[gfp:] „Europa stark machen“

Mehr Gewicht in die Waagschale

Die Bun­des­re­gie­rung hat­te bereits die US-Prä­si­den­ten­wahl im Novem­ber 2016 zum Anlass genom­men, einen gestie­ge­nen deut­schen Macht­an­spruch zu mar­kie­ren. So hat­te Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel in ihrer ers­ten öffent­li­chen Reak­ti­on auf den Wahl­sieg von Donald Trump erklärt, sie „bie­te“ dem nächs­ten US-Prä­si­den­ten „eine enge Zusam­men­ar­beit an“, dies aller­dings zugleich von Bedin­gun­gen – näm­lich der Ein­hal­tung „gemeinsame[r] Wer­te“ – abhän­gig gemacht: eine Äuße­rung, die eine neue deut­sche Eigen­stän­dig­keit im trans­at­lan­ti­schen Ver­hält­nis beto­nen sollte.[1] Par­al­lel hat­te der Koor­di­na­tor der Bun­des­re­gie­rung für die trans­at­lan­ti­sche Zusam­men­ar­beit, Jür­gen Hardt (CDU), geur­teilt, nach der Wahl bestehe eine „Not­wen­dig­keit für uns Euro­pä­er und spe­zi­ell für uns Deut­sche“, künf­tig mehr Gewicht „in die Waag­scha­le zu wer­fen“. Wenig spä­ter äußer­te die dama­li­ge Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ursu­la von der Ley­en, „auf Deutsch­land als gro­ße Nati­on in der Mit­te Euro­pas“ kom­me nach der US-Wahl „eine zwei­fach wich­ti­ge Rol­le zu“: Es gel­te nicht nur „Brü­cken zur neu­en Admi­nis­tra­ti­on Trump zu bau­en“, son­dern auch, in der EU abge­stimmt, „selbst­be­wusst die eige­ne Posi­ti­on“ zu ver­tre­ten: Das bie­te eine Chan­ce für „ein aus­ge­wo­ge­ne­res Ver­hält­nis zu den USA“.[2]

„Unser Platz auf der Weltbühne“

Ähn­lich äußern sich deut­sche Poli­ti­ker nun erneut, dies erklär­ter­ma­ßen unab­hän­gig von der Fra­ge, ob Trump oder Joe Biden letzt­lich die Wahl gewinnt. So urteil­te Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz bereits am Mitt­woch, man müs­se jetzt „Euro­pa stark machen“: Es gehe „um euro­päi­sche Souveränität“.[3] Der FDP-Vor­sit­zen­de Chris­ti­an Lind­ner erklär­te, „wir“ Euro­pä­er soll­ten nun „auf der Welt­büh­ne selbst unse­ren Platz rekla­mie­ren“. Der CSU-Vor­sit­zen­de und Minis­ter­prä­si­dent Bay­erns, Mar­kus Söder, for­der­te: „Euro­pa muss viel stär­ker wer­den, wirt­schaft­lich, tech­no­lo­gisch, auch sicher­heits­po­li­tisch“; letzt­lich gel­te es „eine eigen­stän­di­ge Posi­ti­on … zu ent­wi­ckeln“ – „mehr auf Augen­hö­he als bis­lang mit den USA“.[4] Die EU müs­se „mit Hoch­druck dar­an arbei­ten, ein ent­schei­dungs- und hand­lungs­fä­hi­ger Akteur zu wer­den“, ver­langt zudem der Prä­si­dent der ein­fluss­rei­chen Deut­schen Gesell­schaft für Aus­wär­ti­ge Poli­tik (DGAP), Tho­mas End­ers: „Euro­pa sol­le sich „end­lich sei­ner eige­nen Stär­ke bewusst“ wer­den. „Die geo­stra­te­gi­sche Initia­ti­ve der EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en“ sei dazu „ein ers­ter Schritt“.[5]

Mit harten Bandagen

Deut­sche Außen­po­li­tik­ex­per­ten neh­men dabei bereits ers­te kon­kre­te Kon­flik­te mit der künf­ti­gen US-Admi­nis­tra­ti­on in den Blick. So hält etwa Clau­dia Schmu­cker, Lei­te­rin des DGAP-Pro­gramms „Geo­öko­no­mie“, fest, ganz „unab­hän­gig“ von der Per­son des künf­ti­gen US-Prä­si­den­ten müss­ten „Deutsch­land und Euro­pa mit einer Han­dels­po­li­tik rech­nen, die sich stark an den Inter­es­sen der USA ori­en­tiert“; dies gel­te bei­spiels­wei­se für das Bestre­ben, die Pro­duk­ti­on in die USA zurück­zu­ver­la­gern, sowie für „Buy-American-Bestimmungen“.[6] Nor­bert Rött­gen, Vor­sit­zen­der des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses im Deut­schen Bun­des­tag, erklärt, er rech­ne auch bei einem Sieg von Biden „nicht damit“, dass etwa die Straf­zöl­le „sofort … zurück­ge­nom­men“ wür­den; selbst bei den US-Sank­tio­nen gegen Nord Stream müs­se man dar­an erin­nern, dass sie vom „demo­kra­tisch domi­nier­ten Reprä­sen­tan­ten­haus“ initi­iert wor­den seien.[7] DGAP-Prä­si­dent End­ers, als frü­he­rer Air­bus-Vor­stands­vor­sit­zen­der mit Han­dels­kon­flik­ten mit den USA gut ver­traut, sagt vor­aus, „trans­at­lan­tisch“ wer­de, was die Wirt­schaft ange­he, „auch wei­ter mit har­ten Ban­da­gen gekämpft“ – schließ­lich lie­ßen sich von Trump kri­ti­sier­te „Fak­ten wie die unaus­ge­gli­che­nen Han­dels­bi­lan­zen“ zwi­schen den USA und der EU bzw. Deutsch­land „nicht ein­fach wegdiskutieren“.[8]

Tech-Governance

Mit Dif­fe­ren­zen rech­nen Exper­ten auch auf dem Feld der Tech­no­lo­gie. Erst kürz­lich hieß es in einem Stra­te­gie­pa­pier einer „Trans­at­lan­tic Task For­ce“, die Ende 2019 vom Ger­man Mar­shall Fund of the United Sta­tes und der Bun­des­kanz­ler-Hel­mut-Schmidt-Stif­tung initi­iert wor­den war: „Tech­no­lo­gi­sche Inno­va­ti­on nährt wirt­schaft­li­ches Wachs­tum und ist seit lan­ger Zeit die Grund­la­ge natio­na­ler Macht und glo­ba­len Einflusses“.[9] Jetzt kon­sta­tiert Tyson Bar­ker, Lei­ter des DGAP-Pro­gramms „Tech­no­lo­gie und Außen­po­li­tik“: „Die tech­no­lo­gi­sche Vor­herr­schaft der USA ist sowohl für Trump als auch für Biden der Schlüs­sel für die geo­stra­te­gi­sche Vor­macht­stel­lung der USA gegen­über China.“[10] Trumps Plan, Chi­nas tech­no­lo­gi­sche „Abkopp­lung“ („Deco­u­pling“) zu erzwin­gen, ist bekannt; er wird von der deut­schen Wirt­schaft ein­deu­tig abge­lehnt (ger​man​-for​eign​-poli​cy​.com berich­te­te [11]). Aller­dings wer­de auch Biden, der für welt­weit gemein­sa­me Regeln für „neue Tech­no­lo­gien wie KI oder Cloud- und Quan­ten­com­pu­ting“ ein­tre­te und der „Visi­on einer demo­kra­ti­schen Tech-Gover­nan­ce“ fol­ge, „früh­zei­tig die Hand nach Deutsch­land aus­stre­cken“. Das ver­hei­ße Kon­flik­te – schließ­lich stre­be die EU ihrer­seits „nach digi­ta­ler Sou­ve­rä­ni­tät“. Man kön­ne sich also „auf Span­nun­gen mit Washing­ton ein­stel­len“, ganz unab­hän­gig davon, wer künf­tig „im Wei­ßen Haus sitzt“.

Ein transatlantischer New Deal

Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas hat­te bereits vor der US-Prä­si­den­ten­wahl einen „Neu­an­fang in der trans­at­lan­ti­schen Part­ner­schaft“ gefor­dert und eine stär­ke­re Berück­sich­ti­gung der Inter­es­sen Deutsch­lands und der EU ver­langt: „Part­ner­schaft“ dür­fe „nicht blin­de Gefolg­schaft“ bedeuten.[12] Am Wochen­en­de kün­dig­te Maas außer­dem an: „Wir wer­den schnell nach der Wahl mit Vor­schlä­gen auf Washing­ton zuge­hen – und einen trans­at­lan­ti­schen ‚New Deal’ vorschlagen“.[13] Genaue­res ist dazu noch nicht bekannt. Aller­dings regt sich – nicht zuletzt mit Blick auf das US-Wahl­ge­sche­hen – Unmut selbst in den Ber­li­ner Regie­rungs­par­tei­en. „Es gibt ernst­zu­neh­men­de Stim­men auch in Euro­pa, dass wir uns stär­ker abkop­peln müs­sen … von dem, was in den USA pas­siert“, erklärt etwa der SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Rolf Müt­zenich: „Und zu die­sen Stim­men gehö­re ich auch“.[14]

Bit­te beach­ten Sie auch den Kom­men­tar Mit den USA unter­ge­hen von Hans-Rüdi­ger Minow.

[1] S. dazu Ein wesent­li­cher Teil des Wes­tens.

[2] „USA sind der wich­tigs­te Pfei­ler in der Nato“. www​.rp​-online​.de 10.11.2016. S. dazu Der Trump-Impuls.

[3], [4] Johan­nes Leit­häu­ser: Mehr Platz für Euro­pa. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 05.11.2020.

[5] „Ein Prä­si­dent Biden macht noch kei­nen Som­mer“. dgap​.org 02.11.2020.

[6] US-Wahl 2020. dgap​.org 03.11.2020.

[7] „Auch Biden-Admi­nis­tra­ti­on wird auf Chi­na und Asi­en fokus­siert blei­ben“. deutsch​land​funk​.de 05.11.2020.

[8] „Ein Prä­si­dent Biden macht noch kei­nen Som­mer“. dgap​.org 02.11.2020.

[9] Tog­e­ther or Alo­ne? Choices and Stra­te­gies for Trans­at­lan­tic Rela­ti­ons for 2021 and Bey­ond. Washing­ton, Octo­ber 2020. S. dazu Ein schwie­ri­ger Bünd­nis­part­ner (II).

[10] US-Wahl 2020. dgap​.org 03.11.2020.

[11] S. dazu Geschäft statt Ent­kopp­lung.

[12] Hei­ko Maas: Es ist Zeit für einen trans­at­lan­ti­schen Neu­an­fang. welt​.de 25.10.2020. S. dazu Ein schwie­ri­ger Bünd­nis­part­ner (I).

[13] Hans Monath: Maas will Neu­start im Ver­hält­nis zu den USA. tages​spie​gel​.de 01.11.2020.

[14] „Das ist wirk­lich unde­mo­kra­tisch“. tages​schau​.de 04.11.2020.

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