[LCM:] „Starbucks bekämpft Betriebsräte“

Star­bucks pflegt ein Woh­fühl und FairTra­de-Image, an dem am Ende wenig real ist. Direkt in Deutsch­land betreibt Star­bucks, wie in der Sys­tem­gas­tro­no­mie üblich, rabia­tes Uni­onBus­ting.“ Am Frei­tag, den 13. Novem­ber 2020 fin­den des­we­gen in meh­re­ren deut­schen Städ­ten Aktio­nen gegen Star­bucks statt. Inter­view mit Elmar Wigand von arbeits­un­recht über die Hin­ter­grün­de.

Was hab ihr gegen Star­bucks?

Star­bucks bekämpft Betriebs­rä­te. Star­bucks beu­tet die Beschäf­tig­ten aus und hält sie mit Ket­ten-Befris­tun­gen gefü­gig. Star­bucks betreibt sys­te­ma­ti­sche Steu­er­hin­ter­zie­hung, die auf­grund viel zu lascher staat­li­cher Regu­lie­rung und Straf­ver­fol­gung in Deutsch­land lei­der bis­lang legal ist.

Ganz kon­kret unter­stüt­zen wir mit unse­rem Akti­ons­tag den Betriebs­rats­vor­sit­zen­den Micha­el G. aus Ber­lin. Er hat inzwi­schen über ein Dut­zend bös­wil­lig kon­stru­ier­ter Kün­di­gungs­ver­su­che ange­sam­melt. Wir for­dern sei­ne Wie­der­ein­stel­lung und ein Ende der Repres­sa­li­en gegen akti­ve Betriebs­rä­te.

Sticht Star­bucks durch Uni­on Bus­ting gegen­über ande­ren Ket­ten beson­der her­vor?

Star­bucks folgt im Wesent­li­chen der Stra­te­gie von McDo­nalds, dem Vor­rei­ter der US-ame­ri­ka­ni­schen Sys­tem­gas­tro­no­mie in Deutsch­land. Star­bucks arbei­tet wie McDo­nalds nach dem Fran­chise-Prin­zip. Das Manage­ment von Star­bucks sitzt, eben­so wie das von McDo­nalds, in Mün­chen.

Bis in die 1990er war die Maxi­me: kei­ne Betriebs­rä­te, kei­ne Tarif­ver­trä­ge. Durch öffent­li­chen Druck haben Star­bucks und McDo­nalds die­se Linie auf­ge­weicht und gehen nun raf­fi­nier­ter vor. Star­bucks ist dem Bun­des­ver­band der Sys­tem­gas­tro­no­mie bei­getre­ten, den McDo­nalds 1988 gegrün­det hat, um den Tarif­ver­trag der Deho­ga (Deut­scher Hotel- und Gast­stät­ten­ver­band) zu unter­lau­fen. Dabei ist der Deho­ga-Tarif schon ziem­lich beschei­den. So gibt es inzwi­schen zwar eini­ge weni­ge Betriebs­rä­te bei Star­bucks — schät­zungs­wei­se weni­ger als 15 bei 165 Filia­len in Deutsch­land — aber davon sind die meis­ten ein­ge­schüch­tert oder tro­ja­ni­sche Pfer­de des Manage­ments.

Wer bei Star­bucks tat­säch­li­che eine unab­hän­gi­ge Inter­es­sen­ver­tre­tung für die Beschäf­tig­ten im Sinn hat und bereit ist, For­de­run­gen auf­zu­stel­len, die unwei­ger­lich Kon­flik­te mit dem Manage­ment bedeu­ten, der bekommt die vol­le Breit­sei­te der Zer­mür­bungs­stra­te­gien ab: Abmah­nun­gen, Schi­ka­nen, Kün­di­gungs­ver­su­che, Mob­bing. Ziel des Star­bucks-Manage­ments ist es, unlieb­sa­me Ele­men­te aus dem Betrieb zu ent­fer­nen und akti­ve Betriebs­rä­te zu zer­schla­gen. Nach außen hin leug­nen und ver­schlei­ern Fir­men-PR und Anwäl­te das aber.

Was hat es mit dem Fran­chise-Sys­tem auf sich?

Man­che Fil­lia­len betreibt die Mün­che­ner Zen­tra­le selbst, die meis­ten wer­den an Fran­chise-Neh­mer ver­kauft. In Deutsch­land gin­gen sie an den glo­ba­len Fran­chise-Groß­un­ter­neh­mer AmRest, der auch sämt­li­che deut­schen Filia­len von Piz­za-Hut betreibt. AmRest wur­de vom ehe­ma­li­gen Pep­si-Cola-CEO Donald M. Kendall gegrün­det, dem Mann, der Pep­si nach Russ­land brach­te, nach dem Zer­fall der UdSSR. AmRest ist beson­ders in Ost­eu­ro­pa stark und betreibt dort Filia­len ver­schie­de­ner US-Fran­chi­se­ket­ten wie auch Bur­ger King und KFC.

Zurück zum Fran­chise-Prin­zip. Wie geht das?

Die Filia­len und ihr Manage­ment haben strik­te Vor­ga­ben zu erfül­len und müs­sen sämt­li­che Pro­duk­te und Wer­be­ma­te­ria­len von der Zen­tra­le abneh­men. Über das Fran­chise-Prin­zip erfolgt auch die lega­le Steu­er­hin­ter­zie­hung. Die Gewin­ne der Star­bucks-Filia­len wer­den klein gerech­net durch hor­ren­de Lizenz­ge­büh­ren, die nach Ams­ter­dam über­wie­sen wer­den müs­sen. So zahlt Star­bucks in Deutsch­land fast kei­ne Unter­neh­mens­steu­ern, denn Nie­der­lan­de ist eine Steu­er­oa­se. Das hat die ZDF-Sen­dung, die Anstalt in einer Sen­dung vom 28.10.2014 schön her­aus gear­bei­tet.

Wel­che Rol­le spielt Star­bucks in Deutsch­land und wel­che Rol­le spielt der deut­sche Markt für Star­bucks?

Star­bucks ist im Ver­gleich zu McDo­nalds in Deutsch­land mit ca. 165 Filia­len ein ganz klei­ner Fisch. Auch die geschätz­ten 160 Mil­lio­nen Euro Umsatz in Deutsch­land gel­ten in der Bran­che als Pea­nuts. McDo­nalds hat im Ver­gleich fast 1.500 Filia­len in Deutsch­land und erzielt 3,8 Mil­li­ar­den. Der Markt­füh­rer der Kaf­fee-Bars ist der­zeit Segaf­re­do. Die haben seit 2018 ein mas­si­ves Wachs­tum hin­ge­legt und laut Sta­tis­ta im Jahr 2019 der­zeit 354 Filia­len. Welt­weit sieht die Sache anders aus. Da ist Star­bucks der Markt­füh­rer mit einer inter­grier­ten Wert­schöp­fungs­ket­te vom Kaf­fee-Anbau im Tri­kont bis hin zu Star­bucks-Lizenz­pro­duk­ten in Super­märk­ten, die von Nest­lé ver­trie­ben wer­den. Der welt­wei­te Umsatz belief sich im Jahr 2019 auf rund 26,5 Mil­li­ar­den US-Dol­lar. Star­bucks belegt mit über 46,8 Mil­lio­nen US-Dol­lar Mar­ken­wert den zwei­ten Platz im Ran­king der wert­volls­ten Fast-Food-Mar­ken welt­weit. Das ein­zi­ge was in Deutsch­land die­sem Ruf als Big Play­er gerecht wird ist die Bekannt­heit der Mar­ke. Zwei Drit­tel der Deut­schen ken­nen laut Umfra­gen das Star­bucks-Logo. Deutsch­land ist ansons­ten ein Star­bucks-Ent­wick­lungs­land. Den­noch ist es für einen glo­ba­len Kon­zern wich­tig, auch hier an Orten sicht­bar zu sein, die ein inter­na­tio­na­les Publi­kum besucht: Bahn­hö­fe, zen­tra­le Shop­ping-Mei­len, Tou­ris­mus-Hot-spots.

Wem gehört das Unter­neh­men eigent­lich?

Den übli­chen Ver­däch­ti­gen. Die größ­ten Anteils­eig­ner sind aggres­si­ven Finanz­in­ves­to­ren wie Van­guard mit 7,7 % der Akti­en, Black­rock (7,2%), Sta­te Street (2,7%), Magel­lan Asset Manage­ment (2,7%) und der Star­bucks-Grün­der Howard Schultz mit 2,9 %, was im Juni 2020 ein unglaub­li­ches Ver­mö­gen von 2,3 Mil­li­ar­den aus­mach­te.

Was kön­nen wir tun, um gegen die­se impe­ria­len Mäch­te anzukämp­fen?

Der Akti­ons­tag #Freitag13 dürf­te dazu bei­tra­gen, die Aus­brei­tung von Star­bucks in Deutsch­land klein zu hal­ten. Zudem wol­len wir ein Bewusst­sein dafür schaf­fen, dass Sys­tem­gas­tro­no­mie eine von Grund auf üble Sache ist. Wir soll­ten neben klas­si­schem Orga­ni­zing, das in der Sys­tem­gas­tro stark aus­bau­fä­hig ist, auch unse­re Macht als Konsument*innen stär­ken. Sprich: Boy­kott und Image-Kor­rek­tu­ren.

Kann ein Akti­ons­tag wie #Freitag13 über­haupt etwas bewir­ken?

Wir gehen davon aus, dass es für jedes Unter­neh­men ärger­lich ist, wenn des­sen Mar­ke mit Aus­beu­tung und schmut­zi­gen Metho­den asso­zi­iert wird. Star­bucks ist hier beson­ders angreif­bar, weil die Pro­duk­te über­teu­ert sind. Der Preis wird durch “Fair tra­de” und Wohl­fühl­at­mo­sphä­re gerecht­fer­tigt. Das Star­bucks-Image ist inwen­dig hohl.

Das For­mat #Freitag13 hat bereits rich­tig weh getan: Der Essens­ku­rier Deli­ver­oo flüch­te­te regel­recht aus Deutsch­land, der H&M‑Aktienkurs rutsch­te 2017 ab. Am 13.9.2019 sind wir gegen Werk­ver­trä­ge bei Tön­nies vor­ge­gan­gen; jetzt steht das gesetz­li­che Ver­bot in der gesam­ten Fleisch­in­dus­trie an.

Was kön­nen die Leser*innen des Lower Class Maga­zi­nes kon­kret tun?

Die Star­bucks Beschäf­tig­ten brau­chen flan­kie­ren­de Maß­nah­men kri­ti­scher, soli­da­ri­scher Konsument*innen!

Wir rufen zum unbe­fris­te­ten Kon­sum-Streik gegen Star­bucks auf bis unse­re zen­tra­len For­de­run­gen erfüllt sind: Betriebs­rats­wah­len, Schutz akti­ver Betriebs­rä­te, Schluss mit Ket­ten-Befris­tun­gen. Hier könnt ihr euch online anschlie­ßen: https://​arbeits​un​recht​.de/​s​t​a​r​b​u​cks.

Außer­dem stel­len wir Flu­b­lät­ter zum down­load bereit, die ihr in Super­märk­ten und Star­bucks-Filia­len hin­ter­las­sen könnt: https://​arbeits​un​recht​.de/​f​r​e​i​t​a​g​1​3​_​s​t​a​r​b​u​c​k​s​/​#​m​i​t​m​a​c​hen.

Elmar Wigand ist Pres­se­spre­cher der Akti­on gegen Arbeits­un­recht. Mehr zum Akti­ons­tag #Freitag13: https://​arbeits​un​recht​.de/​f​r13

#Titel­bild: arbeits­un­recht, Elmar Wigand vor Star­bucks am Neu­markt in Köln

Der Bei­trag „Star­bucks bekämpft Betriebs­rä­te“ erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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