[LCM:] Vom Weltkrieg zum Kampf um Sowjet-Deutschland – William A. Pelz´ „History of the German Revolution“

Der frü­he­re Direk­tor des Insti­tu­te of Working Class Histo­ry in Chi­ca­go, Wil­liam A. Pelz, hat kurz vor sei­nem Tod ein eng­lisch­spra­chi­ges Manu­skript zur Ana­ly­se der oft fast ver­ges­se­nen Deut­schen Revo­lu­ti­on von 1918/​1919 ver­fasst, wel­ches 2018 bei Plu­to Press unter dem Titel A People‘s Histo­ry of the Ger­man Revo­lu­ti­on her­aus­ge­ge­ben wur­de. Der His­to­ri­ker unter­sucht die bewe­gen­den Kriegs­jah­re 1914 bis 1918, die klei­ne­ren und grö­ße­ren Auf­stän­de und Streiks von gewöhn­li­chen Arbeiter_​innen an der Front und zuhau­se, die zur Been­di­gung des Ers­ten Welt­krie­ges signi­fi­kant bei­tru­gen, sowie die Ergeb­nis­se des Jah­res 1918, wel­che die Novem­ber­re­vo­lu­ti­on in Tei­len der deutsch­spra­chi­gen Gebie­te ein­läu­te­te.

Wil­liam A. Pelz, (1951–2017) war Geschichts­pro­fes­sor am Elgin Com­mu­ni­ty Col­le­ge. In anschau­li­cher Wei­se erzählt Pelz auf knap­pen 180 Sei­ten anhand von Stim­men von Zeitzeug_​innen, pri­mär aus der Arbei­ter­klas­se, wie sich die Ereig­nis­se zutru­gen und wer die trei­ben­den Kräf­te der Kämp­fe zur Bee­di­gung des Krie­ges und zum Auf­bau von Sowjet-Gegen­macht waren.

Er beleuch­tet dabei die weit ver­brei­te­te Arbei­ter­kul­tur, wel­che von der dama­li­gen Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei (SPD) um die Jahr­hun­dert­wen­de offen­siv auf­ge­baut wor­den war. In der SPD waren damals alle Sozialist_​innen organ­siert – reform­ori­en­tier­te sowie revo­lu­tio­nä­re. Erst im Gefol­ge der 1914 bewil­lig­ten Krieg­kre­di­te und damit der Unter­stüt­zung des impe­ria­lis­ti­schen Krie­ges, kommt es um die Frak­ti­on von Karl Lieb­knecht und Rosa Luxem­burg zur Spal­tung. Zu die­ser Zeit konn­ten Arbei­ter­fa­mi­li­en ihre Ein­käu­fe in einer sozia­lis­ti­schen Koope­ra­ti­ve täti­gen, sich Bücher aus der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Büche­rei aus­lei­hen, sich in einem Arbei­ter­sport­ver­ein kör­per­lich betä­ti­gen, in einem Arbei­ter­chor mit ande­ren Genoss:innen sin­gen und vie­les mehr. Die­se Arbei­ter-Gegen­kul­tur ent­pupp­te sich im Lau­fe der Kriegs­jah­re als zen­tral für die Ver­brei­tung sub­ver­si­ver Pam­phle­te und der brei­te­ren Orga­ni­sie­rung gegen den Krieg und für eine deut­sche Sowjet­re­pu­blik.

Mit viel Lie­be zum Detail schil­dert Pelz, wie zum Bei­spiel eine jun­ge Nähe­rin ihrem Vater beim Schmug­geln von ver­bo­te­ner Lite­ra­tur half und dann ein gan­zes Jahr lang die gesam­te Fami­lie Marx‘ „Kapi­tal“ laut las und bei der Heim­ar­beit dis­ku­tier­te. Auch zeich­net Pelz eine kri­ti­sche Geschich­te der Mas­sen in Deutsch­land bei Kriegs­aus­bruch: Die in den Geschichts­bü­chern viel zitier­te Kriegs­de­mons­tra­ti­on von 50.000 in Ber­lin am 1. August 1914 stellt er den weni­ge Tage zuvor statt­fin­den­den Anti-Kriegs-Demons­tra­tio­nen mit bis zu 200.000 Teil­neh­men­den gegen­über. Im July 1914 sol­len nach seriö­sen Quel­len bis zu 1 000 000 in ganz Deutsch­land gegen den Krieg pro­tes­tiert haben.

Pelz wird nicht müde, die ele­men­ta­re Füh­rung der Frau­en und der Jugend dar­zu­le­gen: wäh­rend der Groß­teil der Män­ner an die Front bestellt wur­de, waren es die Frau­en die Heim und Arbeit schmis­sen – sie waren die­je­ni­gen, die die Kin­der groß zogen, drau­ßen, in oft vor dem Krieg als rein ‚männ­lich‘ besetz­ten Indus­trien wie der Metall­in­dus­trie, Geld ver­die­nen gin­gen, zu Hau­se gleich­zei­tig den Haus­halt bewäl­tig­ten und durch die gan­ze Stadt jag­ten, um etwas Ess­ba­res zu fin­den. Frau­en waren die ers­ten, die bei Hun­ger­pro­tes­ten Läden ein­rann­ten und alles Ess­ba­re ein­pack­ten. Frau­en waren auch oft die Vor­rei­te­rin­nen, die strei­kend die Been­di­gung des Krie­ges for­der­ten. Die­se Dyna­mi­ken beschreibt auch Dania Alas­ti fes­selnd in Frau­en der Novem­ber­re­vo­lu­ti­on. Kon­ti­nui­tä­ten des Ver­ges­sens, wel­ches eben­falls 2018 erschie­nen ist.

Pelz ermög­licht der Lese­rin ver­schie­de­ne Ein­bli­cke in den All­tag und die all­täg­li­chen Kämp­fe der Arbei­ter­klas­se wäh­rend der Kriegs­jah­re – und weist auf die Radi­ka­li­sie­rung der Frau­en und der Jugend 1918 hin. Er begnügt sich aber nicht nur mit den Gescheh­nis­sen an der Hei­mat­front, son­dern beleuch­tet auch die Des­il­lu­sio­nie­rung der deut­schen Sol­da­ten an der Kriegs­front. Aus Memoi­ren und Brie­fen rekon­stru­iert er ein Bild von teils sehr früh schon Befeh­le ver­wei­gern­den Sol­da­ten und glü­hen­den Natio­na­lis­ten, die im Zuge der Kämp­fe mehr und mehr ver­ste­hen, dass dies nicht ihr Krieg, son­dern ledig­lich der Krieg der Herr­schen­den ist. Diver­se komisch anmu­ten­de Anek­do­ten über Fra­ter­ni­sie­rung von deut­schen, fran­zö­sisch-alge­ri­schen und bri­ti­schen Sol­da­ten im Gra­ben­kampf, zei­gen ein kom­ple­xe­res Bild der All­täg­lich­keit im Krieg, wo sich Arbei­ter und Arbei­ter gegen­über­ste­hen.

Die Mona­te und Tage der Novem­ber­re­vo­lu­ti­on selbst lesen sich wie ein Kri­mi – die Eupho­rie der Mas­sen, der Auf­bau demo­kra­ti­scher Sowjet­struk­tu­ren, der Räte in Städ­ten wie Kiel, Bre­men, Ham­burg, Ber­lin und Mün­chen, die tak­ti­schen und stra­te­gi­schen Feh­ler der sich von der SPD abge­spal­te­nen USPD und der neu gegrün­de­ten Kom­mu­nist­si­chen Par­tei Deutsch­lands, sowie der let­zend­li­che Ver­rat der SPD las­sen mit­fie­bern und mit­zit­tern, obwohl man das Ende der Geschich­te bereits kennt.

Es sind vor allem die vie­len Zita­te ein­fa­cher Arbeiter:innen, die die­se Erzäh­lung so span­nend und auch so emo­tio­nal machen. Eine schö­ne, klas­sen­kämp­fe­ri­sche Ein­füh­rung über ein, auch in Deutsch­land, wenig dis­ku­tier­tes Kapi­tel unse­rer Wider­stands­ge­schich­te.

Pelz, Wil­liam A. (2018): A People‘s Histo­ry of the Ger­man Revo­lu­ti­on. Plu­to Press- Lon­don, 180 Sei­ten, £16.99.

#Titel­bild: wikimedia.commons

Der Bei­trag Vom Welt­krieg zum Kampf um Sowjet-Deutsch­land – Wil­liam A. Pelz´ „Histo­ry of the Ger­man Revo­lu­ti­on“ erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

Read More