[LCM:] Nach Aussage einer Kollegin: Berliner Polizist für Misshandlung von Gefangenen verurteilt

Der Pro­zess ist zwar bereits einen Monat her, aber die Auf­merk­sam­keit, die ihm gebührt, wur­de ihm nicht zuteil. Am 10. Okto­ber wur­de der Poli­zist Tony A. vor dem Ber­li­ner Amts­ge­richt zu einem Jahr Frei­heits­stra­fe auf Bewäh­rung ver­ur­teilt. Ange­klagt war der Hob­by-Body­buil­der und Hun­denarr wegen drei Kör­per­ver­let­zun­gen im Amt, gerich­tet jeweils gegen Gefan­ge­ne sei­ner Ein­satz­hun­dert­schaft. In zwei Fäl­len wur­de er ver­ur­teilt, in einem erging ein Frei­spruch – da der Geschä­dig­te mitt­ler­wei­le ver­stor­ben war.

Das Kurio­sum: Eine Kol­le­gin hielt sich an gel­ten­de Geset­ze und zeig­te Tony A. an.

Die Über­grif­fe des A. ereig­ne­ten sich in Gefan­ge­nen­trans­por­tern. Unter den Opfern: Ein kur­di­scher Jugend­li­cher, der im Dezem­ber 2018 an einer Demons­tra­ti­on gegen das Ver­bot der Arbei­ter­par­tei Kur­di­stans (PKK) teil­ge­nom­men hat­te. Schon in Gewahr­sam drang­sa­lier­te der Beam­te A. den Inhaf­tier­ten mit Faust­schlä­gen. Sei­ne Kol­le­gin Lisa G. beob­ach­te­te den Vor­fall – und es war nicht das ers­te Mal.

Bereits zuvor hat­te sie Tony A. dabei erwischt, wie er zuschlug. Der Prü­gel-Cop habe zwar dafür gesorgt, dass er allei­ne und rela­tiv unbe­ob­ach­tet mit sei­nen Opfern im Poli­zei­wa­gen schal­ten und wal­ten konn­te, aber G. sah genau­er hin. Sie wies ihn zurecht. Er habe dar­auf­hin zu ihr nur gesagt: „Wenn das nächs­te Mal sowas ist, dann guckst du nach vor­ne ausm Fens­ter, das geht dich nichts an“, erin­nert sich Lukas Theu­ne, Anwalt des kur­di­schen Geschä­dig­ten, im Gespräch mit lower class maga­zi­ne an die Aus­sa­ge.

Der Fall lan­det nach wie­der­hol­tem Zuschla­gen durch A. bei des­sen Vor­ge­setz­ten. A. ist schon ein Jahr vor dem Pro­zess außer Dienst, krank­ge­schrie­ben. Durch die Ein­heit A.s geht ein Riss, doku­men­tiert der Pro­zess. Eini­ge der vor­ge­la­de­nen Beam­ten decken das Ver­hal­ten, wol­len nichts bemerkt haben. Ande­re räu­men ein, es sei zumin­dest unpro­fes­sio­nell gewe­sen, dass er sich allei­ne mit Gefan­ge­nen im Trans­por­ter auf­hielt.

Das Erstaun­li­che an dem Fall ist nun nicht, dass ein Poli­zist Gefan­ge­ne miss­han­delt. Wer öfter mit den Hoo­li­gans in Uni­form zu tun hat­te, weiß, dass es sich um kei­nen Ein­zel­fall han­delt. Vie­le der Über­grif­fe wer­den nicht ange­zeigt, weil klar ist, dass es im Regel­fall aus­sichts­los ist, gegen den Korps­geist und das Schwei­ge­kar­tell der Kame­ra­den in Uni­form juris­tisch anzu­kom­men. Und die Fäl­le, die zur Anzei­ge kom­men, haben eine über­aus gerin­ge Chan­ce auf Erfolg. Eine Stu­die der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum unter Lei­tung des Kri­mi­no­lo­gen Tobi­as Sin­gel­stein kam 2019 auf etwa 12 000 Fäl­le von Poli­zei­ge­walt jähr­lich. Von den Staats­an­walt­schaf­ten bear­bei­tet wur­den in den Jah­ren zuvor etwa 2000 Fäl­le jähr­lich, zu einem Gerichts­ver­fah­ren kam es in weni­ger als zwei Pro­zent, zu einer Ver­ur­tei­lung in weni­ger als einem Pro­zent der Fäl­le.

Der Grund: Beam­te belas­ten ein­an­der so gut wie nie, Staats­an­wäl­te pfle­gen ein Nah­ver­hält­nis zur Poli­zei, Poli­zis­ten gel­ten als beson­ders glaub­wür­dig vor Gericht.

Dass eine Beam­tin nun einen Kol­le­gen zur Rechen­schaft zieht und Anzei­ge stellt, ist inso­fern ein Novum. „Das ist sehr beson­ders. Das haben auch alle gesagt, das kommt so gut wie nie vor. Mir ist es auch noch nicht unter­ge­kom­men. Ins­be­son­de­re in so einer Hun­dert­schaft und wegen Kör­per­ver­let­zung im Amt“, wun­dert sich auch Rechts­an­walt Theu­ne.

Die Beam­te Lisa G. wirkt in die­ser Geschich­te wie eine Hel­din. Aller­dings tat sie nur, was recht­lich selbst in die­sem Staat gebo­ten war: Die Unter­las­sung der Anzei­ge wäre Straf­ver­ei­te­lung im Amt gewe­sen. Den­noch ist die Anzei­ge zwei­fel­los cou­ra­giert: Man kann sich vor­stel­len, wie eine Kol­le­gen­schaft, die nie der­glei­chen tut und es zum über­wie­gen­den Teil als Ver­rat wahr­nimmt, Straf­ta­ten von Kame­ra­den anzu­zei­gen, dar­auf reagiert. Und man kann sich, legt man die Zahl von 12 000 der­ar­ti­gen Über­grif­fen zugrun­de, vor­stel­len, wie vie­le Beam­te lie­ber weg­schau­en oder mit­ma­chen.

# Titel­bild: pixabay

Der Bei­trag Nach Aus­sa­ge einer Kol­le­gin: Ber­li­ner Poli­zist für Miss­hand­lung von Gefan­ge­nen ver­ur­teilt erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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