve Ein­kom­mens­steu­er oder Ent­eig­nun­gen. Statt­des­sen wer­den zum Bei­spiel durch die Sen­kung der Mehr­wert­steu­er in ers­ter Linie wei­ter die­je­ni­gen bevor­teilt, die ohne­hin schon über kom­for­ta­ble­re finan­zi­el­le Mög­lich­kei­ten ver­fü­gen. Was bringt es uns, beim Kauf eines Neu­wa­gens sound­so viel spa­ren zu kön­nen, wenn wir ihn uns eh nicht leis­ten kön­nen? Abge­se­hen davon, dass es den Unter­neh­men über­las­sen ist, ob sie die Steu­er­sen­kung über­haupt wei­ter­ge­ben oder sich selbst noch mehr berei­chern. „Wir sit­zen alle im sel­ben Boot“ trifft also nur inso­fern zu, als das „wir“ nicht die Herr­schen­den und die Beherrsch­ten, die Kapitalist*innen und die Lohn­ab­hän­gi­gen zusam­men meint, son­dern nur uns, die wir wei­test­ge­hend vom Reich­tum der kapi­ta­lis­ti­sche Waren­wirt­schaft aus­ge­schlos­sen sind.

Die Kri­se gemein­sam zu schul­tern, kann nicht hei­ßen, dass wir uns noch mehr vom Mund abzu­spa­ren müs­sen. Viel­mehr heißt es, gemein­sa­me sozia­le Pro­tes­te gegen die Belas­tun­gen, die auf uns abge­wälzt wer­den, zu orga­ni­sie­ren, uns in Arbeits­kämp­fen nicht gegen­ein­an­der aus­spie­len zu las­sen und die Rei­chen und Kapitalist*innen zur Kas­se zu bit­ten. Wenn jemand den Gür­tel enger schnal­len muss, dann sie! Die­se Form der Poli­tik wird uns nicht von oben geschenkt, wir müs­sen sie von unten erkämp­fen. Auch in Zei­ten von Coro­na.


Weiterführende Literatur:

Hein­rich, Micha­el (2018): Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie: eine Ein­füh­rung in „Das Kapi­tal“ von Karl Marx. Rei­he Theo​rie​.org. Stutt­gart: Schmet­ter­ling Ver­lag.

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