[LCM:] Warum „Linksradikal-Sein“ kein Hobby ist

Der fol­gen­de Text soll eine Erneue­rung, bzw. Anknüp­fung einer Ver­öf­fent­li­chung von Nürn­ber­ger Genoss*innen dar­stel­len, die im Jahr 2013 unter dem Titel „Mein Hob­by: Links­ra­di­kal­sein!“ in der bar­ri­ca­da erschie­nen ist. Das zen­tra­le The­ma ist kei­ne neue Ent­wick­lung, scheint uns aber zur Zeit ein aku­tes, schwer­wie­gen­des Pro­blem der radi­ka­len Lin­ken sowohl in Ham­burg als auch deutsch­land­weit zu sein. Vom Roten Auf­bau Ham­burg

Ob durch einen Vor­trags­abend einer orts­be­kann­ten Grup­pe zum G20-Gip­fel, einen Lese­kreis von Freun­des­freun­den zur Ein­füh­rung in die Kapi­ta­lis­mus­kri­tik, direkt agi­tiert auf der Frau­en­kampf­de­mo am 8. März oder sogar durch Gesprä­che mit Kolleg*innen im Betrieb – wir alle sind auf unter­schied­lichs­te Arten und zu ver­schie­de­nen Zeit­punk­ten in das Gefü­ge der soge­nann­ten „lin­ken Sze­ne“ gelangt.

So unter­schied­lich unser Zugang zu lin­ker Poli­tik zu Beginn war, so ver­schie­den sind auch unse­re Lebens­si­tua­tio­nen wäh­rend unse­res Trei­bens in orga­ni­sier­ten Struk­tu­ren. Der Eine macht sein Abi nach und muss sich neben­bei um sei­ne jün­ge­ren Geschwis­ter küm­mern, die Ande­re macht eine Aus­bil­dung zur Fri­seu­rin und arbei­tet abends in einer Knei­pe, um sich ihr WG-Zim­mer leis­ten zu kön­nen und wie­der­um Ande­re set­zen sich in ihrem Stu­di­um ohne­hin fort­lau­fend mit namen­haf­ten Phi­lo­so­phen und wis­sen­schaft­li­chen The­sen aus­ein­an­der oder ban­gen seit der letz­ten Akti­on wegen der frisch auf­er­leg­ten Bewäh­rungs­stra­fe um ihren Arbeits­platz als Erzieher*innen. Wir alle haben unter­schied­lich viel Kapa­zi­tä­ten – ob zeit­lich, finan­zi­ell oder ein­fach kräf­te­mä­ßig (phy­sisch) – um uns poli­tisch zu enga­gie­ren.

Was uns aber eint, ist das Bewusst­sein dar­über, dass uns die bestehen­den Ver­hält­nis­se ankot­zen und wir etwas ver­än­dern wol­len, weil es so wie es ist, nicht blei­ben kann. Wir wol­len den Kapi­ta­lis­ten, die sich auf unse­ren Nacken, durch den Mehr­wert unse­rer Arbeits­kraft, ein schö­nes Leben machen, nicht wei­ter in die Kar­ten spie­len. Wir wol­len nicht hin­neh­men, dass anstän­di­ge Bil­dung eine Fra­ge von Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit bleibt. Wir wol­len nicht, dass es der Sta­tus Quo bleibt, dass Frau­en neben ihrer ohne­hin schlech­ter bezahl­ten Lohn­ar­beit noch nahe­zu allei­nig die unbe­zahl­te Repro­duk­ti­ons­ar­beit ver­rich­ten müs­sen.

Um die­sen und den ande­ren unzäh­li­gen Aus­wüch­sen des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems effek­tiv ent­ge­gen zu wir­ken, hal­ten wir es natür­lich für den sinn­volls­ten Weg, sich in einer revo­lu­tio­nä­ren Grup­pe zu orga­ni­sie­ren. Man lernt gemein­sam und von­ein­an­der die Miss­stän­de in der gegen­wär­ti­gen Gesell­schaft zu erken­nen, zu ana­ly­sie­ren und Lösungs­an­sät­ze und revo­lu­tio­nä­re Stra­te­gien zu ent­wer­fen, bezie­hungs­wei­se zu hin­ter­fra­gen und gege­be­nen­falls zu kri­ti­sie­ren oder umzu­set­zen.

Mit dem stei­gen­den Grad der Orga­ni­sa­ti­on wird natür­lich auch die Ver­ant­wor­tung für das poli­ti­sche Han­deln grö­ßer und die Auf­ga­ben­be­rei­che der Genoss*nnen wer­den zahl­rei­cher. Zwi­schen end­lo­sen Tref­fen und kräf­te­zeh­ren­der Arbeit – neben der Lohn­ar­beit – sind die Gele­gen­hei­ten, dar­aus neue Ener­gie und Moti­va­ti­on zu bezie­hen, jedoch all­zu oft sel­ten.

Es ist nahe­lie­gend, sich also einen „Aus­gleich“ zu die­ser auf­rei­ben­den Arbeit zu suchen – sei es Sport, Rei­sen oder ein­fach mal „ande­re“ Leu­te zu tref­fen. Das ist soweit auch rich­tig, denn auch wir brau­chen Rege­ne­ra­ti­ons­pha­sen, die man eben nicht immer mit einer Lek­tü­re von Genos­se Lenin erlan­gen kann.

Wich­tig ist dabei nur, dass wir nicht begin­nen, uns in die­se Frei­zeit­be­schäf­ti­gun­gen, zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen oder Ähn­li­ches zu flüch­ten. Denn nichts ist schlim­mer, als wenn sich eines Tages die Medail­le wen­det und die Poli­tik im Gegen­satz zur „ers­ten gro­ßen Lie­be“ (sei es eine amou­rö­se Bezie­hung, Fuß­ball oder Brief­mar­ken­sam­meln) nur noch eine fade Neben­rol­le spielt. Wir nei­gen dazu, die­sen eben beschrie­be­nen Worst-Case als „Rück­zug ins Pri­va­te“ zu kri­ti­sie­ren. Die­se Bezeich­nung ist jedoch inso­fern kri­tisch zu betrach­ten, als dass sie auf den ers­ten Blick den Anschein erweckt, dass das Pri­va­te getrennt von dem Poli­ti­schen ste­hen wür­de. Als Kommunist*innen sehen wir das aller­dings ganz und gar nicht so. So soll­te unser poli­ti­sches Selbst­ver­ständ­nis stets auch unser Han­deln im Pri­va­ten durch­drin­gen und wir uns dem­entspre­chend fort­lau­fend selbst reflek­tie­ren. Soll das also hei­ßen, dass mein Klas­sen­be­wusst­sein mir also doch immer wie ein Geist vor­schwe­ben und mir den Spaß im Leben vom Lei­be hal­ten soll? – Auf gar kei­nen Fall!

Es gibt Pha­sen im Leben, in denen man sich mehr oder weni­ger unge­wollt „Zeit für sich“ ein­räu­men muss – sei­en es bei­spiels­wei­se fami­liä­re Schick­sals­schlä­ge oder gesund­heit­li­che Umstän­de. In sol­chen Zei­ten ist es wich­tig, sich bewusst zu machen, dass wir uns in einer Pha­se des Kamp­fes befin­den (zumin­dest hier in Deutsch­land im frü­hen 21. Jhd.), in der es völ­lig legi­tim und wich­tig ist, auch ande­ren Din­gen neben der poli­ti­schen Arbeit zeit­wei­se Prio­ri­tä­ten ein­zu­räu­men, um danach gestärkt aus einer schwie­ri­gen Lebens­si­tua­ti­on her­vor­zu­kom­men.

Und danach? Woher sol­len wir die Moti­va­ti­on zum Wei­ter­kämp­fen dann fort­an bezie­hen? Die­se oder ähn­li­che Fra­gen hat sich mit Sicher­heit jede*r von uns schon mal nach der einen oder ande­ren Durst­stre­cke gestellt. Dar­auf eine Ant­wort zu fin­den, ist gar nicht mal so ein­fach – ansons­ten wäre die gesam­te Pro­ble­ma­tik wohl auch wesent­lich weni­ger schwer­wie­gend. Weder hal­ten wir die abso­lu­te Ent­halt­sam­keit und die aske­ti­schen Züge so man­cher lin­ken Strö­mun­gen für rich­tig, noch kön­nen wir den glit­zern­den Par­ty­he­do­nis­mus manch ande­rer Sze­ne­grup­pie­run­gen ernst­neh­men und wol­len auch in kei­nem die­ser Aus­wüch­se einen gelun­ge­nes Bei­spiel für eine links­ra­di­ka­le Lebens­füh­rung sehen. Lin­ken Askeseideolog*innen oder lin­ken Hedonismusprediger*innen ist näm­lich am Ende eines gemein­sam: der Fokus auf das Indi­vi­du­el­le, und das im schlimms­ten Fall los­ge­löst von der Reflek­ti­on des Ver­hält­nis­ses von indi­vi­du­el­ler Lebens­füh­rung und Gesell­schaft.

Weder ist es für unse­re poli­ti­sche Arbeit von Nut­zen, wenn wir uns für sie bis auf den letz­ten Nerv und Fun­ken Kraft auf­op­fern und uns jeg­li­chen Spaß ver­sa­gen, noch wenn wir Tei­le fres­send durch die Welt­ge­schich­te tin­geln und davon aus­ge­hen, dass wir den Kapi­ta­lis­mus durch Raven über­win­den könn­ten. Wäh­rend die Einen mit ihrem Stolz auf ihre Ent­halt­sam­keit und ihrem Stre­ben nach einem gestähl­ten Kör­per bes­ten­falls die neo­li­be­ra­len Ansprü­che der bür­ger­li­chen Gesell­schaft in Form der Selb­st­op­ti­mie­rung erfül­len, drif­ten die Ande­ren gänz­lich in ihre kun­ter­bun­te Dro­gen­bla­se ab und ver­lie­ren jeg­li­chen Bezug zur Rea­li­tät, geschwei­ge denn der Gesell­schaft.

Die Revo­lu­ti­on wer­den wir weder bei McFit vorm Spie­gel mit der 100kg Lang­han­tel im Anschlag, noch nach 72 Stun­den Durch­fei­ern im Berg­hain star­ten. Denn erin­nern wir uns dar­an, dass wir davon aus­ge­hen, dass das Sein das Bewusst­sein bestimmt – spä­tes­tens dann wird mehr als deut­lich, dass bei bei­den Bei­spie­len etwas gewal­tig schief läuft. Nicht um zu sagen, dass es nicht wich­tig sei, Kör­per und Geist am Lau­fen zu hal­ten und auch nicht, dass man nicht auch mal einen drauf­ma­chen darf – bloß wol­len wir eben weder zu neo­li­be­ra­len kör­per­fi­xier­ten Fit­ness­lar­ries noch zu dege­ne­rier­ten hedo­nis­ti­schen Par­ty­lei­chen ver­kom­men.

Wir haben lei­der kei­ne Anlei­tung namens „Mehr Spaß an links­ra­di­ka­ler Poli­tik in drei ein­fa­chen Schrit­ten“ und eben­so wenig wol­len wir an die­ser Stel­le in Kon­sum­kri­tik-Geschwa­fel ver­fal­len. Eines wol­len wir aber ganz klar an den gegen­wär­ti­gen Ent­wick­lungs­ten­den­zen der Links­ra­di­ka­len in Deutsch­land kri­ti­sie­ren und das ist ihr Ver­fall gegen­über dem bür­ger­li­chen Indi­vi­dua­lis­mus. Jede Per­son, die wir an die Dro­gen, die Kar­rie­re­lei­ter, die Han­tel­bank, das Eigen­heim, die roman­ti­sche Bezie­hung, Insta­gram und Co ver­lie­ren, ist eine zu viel.

Unser Kampf ist kei­ne „rebel­li­sche Pha­se“ zwi­schen der Jugend und dem Erwach­sen­wer­den. Unser Kampf ist ein all­täg­li­cher, den es solan­ge es die­se Herr­schafts­ver­hält­nis­se nötig machen, zu bestrei­ten gilt. Und damit sind wir nie­mals allein. Wir haben kei­nen Fei­er­abend von unse­rer poli­ti­schen Arbeit, solan­ge ein Sys­tem vor­herrscht, in dem unse­re Klas­se die unter­drück­te ist.

Titel­bild: Gemein­frei

Der Bei­trag War­um „Links­ra­di­kal-Sein“ kein Hob­by ist erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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