[GAM:] Friedrich Engels zum 200. Geburtstag

Gerald Fal­ke, Neue Inter­na­tio­na­le 251, Novem­ber 2020

Anläss­lich des Geburts­tags­ju­bi­lä­ums von Fried­rich Engels bie­tet sich die Gele­gen­heit, im Rück­blick die Bedeu­tung sei­ner Leis­tun­gen zu resü­mie­ren. In den übli­chen Ein­schät­zun­gen erscheint er oft ledig­lich als eine Art Schat­ten­exis­tenz von Karl Marx. Sofern die Unter­schied­lich­keit der bei­den betont wird, gilt Engels oft als der Empi­ri­ker gegen­über dem Theo­re­ti­ker Marx, als pas­si­ver Poet gegen­über dem akti­ven Phi­lo­so­phen oder gar als der Refor­mer gegen­über dem Revo­lu­tio­när. Man­che wer­fen Engels sogar vor, er habe die Marx’sche Theo­rie natu­ra­li­siert und eine Grund­la­ge für ver­schie­de­ne Pro­ble­me und Fehl­ent­wick­lun­gen geschaf­fen.

Ein Leben gegen Ausbeutung und Unterdrückung

Am 28.11.1820 wur­de Engels in der preu­ßi­schen Stadt Bar­men als Sohn einer Unter­neh­mer­fa­mi­lie gebo­ren. Die­se galt als pie­tis­tisch fromm. In sei­nem Umfeld waren durch den Ein­fluss der bür­ger­li­chen Revo­lu­ti­on in Frank­reich und Napo­le­ons Erobe­run­gen die feu­da­len Lebens­be­din­gun­gen vor­über­ge­hend bereits den bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­sen mit einer sich ent­fal­ten­den Indus­trie gewi­chen. Nach dem Besuch eines Gym­na­si­ums begann er im Betrieb sei­nes Vaters eine kauf­män­ni­sche Leh­re, die er bei einem Groß­han­dels­kauf­mann in Bre­men fort­setz­te. Sei­ne ein­drucks­vol­le Kor­rekt­heit und Zuver­läs­sig­keit wur­den hier­bei beson­ders aus­ge­prägt.

In sei­ner Jugend ent­wi­ckel­te er bereits ein Inter­es­se an sozia­len Ver­hält­nis­sen sei­ner Umge­bung, in denen schwie­ri­ge und unsi­che­re Bedin­gun­gen vor­herrsch­ten und bei­spiels­wei­se bei­na­he die Hälf­te aller Kin­der im Schul­al­ter bereits zur Arbeit in den Fabri­ken gezwun­gen war. Im Zuge der inter­na­tio­na­len Geschäfts­rei­sen sei­nes Vaters bekam er dann früh­zei­tig eine welt­of­fe­ne Sicht­wei­se. Er erlern­te mit gerin­gem Auf­wand ver­schie­de­ne Spra­chen, fer­tig­te ger­ne Zeich­nun­gen und Kari­ka­tu­ren vom Leben und Trei­ben der Men­schen an und begeis­ter­te sich für die Geschich­te, beson­ders ver­schie­de­ne Frei­heits­kämp­fe. Er schrieb auch lei­den­schaft­li­che Gedich­te und woll­te – ange­regt durch die musi­ka­li­schen Vor­lie­ben sei­ner Her­kunfts­fa­mi­lie – als Kom­po­nist von Cho­rä­len und Sän­ger der Frei­heit bekannt wer­den. Anonym oder auch unter einem Pseud­onym ver­öf­fent­lich­te er „Brie­fe aus dem Wup­per­tal“.

Weg zum Kommunismus

Im Zuge sei­nes Mili­tär­diens­tes in Ber­lin besuch­te er Vor­le­sun­gen an der Uni­ver­si­tät und im jung-/links­he­ge­lia­ni­schen „Dok­tor­club“, dem Marx, Bau­er, Köp­pen, Stir­ner und ande­re ange­hör­ten. Auf­ge­wühlt von sei­ner Befas­sung mit Hegel, Feu­er­bach und Strauß, den hier dis­ku­tier­ten fort­schritt­li­chen Ideen und der dar­in bemerk­ten Unver­söhn­lich­keit von Reli­gi­on und Phi­lo­so­phie zwei­fel­te er zuneh­mend an der Rich­tig­keit sei­ner Reli­gio­si­tät und ent­schied sich letzt­lich für die vor­wärts­wei­sen­de Ver­nunft. Dem war bereits sei­ne Empö­rung über den Zwie­spalt zwi­schen dem reli­giö­sen Mys­ti­zis­mus in sei­ner Hei­mat und der prak­ti­schen Men­schen­ver­ach­tung im sozia­len Leben vor­aus­ge­gan­gen. Mit der Ver­öf­fent­li­chung einer Kri­tik an der Phi­lo­so­phie Schel­lings mach­te er sich in Ber­lin schon in jun­gen Jah­ren einen Namen. Er kon­zen­trier­te sich bereits in die­ser Zeit auf das Zusam­men­wir­ken von Poli­tik und Phi­lo­so­phie, die Ein­heit von revo­lu­tio­nä­rer Theo­rie und prak­ti­schem Han­deln. Dadurch distan­zier­te er sich von der jung­he­ge­lia­ni­schen Vor­stel­lung, die das Wort bereits für die eigent­li­che Tat hielt.

Ger­ne schrieb er aber zunächst wei­ter­hin Gedich­te und Pro­sa­stü­cke, unter denen sich auch eine Komö­die und eine Lie­bes­ge­schich­te fin­den. Dabei nutz­te er die Lite­ra­tur zuneh­mend als ideo­lo­gi­sche Waf­fe für den Fort­schritt der Mensch­heit. Expli­zit poli­ti­sche Tex­te ver­öf­fent­lich­te er in die­ser Zeit noch wei­ter anonym oder als Fried­rich Oswald. Anschlie­ßend hielt er sich zum Abschluss sei­ner kauf­män­ni­schen Aus­bil­dung in Eng­land auf, wo er die iri­sche Arbei­te­rin Mary Burns ken­nen­lern­te, mit der er eine Lebens­ge­mein­schaft begann. Die­se Bezie­hung trug wesent­lich zur Aus­bil­dung und Fes­ti­gung sei­nes Klas­sen­stand­punk­tes bei.

Auf einer Durch­rei­se traf er 1842 in Köln erst­mals mit Marx zusam­men, der ihn aber zunächst für einen Ver­bün­de­ten der Jung­he­ge­lia­ner hielt und des­halb etwas distan­ziert blieb. Immer­hin ver­fass­te Engels eini­ge Kor­re­spon­den­zen für die „Rhei­ni­sche Zei­tung“, deren Chef­re­dak­teur Marx wur­de, und begann mit die­sem einen Brief­wech­sel. In der Fol­ge koope­rier­ten bei­de nach Mög­lich­keit in direk­tem Aus­tausch, began­nen eine lebens­lan­ge fes­te Freund­schaft und unter­nah­men auch gemein­sa­me Rei­sen. Als ers­tes Gemein­schafts­pro­jekt ver­fass­ten sie eine Kri­tik an spe­ku­la­tiv idea­lis­ti­schen Vor­stel­lun­gen in ihrer Kri­tik der kri­ti­schen Kri­tik, die damit als die „Hei­li­ge Fami­lie“ in die Geschich­te ein­ging.

Marx und Engels

In Eng­land fand Engels einen sehr weit­ge­hend ent­wi­ckel­ten Kapi­ta­lis­mus mit aus­ge­präg­ten Klas­sen­kämp­fen vor. Die eng­li­sche Bour­geoi­sie konn­te bereits 1688 dem Feu­da­lis­mus die Vor­herr­schaft abrin­gen und das Pro­le­ta­ri­at konn­te schon 1824 die Aner­ken­nung der Tra­de Uni­ons durch­set­zen. Man­ches­ter war nicht nur der lang­jäh­ri­ge Arbeits­ort von Engels, son­dern auch das Zen­trum der Tex­til­in­dus­trie und der Bewe­gung der Char­tis­tIn­nen für poli­ti­sche und sozia­le Refor­men. Vor die­sem Hin­ter­grund setz­te sich Engels ein­ge­hend und sys­te­ma­tisch mit den sozia­len und poli­ti­schen Ver­hält­nis­sen aus­ein­an­der, sah sich in den eng­li­schen Städ­ten um, nahm an öffent­li­chen Ver­samm­lun­gen teil, arbei­te­te an ver­schie­de­nen Zei­tun­gen mit und publi­zier­te auch in den in Frank­reich erschie­ne­nen „Deutsch-Fran­zö­si­schen Jahr­bü­chern“.

Als die „Rhei­ni­sche Zei­tung“ ver­bo­ten wur­de, ging Marx nach Paris und grün­de­te dort mit Arnold Ruge die „Deutsch-Fran­zö­si­schen Jahr­bü­cher“. Nach­dem Marx jedoch 1845 aus­ge­wie­sen wur­de, grün­de­te Engels im Fol­ge­jahr in Brüs­sel ein Kom­mu­nis­ti­sches Kor­re­spon­denz­ko­mi­tee. Mit 27 Jah­ren trat er dem von deut­schen Hand­werks­ge­sel­len in Paris gegrün­de­ten „Bund der Gerech­ten“ bei und erhielt auf des­sen 2. Kon­gress mit Marx das Man­dat zur Abfas­sung eines Par­tei­pro­gramms, das als „Kom­mu­nis­ti­sches Mani­fest“ in die Geschich­te ein­ge­hen soll­te.

Zur Bedeu­tung des pro­le­ta­ri­schen Klas­sen­stand­punk­tes fand Engels vor allem durch sei­ne Ana­ly­sen der bür­ger­li­chen Öko­no­mie, Marx wie­der­um durch sei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit der Hegel’schen Phi­lo­so­phie, was die­ser kurz so aus­drück­te: „Wie die Phi­lo­so­phie im Pro­le­ta­ri­at ihre mate­ri­el­len, so fin­det das Pro­le­ta­ri­at in der Phi­lo­so­phie sei­ne geis­ti­gen Waf­fen, …“ (Marx, Zur Kri­tik der Hegel­schen Rechts­phi­lo­so­phie, MEW 1, S. 391).

Zu Kom­mu­nis­ten wur­den Marx und Engels im Zuge ihrer inter­na­tio­na­len Erfah­run­gen. Engels durch sei­ne Mit­ar­beit in der eng­li­schen sozia­lis­ti­schen Pres­se, Marx durch den Ein­fluss der fran­zö­si­schen Sozia­lis­tIn­nen.

Nach der Rück­kehr in sei­ne Hei­mat 1848 und einem Enga­ge­ment für eine „rote Repu­blik“ muss­te Engels in die Schweiz flie­hen, konn­te aber nach eini­gen Mona­ten wie­der nach Köln zurück­keh­ren. Infol­ge sei­ner Betei­li­gung am ber­gi­schen Auf­stand wur­de er vor­über­ge­hend ver­haf­tet und muss­te aber­mals flie­hen.

Mit 30 Jah­ren begann er schließ­lich eine unter­neh­me­ri­sche Tätig­keit in der väter­li­chen Fir­ma in Man­ches­ter, die er über zwei Jahr­zehn­te bei­be­hielt. Inzwi­schen hat­te sich Marx in Lon­don nie­der­ge­las­sen, was den Kon­takt erleich­ter­te, der mit­hil­fe eines bei­na­he täg­li­chen Brief­wech­sels ergänzt wur­de.

Danach konn­te er sich mit einer Abfin­dung aus dem Geschäft zurück­zie­hen und sich pro­pa­gan­dis­ti­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen Tätig­kei­ten wid­men. Durch sei­ne Sprach­kennt­nis­se führ­te er auch zahl­rei­che inter­na­tio­na­le Kor­re­spon­den­zen. Er über­sie­del­te nach Lon­don und wur­de Mit­glied des Gene­ral­rats der 1864 von Marx gegrün­de­ten Inter­na­tio­na­len Arbei­ter­as­so­zia­ti­on, an deren Kon­gress 1872 in Den Haag er mit Marx teil­nahm.

In die­ser Ers­ten Inter­na­tio­na­le gab es inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit anar­chis­ti­schen und blan­quis­ti­schen Ver­tre­tun­gen. Vor die­sem Hin­ter­grund und den Erfah­run­gen der Pari­ser Kom­mu­ne ver­tra­ten Marx und Engels die Bil­dung einer poli­ti­schen Par­tei, um dem Pro­le­ta­ri­at ein Han­deln als Klas­se zu ermög­li­chen. Nach kur­zer Zeit exis­tier­te aber die­se Inter­na­tio­na­le nicht mehr, was die Grün­dung einer neu­en erfor­der­te.

Ein wesent­li­cher Impuls dazu ging von der deut­schen Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung aus. Der 1863 von Lass­alle grün­de­te All­ge­mei­ne Deut­schen Arbei­ter­ver­ein und die von Wil­helm Lieb­knecht und Bebel gegrün­de­te Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Arbei­ter­par­tei kamen 1875 zu einem gemein­sa­men Kon­gress in Gotha zusam­men und beschlos­sen dabei ein gemein­sa­mes Pro­gramm. Nach einem fol­gen­den Kon­gress in Erfurt ent­stand aus der in Gotha gegrün­de­ten Sozia­lis­ti­schen Arbei­te­rIn­nen­par­tei in der Fol­ge die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei.

Marx und Engels betrach­te­ten die Bil­dung einer gemein­sa­men Arbei­te­rIn­nen­par­tei als enor­men Fort­schritt, sahen sich aber genö­tigt, deren theo­re­ti­sche und pro­gram­ma­ti­sche Feh­ler einer grund­le­gen­den Kri­tik zu unter­zie­hen. Mit Marx for­mu­lier­te Engels eine deut­li­che Kri­tik dar­an, beson­ders an den Illu­sio­nen in die mög­li­che Rol­le von Pro­duk­ti­ons­ge­nos­sen­schaf­ten, den „Volks­staat“ und die demo­kra­ti­sche Repu­blik. Immer­hin galt ihnen als ein­zig mög­li­che Über­gangs­pe­ri­ode von der kapi­ta­lis­ti­schen in eine kom­mu­nis­ti­sche Gesell­schaft die zwi­schen­zeit­li­che revo­lu­tio­nä­re Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats.

Nach dem Tod von Marx enga­gier­te sich Engels wei­ter für einen Fort­schritt in der inter­na­tio­na­len Orga­ni­sie­rung der Arbei­te­rIn­nen­klas­se und trug nach anfäng­li­chen Vor­be­hal­ten maß­geb­lich zur Bil­dung der Zwei­ten Inter­na­tio­na­le bei. Letzt­lich wur­de er 1893 auf dem Inter­na­tio­na­len Sozia­lis­ti­schen Arbei­te­rIn­nen­kon­gress in Zürich noch Alters­prä­si­dent. Nach einem Kur­auf­ent­halt starb er schließ­lich 1895 in Lon­don.

Ein Werk für den Sozialismus

Engels‘ theo­re­ti­sches Werk war stets dar­auf aus­ge­rich­tet, die Erkennt­nis­se von den Natur- bis zu den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, von den all­ge­meins­ten Pro­blem­stel­lun­gen der Phi­lo­so­phie bis zu beson­de­ren Fra­ge­stel­lun­gen der Mili­tär­ge­schich­te ein­zu­be­zie­hen, und erreich­te in der Fol­ge einen para­dig­ma­ti­schen Ein­fluss auf viel­fäl­ti­ge Wis­sen­schafts­ge­bie­te.

Mit sei­nem Werk „Lud­wig Feu­er­bach und der Aus­gang der klas­si­schen deut­schen Phi­lo­so­phie“ zeich­ne­te er die ers­ten mate­ria­lis­ti­schen Ansät­ze in der deut­schen Phi­lo­so­phie­ge­schich­te nach, ver­wies zugleich auf deren inne­re Schran­ken und deren Über­win­dung durch den wis­sen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus.

Nach­dem für Düh­ring die Leh­ren von Marx ledig­lich rück­stän­di­ge und wüs­te Kon­zep­tio­nen mit logi­scher Fan­tas­te­rei waren und sein Ein­fluss erheb­lich ange­wach­sen war, ent­schied sich Engels zu einer Erwi­de­rung, dar­an anknüp­fend einer grund­le­gen­den Dar­le­gung sei­ner mit Marx ent­wi­ckel­ten dia­lek­ti­schen Metho­de und sozia­lis­ti­schen Welt­an­schau­ung, in der Fra­gen der Phi­lo­so­phie, Öko­no­mie, Geschich­te und viel­fäl­ti­ger ande­rer Wis­sen­schaf­ten behan­delt wur­den. Mit „Herrn Eugen Düh­rings Umwäl­zung der Wis­sen­schaft (Anti-Düh­ring)“ schuf er aber ein Werk, das sich für die Gewin­nung der Arbei­te­rIn­nen­klas­se für den Mar­xis­mus als her­vor­ra­gend geeig­net erwies. Bis heu­te stellt es eine Pflicht­lek­tü­re für jede/​n kommunistische/​n Revo­lu­tio­nä­rIn dar.

Sei­ne „Umris­se zu einer Kri­tik der Natio­nal­öko­no­mie“, in der er die öko­no­mi­sche Struk­tur der bür­ger­li­chen Gesell­schaft und beson­ders die Aus­wir­kung des kapi­ta­lis­ti­schen Pri­vat­ei­gen­tums an Pro­duk­ti­ons­mit­teln für ele­men­ta­re Ent­frem­dun­gen, gesell­schaft­li­che Spal­tun­gen und zwi­schen­mensch­li­che Fein­se­lig­kei­ten nach­zeich­ne­te, inspi­rier­ten Marx zu einer ein­ge­hen­den Aus­ein­an­der­set­zung mit der poli­ti­schen Öko­no­mie.

In „Die Lage der arbei­ten­den Klas­se in Eng­land“ klag­te er die eng­li­sche Bour­geoi­sie des Rau­bes, des Mor­des und ande­rer Ver­bre­chen an, ent­wi­ckel­te die Theo­rie für die erfor­der­li­che Selbst­be­frei­ung des Pro­le­ta­ri­ats und schuf auch eine wesent­li­che Grund­la­ge für die wis­sen­schaft­li­che Sozio­lo­gie.

In „Der deut­sche Bau­ern­krieg“ und sei­ner „Ein­lei­tung zu Marx’ ‚Der Bür­ger­krieg in Frank­reich’“ zeig­te sich Engels‘ aus­ge­präg­tes Inter­es­se für mili­tä­ri­sche Aspek­te und deren gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hän­ge. Wegen sei­ner viel­fäl­ti­gen mili­tär­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en erhielt er im Freun­des­kreis den Spitz­na­men „Gene­ral“. Auch prak­tisch ver­tei­dig­te er 1849 aktiv die Auf­stän­di­schen in Elber­feld und betei­lig­te sich weni­ge Wochen spä­ter am Bür­ger­krieg in Baden und in der Pfalz. Dabei plan­te er die mili­tä­ri­schen Aktio­nen mit und nahm auch an meh­re­ren Gefech­ten teil.

„Der Ursprung der Fami­lie, des Pri­vat­ei­gen­tums und des Staa­tes“ wur­de ein Stan­dard­werk, das zeigt, wie die jeweils neu­en Ergeb­nis­se wis­sen­schaft­li­cher For­schung sich in eine sys­te­ma­ti­sche Kon­zep­ti­on zusam­men­fü­gen las­sen. Neue und ver­bes­ser­te Erkennt­nis­se zu ein­zel­nen Abschnit­ten wider­le­gen nicht die dar­in ent­wi­ckel­te Metho­de, son­dern ver­wei­sen auf die stän­dig not­wen­di­ge Wei­ter­ent­wick­lung sol­cher Wer­ke.

Sei­ne „Dia­lek­tik der Natur“ war von ihm nicht in der erschie­ne­nen Publi­ka­ti­ons­form gedacht. Viel­mehr sind dar­in ein­zel­ne Frag­men­te mit viel­fäl­ti­gen anschau­li­chen Bei­spie­len zur objek­ti­ven Dia­lek­tik in der Natur zusam­men­ge­fasst, was in der sta­li­ni­sier­ten Sowjet­uni­on dann zur Natu­ra­li­sie­rung der Geschichts­schrei­bung miss­braucht wur­de.

Weit über sei­nen ursprüng­li­chen Anlass bekannt wur­de sei­ne „Zur Kri­tik des sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Pro­gramm­ent­wurfs 1891“. Dort pole­mi­sier­te er vor allem gegen den For­de­rungs­teil des sog. Erfur­ter Pro­gramms, das ent­schei­den­den Fra­gen aus­wei­che und damit die Mög­lich­keit eines Hin­ein­wach­sens in den Sozia­lis­mus selbst in der deut­schen Mon­ar­chie sug­ge­rie­re.

In sei­nem „Grund­sät­ze des Kom­mu­nis­mus“ ent­wi­ckel­te er bereits eine wesent­li­che Grund­la­ge des von Marx ver­fass­ten „Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests“.

Nachträglicher Missbrauchsversuch

Bern­stein, der 1899 eine klar refor­mis­ti­sche Grund­le­gung vor­leg­te und damit eine grund­le­gen­de Dis­kus­si­on zur Aus­rich­tung der Sozi­al­de­mo­kra­tie eröff­ne­te, kri­ti­sier­te nicht nur den revo­lu­tio­nä­ren Mar­xis­mus, den er in einer zer­stö­re­ri­schen blan­quis­ti­schen Tra­di­ti­on ste­hend sah, son­dern berief sich auch auf Engels, der am Ende sei­nes Lebens der par­la­men­ta­ri­schen Tätig­keit und den gesetz­li­chen Mit­teln zur gesell­schaft­li­chen Demo­kra­ti­sie­rung mit dem Stimm­zet­tel den Vor­zug gege­ben und die Zeit unge­setz­li­cher Umstür­ze für über­wun­den erklärt habe.

Damit woll­te er Engels in Oppo­si­ti­on zu Marx brin­gen, der in der Fra­ge der mög­li­chen Herr­schafts­form der Arbei­te­rIn­nen­klass­se unmiss­ver­ständ­lich auf die Erfah­run­gen der Pari­ser Kom­mu­ne hin­wies.

In Wirk­lich­keit kann von die­sem Gegen­satz kei­ne Rede sein. Bereits in jun­gen Jah­ren ent­wi­ckel­te Engels die Über­zeu­gung, dass eine Ver­bes­se­rung der mate­ri­el­len Lage des Pro­le­ta­ri­ats eine gewalt­sa­me Umwäl­zung der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se erfor­dert. 1842 ver­kün­de­te er die Not­wen­dig­keit einer sozia­len Revo­lu­ti­on, in der „nur eine gewalt­sa­me Umwäl­zung der bestehen­den unna­tür­li­chen Ver­hält­nis­se, ein radi­ka­ler Sturz der adli­gen und indus­tri­el­len Aris­to­kra­tie die mate­ri­el­le Lage der Pro­le­ta­ri­er ver­bes­sern kann.“ (Engels, Inne­re Kri­sen, in: MEW 1, Dietz, Berlin/​Ost, 1956, S. 460)

Engels brand­mark­te zeit­le­bens die bür­ger­li­che Rechts­staat­lich­keit als bloß schein­ba­re Gerech­tig­keit, die poli­ti­sche Frei­heit als Schein­frei­heit der übels­ten Knecht­schaft und die poli­ti­sche Gleich­heit der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie als Heu­che­lei zur Ver­hül­lung der des­po­ti­schen Herr­schaft des Kapi­tals. Wenn sozia­le Übel mit demo­kra­ti­schen Mit­teln über­wun­den wer­den sol­len, muss die Demo­kra­tie eine sozia­le wer­den – gelei­tet vom Prin­zip des Sozia­lis­mus. Ech­te Frei­heit und Gleich­heit bedeu­ten Kom­mu­nis­mus.

Der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Refor­mis­mus bezieht sich nun frei­lich nicht auf sol­che Aus­sa­gen, son­dern auf eini­ge Kom­men­ta­re von Engels ange­sichts der Ent­wick­lun­gen in Ame­ri­ka, Eng­land und Frank­reich sowie der Wahl­er­fol­ge der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie. Hier­an knüpf­te sich näm­lich der Ein­druck einer neu­en pro­le­ta­ri­schen Kampf­wei­se am Ende des 19. Jahr­hun­derts, genau­er gesagt einer par­la­men­ta­ri­schen Form eines fried­li­chen Über­gangs der bür­ger­li­chen in eine sozia­lis­ti­sche Gesell­schaft. Für einen sol­chen Fall beschrieb Engels die demo­kra­ti­sche Repu­blik als beson­de­re Form der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats.

Er ergänz­te aller­dings die par­la­men­ta­ri­sche Aus­rich­tung aus­drück­lich mit der For­de­rung, dass alle poli­ti­sche Macht tat­säch­lich in der Volks­ver­tre­tung kon­zen­triert sein müss­te und beton­te ange­sichts des Ver­bots eines offen repu­bli­ka­ni­schen Par­tei­pro­gramms in Deutsch­land, „wie kolos­sal die Illu­si­on ist, als kön­ne man dort auf gemüt­lich-fried­li­chem Weg die Repu­blik ein­rich­ten, und nicht nur die Repu­blik, son­dern die kom­mu­nis­ti­sche Gesell­schaft.“ (Engels, Zur Kri­tik des sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Pro­gramm­ent­wurfs 1891, in: MEW 22, Dietz, Berlin/​Ost, 1977, S. 235)

Engels sah im Wahl­recht nicht ein­fach ein „Werk­zeug zur Befrei­ung“, son­dern auch ein mög­li­ches „Instru­ment der Regie­rungs­prel­le­rei“. Spe­zi­ell in den nord­ame­ri­ka­ni­schen Ver­hält­nis­sen stell­te er fest, wie aus der Poli­tik ein Geschäft wer­den kann, in dem „zwei gro­ße Ban­den poli­ti­scher Spe­ku­lan­ten“ mit den kor­rup­tes­ten Mit­teln für sich aus­beu­ten las­sen.

Anstel­le der Vor­stel­lung einer Macht­er­grei­fung durch eine par­la­men­ta­ri­sche Mehr­heit warn­te er, „daß die Herr­schen­den noch lan­ge vor die­sem Zeit­punkt gegen uns Gewalt anwen­den wer­den; das aber wür­de uns vom Boden der Stim­men­mehr­hei­ten auf den Boden der Revo­lu­ti­on füh­ren.“ (Engels, Ant­wort an den ehren­wer­ten Gio­van­ni Bovio, in: MEW 22, Dietz, Berlin/​Ost, 1977, S. 280)

Und zur spe­zi­el­len Fra­ge, ob künf­tig der Stra­ßen­kampf unbe­deu­tend wer­den wür­de, erklär­te er noch in sei­nem Todes­jahr: „Durch­aus nicht. Es heißt nur, daß die Bedin­gun­gen seit 1848 weit ungüns­ti­ger für die Zivil­kämp­fer, weit güns­ti­ger für das Mili­tär gewor­den sind. Ein künf­ti­ger Stra­ßen­kampf kann also nur sie­gen, wenn die­se Ungunst der Lage durch ande­re Momen­te auf­ge­wo­gen wird. Er wird daher sel­te­ner im Anfang einer gro­ßen Revo­lu­ti­on vor­kom­men als im wei­te­ren Ver­lauf einer sol­chen und wird mit grö­ße­ren Kräf­ten unter­nom­men wer­den müs­sen.“ (Engels, Ein­lei­tung zu Karl Marx‘ „Klas­sen­kämp­fe in Frank­reich 1848 bis 1850“, in: MEW 22, Dietz, Berlin/​Ost, 1977, S. 522)

Der Freund Engels

Engels unter­stütz­te Marx mit regel­mä­ßi­gen finan­zi­el­len Zuwen­dun­gen, über­ar­bei­te­te des­sen eng­li­sche Zei­tungs­ar­ti­kel und sorg­te bei­spiels­wei­se dafür, dass des­sen schwer ent­zif­fer­ba­re Nach­lass­frag­men­te des 2. und 3. Ban­des des „Das Kapi­tal“ zeit­nah nach des­sen Tod ver­öf­fent­licht wer­den konn­ten. Einen geplan­ten 4. Band konn­te er nicht mehr fer­tig­stel­len.

Die lebens­läng­li­che Freund­schaft mit Marx wur­de ledig­lich ein­mal ein­ge­trübt, näm­lich infol­ge des­sen teil­nahms­lo­ser Reak­ti­on auf den Tod sei­ner Gefähr­tin Mary Burns.

Im Unter­schied zum bür­ger­li­chen Stan­dard­bild eines Gelehr­ten, der aus sei­ner indi­vi­du­el­len geis­ti­gen Ent­fal­tung schöpft, dabei wenn mög­lich gleich den gan­zen Welt­geist zu Bewusst­sein kom­men lässt, zei­gen Marx und Engels das Poten­ti­al einer Koope­ra­ti­on. Bei­de hät­ten für sich nie­mals das schaf­fen kön­nen, was sie gemein­sam voll­brin­gen konn­ten. Wäh­rend sie in mono­lo­gi­schen Bemü­hun­gen bereits jeder für sich zu weg­wei­sen­den Ein­sich­ten fan­den, ent­fal­te­te eigent­lich erst ihr dia­lo­gi­sches Schaf­fen, ihr Werk als gemein­sa­mes sei­nen welt­his­to­ri­schen Rang. Bei­de ergänz­ten, unter­stütz­ten und inspi­rier­ten sich. Ohne Engels hät­te Marx sicher nicht die erfor­der­li­chen Res­sour­cen für sei­ne theo­re­ti­schen Arbei­ten gehabt und auch nur schwer­lich zu sei­ner Berühmt­heit gefun­den. Ohne Marx hät­ten Engels viel­fäl­ti­ge Inspi­ra­tio­nen gefehlt und er hät­te auch kaum sei­ne erreich­te Bedeu­tung erlangt.

Lenin wür­digt die­ses Zusam­men­wir­ken in einem Nach­ruf auf Engels vor­treff­lich mit einem geschicht­li­chen Ver­gleich: „Anti­ke Sagen berich­ten von man­chen rüh­ren­den Bei­spie­len der Freund­schaft. Das euro­päi­sche Pro­le­ta­ri­at kann sagen, daß sei­ne Wis­sen­schaft von zwei Gelehr­ten und Kämp­fern geschaf­fen wor­den ist, deren Ver­hält­nis die rüh­rends­ten Sagen der Alten über mensch­li­che Freund­schaft in den Schat­ten stellt.“ (Lenin, W. I.: Fried­rich Engels, in: ders.: Wer­ke Bd. 2, Übers. d. 4. russ. Ausg., Dietz, Berlin/​Ost, 1961, S. 12)

Read More