[Freiheitsliebe:] Proletarisches Theater: Klasse, Corona?

„Unse­re ‚Stü­cke’ waren Auf­ru­fe, mit denen wir in das aktu­el­le Gesche­hen ein­grei­fen.” Vor gut 100 Jah­ren, am 14. Okto­ber 1920, fand in der Ber­li­ner Hasen­hei­de die ers­te Agit­prop-Auf­füh­rung in der Wei­ma­rer Repu­blik statt. Es war die Geburts­stun­de des „Pro­le­ta­ri­schen Thea­ters“: Pis­ca­tor for­der­te eine Demo­kra­ti­sie­rung der Küns­te, ein all­um­fas­sen­des „Total­thea­ter” als Aus­druck pro­le­ta­ri­scher Kul­tur und des sozia­len Wan­dels. Thea­ter als „Volks­thea­ter” for­der­ten in der Fol­ge zahl­lo­se lin­ke Thea­ter­schaf­fen­de und Kulturpolitiker:innen. Doch was ist heu­te vom sozia­len, gar klas­sen­kämp­fe­ri­schen Anspruch des Thea­ters geblie­ben und wie ver­än­dert die Coro­na-Pan­de­mie die Lage auf und hin­ter der Büh­ne?

Wer sich Thea­ter anschaut, dar­über gab jüngst die vom LINKEN Kul­tur­se­na­tor Klaus Lede­rer beauf­trag­te Stu­die zur Kul­tu­rel­len Teil­ha­be Aus­kunft. Dem­nach sind rund 46 Pro­zent der Theaterbesucher:innen in der Haupt­stadt über 60 Jah­re alt, 53 Pro­zent haben einen Hoch­schul­ab­schluss (Gesamt­be­völ­ke­rung: 24,8 Pro­zent). 30 Pro­zent der ins­ge­samt Befrag­ten haben in den vor­an­ge­gan­ge­nen 12 Mona­ten ein Thea­ter­stück besucht. Über den sozia­len Hin­ter­grund der deut­schen Thea­ter­schaf­fen­den lässt sich auf der Grund­la­ge der Schwei­zer Stu­die „Art.School.Differences“ mut­ma­ßen: Ihr zufol­ge kom­men die dort Schau­spiel Stu­die­ren­den aus ähn­lich rei­chen, bil­dungs­bür­ger­li­chen Fami­li­en wie Medi­zin-Stu­die­ren­de. Die­se Zah­len ver­deut­li­chen: Thea­ter ist kein Volks­thea­ter, son­dern vor, auf und hin­ter der Büh­ne der Ort eines ganz bestimm­ten gesell­schaft­li­chen Milieus – eines, das sich Thea­ter über­haupt noch leis­ten kann.

Die­se Ten­denz wird sich mit der Coro­na-Pan­de­mie ver­stär­ken: Zur­zeit ste­hen auf­grund not­wen­di­ger Hygie­ne­be­stim­mun­gen viel weni­ger Tickets als gewöhn­lich zur Ver­fü­gung, an den gro­ßen Stadt- und Staats­thea­tern sind die Stü­cke meist auf Wochen hin aus­ver­kauft. Um die­ser Tage Thea­ter anzu­se­hen, muss man sehr genau Bescheid wis­sen – und es sich ange­sichts von weit ver­brei­te­ter Kurz­ar­beit leis­ten kön­nen, etwa in Düs­sel­dorf 15 Euro für einen 45-Minu­ten-Mono­log zu zah­len oder 19 Euro für die bil­ligs­ten Plät­ze im Main­fran­ken-Thea­ter in Würz­burg.

Im nächs­ten Jahr wer­den die Steu­er­aus­fäl­le im Zuge der Coro­na­kri­se die finan­zi­ell ohne­hin gebeu­tel­ten Kom­mu­nen wie ein Schlag in die Magen­gru­be tref­fen. Dass an der „frei­wil­li­gen” Auf­ga­be Kul­tur gespart wird, ist abseh­bar. Stei­gen die Ticket­prei­se? Wie viel weni­ger Stü­cke wer­den an den öffent­li­chen Büh­nen gezeigt? So oder so: Der öko­no­mi­sche Druck auf die 142 Staats- und Stadt­thea­ter steigt. Und das hat auf­grund der engen Ver­zah­nung in der Bran­che mas­si­ve Kon­se­quen­zen für die ohne­hin pre­kä­rer auf­ge­stell­te Freie Sze­ne.

Denn ganz beson­ders trifft die Coro­na­kri­se die­je­ni­gen Thea­ter­schaf­fen­den, die als Fes­te Freie in guten Zei­ten regel­mä­ßig von einem bestimm­ten Haus beschäf­tigt wer­den. Kön­nen sie damit im Ide­al­fall freie Tätig­kei­ten mit­fi­nan­zie­ren und haben ein Mini­mum an Pla­nungs­si­cher­heit, fal­len sie in schlech­ten Zei­ten aus den sozia­len Siche­rungs­net­zen. Für sie sind die Zustän­de „schwie­rig bis untrag­bar”, berich­tet Ani­ca Hap­pich vom Ensem­ble Netz­werk, selbst bestehen­de Ver­trä­ge wur­den zum Teil mit Ver­weis auf „höhe­re Gewalt” auf­ge­löst.

Ins­ge­samt, so schätzt Hap­pich, wer­den auf unbe­stimm­te Zeit immer weni­ger Gäs­te enga­giert wer­den, auch von Neu­ein­stel­lun­gen wür­den Spiel­stät­ten wohl abse­hen. Düs­te­re Aus­sich­ten also für die etwa 300 Schauspieler:innen und etwa noch ein­mal so vie­len Regisseur:innen und Bühnenbildner:innen, die in die­sem Jahr allein von den staat­li­chen Hoch­schu­len abge­hen. Sie ereilt ein Arbeits­ver­bot, bevor sie über­haupt ins hart umkämpf­te Berufs­feld ein­stei­gen kön­nen.

Zuletzt sind auch die aller­meis­ten Klei­nen und Stu­dio-Büh­nen aktu­ell auf­grund der Coro­na-Pan­de­mie geschlos­sen, also genau die, auf denen auch mal expe­ri­men­tel­le Stü­cke lau­fen und sich der Thea­ter­nach­wuchs prä­sen­tie­ren kann. Das ver­stärkt sozia­le Ungleich­hei­ten wei­ter: Gehen Thea­ter nun auf Num­mer sicher, kom­men in aller Regel die eta­blier­ten alten wei­ßen Män­ner zum Zuge. An deut­schen Büh­nen gibt es ohne­hin nur 22 Pro­zent Inten­dan­tin­nen, nur 30 Pro­zent der Regie­ar­bei­ten stam­men von Frau­en. Men­schen aus Arbeiter:innenfamilien und ihre Lebens­rea­li­tät sind am Thea­ter ekla­tant unter­re­prä­sen­tiert. Und beson­ders für die Thea­ter­schaf­fen­den ohne reiche:n Partner:in, Fami­lie oder Tat­ort-Enga­ge­ment steht ihre kom­plet­te beruf­li­che Exis­tenz auf dem Spiel. Dabei gilt: Ohne die Reprä­sen­ta­ti­on der Arbeiter:innenklasse kann es kei­ne Diver­si­tät im Thea­ter geben!

Wie kann also ein Thea­ter, das nicht blo­ßes „Bil­dungs­thea­ter” (Pis­ca­tor) bezie­hungs­wei­se männ­li­ches, wei­ßes Mit­tel­schichts­thea­ter sein will, sei­nem sozia­len Anspruch in die­sen Kri­sen­zei­ten und dar­über hin­aus gerecht wer­den? Oder, um mit dem Ber­li­ner Lan­des­ver­band Freie Dar­stel­len­de Küns­te (LAFT) zu spre­chen: „Was ist aus den gro­ßen Ansprü­chen an Bar­rie­re-Abbau, Gen­der-Bud­ge­ting und Diver­si­täts­ent­wick­lung gewor­den?”

Ein kul­tur­po­li­ti­scher For­de­rungs­ka­ta­log von links:

Exis­tenz von Solo-Selb­stän­di­gen und frei­be­ruf­lich Täti­gen sichern. Wir haben uns immer wie­der für die Bezu­schus­sung der Lebens­hal­tungs­kos­ten in Form einer monat­li­chen Pau­scha­le von 1180 Euro ein­ge­setzt. Wir dür­fen die Mehr­zahl der Frei­schaf­fen­den – näm­lich die ohne hohe Betriebs­kos­ten – nicht im Regen ste­hen gelas­sen wer­den.

NEUSTART KULTUR auch für Nach­wuchs. Vie­le Pro­gram­me im Bun­des­pro­gramm NEUSTART KULTUR las­sen Nach­wuchs­kräf­te außen vor, so auch bei den Pro­gram­men für die dar­stel­len­den Küns­te. Dabei soll­ten ins­be­son­de­re die Neu­lin­ge, wie etwa die Absolvent:innen die­ses Jah­res, gezielt unter­stützt wer­den.

Kul­tur für alle sichern. Im nächs­ten Jahr wer­den die Steu­er­aus­fäl­le im Zuge der Coro­na­kri­se die finan­zi­ell ohne­hin gebeu­tel­ten Kom­mu­nen wie ein Schlag in die Magen­gru­be tref­fen. Der Legi­ti­ma­ti­ons­druck für die öffent­li­che Kul­tur­för­de­rung steigt. Daher müs­sen wir das Ver­hält­nis der Antei­le von Bund, Län­dern und Kom­mu­nen an der Kul­tur­för­de­rung über­den­ken. Um die Bedeu­tung von Kul­tur fest­zu­schrei­ben, for­dert DIE LINKE als ein­zi­ge Par­tei in ihrem Par­tei­pro­gramm eine Staats­ziel­be­stim­mung von Kul­tur im Grund­ge­setz.

Kul­tur­sek­tor nach­hal­tig kri­sen­fest gestal­ten. Um zu belast­ba­ren Struk­tu­ren vor allem in der pro­jekt­ge­för­der­ten Frei­en Sze­ne zu kom­men, muss Kul­tur­för­de­rung ins­ge­samt nach­hal­ti­ger und weni­ger pro­jekt­ori­en­tiert gestal­tet wer­den. Die Fle­xi­bi­li­sie­rung des Zuwen­dungs­rechts von För­der­mit­teln muss bei­be­hal­ten wer­den. Ergän­zend sind spar­ten­über­grei­fen­de, lang­fris­ti­ge Sti­pen­di­en­pro­gram­me sinn­voll, die auch die Bil­dung von Rück­la­gen ermög­li­chen.

Fai­re Gagen und Struk­tu­ren. Zu guter Letzt soli­da­ri­sie­re ich mich mit den Arbeits- und Tarif­kämp­fen aller Thea­ter­schaf­fen­den. Immer mehr jun­ge Kräf­te, und ganz beson­ders die Frau­en unter ihnen begeh­ren gegen star­re Thea­ter­hier­ar­chien und untrag­ba­re Arbeits­ver­hält­nis­se auf.

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Simo­ne Bar­ri­ent­os ist kul­tur­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Lin­ken im Bun­des­tag.
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