[GAM:] Die Wahlen in Bolivien: Niederlage des Putsches von 2019

Liga Socia­lis­ta, Bra­si­li­en, Neue Inter­na­tio­na­le 251, Novem­ber 2020

Ein Jahr, nach­dem sie den boli­via­ni­schen Prä­si­den­ten Evo Mora­les gestürzt hat­ten, haben die rech­ten und rechts­ex­tre­men Par­tei­en, die den Putsch mit Unter­stüt­zung und Ermu­ti­gung des Wei­ßen Hau­ses und der Orga­ni­sa­ti­on Ame­ri­ka­ni­scher Staa­ten (OAS) orga­ni­siert und ange­führt hat­ten, eine ver­hee­ren­de Wahl­nie­der­la­ge erlit­ten. Ihre usur­pie­ren­de Prä­si­den­tin, Jea­ni­ne Áñez, die Mit­te Sep­tem­ber als Kan­di­da­tin zurück­trat, muss­te nach­ge­ben. Sie muss sich nun wegen der Tötung von 30 Men­schen wäh­rend des Put­sches im ver­gan­ge­nen Jahr, ins­be­son­de­re der Mas­sa­ker in Sen­ka­ta, Saca­ba und Yapa­caní, ver­ant­wor­ten.

Wahlergebnis

Nach Wahl­schluss am Don­ners­tag, dem 22. Okto­ber, wur­den Luis Arce und David Cho­que­huan­ca Céspe­des von der Movi­mi­en­to al Socia­lis­mo (MAS; Bewe­gung zum Sozia­lis­mus) im ers­ten Wahl­gang mit 55,1 Pro­zent der Stim­men für gewählt erklärt. Car­los Mesa von der kon­ser­va­ti­ven Comu­ni­dad Ciu­da­da­na (Bür­ger­ge­mein­schaft) lag mit 28,83 Pro­zent auf dem zwei­ten und Luis Fer­nan­do Cama­cho, Kan­di­dat der ultra­rech­ten Cree­mos (Wir glau­ben) mit 14 Pro­zent auf dem drit­ten Platz. (TSE – https://​com​pu​to​.oep​.org​.bo/)

Die MAS hat nun den Vor­sitz und eine kla­re Mehr­heit sowohl im Senat als auch im Reprä­sen­tan­ten­haus. Die­ser Sieg der Lin­ken wird von den Volks­kräf­ten in ganz Latein­ame­ri­ka begrüßt wer­den, wo die Rech­te in den letz­ten Jah­ren in der Offen­si­ve war.

Die Spal­tun­gen zwi­schen der rechts­kon­ser­va­ti­ven Comu­ni­dad Ciu­da­da­na und der rechts­ex­tre­men Cree­mos tru­gen zum Aus­maß der Nie­der­la­ge bei. Letz­te­res ist ein kle­ri­ka­les, rechts­ex­tre­mes Bünd­nis mit Sitz im süd­li­chen Depar­ta­men­to San­ta Cruz, das von der Unión Juve­nil Cruce­ñis­ta (UJC; Jugend­uni­on von San­ta Cruz) unter­stützt wird, einer faschis­ti­schen Bewe­gung, die in Ter­ror­an­schlä­ge auf Volks­ak­ti­vis­tIn­nen ver­wi­ckelt ist.

Wei­te­re wich­ti­ge Fak­to­ren waren der chao­ti­sche Umgang von Áñez und ihrer Regie­rung mit der Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie und der Wirt­schafts­kri­se, ihre Spar­po­li­tik, die Pri­va­ti­sie­rung von Gesund­heit, Bil­dung und natür­li­chen Res­sour­cen sowie ihre Angrif­fe auf die Rech­te der indi­ge­nen Mehr­heits­be­völ­ke­rung Boli­vi­ens. Nicht zuletzt war es der seit einem Jahr anhal­ten­de Volks­wi­der­stand, der erneut zum Sieg der links­po­pu­lis­ti­schen MAS führ­te.

Für alle?

Bei fol­gen­der Erklä­rung des desi­gnier­ten MAS-Prä­si­den­ten Luis Arce soll­ten die Alarm­glo­cken läu­ten: „Wir wer­den für alle Boli­via­ne­rIn­nen regie­ren und eine Regie­rung der natio­na­len Ein­heit errich­ten.“ Dies ist die typi­sche refor­mis­ti­sche Sehn­sucht nach Klas­sen­zu­sam­men­ar­beit, aber es ist sehr unwahr­schein­lich, dass die Rech­te posi­tiv dar­auf reagiert. Auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne fühl­ten sich jedoch alle Kräf­te, die den Staats­streich unter­stütz­ten, ein­schließ­lich der OAS, des Wei­ßen Hau­ses und der Euro­päi­schen Uni­on, ver­pflich­tet, Arce zu gra­tu­lie­ren. Sogar Trump ant­wor­te­te mit den Wor­ten: „Wir hof­fen, in unse­rem gemein­sa­men Inter­es­se arbei­ten zu kön­nen.“

Laut G1-Glo­bo ver­such­te der Gene­ral­se­kre­tär der OAS, Luis Alma­gro, sich mit dem Argu­ment zu recht­fer­ti­gen, dass es kei­ne Ähn­lich­kei­ten zwi­schen die­sen und den 2019 annul­lier­ten Wah­len gebe. „Es gibt kei­ne Par­al­le­le, es ist nicht sehr klug, die­se Par­al­le­le zu zie­hen.“ (https://​g1​.glo​bo​.com/​m​u​n​d​o​/​n​o​t​i​c​i​a​/​2​0​2​0​/​1​0​/​2​3​/​b​o​l​s​o​n​a​r​o​-​e​-​o​-​u​n​i​c​o​-​l​i​d​e​r​-​d​e​-​u​m​-​p​a​i​s​-​v​i​z​i​n​h​o​-​d​a​-​b​o​l​i​v​i​a​-​q​u​e​-​n​a​o​-​c​u​m​p​r​i​m​e​n​t​o​u​-​l​u​i​s​-​a​r​c​e​-​p​e​l​a​-​v​i​t​o​r​i​a​.​g​h​tml)

Noch weni­ger schlau ist es, das Offen­sicht­li­che zu leug­nen, näm­lich dass der Putsch auf einem zyni­schen Betrug beruh­te und zu Dut­zen­den von Toten sowie zur Fest­nah­me und Inhaf­tie­rung von Akti­vis­tIn­nen der Volks­be­we­gun­gen führ­te.

Nie­mand soll­te jedoch ver­ges­sen, dass die Figu­ren, die den Putsch im Okto­ber 2019 durch­ge­führt haben, nach wie vor die Armee, die Poli­zei, die Jus­tiz und die Geheim­diens­te kon­trol­lie­ren und ihre Ver­bin­dun­gen zum US-Mili­tär und zum Wei­ßen Haus intakt und wirk­sam sind.

Dar­über hin­aus ist die MAS als Ver­tei­di­gung gegen die Kräf­te des inter­na­tio­na­len Kapi­tals und des Impe­ria­lis­mus nicht zuver­läs­si­ger als vor 2019. Letz­te­re schei­nen gar zu hof­fen, dass die Regie­rung ange­sichts der Pan­de­mie und der Wirt­schafts­kri­se die sie unter­stüt­zen­den Mas­sen rasch ent­täuscht und den Weg für eine wei­te­re Macht­über­nah­me durch die Rech­te öff­net.

Die sozia­len Kräf­te, die Arbei­te­rIn­nen, armen Bau­ern und Bäue­rin­nen und indi­ge­nen Gemein­schaf­ten, die den „Was­ser­krieg“ von 2000 und den „Gas­krieg“ von 2003 geführt und mobi­li­siert haben, um den Staats­streich vom ver­gan­ge­nen Okto­ber zu stop­pen, wer­den erneut mobi­li­sie­ren müs­sen, wenn die Kräf­te der Reak­ti­on ent­waff­net und die Kom­pro­miss­kräf­te, die MAS-Füh­re­rIn­nen, dar­an gehin­dert wer­den sol­len, die reich­hal­ti­gen natür­li­chen Res­sour­cen des Lan­des, wie die rie­si­gen Lithi­um­vor­kom­men, an die mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­ne zu ver­kau­fen, die das Land geplün­dert haben.

Der Putsch von 2019

Am 20. Okto­ber 2019 wur­de bekannt gege­ben, dass Evo Mora­les (MAS) für eine vier­te Amts­zeit als Prä­si­dent von Boli­vi­en wie­der­ge­wählt wur­de. Mit 47 Pro­zent der Stim­men und einem Vor­sprung von mehr als 10 Pro­zent gegen­über dem zweit­plat­zier­ten Kan­di­da­ten Car­los Mesa, der 36,51 Pro­zent der Stim­men auf sich ver­ein­te, wur­de Mora­les als direkt gewählt erklärt, da es nach dem boli­via­ni­schen Wahl­ge­setz kei­nen zwei­ten Wahl­gang geben muss, wenn ein/​e Kan­di­da­tIn mehr als 40 Pro­zent der Stim­men erhält und einen Vor­sprung von 10 Pro­zent­punk­ten oder mehr gegen­über dem/​r nächst­hö­he­ren Kan­di­da­tIn ein­nimmt.

Ver­wir­rung ent­stand auf Grund der Metho­de der Stim­men­aus­zäh­lung in Boli­vi­en, die eine schnel­le vor­läu­fi­ge Aus­zäh­lung (TREP) auf der Grund­la­ge von Aus­zäh­lungs­lis­ten der ein­zel­nen Depar­ta­ment­os vor­sieht, auf die dann die offi­zi­el­le Aus­zäh­lung jeder Stim­me (cóm­pu­to) folgt. Nur letz­te­re gilt als ent­schei­dend. Obwohl auf Dis­kre­pan­zen hin­ge­wie­sen und die vor­läu­fi­ge Aus­zäh­lung gestoppt wor­den war, wur­de Mora­les schließ­lich mit einem Vor­sprung von 10 Pro­zent zum Sie­ger erklärt, wodurch die Not­wen­dig­keit einer zwei­ten Run­de ver­mie­den wer­den konn­te.

Sobald die rech­te Oppo­si­ti­on erkann­te, dass ihre Nie­der­la­ge unver­meid­lich war, begann sie, den Vor­wurf des Wahl­be­trugs zu erhe­ben. Aus Pro­test mobi­li­sier­te sie tumult­ar­ti­ge Demons­tra­tio­nen und rie­fen ihre Anhän­ge­rIn­nen auf, auf der Stra­ße zu blei­ben, bis ein zwei­ter Wahl­gang zuge­stan­den wür­de. Bald füll­ten rie­si­ge Gegen­de­mons­tra­tio­nen von MAS-Anhän­ge­rIn­nen die Stra­ßen von La Paz und ein unbe­fris­te­ter Gene­ral­streik wur­de aus­ge­ru­fen. Ange­sichts der umstrit­te­nen Aus­zäh­lung und der kol­li­die­ren­den Mobi­li­sie­run­gen gab die MAS-Regie­rung dem Druck nach und for­der­te eine exter­ne Über­prü­fung der Wahl.

Die OAS erklär­te am 23. Okto­ber, dass die bes­te Opti­on die Durch­füh­rung der zwei­ten Run­de sei. Auch die Euro­päi­sche Uni­on rief zu einer zwei­ten Run­de auf. Am sel­ben Tag erklär­te Car­los Mesa, dass er die vom Obers­ten Wahl­ge­richt (TSE) bekannt gege­be­nen Ergeb­nis­se nicht aner­ken­ne und kün­dig­te die Bil­dung einer „Koor­di­na­ti­on zur Ver­tei­di­gung der Demo­kra­tie“ an, um auf die Durch­füh­rung des zwei­ten Wahl­gangs zu drän­gen.

Zuspitzung

Auf Grund­la­ge der von der TSE ver­öf­fent­lich­ten Ergeb­nis­se ver­such­te Mora­les, die immer radi­ka­ler wer­den­den Bewe­gun­gen der Stra­ße zu über­ste­hen. Doch die Poli­zei, aber auch Tei­le der Streit­kräf­te sowie ras­sis­ti­sche und rech­te, fun­da­men­ta­lis­ti­sche Kräf­te schlos­sen sich den Put­schis­tIn­nen an. Ihre Stra­ßen­ak­tio­nen wur­den immer gewalt­tä­ti­ger, wobei auch Poli­ti­ke­rIn­nen und ihre Ange­hö­ri­gen, die mit Evo in Ver­bin­dung stan­den, ent­führt wur­den. Dut­zen­de von Men­schen wur­den in die­sen Tagen getö­tet und ver­wun­det.

Wir kom­men nicht umhin, auch auf die skan­da­lö­se Tat­sa­che hin­zu­wei­sen, dass der Cen­tral Obre­ra Boli­via­na (COB; Dach­ver­band der boli­via­ni­schen Gewerk­schaf­ten) den Putsch zunächst unter­stütz­te. Am 10. Novem­ber „trat“ Mora­les ange­sichts der Kon­fron­ta­tio­nen auf den Stra­ßen und einer Meu­te­rei von Poli­zei und Streit­kräf­ten von der Prä­si­dent­schaft zurück und floh mit sei­nem Vize­prä­si­den­ten Álva­ro Gar­cía Line­ra außer Lan­des. Mora­les pran­ger­te den Putsch aus sei­nem poli­ti­schen Asyl in Mexi­ko, Kuba und schließ­lich Argen­ti­ni­en an.

Am 12. Novem­ber erklär­te sich Jea­ni­ne Añes auf einer Sit­zung des Kon­gres­ses, der ver­fas­sungs­ge­mäß nicht beschluss­fä­hig war, zur Inte­rims­prä­si­den­tin und ver­sprach, den Frie­den im Land wie­der­her­zu­stel­len und so bald wie mög­lich Neu­wah­len aus­zu­ru­fen. Der Staats­streich war voll­endet.

Line­ra, ein ehe­ma­li­ger Füh­rer der Gue­ril­la­be­we­gung Túpaq Kata­ri in den 1990er Jah­ren, war auch Theo­re­ti­ker der Regie­rung Mora­les und Autor von „Sozio­lo­gie sozia­ler Bewe­gun­gen in Boli­vi­en“ (2005). In ver­schie­de­nen Arti­keln hat er Gram­scis „Stel­lungs­krieg“, d. h. insti­tu­tio­nel­le Refor­men, im Gegen­satz zu einem „Manö­ver­krieg“, d. h. einer Revo­lu­ti­on, benutzt, um zu argu­men­tie­ren, dass der Auf­bau eines „Andenka­pi­ta­lis­mus“ eine not­wen­di­ge Vor­stu­fe sei, die Jahr­zehn­te dau­ern kön­ne, bevor der Sozia­lis­mus ein­ge­führt wer­den kön­ne.

Wich­tig waren die Kultur‑, Bil­dungs- und Wohl­fahrts­re­for­men der MAS, die Erklä­rung Boli­vi­ens als plu­ri­na­tio­na­le Repu­blik, die Gleich­stel­lung der Wipha­la mit der boli­via­ni­schen Tri­ko­lo­re, die Aner­ken­nung der Aymara, Que­chua und ande­rer indi­ge­ner Spra­chen und Kul­tu­ren des Lan­des. Das Ver­säum­nis, das Land der Gemein­den vor Öl- und Gas­un­ter­neh­men und Agro­busi­ness zu schüt­zen, zer­brach jedoch das Bünd­nis, durch das die MAS an die Macht gekom­men war. Gleich­zei­tig führ­te die Inte­gra­ti­on der indi­ge­nen Orga­ni­sa­tio­nen in die Regie­rungs­in­sti­tu­tio­nen zu ihrer Büro­kra­ti­sie­rung und zur Ent­wick­lung einer Eli­te, die Evo im ent­schei­den­den Moment ver­ließ.

Widerstand der Basis

Schließ­lich beschränk­ten sich die boli­via­ni­sche Eli­te und ihre US-Bera­te­rIn­nen nicht auf einen „Stel­lungs­krieg“, son­dern „manö­vrier­ten“ Mora­les und Line­ra erfolg­reich ins Exil. Die­se wie­der­um über­lie­ßen ihre Anhän­ge­rIn­nen der zärt­li­chen Gna­de der Gene­rä­le, Poli­zei­che­fIn­nen und Faschis­tIn­nen.

Wäh­rend die ein­fa­chen Mit­glie­der der MAS und die Volks­ver­samm­lun­gen in vie­len Städ­ten, ins­be­son­de­re in El Alto, hel­den­haft Wider­stand leis­te­ten und schwe­re Ver­lus­te erlit­ten, lie­ßen die Flucht der MAS-Füh­rer und der Rück­zug der MAS-Par­la­men­ta­rie­rIn­nen die Bewe­gung ohne zen­tra­le Füh­rung zurück. Dies war wirk­lich eine Schan­de. Von ihren heu­ti­gen Nach­fol­ge­rIn­nen in einer künf­ti­gen Kri­se etwas Bes­se­res zu erwar­ten, wäre der Gip­fel der Tor­heit. Wäh­rend der Wahl distan­zier­te sich Luis Arce wie­der­holt von Mora­les nach rechts und ver­folg­te als Wirt­schafts­mi­nis­ter in des­sen Regie­rung eine offen pro­ka­pi­ta­lis­ti­sche Poli­tik. Es gibt kei­nen Grund zu der Annah­me, dass er sei­ne Hal­tung geän­dert hat.

Der Wider­stand hör­te jedoch nicht auf, trotz der Repres­si­on durch rechts­ex­tre­me Ban­den, der Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie und der wirt­schaft­li­chen Ver­wer­fun­gen des Lan­des. Im August, als der Obers­te Gerichts­hof die am 8. Sep­tem­ber fäl­li­gen Wah­len ver­zö­ger­te, zeig­te eine Wel­le von Streiks, Stra­ßen­blo­cka­den und Demons­tra­tio­nen der herr­schen­den Klas­se, dass die Arbei­te­rIn­nen und die indi­ge­nen Mas­sen die wie­der­hol­ten Ver­schie­bun­gen nicht tole­rie­ren wür­den. Die­ser Druck sowie die inter­nen Kon­flik­te der Regie­rung mach­ten Wah­len im Okto­ber unver­meid­lich. Es war also der Klas­sen­kampf, der die Wie­der­her­stel­lung der for­ma­len Demo­kra­tie sicher­te. Um sie Wirk­lich­keit wer­den zu las­sen, bedarf es mehr demo­kra­tisch orga­ni­sier­ter Mas­sen­mo­bi­li­sie­run­gen, für die Boli­vi­en zu Recht berühmt ist.

Wohin treibt Bolivien?

Die­ser Sieg stellt weit mehr als einen Wahl­sieg für die Poli­ti­ke­rIn­nen der MAS dar. Viel­mehr ist er das Ergeb­nis des Wider­stands der Arbei­te­rIn­nen­klas­se und der indi­ge­nen Bevöl­ke­rung, der die fort­schritt­li­chen Kräf­te in ganz Latein­ame­ri­ka ermu­ti­gen und stär­ken kann. Aber wir müs­sen uns immer dar­an erin­nern, dass dies erst der Anfang die­ser Bewe­gung ist und wir Sor­ge tra­gen müs­sen, damit sie nicht in einer Klas­sen­ver­söh­nung endet.

Nach­dem der US-Impe­ria­lis­mus sei­ne Vor­herr­schaft in Latein­ame­ri­ka nach etwa einem Jahr­zehnt des „Boli­va­ris­mus“ und „Sozia­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts“ durch die Staats­strei­che in Para­gu­ay, Ecua­dor, Bra­si­li­en und Boli­vi­en wie­der behaup­tet hat, wird der Sieg der MAS einen Wider­stands­kampf in die­sen ande­ren Län­dern för­dern. Die boli­via­ni­schen Werk­tä­ti­gen zeig­ten, wie man gewin­nen kann: durch Gene­ral­streiks und ande­re Mas­sen­ak­tio­nen. Der Weg nach vorn führt über die Orga­ni­sa­ti­on und Mobi­li­sie­rung der Arbei­te­rIn­nen­klas­se, um revo­lu­tio­nä­re Stür­me auf dem gesam­ten ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent zu ent­fes­seln.

Es ist jedoch klar, dass die Rea­li­tät des Kapi­ta­lis­mus in der unter­drück­ten und aus­ge­beu­te­ten halb­ko­lo­nia­len Welt nicht durch bür­ger­li­che Wah­len geän­dert wer­den kann. Wir müs­sen eine ande­re Stra­te­gie für die Arbei­te­rIn­nen­klas­se fin­den, die über Refor­mis­mus und Wahl­kampf popu­lis­ti­scher Par­tei­en wie der MAS hin­aus­geht. Wäh­rend sie sich auf die Arbei­te­rIn­nen und die ver­arm­ten indi­ge­nen Gemein­schaf­ten der Land­lo­sen und Bauern/​Bäuerinnen (Cam­pe­si­nos) ver­las­sen, um Wah­len zu gewin­nen, fal­len sie, sobald sie an der Macht sind, in den Orbit des Impe­ria­lis­mus und ver­su­chen, als loka­le Agen­tIn­nen für den nord­ame­ri­ka­ni­schen, euro­päi­schen oder, in jüngs­ter Zeit, chi­ne­si­schen Impe­ria­lis­mus zu agie­ren.

Es stimmt, Mora­les und Line­ra haben den strei­ten­den exter­nen Mäch­ten Zuge­ständ­nis­se abge­run­gen und waren in der Lage, bedeu­ten­de, wenn auch vor­über­ge­hen­de Refor­men durch­zu­füh­ren. Wie jedoch der Putsch von 2019 gezeigt hat, wird die­ses Tak­tie­ren um einen grö­ße­ren Anteil an den Gewin­nen aus Lithi­um, Koh­len­was­ser­stof­fen usw. Put­sche und Wirt­schafts­blo­cka­den, wie sie Vene­zue­la und Kuba auf­er­legt wur­den, nicht ver­hin­dern. Die Ver­bin­dung zwi­schen den arro­gan­ten Mil­li­ar­dä­rIn­nen, die ver­su­chen, sich Boli­vi­ens wert­volls­ten Boden­schatz Lithi­um anzu­eig­nen, wur­de deut­lich, als Elon Musk, Mil­li­ar­där und Eigen­tü­mer des Elek­tro­au­to­her­stel­lers Tes­la, per Twit­ter auf Spe­ku­la­tio­nen über die Betei­li­gung der USA an dem Staats­streich reagier­te: „Wir wer­den put­schen, wo wir wol­len! Fin­det euch damit ab!“

Solidarität und Programm

Die Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung welt­weit muss sol­che Ein­grif­fe von außen anpran­gern und mit der For­de­rung kon­tern, dass die Sou­ve­rä­ni­tät Boli­vi­ens respek­tiert wer­den muss. In Boli­vi­en müs­sen die poli­ti­schen Füh­re­rIn­nen des Staats­streichs von 2019 sowie die Kom­man­deu­rIn­nen von Poli­zei und Streit­kräf­ten, die Men­schen ver­haf­tet, gefol­tert und getö­tet haben, bestraft wer­den. Dies ist kei­ne Rache, es ist Gerech­tig­keit!

Auch hier wird die Inter­ven­ti­on der Mas­sen erfor­der­lich sein, nicht blo­ße Dekre­te von Minis­te­rIn­nen oder Geset­ze, die von Abge­ord­ne­ten ver­ab­schie­det wer­den. Es wird Dis­zi­plin­brü­che mit den „Goril­las“, die die ein­fa­chen Sol­da­tIn­nen kom­man­die­ren, erfor­dern, mit demo­kra­ti­schen Rech­ten für letz­te­re und bewaff­ne­ten Mili­zen für die Volks­mas­sen. Kurz gesagt, das Land für Demo­kra­tie und für sozia­lis­ti­sche Maß­nah­men zur Befrie­di­gung der Bedürf­nis­se der Mas­sen bereit zu machen, bedeu­tet, den Repres­si­ons­ap­pa­rat, den Staat der Grund­be­sit­ze­rIn­nen und der kapi­ta­lis­ti­schen Eli­te zu zer­schla­gen.

Boli­vi­en muss auch das Recht haben, alle inter­na­tio­na­len, für sei­ne Bevöl­ke­rung schäd­li­chen Ver­ein­ba­run­gen zu über­prü­fen, die wäh­rend der Putsch­re­gie­rung getrof­fen wur­den, wel­che kei­ne Legi­ti­mi­tät hat­te, sie abzu­schlie­ßen. Der Aus­ver­kauf sei­nes Reich­tums, ins­be­son­de­re von Gas und Lithi­um, muss rück­gän­gig gemacht wer­den. Die indi­ge­nen Völ­ker müs­sen auch für die Ver­lus­te, die ihnen wäh­rend des Staats­streichs von Prä­si­den­tin Jea­ni­ne Áñez ent­stan­den sind, ent­schä­digt wer­den.

Schließ­lich muss die boli­via­ni­sche Bevöl­ke­rung wei­ter­hin mobi­li­siert und orga­ni­siert blei­ben, um mög­li­chen Reak­tio­nen der rech­ten Put­schis­tIn­nen, unter­stützt vom Impe­ria­lis­mus, und sogar mög­li­chen Rück­zü­gen der MAS-Regie­rung ent­ge­gen­zu­tre­ten, die zu der bekann­ten Klas­sen­ver­söh­nung füh­ren könn­ten.

Boli­vi­ens Arbei­te­rIn­nen und arme Bauern/​Bäuerinnen müs­sen eine inter­na­tio­na­lis­ti­sche revo­lu­tio­nä­re Par­tei mit einem Pro­gramm zum Sturz des Kapi­ta­lis­mus auf­bau­en. Eine Par­tei, die die Arbei­te­rIn­nen­klas­se orga­ni­siert und den revo­lu­tio­nä­ren Pro­zess beför­dert, der sie von der kapi­ta­lis­ti­schen Skla­ve­rei befreit und sie zur Macht eines neu­en Staa­tes, eines sozia­lis­ti­schen Staa­tes, führt.

Die Arbei­te­rIn­nen­klas­se in ganz Latein­ame­ri­ka spürt die stär­ken­den Win­de, die aus Boli­vi­en und Chi­le wehen. Dies zeigt auch die drin­gen­de Not­wen­dig­keit einer inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on, die sie mit den Arbei­te­rIn­nen Nord­ame­ri­kas, Euro­pas und auch Chi­nas ver­bin­det. Gemein­sam kön­nen wir uns von den impe­ria­lis­ti­schen Mäch­ten und ihren Agen­tIn­nen, den kor­rup­ten und dik­ta­to­ri­schen loka­len Eli­ten befrei­en. Des­halb müs­sen wir den Auf­bau einer Fünf­ten Inter­na­tio­na­le und revo­lu­tio­nä­rer Par­tei­en in jedem Land auf die Tages­ord­nung set­zen. Ein wesent­li­cher Bestand­teil ihrer Pro­gram­me muss die Schaf­fung der Ver­ei­nig­ten Sozia­lis­ti­schen Repu­bli­ken Latein­ame­ri­kas sein.

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