[re:volt mag:] Italien im Aufruhr

Italien im Aufruhr

photo_2020-11-06 19.12.09.jpegGian­mar­co Resci­gno

Die am 23. Okto­ber aus­ge­bro­che­nen Pro­tes­te in Ita­li­en haben die poli­ti­sche und media­le Auf­merk­sam­keit im In- und Aus­land geweckt. In Napo­li hat­te eine Grup­pe von Pro­tes­tie­ren­den wäh­rend der nächt­li­chen Demons­tra­ti­on die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Poli­zei gesucht, die Medi­en spra­chen sogleich von der Camor­ra [die Mafia in der Regi­on Kam­pa­ni­en; Anm. d. Red.], die die Gewalt orches­triert haben soll. Offen­sicht­lich ging es in Napo­li jedoch um sozia­le Belan­ge. Dar­auf­hin kam es auch in ande­ren Städ­ten, vom Nor­den bis in den Süden des Lan­des, zu sozia­len Pro­tes­ten gegen die Poli­tik der Regie­rung ange­sichts der zwei­ten Wel­le der Coro­na-Kri­se.

In den Tagen dar­auf nah­men die Pro­tes­te nicht ab, im Gegen­teil. Sie nah­men unter­schied­lichs­te For­men an und auch in ande­ren Städ­ten kam es zu gewalt­tä­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Demons­trie­ren­den und Poli­zei. Nun misch­te sich auch die ita­lie­ni­sche Regie­rung ein und ver­ur­teil­te die Pro­tes­te. Wie Innen­mi­nis­ter Lucia­na Lamor­ge­se gegen­über der Tages­zei­tung La Repub­bli­ca erklär­te, wür­de die Unzu­frie­den­heit nur als Vor­wand benutzt wer­den, um Gewalt aus­zu­üben. „Stu­die­ren­de, Unbe­que­me und ille­ga­le Ein­wan­de­rer“ wür­den in den Demons­tra­tio­nen mit­mi­schen und die Gewalt pro­vo­zie­ren. Auch wenn zwar die orga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät (Camor­ra) als zen­tra­les Erklä­rungs­mus­ter der Pro­tes­te ver­schwun­den ist, ver­mie­den es die Politiker*innen den tat­säch­li­chen sozia­len und poli­ti­schen Pro­ble­men in die Augen zu schau­en, die zu den spon­ta­nen Aus­schrei­tun­gen führ­ten.

Eine ein­heit­li­che Ana­ly­se der Pro­tes­te zu geben ist aller­dings sehr schwie­rig, da sie in jeder Stadt von unter­schied­li­chen sozia­len und poli­ti­schen Grup­pen aus­gin­gen und die Poli­zei mit unter­schied­lich star­ker Repres­si­on dar­auf reagier­te. Der unter­schied­li­che Cha­rak­ter der Pro­tes­te ist Aus­druck der unter­schied­li­chen gesell­schaft­li­chen Grup­pen und Kräf­te, die jeweils vor Ort vor­herr­schen. Wenn also rechts­ex­tre­me Grup­pie­run­gen an den Pro­tes­ten in Rom, Bolo­gna, Tori­no, Vero­na oder Firen­ze anwe­send waren oder der Auf­ruf dazu sogar von ihnen aus­ging, dann weil sie die herr­schen­de sozia­le und öko­no­mi­sche Kri­se und das poli­ti­sche Vaku­um nut­zen, um ihre Posi­tio­nen und For­de­run­gen auf die Stras­se zu brin­gen.

Der Auftakt in Napoli

Die Pro­tes­te in Napo­li waren eine Art Aus­lö­ser und Vor­bild dafür, den sozia­len Unmut auf die Stra­ße zu tra­gen. Auch in Napo­li hör­ten die Pro­tes­te nicht auf. Am Fol­ge­tag (24. Okto­ber) pro­tes­tier­ten rund 500 Men­schen vor dem regio­na­len Sitz des Unter­neh­mens­ver­ban­des Con­fin­dus­tria gegen die feh­len­den gesund­heits- und sozi­al­po­li­ti­schen Maß­nah­men, um der Coro­na-Kri­se und den sozia­len Fol­gen eines poten­ti­el­len Lock­downs ent­ge­gen­zu­wir­ken. Der Ver­such der Demons­trie­ren­den zum regio­na­len Regie­rungs­ge­bäu­de vor­zu­drin­gen wur­de von der Poli­zei gewalt­voll unter­drückt.

Die poli­zei­li­che Repres­si­on kam auch am Mon­tag, dem 26. Okto­ber, zum Zug: Auf die mit­tels sozia­len Medi­en bewor­be­ne Kund­ge­bung gegen die man­geln­den sozi­al­po­li­ti­schen Maß­nah­men reagier­te die Regie­rung mit einem mas­si­ven Poli­zei­auf­ge­bot samt Was­ser­wer­fern und Män­nern in Roboco­p­mon­tur. Rund 4.000 Men­schen kamen an die­sem Abend zu einer Demons­tra­ti­on zusam­men. Die sozia­le und poli­ti­sche Zusam­men­set­zung war viel­fäl­tig: von pre­kär und oft irre­gu­lär arbei­ten­den Barkeeper*innen über Event-Animateur*innen und Kul­tur­schaf­fen­den bis hin zu Betreiber*innen von Klein­be­trie­ben (vor allem Bars, Restau­rants und Nacht­clubs) waren alle mög­li­chen Schich­ten ver­tre­ten, haupt­säch­lich des Dienst­leis­tungs­sek­tors. Die Kund­ge­bung war daher auch von unter­schied­li­chen For­de­run­gen geprägt. Als die Demons­trie­ren­den dann began­nen sich zu bewe­gen, posi­tio­nier­te sich die Poli­zei erneut, um den Demons­tra­ti­ons­zug zu blo­ckie­ren. Dies­mal gelang es den Demons­trie­ren­den, vor das regio­na­le Regie­rungs­ge­bäu­de zu gelan­gen, ohne dass es zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Poli­zei kam.

Die Diver­si­tät der Teil­neh­men­den drück­te sich auch in den Wort­mel­dun­gen aus: Die Betreiber*innen von Klein­be­trie­ben for­der­ten kei­ne sozi­al­staat­li­che Inter­ven­ti­on für die Sicher­stel­lung der Lohn­fort­zah­lung im Fal­le einer neu­en Schlie­ßung, son­dern unter­stri­chen ihre Ent­schlos­sen­heit, um jeden Preis und trotz Lock­down ihre Läden offen hal­ten und wei­ter­ar­bei­ten zu wol­len. Die Wort­mel­dun­gen, die ein staat­lich garan­tier­tes Grund­ein­kom­men für die Arbeiter*innen ver­lang­ten, wur­den von ihnen hin­ge­gen aus­ge­pfif­fen.

Zudem waren nicht weni­ge Arbeiter*innen mit Pla­ka­ten zu sehen, die einen Steu­er­zah­lungs­stopp für kri­sen­be­trof­fe­ne Bars und Restau­rants und die Auf­he­bung der obli­ga­to­ri­schen Schlie­ßun­gen der Läden ab 18 Uhr for­der­ten. Die­se Posi­tio­nie­rung von Arbeiter*innen auf Sei­ten ihrer Arbeit­ge­ben­den ist Aus­druck des herr­schen­den Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­ses und der Job­un­si­cher­heit, die bereits vor der Coro­na-Kri­se Nor­ma­li­tät war. So exis­tiert eine kor­po­ra­tis­ti­sche Über­zeu­gung à la „du gibst mir zu essen, ich ver­tei­di­ge dich“ bei vie­len Arbei­ten­den. Sozia­le For­de­run­gen – von einem garan­tier­ten Ein­kom­men für die Arbeiter*innen bis zu Inves­ti­tio­nen im Gesund­heits­sys­tem, um der gesund­heit­li­chen Coro­na-Kri­se ent­ge­gen­zu­wir­ken – wur­den in ers­ter Linie von lin­ken poli­ti­schen Grup­pen und Orga­ni­sa­tio­nen in die Pro­tes­te hin­ein­ge­tra­gen.

In den Pro­tes­ten in Napo­li drück­te sich also eine wider­sprüch­li­che Dyna­mik aus: Auf der einen Sei­te das gemein­sa­me Auf­tre­ten von Arbeiter*innen und Betreiber*innen der loka­len Öko­no­mie, die vor allem dank des Tou­ris­mus­booms der letz­ten zehn Jah­re einen Auf­schwung erleb­te und sich nun mit der Kri­se im rasan­ten Sturz­flug befin­det. Die­ser Kor­po­ra­tis­mus steht im Wider­spruch zu den diver­gie­ren­den objek­ti­ven Inter­es­sen die­ser zwei sozia­len Kate­go­rien: Arbeiter*innen und Betreiber*innen. Denn vie­le der Betreiber*innen von Klein­be­trie­ben haben gera­de wäh­rend die­ses Tou­ris­mus­booms ihren Reich­tum durch Steu­er­hin­ter­zie­hung und Aus­beu­tung irre­gu­lä­rer Arbeiter*innen erwirt­schaf­tet. Die Frei­heit, wei­ter wirt­schaf­ten zu kön­nen, wür­de kon­kret hei­ßen, die Frei­heit zu haben, wei­ter­hin Steu­ern zu hin­ter­zie­hen und Arbeiter*innen aus­zu­beu­ten. Hier­in unter­schei­den sich die­se klein­bür­ger­li­chen For­de­run­gen nicht von den­je­ni­gen des Unter­neh­mens­ver­ban­des Con­fin­dus­tria und somit des Groß­ka­pi­tals.

Neofaschistische Instrumentalisierungsversuche

Ande­re Orte wie­sen ande­re Cha­rak­te­ris­ti­ka auf. Am 27. Okto­ber in Rom und am 30. Okto­ber in Bolo­gna waren die Pro­tes­te von neo­fa­schis­ti­schen Grup­pen orga­ni­siert. Hier domi­nier­ten reak­tio­nä­re und rechts­kon­ser­va­ti­ve Posi­tio­nen den Raum. Ihre Kri­tik rich­te­te sich an die „poli­ti­sche Kas­te“, die sich wäh­rend der Pan­de­mie wei­ter berei­chert habe, wäh­rend „das Volk“ Hun­ger erlei­den muss­te. Gefor­dert wur­de expli­zit nicht ein garan­tier­tes Grund­ein­kom­men für alle, die auf­grund eines poten­ti­el­len Lock­downs ihren Lohn ver­lie­ren wür­den, son­dern – wie auch in Napo­li von eini­gen gefor­dert – die Frei­heit, wei­ter­ar­bei­ten zu kön­nen. Gera­de bei den Pro­tes­ten, in denen die­se Posi­tio­nen domi­nier­ten, misch­ten sich ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche und „Coro­na-skep­ti­sche“ Stim­men unter die Pro­tes­te. In Bolo­gna konn­te so eine Annä­he­rung zwi­schen neo­fa­schis­ti­schen Grup­pen und „Wutbürger*innen“ beob­ach­tet wer­den. Die­se werk­tä­ti­ge Mit­tel­klas­sen mit zuvor gutem Ein­kom­men müs­sen tat­säch­lich mate­ri­el­le Ver­lus­te hin­neh­men und erle­ben ähn­li­che Pro­ble­me wie pro­le­ta­ri­sier­te Grup­pen; gleich­zei­tig ten­die­ren sie aber auch zu einem „auto­ri­tä­ren Cha­rak­ter“ und iden­ti­fi­zie­ren sich oft mit kon­ser­va­ti­ven und reak­tio­nä­ren Wert­vor­stel­lun­gen. Dank die­ser Kon­ver­genz nutz­ten rechts­ex­tre­me Grup­pen den Kri­sen­mo­ment, um ihrer ultra­kon­ser­va­ti­ven und reak­tio­nä­ren Welt­an­sicht eine öffent­li­che Stim­me zu ver­lei­hen. Die Betei­li­gung an die­sen Demons­tra­tio­nen blieb aber gering, die Poli­zei beglei­te­te den mit mili­tä­ri­scher Dis­zi­plin orga­ni­sier­ten Demons­tra­ti­ons­zug für über zwei Stun­den durch die Stadt, ohne die Demons­tra­ti­on auf­zu­lö­sen.

Am 30. Okto­ber fand auch in Firen­ze eine Demons­tra­ti­on statt. Auch hier waren rech­te Grup­pen mit von der Par­tie, jedoch in der Min­der­heit. Ihr sepa­ra­ter Demons­tra­ti­ons­zug wur­de von der Poli­zei beglei­tet. Der gemisch­te Block hin­ge­gen, in dem sich pre­kä­re Gastronomie-Arbeiter*innen, Men­schen in schwie­ri­ger finan­zi­el­ler Lage und lin­ke Aktivist*innen wie­der­fan­den, wur­de gewalt­voll von der Poli­zei ange­gan­gen. Die Bil­der der Demons­tra­ti­on zei­gen eine außer Kon­trol­le gera­te­ne Poli­zei, deren ein­zi­ges Ziel es war, die fried­li­che Demons­tra­ti­on auf­zu­lö­sen. Gewis­se mili­tan­te Grup­pen haben dann auf die­se gewalt­tä­ti­ge Pro­vo­ka­ti­on der Poli­zei reagiert, dar­un­ter befan­den sich Grup­pen von Ultras, aber auch sehr vie­le migran­ti­sche Jugend­li­che der zwei­ten Genera­ti­on. Ers­te­re betei­lig­ten sich an den Pro­tes­ten, weil sie in ihrem Pri­vat­le­ben als pre­kä­re Arbeiter*innen einen mate­ri­el­len Grund dafür hat­ten und weil sie als Grup­pe die Schlie­ßung ihrer Treff­punk­te, nament­lich die Fuß­ball­sta­di­en, kri­ti­sier­ten. Die migran­ti­schen Jugend­li­chen hin­ge­gen, die auch in den Pro­tes­ten in Mai­land am 27. Okto­ber zahl­reich ver­tre­ten waren, gehö­ren zu den mar­gi­na­li­sier­tes­ten Grup­pen in der ras­sis­ti­schen und klas­sis­ti­schen Gesell­schaft Ita­li­ens. Ihre Anstren­gun­gen, in höhe­re sozia­le Posi­ti­on auf­zu­stei­gen, wer­den in der kri­sen­ge­präg­ten bür­ger­li­chen Gesell­schaft oft blo­ckiert.

Gold für die einen, Almosen für die anderen

Zeit­gleich mit dem Auf­flam­men zahl­rei­cher Pro­tes­te über­all in Ita­li­en ver­ab­schie­de­te die ita­lie­ni­sche Regie­rung tat­säch­lich ein neu­es Dekret, das Sofort­hil­fen für die sich in Schwie­rig­kei­ten befin­den­den Betreiber*innen von Klein­ge­schäf­ten vor­sieht. Das soge­nann­te decre­to ris­to­ri – wört­lich „Erfri­schungs­de­kret“ – wird 6,2 Mil­li­ar­den Euro in die Kas­sen der Betrie­be pum­pen, davon 2,5 Mil­li­ar­den aus­schließ­lich ins Gas­tro­no­mie-Gewer­be. Laut Wirt­schafts- und Finanz­mi­nis­ter Rober­to Gual­tie­ri wer­den 350.000 Betrie­be davon Nut­zen zie­hen kön­nen. Zum Ver­gleich: Es han­delt sich um die glei­che Sum­me, die jähr­lich für das soge­nann­te Grund­ein­kom­men, der Sozi­al­hil­fe für armuts­be­trof­fe­ne Men­schen aus­ge­ge­ben wird. Der Unter­schied liegt aber dar­in, dass das Grund­ein­kom­men auf rund drei Mil­lio­nen Men­schen ver­teilt wird, das jet­zi­ge Dekret aber eben auf ein paar hun­dert­tau­send Betrie­be.

Auch wur­de der büro­kra­ti­sche Auf­wand, um in den Genuss die­ser Finanz­hil­fen zu kom­men, äußerst ein­fach gehal­ten. Wer schon im März eine staat­li­che Unter­stüt­zung erhal­ten hat­te, muss kei­nen neu­en Antrag stel­len, son­dern ihm/​ihr wird bis zum 15. Novem­ber die Finanz­hil­fe direkt aus­be­zahlt. Wer im März hin­ge­gen kei­ne Unter­stüt­zung erhal­ten hat­te, kann einen Antrag stel­len. Die Höhe der jewei­li­gen Finanz­hil­fe wird auf der Basis der dekla­rier­ten Umsät­ze aus dem Jahr 2019 kal­ku­liert und die Betrie­be haben Anspruch auf bis zu 20 Pro­zent Ent­schä­di­gung. 20 Pro­zent klingt zwar nach wenig, ist es aber nicht, da bis heu­te Bars und Restau­rants wei­ter­hin bis 18 Uhr offen haben und bis um 23 Uhr Lie­fe­rungs­diens­te anbie­ten kön­nen. Zudem sind vie­le Arbeiter*innen die­ser Betrie­be in Kurz­ar­beit und daher über­nimmt der Sozi­al­staat einen Teil der Lohn­kos­ten.

Für pre­kä­re und selb­stän­di­ge Arbeiter*innen ist hin­ge­gen von weit­aus weni­ger Geld die Rede. Arbeiter*innen der Kul­tur­in­dus­trie und des Tou­ris­mus erhal­ten eine Ein­mal­zah­lung von 1000 Euro, die­je­ni­gen des Sport­sek­tors 800 Euro. Für irre­gu­lär Arbei­ten­de sieht das Dekret gar nichts vor. Irre­gu­lä­re und pre­kä­re Arbeiter*innen sind auch von der Ver­län­ge­rung der außer­or­dent­li­chen Kurz­ar­beit und des Ent­las­sungs­ver­bo­tes bis Ende März 2021 aus­ge­schlos­sen.

Kämpfe zusammenführen!

Wie von den Tages­zei­tun­gen ange­kün­digt wur­de, wird die ita­lie­ni­sche Regie­rung auf­grund der wei­ter­hin wach­sen­den Covid-Neu­in­fek­tio­nen loka­le Lock­downs aus­spre­chen. Wie sich die Pro­tes­ten in den sich schnell ver­än­dern­den Umstän­den wei­ter ent­wi­ckeln wer­den, ist noch unklar. Fol­gen­de vier Punk­te sol­len jedoch als Ori­en­tie­rung die­nen.

Ers­tens han­delt es sich beim neu­en Dekret um eine Ant­wort auf die sozia­len Pro­tes­te, ins­be­son­de­re auf die For­de­run­gen der klein­bür­ger­li­chen Kom­po­nen­ten inner­halb der Pro­tes­te. Die Regie­rung war gezwun­gen, die­ser sozia­len Kate­go­rie mate­ri­el­le Zuge­ständ­nis­se zu machen, um den Kon­sens rund um die Regie­rung nicht in Gefahr zu brin­gen. Die Bereit­stel­lung die­ser hohen Sum­me kann also als prä­ven­ti­ve Maß­nah­me gegen die zuneh­men­den Pro­tes­te gele­sen wer­den. Es bleibt zu sehen, ob das rei­chen wird, ins­be­son­de­re ange­sichts der Ein­füh­rung von loka­len Lock­downs. Der Unmut der pre­kärs­ten Frak­tio­nen der Arbeiter*innenklasse wird jedoch wei­ter wach­sen, da sie von jeg­li­chen Regie­rungs­maß­nah­men aus­ge­schlos­sen blei­ben. Ob und auf wel­che Wei­se die­ser Unmut die Pro­tes­ten ver­stär­ken wird, ist noch offen.

Zwei­tens gehen die Pro­tes­te wei­ter. Am 30. Okto­ber fand ein ita­li­en­weit koor­di­nier­ter Pro­test der Kul­tur­schaf­fen­den statt; am Sams­tag­abend, dem 31. Okto­ber, füll­ten vor allem lin­ke Kräf­te und Orga­ni­sa­tio­nen die Stra­ßen von Rom und Nea­pel. Die­se Pro­tes­te wur­den von einem mas­si­ven Poli­zei­auf­ge­bot beglei­tet, jedoch berich­te­ten die gro­ßen Medi­en nicht dar­über. Sol­che Pro­tes­te mit kla­ren sozia­len For­de­run­gen exis­tie­ren für die bür­ger­li­che Pres­se nur dann, wenn „Gewalt“ zur Anwen­dung kommt und Guc­ci-Schau­fens­ter ein­ge­schla­gen wer­den. Das ein­zi­ge Inter­es­se der bür­ger­li­chen Medi­en an sol­chen Pro­tes­ten ist es, ein mög­lich schlech­tes Licht auf die sozia­len Pro­tes­te wer­fen zu kön­nen, um den popu­la­ren Klas­sen Angst ein­zu­flö­ßen und sie davon abzu­hal­ten, an den Pro­tes­ten teil­zu­neh­men und ihren For­de­run­gen Gehör zu ver­schaf­fen. Tat­säch­lich waren die­se Demons­tra­tio­nen auch weit­aus weni­ger stark besucht als die Pro­tes­te zuvor.

Drit­tens hat dies auch damit zu tun, dass eine „sozia­le Depres­si­on“ zu spü­ren ist, die nicht zu unter­schät­zen ist. Gera­de für jün­ge­re Genera­tio­nen war es schon vor dem Aus­bruch der Coro­na-Kri­se schwie­rig, sich eine Zukunft vor­zu­stel­len. Zur­zeit ist eine beruf­li­che Per­spek­ti­ve kaum vor­han­den oder aus­schließ­lich mit pre­kä­ren und vor­über­ge­hen­den Jobs ver­bun­den. Die Fern-Didak­tik an den Uni­ver­si­tä­ten hat zudem die Momen­te sozia­ler Inter­ak­tio­nen auf ein Mini­mum redu­ziert; die Ein­füh­rung eines neu­en Lock­downs und der Rück­zug in die eige­nen vier Wän­de lösen neue (Zukunfts-)Ängste aus. Dies wirkt sich auch auf Fami­li­en- und Freund­schafts­be­zie­hun­gen aus, die fra­gil und pre­kär wer­den. In die­sem gesell­schaft­li­chen Kon­text ist die poli­ti­sche Orga­ni­sie­rung der popu­la­ren Klas­sen äußerst schwie­rig.

Vier­tens sind die sozia­len Pro­tes­te Ita­li­ens nicht aus­schließ­lich der man­geln­den poli­ti­schen Ant­wort auf die Coro­na-Kri­se zuzu­ord­nen. In den letz­ten Tagen haben zahl­rei­che ande­re Arbeiter*innenkollektive für den Erhalt ihres Arbeits­plat­zes und für bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen gestreikt oder pro­tes­tiert. So kämp­fen nun schon seit Mona­ten 420 Arbeiter*innen der Wasch­ma­schi­nen­fa­brik Whirl­pool in Napo­li gegen die Fabrik­schlie­ßung, dabei haben sie mehr­mals die Auto­bahn blo­ckiert. Am Frei­tag fand zudem ein ita­li­en­wei­ter Streik der Arbeiter*innen der Essens­aus­lie­fe­rungs­diens­te statt, weil ihnen ein Tarif­ver­trag vor­ge­hal­ten wur­de, der ohne eine legi­ti­me Ver­tre­tung der Arbeiter*innen aus­ge­han­delt wur­de und ihre Pre­ka­ri­tät gesetz­lich ver­an­kern soll. Auch der Unmut der Gesundheitsarbeiter*innen nimmt Tag für Tag zu, da sie in die­ser Kri­sen­si­tua­ti­on Über­stun­den leis­ten müs­sen, ohne dass dafür die not­wen­di­gen gesund­heit­li­chen und sozia­len Maß­nah­men getrof­fen wer­den. Die Ver­bin­dung der Pro­tes­te der kri­sen­be­trof­fe­nen, pre­kä­ren Arbeiter*innen mit den Streik­be­we­gun­gen der Arbeiter*innen birgt ein enor­mes Poten­ti­al eines posi­ti­ven Aus­we­ges aus der Kri­se in sich. Die­ses Poten­zi­al auf­zu­grei­fen und es aus­zu­bau­en, dar­auf müs­sen wir Lin­ke uns kon­zen­trie­ren!

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