[gG:] (Belarus) Offener Brief zur Unterstützung der anarchistischen Revolutionäre in Belarus

Wei­te­re Infos über die vier ver­haf­te­ten Anar­chis­ten in Bela­rus

Gefun­den auf der Sei­te der ABC Bela­rus, die Über­set­zung ist von uns

Offe­ner Brief zur Unter­stüt­zung der anar­chis­ti­schen Revo­lu­tio­nä­re in Bela­rus

Am 04.11.2020 ver­öf­fent­licht

Was ist pas­siert?

Am 22. Okto­ber wur­de in Soli­gor­sk (Bela­rus) das Ver­wal­tungs­ge­bäu­de des Staat­li­chen Komi­tees für foren­si­sche Unter­su­chun­gen ange­grif­fen, und auf dem Park­platz der Bezirks­staats­an­walt­schaft Soli­gor­sk wur­den Autos in Brand gesteckt. In der Nacht vom 28. Okto­ber wur­de das Gebäu­de der Ver­kehrs­po­li­zei der Bezirks­po­li­zei von Mozyr in Brand gesteckt. Bald dar­auf wur­de eine Grup­pe von Anar­chis­ten-Revo­lu­tio­nä­ren: Igor Oli­ne­witsch, Dmi­trij Dubow­skij, Dmi­trij Rezano­witsch und Ser­gej Roma­now wur­den von einer mobi­len Grup­pe der mosy­ri­schen Grenz­kom­man­dos in der Nähe der ukrai­ni­schen Gren­ze im Dorf Jels­kij rai­on in Sabos­je (Bela­rus) fest­ge­nom­men. Die Gefan­ge­nen befin­den sich der­zeit in einem KGB-Gefäng­nis in Minsk. Sie wur­den gemäß Teil 3 von Arti­kel 289 des Straf­ge­setz­bu­ches (von einer orga­ni­sier­ten Grup­pe began­ge­ner Ter­ror­akt) ange­klagt.

Anar­chis­ti­sche Revo­lu­tio­nä­re

Jeder der Inhaf­tier­ten war vie­le Jah­re lang ein Geg­ner des faschis­ti­schen Staa­tes gewe­sen und hat­te regel­mä­ßig des­sen Repres­sio­nen erlebt.

Ihar Ali­ne­witsch – ein Anar­chist aus Minsk, ehe­ma­li­ger poli­ti­scher Gefan­ge­ner des bela­rus­si­schen Regimes. Im Novem­ber 2010 wur­de er von den Son­der­diens­ten in Mos­kau gefan­gen genom­men und im Mai 2011 zu 8 Jah­ren in einer ver­stärk­ten Regime­ko­lo­nie nach Art. 218.3 (vor­sätz­li­che Zer­stö­rung von Eigen­tum) und Art. 339.2 (Hoo­li­ga­nis­mus durch eine Grup­pe von Per­so­nen) ver­ur­teilt. Er wur­de am 22. August 2015 per Prä­si­di­al­de­kret begna­digt. Im Gefäng­nis schrieb er ein Buch „Going to Maga­dan“, das in meh­re­re Spra­chen über­setzt wur­de. Im Jahr 2013 wur­de das Buch vom bela­rus­si­schen PEN-Zen­trum mit dem Fran­tishk-Alekh­no­vich-Preis für die bes­te im Gefäng­nis geschrie­be­ne Arbeit aus­ge­zeich­net. Im Jahr 2016 wur­de Igor mit dem Vic­tor-Ivash­ke­vich-Preis aus­ge­zeich­net. Nach sei­ner Frei­las­sung leb­te Igor im Aus­land und betei­lig­te sich an der anar­chis­ti­schen Bewe­gung.

Dzmi­try Dubouv­ski – ein Anar­chist aus Soli­gor­sk. Im Jahr 2010 wur­de er im Zusam­men­hang mit dem „Fall der bela­rus­si­schen Anar­chis­ten“ auf die Fahn­dungs­lis­te gesetzt. Im Novem­ber des­sel­ben Jah­res gelang Dubow­skij die Flucht in Mos­kau, als der FSB ver­such­te, ihn und Igor fest­zu­neh­men. Dima ver­steck­te sich 10 Jah­re lang in Russ­land und der Ukrai­ne, ver­öf­fent­lich­te Tage­bü­cher von sei­nen Rei­sen und betei­lig­te sich an der anar­chis­ti­schen Bewe­gung.

Dzmi­try Reza­no­vich ist ein Anar­chist aus Gomel. Er wur­de am 16. März 2014 nach Über­schrei­ten der ukrai­nisch-rus­si­schen Gren­ze in Kursk fest­ge­nom­men. Er hat­te die Doku­men­te sei­nes Bru­ders bei sich. Er wur­de wegen des Ver­dachts der Sabo­ta­ge auf rus­si­schem Ter­ri­to­ri­um fest­ge­nom­men. Der FSB konn­te kei­ne aus­rei­chen­den Bewei­se für die­se Dar­stel­lung fin­den und eröff­ne­te ein Straf­ver­fah­ren nach Arti­kel 332 Teil 1 des rus­si­schen Straf­ge­setz­bu­ches (Über­schrei­ten der Staats­gren­ze der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on ohne gül­ti­ge Doku­men­te für das Recht auf Ein­rei­se in die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on). Er wur­de in einem Abschie­be­zen­trum im Gebiet Kursk fest­ge­hal­ten. Am 3. Juli ord­ne­te das Gericht die Abschie­bung Dmi­trijs aus Russ­land an und ver­ur­teil­te ihn außer­dem zur Zah­lung einer Geld­stra­fe in Höhe von 15.000 Rubel. Am 25. Juli wur­de Dmi­tri nach Bela­rus depor­tiert. Er blieb ein akti­ver Teil­neh­mer der anar­chis­ti­schen Bewe­gung.

Siar­hei Ramanau ist ein Anar­chist aus Gomel. Er wur­de 2013 zu zwei Jah­ren Gefäng­nis auf Bewäh­rung ver­ur­teilt, weil er 14 Gramm Schieß­pul­ver zu Hau­se auf­be­wahrt hat­te. (Arti­kel 295.2 des Straf­ge­setz­bu­ches). Im Jahr 2014 wur­de er zu 6 Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt, nach Beschwer­den wur­de die Stra­fe auf fünf Jah­re redu­ziert. (Arti­kel 295 Absatz 3 des Straf­ge­setz­bu­ches). Er wur­de im Juli 2019 frei­ge­las­sen und zu prä­ven­ti­ven Über­wa­chungs­be­schrän­kun­gen ver­ur­teilt, wie z.B. ein Ver­bot, die Stadt zu ver­las­sen und sei­nen Wohn­ort zu wech­seln, ein Ver­bot, Bars, Restau­rants, Geschäf­te und ande­re Orte auf­zu­su­chen, an denen sie Alko­hol ver­kau­fen, ein Ver­bot, den Wohn­ort zwi­schen 22.00 und 6.00 Uhr ohne trif­ti­gen Grund zu ver­las­sen, die Ver­pflich­tung, die Inspek­ti­on ein­mal pro Woche zu besu­chen.

Alle vier sind erwach­se­ne Men­schen mit star­ken mora­li­schen Grund­sät­zen und gefes­tig­ten Ansich­ten. Jeder von ihnen ist ein über­zeug­ter Anar­chist, jeder von ihnen ist eine ideenori­en­tier­te und wür­di­ge Per­son. Jeder von ihnen ist ein Kämp­fer für ein neu­es, frei­es Bela­rus, in dem es kei­nen Platz für die Bru­ta­li­tät von Poli­zei- und para­mi­li­tä­ri­schen Ein­hei­ten und ande­ren Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den gibt, in dem es kei­nen Platz für die Ver­let­zung der Frei­heit in all ihren Erschei­nungs­for­men gibt.

War­um unter­stüt­zen wir sie?

Alle Anschul­di­gun­gen, die der Staat gegen die anar­chis­ti­schen Rebel­len erhebt, sind absurd, zynisch und falsch. Die ver­haf­te­ten Anar­chis­ten ver­heim­li­chen nicht, dass sie an Auto­brand­stif­tung, Sach­be­schä­di­gung und Sabo­ta­ge betei­ligt waren. All dies sind direk­te Aktio­nen, die in kei­ner Wei­se zu Ver­let­zun­gen oder Tod geführt haben. Sie hat­ten nicht die Absicht, dies zu ver­ur­sa­chen. Als anar­chis­ti­sche Revo­lu­tio­nä­re, die den Weg des Gue­ril­la­kamp­fes wähl­ten, woll­te die Grup­pe das rebel­lie­ren­de bela­rus­si­sche Volk unter­stüt­zen und zur Sache des popu­lä­ren Wider­stands bei­tra­gen. Die Waf­fen sind ein Zei­chen dafür, dass die Jungs bewusst einen ent­schlos­se­nen und ris­kan­ten Kampf gegen den Staats­ter­ror begon­nen haben. Wir glau­ben, dass der Besitz von Schuss­waf­fen das Recht frei­er Men­schen ist, nicht das der bru­ta­len Geset­zes­hü­ter. Heu­te ist es ein weiß­rus­si­scher Staat, der auf mili­tä­ri­scher und poli­zei­li­cher Gewalt beruht und von einem wahn­sin­ni­gen Dik­ta­tor auf­ge­baut, bezahlt und ver­wal­tet wird, der eine ter­ro­ris­ti­sche Struk­tur dar­stellt. Es sind die staat­li­chen Struk­tu­ren, die Mäd­chen ver­ge­wal­ti­gen, Rent­ner ver­prü­geln, unbe­waff­ne­te Men­schen erschie­ßen, Gefan­ge­ne in Lie­fer­wa­gen und Haft­an­stal­ten fol­tern, in Woh­nun­gen ein­bre­chen, Autos und Fahr­rä­der zer­trüm­mern, Cafés und Geschäf­te zer­schla­gen. Anar­chis­ten tun nichts der­glei­chen. Anar­chis­mus ist Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on, gegen­sei­ti­ge Hil­fe und Soli­da­ri­tät. Anar­chis­mus ist nicht nur der Wunsch, frei zu sein. Es ist ein Kampf gegen jeg­li­che Unter­drü­ckung, ein Kampf für Frei­heit. Ja, sie hat­ten Waf­fen dabei. Aber sie wur­den nicht gegen Men­schen ein­ge­setzt. Ja, sie haben Gebäu­de und Autos in Brand gesteckt, aber genau die­se Objek­te sind das Rück­grat des Regimes, und des­halb wur­den sie als Zie­le aus­ge­wählt. Es gab kei­ne Todes­op­fer. Ja, es sind Rebel­len und Revo­lu­tio­nä­re. Aber alle Men­schen haben das Recht zu rebel­lie­ren, ins­be­son­de­re in einem Land, in dem kein demo­kra­ti­scher Mecha­nis­mus funk­tio­niert, in dem es über­haupt kei­ne Gerech­tig­keit gibt und jeder fried­li­che Pro­test mit staat­li­cher Gewalt beant­wor­tet wird. Inner­halb weni­ger Mona­te wur­den in Bela­rus etwa sieb­zehn­tau­send Men­schen inhaf­tiert und etwa 1000 Straf­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Mehr als 100 poli­ti­sche Gefan­ge­ne befin­den sich hin­ter Git­tern. Selbst als Reak­ti­on auf die fried­lichs­te Form des Pro­tests – einen Streik – wer­fen die Behör­den Arbei­ter hin­ter Git­ter.

Das Ver­bot von Streiks, Ent­las­sun­gen, Repres­sio­nen und die Nicht­ein­hal­tung der Ver­spre­chen der bela­rus­si­schen Behör­den führ­ten dazu, dass Soli­gor­sk – die Stadt der Berg­ar­bei­ter und Arbei­ter – von Anar­chis­ten für direk­te Aktio­nen aus­ge­wählt wur­de. Die Aktio­nen ziel­ten dar­auf ab, die Arbei­ter zu unter­stüt­zen und ihre Soli­da­ri­tät mit ihren For­de­run­gen zum Aus­druck zu brin­gen.

Wir rufen die Anar­chis­ten auf, sich mit Kri­tik zurück­zu­hal­ten, die auf Aus­zü­gen und Fet­zen aus den Ver­hö­ren der Genos­sen beruht, die von den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den absicht­lich ver­öf­fent­licht wur­den. Die Zeit wird alles an sei­nen Platz brin­gen, und wir erklä­ren mit vol­ler Ver­ant­wor­tung, dass neue Fak­ten über die Grup­pe der revo­lu­tio­nä­ren Anar­chis­ten von Bela­rus öffent­lich wer­den.

Wir brin­gen den inhaf­tier­ten Anar­chis­ten und allen Men­schen in Bela­rus, die sich gegen die Dik­ta­tur und die Poli­zei­ge­walt auf­ge­lehnt haben, unse­re vol­le Unter­stüt­zung zum Aus­druck und rufen zum Kampf für die sofor­ti­ge Frei­las­sung von Ihar Ali­ne­witsch, Dmi­tri Dubou­ski, Dmi­tri Rezano­witsch, Siar­hei Ramanau sowie aller poli­ti­schen Gefan­ge­nen in Bela­rus auf. Wir rufen alle Men­schen, denen es nicht gleich­gül­tig ist, dazu auf, Infor­ma­tio­nen zu ver­brei­ten, Soli­da­ri­täts- und Wider­stands­ak­tio­nen zu orga­ni­sie­ren und jede Art von Druck auf alle Struk­tu­ren des Luka­schen­ko-Regimes sowohl in Bela­rus als auch im Aus­land aus­zu­üben. Denkt dar­an, dass die bes­te Unter­stüt­zung dar­in besteht, den Kampf fort­zu­set­zen, dem die ver­haf­te­ten Genos­sen ihr Leben gewid­met haben.

Freun­de und Mit­strei­ter
Anar­chis­ti­sches Kol­lek­tiv „Pra­men“
Miko­la Dzia­dok, anar­chis­ti­scher Blog­ger
Kol­lek­tiv „Effect Mon­ro“
Anar­chis­ti­sches Schwar­zes Kreuz Bela­rus
Brief zur Unter­schrift geöff­net

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