[LCM:] Nicht einmal Krümel – Berliner Erzieher:innen und die „Corona-Prämie“

Wie jede kapi­ta­lis­ti­sche Kri­se wur­de auch die im Gefol­ge der Coro­na-Pan­de­mie auf die Arbeiter*innen abge­wälzt. Ver­ba­le Beteue­run­gen, wie sehr man in Poli­tik und Wirt­schaft die „Held:innen des All­tags“ schät­ze, gin­gen ein­her mit rea­ler Miss­ach­tung von Löh­nen, Arbeits­druck und Gesund­heits­schutz. Unser Autor Fre­de­rik Kun­ert ist Inte­gra­ti­ons-Erzie­her an einer Ber­li­ner Grund­schu­le und schreibt über Mehr­be­las­tung, feh­len­de Gegen­wehr und die zyni­sche „Coro­na-Prä­mie“.

Ana­log zu den als „Hel­den und Hel­din­nen der Coro­na-Kri­se“ gefei­er­ten Beschäf­tig­ten im Gesund­heits­be­reich, wird auch den Erzie­he­rin­nen und Erzie­hern in den Kitas und Schu­len ins Gesicht gespuckt: Mit der „Dan­kes­prä­mie“, für die Ber­lins Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler (SPD) sich fei­ern lässt.

In sei­ner Pres­se­mit­tei­lung als regie­ren­der Bür­ger­meis­ter vom 5.5.2020 spricht er von einer „ein­ma­li­gen Dan­kes­prä­mie“ von bis zu 1.000 Euro für alle Beschäf­tig­ten, „die in der Coro­na-Kri­se außer­ge­wöhn­li­che Leis­tun­gen erbracht haben und in Ser­vice­ein­rich­tun­gen einer erhöh­ten gesund­heit­li­chen Gefahr aus­ge­setzt waren.“ Zu die­sen Beschäf­tig­ten zählt er expli­zit die Erzie­he­rin­nen und Erzie­her in den Kitas, sowie in den Schul­hor­ten.

Ohne die Arbeit die­ser Beschäf­tig­ten hät­ten auch eini­ge ande­re sys­tem­re­le­van­te Beru­fe nicht in dem Maße wei­ter aus­ge­führt wer­den kön­nen, wie es der Fall war. Sie über­nah­men die Not­be­treu­ung und setz­ten sich so einem erhöh­ten Infek­ti­ons­ri­si­ko aus. Auch jetzt, in der zwei­ten Wel­le, sind sie die­sem Risi­ko wei­test­ge­hend aus­ge­setzt. Hygie­nekon­zep­te sind in Ein­rich­tun­gen mit meh­re­ren Hun­dert Kin­dern in der Pra­xis oft nicht umsetz­bar. Der Schutz der päd­ago­gi­schen Fach­kräf­te scheint oft nicht von Belang. Wich­tig ist dage­gen offen­bar eher, alles um jeden Preis am Lau­fen zu hal­ten und ein aber­ma­li­ges Schlie­ßen der Schu­len und Kitas zu ver­hin­dern.

Politiker:innen über­schlu­gen sich im Ver­lauf der ers­ten Wel­le mit Kom­pli­men­ten und Dan­kes­re­den an die „Hel­din­nen und Hel­den des All­tags“ und manch einer träum­te gar davon, sozia­le Beru­fe wür­den end­lich ihrem gesell­schaft­li­chen Stel­len­wert ange­mes­sen bezahlt. Schließ­lich zeig­te die Coro­na-Kri­se wie schon lan­ge kein Ereig­nis vor ihr, wel­che Beru­fe „sys­tem­re­le­vant“ – eigent­lich eher: rele­vant für die Gesell­schaft – sind und wel­che eigent­lich kein Mensch braucht. Hedgefonds-Manager:innen und Vermieter:innen gehö­ren jeden­falls nicht zu denen, die die gesell­schaft­li­chen Abläu­fe am Leben hal­ten.

Den offe­nen Wider­spruch zwi­schen der Bezah­lung vie­ler Beru­fe und ihrer gesell­schaft­li­chen Rele­vanz beschrieb schon der kürz­lich ver­stor­be­ne Anthro­po­lo­ge David Gra­eber in sei­nem Buch „Bull­shit-Jobs – Vom wah­ren Sinn der Arbeit“: „Offen­sicht­lich gilt in unse­rer Gesell­schaft die Regel, dass eine Arbeit umso schlech­ter bezahlt wird, je offen­sicht­li­cher sie ande­ren Men­schen nützt. Auch hier ist es schwie­rig, ein objek­ti­ves Maß zu fin­den, aber einen Ein­druck kann man sich mit einer ein­fa­chen Fra­ge ver­schaf­fen: Was wür­de gesche­hen, wenn die­se gan­ze Berufs­grup­pe ein­fach ver­schwin­den wür­de? Man kann über Kran­ken­schwes­tern, die Mitarbeiter*innen der Müll­ab­fuhr oder Automechaniker*innen sagen, was man will, aber eines liegt auf der Hand: Wür­den sie plötz­lich ver­schwin­den, die Fol­gen wären sofort spür­bar und kata­stro­phal. Auch eine Welt ohne Lehrer*innen oder Hafenarbeiter*innen wür­de schnell in Schwie­rig­kei­ten gera­ten und selbst ohne Science-Fiction-Autor*innen oder Ska-Musiker*innen wäre sie sicher weni­ger schön. Dage­gen ist nicht ganz klar, wie die Welt lei­den wür­de, wenn alle Private-Equity-Manager*innen, Lobbyist*innen, Public-Relations-Berater*innen, Ver­si­che­rungs­fach­leu­te und Rechtsberater*innen für Kon­zer­ne auf ähn­li­che Wei­se ver­schwin­den wür­den.“ Schnell wur­de aber doch klar, dass man außer etwas Bei­fall und even­tu­ell einer Prä­mie nicht viel zu erwar­ten hat. Wie wenig war trotz aller vor­han­den Skep­sis dann doch ein Schlag ins Gesicht.

Vie­le sozia­le Ein­rich­tun­gen wer­den von frei­en Trä­gern getra­gen, auch vie­le Ganz­tags­be­treu­un­gen an den Schu­len gehö­ren zu den frei­en Trä­gern. Dar­aus ent­steht eine oft­mals gespal­te­ne Beleg­schaft: eini­ge haben noch alte Ver­trä­ge und sind bei­spiels­wei­se beim Senat ange­stellt und somit im öffent­li­chen Dienst, ande­re sind bei den frei­en Trä­gern ange­stellt. Oft­mals wer­den die Tarif­ver­trä­ge ange­passt, jedoch nicht immer. Den Mitarbeiter*innen des öffent­li­chen Diens­tes wur­den ihre Dan­kes­prä­mi­en aus­ge­zahlt. Ähn­lich dif­fe­ren­zie­rend und spal­tend lief es bzgl. der Prä­mie auch im Pfle­ge-Bereich.

Die frei­en Trä­ger muss­ten nun die Gel­der für die Dan­kes­prä­mie bean­tra­gen, um sie ihren Beschäf­tig­ten eben­falls zah­len zu kön­nen. Rela­tiv schnell und pro­blem­los erhiel­ten sie die Gel­der. Aller­dings reich­ten die­se Gel­der für eine Prä­mie von bis zu 1.000 Euro, wie Micha­el Mül­ler es groß­spu­rig ange­kün­digt hat, von vor­ne bis hin­ten nicht. Auf alle Mitarbeiter*innen ver­teilt, wäre eine Prä­mie von etwa 50 Euro pro Per­son dabei her­aus­ge­kom­men. Vie­le freie Trä­ger ver­zich­te­ten auf die Zah­lung die­ser „Prä­mie“, die sich doch eher wie Hohn und Spott anfüh­len wür­de. Ein Erzie­her beschriebt das Gefühl vie­ler Mitarbeiter*innen gegen­über dem RBB so: „Nach dem Mot­to: Die­je­ni­gen, die für das Land Ber­lin arbei­ten, haben es gut und die ande­ren müs­sen sehen, wo sie blei­ben. So hört sich das für mich an.”

Auf einen offe­nen Brief zu die­ser The­ma­tik reagier­te der Bür­ger­meis­ter bis­her nicht. Nicht nur die­ser schlech­te Witz einer „Prä­mie“, auch die aktu­ell ablau­fen­den Vor­gän­ge in den Ein­rich­tun­gen sind ein Schlag ins Gesicht der päd­ago­gi­schen Fach­kräf­te. Auch die Bil­dungs­ge­werk­schaft GEW sieht die Rück­kehr zum Regel­be­trieb in den Schu­len und Kitas kri­tisch: „Kon­kre­te und ver­bind­li­che Maß­nah­men – Fehl­an­zei­ge! Die Som­mer­fe­ri­en hät­te die Sena­to­rin bes­ser nut­zen kön­nen. Ins­be­son­de­re, um sich mit den Beschäf­tig­ten­ver­tre­tun­gen dazu aus­zu­tau­schen, wie Bil­dung in Zei­ten von Coro­na aus­se­hen kann“, kri­ti­sier­te die Vor­sit­zen­de der GEW-Ber­lin, Doreen Sie­ber­nik. Wei­ter sagt sie: „Die Kolleg*innen füh­len sich in den Schu­len allein gelas­sen. Es herrscht rie­si­ge Unsi­cher­heit, wie der Schul­all­tag mit den ein­zu­hal­ten­den und mit­un­ter wider­sprüch­li­chen Hygie­ne- und Schutz­maß­nah­men und vor dem Hin­ter­grund tau­sen­der feh­len­der Lehr­kräf­te aus­se­hen soll. Wir ver­ste­hen das Bedürf­nis nach einem gere­gel­ten Schul­start. Aber wir hal­ten es für unver­ant­wort­lich, die Grup­pen- und Klas­sen­grö­ßen wie­der auf das Vor-Coro­na-Niveau anzu­he­ben und auf Abstands­re­geln zu ver­zich­ten. Auch die Erfah­run­gen mit dem Ler­nen in klei­nen Grup­pen sind unbe­ach­tet geblie­ben.“

Lei­der bleibt die GEW auch hier wie so oft zahn­los. Poli­ti­sche Streiks sind ver­bo­ten und dem­nach aus­ge­schlos­sen. Für bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen, ein ande­res Schul­sys­tem oder ähn­li­che „Uto­pien“ darf nicht gestreikt wer­den. Ledig­lich für Tarif­for­de­run­gen ist dies zuläs­sig und auch hier hat die GEW in den letz­ten Jah­ren eini­ge Mit­glie­der mit ihrer wei­chen Ver­hand­lungs­stra­te­gie ver­schreckt. Vie­le Erzieher*innen sind bereit, lan­ge zu strei­ken, um wenigs­tens end­lich ange­mes­sen bezahlt zu wer­den, die GEW gibt sich jedoch oft mit Warn­streiks und anschlie­ßen­den fau­len Kom­pro­mis­sen und mini­ma­len Lohn­er­hö­hun­gen zufrie­den.

Micha­el Mül­ler hin­ge­gen scheint für sei­ne Kan­di­da­tur für den Bun­des­tag bes­tens vor­be­rei­tet zu sein: Das eine sagen und das ande­re tun, das klingt nach SPD-Poli­tik in Rein­form.

# Titel­bild: flickr Uwe Hiksch

Der Bei­trag Nicht ein­mal Krü­mel – Ber­li­ner Erzieher:innen und die „Coro­na-Prä­mie“ erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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