[Freiheitsliebe:] Rassismus: (K)ein blinder Fleck!

Vie­le ver­hee­ren­de Ereig­nis­se im Jahr 2020 haben aber­mals ver­deut­licht, wie tief Ras­sis­mus in der Gesell­schaft ver­an­kert ist. Ramsis Kila­ni, Mai­de Ișı­koğlu, Linus Schie­der­mair und Erna Cas­s­arà ana­ly­sie­ren die Grün­dun­gen von migran­ti­schen Selbst(schutz)organisationen und die Unfä­hig­keit der deut­schen Lin­ken.

Für vie­le Men­schen scheint das Jahr 2020 ver­flucht zu sein. Schon in der ers­ten Hälf­te erschüt­ter­ten eine Wirt­schafts­kri­se, eine Pan­de­mie und anhal­ten­de Poli­zei­ge­walt ihre ver­meint­lich hei­le Welt. Vie­le die­ser Ent­wick­lun­gen sind kei­ne Neu­erschei­nun­gen, son­dern tre­ten durch die Aus­nah­me­si­tua­ti­on nur offe­ner in Erschei­nung. In der media­len Aus­ein­an­der­set­zung besteht der selek­ti­ve Blick, es habe bis zu Geor­ge Floyds Tod weder ras­sis­ti­sche Poli­zei­ge­walt, noch Ras­sis­mus all­ge­mein gege­ben. Sowohl in den USA als auch in Eng­land war die COVID-19-Todes­ra­te von Schwar­zen drei­mal höher als die der wei­ßen Bevöl­ke­rung. Ver­gleich­ba­re Zah­len sind auch für Deutsch­land wahr­schein­lich, wo migran­ti­sche Men­schen im Risi­ko­al­ter fast drei­mal so häu­fig von Armut betrof­fen sind wie der Rest. Nicht erst seit der Pan­de­mie sind sie in Berufs­grup­pen mit beson­ders pre­kä­ren Arbeits­ver­hält­nis­sen über­pro­por­tio­nal ver­tre­ten. Anti­ras­sis­mus war und ist also eine zen­tra­le Klas­sen­fra­ge.

Ras­sis­mus – eine rea­le Gefahr

Für die­se von Ras­sis­mus betrof­fe­nen Tei­le der arbei­ten­den Klas­se gab es einen wei­te­ren Schick­sals­mo­ment im Jahr 2020: Den rech­ten Ter­ror in Hanau. Das ras­sis­ti­sche Blut­bad bil­det für gro­ße Tei­le der migran­ti­schen Gemein­den in Deutsch­land ein kol­lek­ti­ves Trau­ma. Hanau war aber kein Ein­zel­fall, son­dern Teil einer rech­ten Ter­ror­se­rie seit min­des­tens 2015. Mit dem Auf­stieg der AfD und ras­sis­ti­scher Mas­sen­be­we­gun­gen wie PEGIDA spü­ren rechts­ex­tre­me Netz­wer­ke gesell­schaft­li­chen Rück­halt. Die­se rei­chen bis tief in die Insti­tu­tio­nen des deut­schen Staa­tes. In der Poli­zei tre­ten regel­mä­ßig rech­te, ras­sis­ti­sche Zusam­men­schlüs­se und Chat­grup­pen in Erschei­nung. Ein im Janu­ar ver­öf­fent­lich­ter Bericht der Tages­schau bestä­tigt 550 Ver­dachts­fäl­le rechts­ex­tre­mer Bestre­bun­gen in der Bun­des­wehr. Es ist zu ver­mu­ten, dass es sich hier­bei nur um die Spit­ze eines Eis­ber­ges aus Dun­kel­zif­fern han­delt. Vor die­sem Hin­ter­grund sind aktu­ell ver­öf­fent­lich­te Fäl­le vom Ver­schwin­den von 60.000 Schuss Muni­ti­on, über 100 Dienst­waf­fen von der Poli­zei und Bun­des­wehr sowie wei­te­re 48.000 Schuss Muni­ti­on und 62 kg Spreng­stoff aus den KSK-Bestän­den eine rea­le Bedro­hung.

Im kla­ren Bewusst­sein, dass vom deut­schen Staat kein Schutz zu erwar­ten ist, ent­steht der Auf­bau eige­ner Struk­tu­ren, um anti­fa­schis­ti­schen Selbst­schutz zu gewähr­leis­ten. So grün­de­ten von Ras­sis­mus betrof­fe­ne Lin­ke Initia­ti­ven wie Migran­ti­fa, Black Power oder Pan­thi­fa. Außer­dem sind Orga­ni­sa­tio­nen ent­stan­den, die ver­su­chen, ras­sis­ti­sche Unter­drü­ckung und nicht-wei­ße Rea­li­tä­ten poli­tisch sicht­bar zu machen, wie „N‑Wort stop­pen“ und „Paläs­ti­na spricht“. All die­se Grup­pie­run­gen agie­ren und orga­ni­sie­ren sich bewusst außer­par­la­men­ta­risch und außer­par­tei­lich.

War­um aber müs­sen sol­che Initia­ti­ven über­haupt erst neu gegrün­det wer­den, wo es doch bereits zahl­rei­che lin­ke, anti­fa­schis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen in die­sem Land gibt?

Tra­di­tio­nel­le lin­ke Struk­tu­ren schei­nen bei den meis­ten ras­sis­tisch Unter­drück­ten nicht das erfor­der­li­che Ver­trau­en zu genie­ßen, den nöti­gen Schutz zu gewähr­leis­ten oder kon­se­quent gegen Ras­sis­mus vor­zu­ge­hen. Denn der blin­de Fleck gegen­über Ras­sis­mus reicht über den deut­schen Staat hin­aus und herrscht auch in zahl­rei­chen lin­ken Zusam­men­schlüs­sen.

Ras­sis­mus ist zum einen eine rech­te Ideo­lo­gie und ein Spal­tungs­in­stru­ment der herr­schen­den Klas­se. Zum ande­ren ist es aber auch ein gesamt­ge­sell­schaft­li­ches Phä­no­men mit einer Eigen­dy­na­mik. Die­se Sei­te des Ras­sis­mus wird aller­dings in lin­ken Kon­tex­ten noch zu wenig bedacht oder wahr­ge­nom­men. Das zeigt sich ins­be­son­de­re, wenn Betrof­fe­ne bevor­mun­det, als Aus­hän­ge­schild für die eige­ne Selbst­dar­stel­lung miss­braucht oder auf ihre Ras­sis­muser­fah­run­gen redu­ziert wer­den. Auch feh­len Betrof­fe­nen in bereits eta­blier­ten lin­ken Struk­tu­ren safe spaces, in denen ihre Erfah­run­gen ernst genom­men wer­den und Ver­trau­en herrscht. Auch das Ver­nach­läs­si­gen und Negie­ren von inter­na­tio­na­len Kämp­fen und Unter­drü­ckungs­me­cha­nis­men, die das kon­kre­te Leben von ras­sis­tisch Unter­drück­ten betref­fen und beein­flus­sen, för­dert das erwähn­te Miss­trau­en gegen­über lin­ken Struk­tu­ren. Eine nicht diver­se lin­ke Sze­ne und Kul­tur birgt zudem einen wei­ßen, deut­schen Habi­tus, den von Ras­sis­mus Betrof­fe­ne meist nicht tei­len und der den Anschluss erschwert. Ein Zitat aus der Grün­dungs­pro­kla­ma­ti­on der Grup­pe Pan­thi­fa bringt dies auf den Punkt: „Wir füh­len uns als Schwar­ze in wei­ßen Struk­tu­ren nicht will­kom­men oder gehört, wes­halb wir einen Raum für uns selbst schaf­fen müs­sen, in dem wir uns akti­vis­tisch ent­fal­ten kön­nen, ohne uns mit Bil­dungs­ar­beit für wei­ße Genos­sin­nen und Genos­sen aus­zu­bren­nen.“ Da in kei­ner wei­ßen, lin­ken Struk­tur Anti­ras­sis­mus im Vor­der­grund steht, müs­sen die­je­ni­gen, die zum Über­le­ben auf ihn ange­wie­sen sind, eine sol­che Struk­tur selbst kre­ieren.

Was kön­nen wir tun?

Um zugäng­li­cher für von Ras­sis­mus Betrof­fe­ne zu wer­den, müs­sen wei­ße, lin­ke Struk­tu­ren anti­ras­sis­ti­sche Kämp­fe nicht als Nischen­the­ma behan­deln. Men­schen mit Ras­sis­muser­fah­run­gen muss zuge­hört wer­den. Anti­ras­sis­ti­sche Kämp­fe müs­sen inter­sek­tio­nal und durch die Kri­tik an neo­ko­lo­nia­len Struk­tu­ren inter­na­tio­nal aus­ge­rich­tet sein, eige­ne Ras­sis­men und Macht­struk­tu­ren reflek­tiert und abge­baut wer­den. Statt Kaf­fee und Kuchen könn­te man außer­dem ein­fach mal Çay und Bakla­va auf lin­ken Ver­an­stal­tun­gen ser­vie­ren.

Der Bei­trag erschien in gedruck­ter Form in der neu­en Cri­ti­ca.

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