[EMRAWI:] Weisse Dominanz in und auf bar​ri​ka​de​.info

Der Arti­kel beinhal­tet eine Selbst­re­fle­xi­on, zeich­net die Ent­wick­lung der inter­nen Debat­te um den Arti­kel sowie auch der Backend-Dis­kus­si­on nach und endet mit Gedan­ken zum Umgang mit der weis­sen Domi­nanz. Die­ser Arti­kel ist kein Abschluss der Dis­kus­si­on, son­dern mar­kiert deren Beginn.

Positionierung, Konflikthaltung, Zusammenstellung der Gruppe

Die Mit­glie­der sind in ver­schie­de­nen Strö­mun­gen der anti­au­to­ri­tär-eman­zi­pa­to­ri­schen schwei­zer Sze­ne aktiv. Unse­re Hal­tung ist klar anti­ras­sis­tisch und anti­fa­schis­tisch.

Im Kol­lek­tiv sel­ber haben wir fast kei­ne Per­spek­ti­ven von BIPOC und_​oder von Ras­sis­mus­be­trof­fe­nen ver­tre­ten. Bis­her haben wir dies auch nicht pro­ble­ma­ti­siert – ein Feh­ler. Weder wur­de the­ma­ti­siert wie es für die weni­gen von Ras­sis­mus Betrof­fe­nen des Kol­lek­tivs ist, Teil eines mehr­heit­lich weiss-christ­lich sozia­li­sier­ten Kol­lek­tiv zu sein, noch hat der mehr­heit­lich weiss-christ­lich sozia­li­sier­te Teil des Kol­lek­tivs die eige­nen ras­sis­ti­schen Denk­mus­ter bezüg­lich der Arbeit reflek­tiert. Let’s face it: bar​ri​ka​de​.info ist ein weis­ses Kol­lek­tiv sowie eine weis­se News-Site.

Wäh­rend eine Pri­vi­le­gi­en­re­fle­xi­on wich­tig ist, soll­te auch die Dyna­mik von Pri­vi­le­gi­en beach­tet wer­den. Pri­vi­le­gi­en sind nicht sta­tisch son­dern kon­text­ab­hän­gig und kom­plex. Nie­mand ist „homo­gen“ oder „ein­di­men­sio­nal“, kei­ne Grup­pe ist „homo­gen“, es soll kei­ne desi­gnier­ten Wort­füh­ren­den geben, die für eine solche„homogene“ Grup­pe spre­chen. Gleich­zei­tig kön­nen Pri­vi­le­gi­en als „Erkennt­nis­res­sour­ce“ und „Erkennt­nis­bar­rie­re“ wir­ken.

Zudem ist es weder unser Ziel, eine rei­ne Nabel­schau zu betrei­ben, also „die eige­nen Pri­vi­le­gi­en zu „beken­nen“ – was sie natür­lich nicht zum ver­schwin­den bringt; noch dar­über zu schwei­gen und ihre Wir­kung zu ver­leug­nen.

Wir möch­ten Kon­flik­te und Unan­ge­neh­mes benen­nen, aus­tra­gen und aus­hal­ten. Kri­tik ist eine Chan­ce und macht uns stär­ker. Wir möch­ten uns auch bewusst sein, dass wir eini­ges jetzt anders sehen mögen als in ein paar Jah­ren.

Ängs­te sind selbst­re­dend vor­han­den, was auch mit der Geschich­te der Dis­kus­si­on im deutsch­spra­chi­gen Raum zu tun hat: Grä­ben zwi­schen Cri­ti­cal Whiteness und wei­te­ren Tei­len der anti­ras­sis­ti­schen Bewe­gung gin­gen auf (vgl. unten genann­te Aus­ga­be Nr. 575 der Zeit­schrift ana­ly­se + kri­tik AK). Wir möch­ten uns lösen von dem „ent­we­der oder“ und den kon­flikt­haf­ten Pro­zess ein­ge­hen mit all den Wider­sprü­chen.

Was ist passiert?

Zeit­li­cher Ablauf

Der Leit­li­nie-Arti­kel wur­de am 5. Juni 2020 im Backend vor­ge­schla­gen, dar­auf nahm eine inter­ne, hit­zi­ge Dis­kus­si­on inner­halb des Kol­lek­tivs (wie auch im Backend, sie­he unten) ihren Lauf. Die Voten gin­gen aus­ein­an­der, die Zeit ver­ging. Die Leit­li­ni­en emp­fan­den eini­ge von uns als auto­ri­tär und folg­lich nicht unse­ren Grund­sät­zen ent­spre­chend. Einen Kon­sens zur Publi­ka­ti­on gab es nicht. Des­we­gen wur­de der Arti­kel vor­erst nicht publi­ziert, aus Grün­den der Ehr­lich­keit, jedoch auch im Wis­sen, dass der feh­len­de Kon­sens und das Unbe­ha­gen nicht nur, aber auch mit unse­ren eige­nen Ras­sis­men zu tun haben. Bevor ein defi­ni­ti­ver Ent­scheid zu „Publi­ka­ti­on“ oder „Ableh­nung“ gefällt wer­den soll­te, woll­ten wir uns der Refle­xi­on unse­rer Ver­ant­wor­tung als fast aus­schliess­lich weiss-christ­li­ches Medi­en­kol­lek­tiv in einer weiss, christ­li­chen und ras­sis­tisch domi­nier­ten Medi­en­land­schaft wid­men. Dies wur­de den Autor*innen am 30. Juni 2020 im Backend und per E‑Mail mit­ge­teilt.

Intern wur­de das The­ma an meh­re­ren Sit­zun­gen debat­tiert und schliess­lich eine Arbeits­grup­pe gegrün­det. Die­se hat die­sen Text ent­wor­fen sowie Lin­ke PoC kon­tak­tiert mit der Anfra­ge um einen Aus­tausch zu ihren Erfah­run­gen mit und Kri­tik zu unse­rer Medi­en­sei­te, ohne ihr Wis­sen ein­sei­tig aus­nut­zen zu wol­len. In Zukunft wer­den wir auch auf wei­te­re Kol­lek­ti­ve mit nega­ti­ver Ras­sis­muser­fah­rung zuge­hen, um die­se Fra­gen zu dis­ku­tie­ren.

Im Backend ent­fal­te­te sich unter dem vor­ge­schla­ge­nen Arti­kel eine Dis­kus­si­on unter User*innen:

Anonym, 7.6.20: „Es ist wich­tig sich mit cri­ti­cal whit­ness aus­ein­an­der­zu­setz­ten aber die­ser Text ist Auto­ri­tä­rer Scheiss (sor­ry für die Wort­wahl, aber da fällt mir nichts bes­se­res ein) und ich hof­fe dass dies auf einer ver­meid­lich anti-auto­ri­tä­rer Info­sei­te nicht publi­ziert wird.“

Lin­ke PoC, 8.6.20: „Dies ist eine Über­set­zung aus Black Lives Mat­ter-Pro­tes­ten in den USA. Viel­leicht mit einem Hin­weis ver­se­hen? Es geht uns dar­um, damit eine Dis­kus­si­on aus­zu­lö­sen.“ „Wir wür­den noch ger­ne dar­um bit­ten, einen all­fäl­li­gen Ent­scheid mit Begrün­dung mit­zu­tei­len.“ „Es geht um die Fra­ge, wer bei Schwar­zen Pro­tes­ten im Zen­trum sein soll. Und erfah­rungs­ge­mäss neh­men sich häu­fig Weis­se Lin­ke die­sen Raum ein. Der Text ist ein – radi­kal und über­spitzt for­mu­lier­ter – Auf­ruf dage­gen. Aber wir den­ken, dass die­se prä­gnan­te, auf­for­dern­de Spra­che berech­tigt ist, um auf einen Misstand hin­zu­wei­sen, der in der Lin­ken häu­fig unsicht­bar gemacht wird.“

Lin­ke PoC, 12.6.20: „Wir haben noch eine Vor­be­mer­kung ein­ge­fügt, wel­che den Hin­ter­grund erklä­ren soll­te. Wir hof­fen, damit ist es ok.“ 14.6.20: „@Redaktion, könnt ihr prü­fen, ob eine Publi­ka­ti­on mit der Vor­be­mer­kung ok wäre? Ansons­ten wer­den wir einen Arti­kel machen nur mit der Vor­be­mer­kung.“

Anonym, 26.6.20: „Ich fän­de in dem ein­lei­ten­ten Hin­weis vlt. noch ein Hin­weis auf Kon­zep­te wie Betroffenenperspektive,Empowerment etc. sinn­voll.“

Anonym, 27.6.20: „ey nur gschwind an die admins der sei­te: ver­öf­fent­licht die­sen bei­trag. alles ande­re ist tone poli­cing. weis­se per­so­nen soll­ten sich nicht das recht neh­men schwar­zen per­so­nen /​poc vor­zu­schrei­ben, was sie von weis­sen per­so­nen for­dern.“

Brrk, 30.6.20: „Dan­ke für eure Vor­be­mer­kung und die gan­ze Arbeit! Die Leit­li­ni­en emp­fin­den vie­le von uns als auto­ri­tär und folg­lich nicht unse­ren Grund­sät­zen ent­spre­chend. Einen Kon­sens zur Publi­ka­ti­on gab es bis­her nicht. Des­we­gen wer­den wir sie vor­erst nicht publi­zie­ren. Der feh­len­de Kon­sens und das Unbe­ha­gen mit den Leit­li­ni­en haben aber auch mit unse­ren eige­nen Ras­sis­men zu tun. Die lau­fen­de Dis­kus­si­on dar­über ist Teil unse­rer Aus­ein­an­der­set­zung mit unse­rer Ver­ant­wor­tung als weiss-domi­nier­tes Medi­en­kol­lek­tiv in einer ras­sis­ti­schen Medi­en­land­schaft, wel­che wir dank dem Leit­li­ni­en-Text – und auch wei­te­ren hier publi­zier­ten Bei­trä­gen zu Ras­sis­mus in der weis­sen Sze­ne – ver­tie­fen möch­ten. Soli­da­ri­sche Grüs­se, Bar­ri­ka­de Kol­lek­tiv.“

Brrk, 21.7.20: „lie­be Lin­ke PoC. Ent­schul­digt, dass die­ser Pro­zess so lan­ge gedau­ert hat. Wir ver­öf­fent­li­chen nun den Arti­kel inkl. Vor­be­mer­kung. Unse­re inter­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Ras­sis­mus dau­ert fort. Soli­da­ri­sche Grüs­se, Bar­ri­ka­de Kol­lek­tiv.“

Publi­ka­ti­on wie von Lin­ke PoC vor­ge­schla­gen mit ihrer Vor­be­mer­kung am 21.7.2020.

Dis­kus­si­on

Im Kol­lek­tiv haben wir unse­re Posi­tio­nen für eine Publi­ka­ti­on und gegen eine Publi­ka­ti­on der Leit­li­ni­en debat­tiert. Zudem haben wir uns mit euro­zen­tri­schem Anar­chis­mus, dem Begriff «auto­ri­tär» und zen­tra­len Kon­zep­ten von Cri­ti­cal Whiteness aus­ein­an­der­ge­setzt (eine detail­lier­te Zusam­men­stel­lung sol­cher Kon­zep­te fin­det sich z.B. in die­sem Arti­kel, inkl. Quel­len­an­ga­ben: https://​bar​ri​ka​de​.info/​a​r​t​i​c​l​e​/​3​848).

Nach einer gewis­sen Zeit wur­de von den Autor*innen der Leit­li­ni­en auf Eigen­in­itia­ti­ve eine Vor­be­mer­kung, also eine Kon­tex­tua­li­sie­rung, nach­ge­reicht, was in unse­rer Dis­kus­si­on begrüsst wur­de.

Wir haben den Arti­kel schliess­lich mit der Vor­be­mer­kung publi­ziert, die Autor*innen dar­über per Mail infor­miert sowie eine Arbeits­grup­pe zum The­ma kre­iert.

Eurozentrischer und weisser Anarchismus

Die gän­gi­ge, hier vor­herr­schen­de Geschichts­schrei­bung ist eine weis­se Geschichts­schrei­bung„ die anti­ko­lo­nia­le Kämp­fe ver­schweigt; die Poli­tik ist eine weis­se Poli­tik (vgl. Zer­li­na Max­well und ihr Begriff von «white poli­tics»:

«I think of it this way: We have always been doing white poli­tics, but we just left off the word “white.” The way poli­ti­ci­ans talk about issu­es and com­mu­nities, we tend to cen­ter “whiteness” and it nee­ded to be cal­led out. So, what I mean by the end of white poli­tics is an ack­now­ledgment that we’­ve been doing white iden­ti­ty poli­tics. And that that’s very limi­t­ing, par­ti­cu­lar­ly as a pro­gres­si­ve.»)

Weis­se Geschichte/​weisse Menschen/​weisse Poli­tik etc. ste­hen immer im Fokus, das Weiss­sein wird nicht mal genannt, denn es gilt als der Nor­mal­zu­stand (white cen­trism).

Auch unse­re Sicht auf den Anar­chis­mus ist weiss und euro­zen­trisch geprägt. Ent­we­der eine Poli­tik enspricht genau der euro­päi­schen Vari­an­te des Anar­chis­mus aus dem 19. Jh. (haupt­säch­lich von weis­sen Män­nern geprägt) – von Maia Ram­nath als «gros­ses (A)» mar­kiert –, oder es ist eine schlech­te, unge­nü­gen­de Imi­ta­ti­on. So haben z.B. anti­ko­lo­nia­le Kämp­fe und natio­na­lis­ti­sche Befrei­ungs­kämp­fe in die­ser weis­sen anar­chis­ti­schen Geschichts­schrei­bung kei­nen Platz, auch wenn sie als anar­chis­tisch gel­ten kön­nen – von Maia Ram­nath mit einem «klei­nen (a)» mar­kiert. Wir soll­ten ver­su­chen, aus die­ser Bina­ri­tät («EU-Anar­chis­mus» und «das Ande­re») aus­zu­bre­chen und ande­re Kon­tex­te ohne unse­re weis­se Denk­scha­blo­ne betrach­ten. Maia Ram­nath dazu:

That means that ins­tead of always try­ing to con­struct a stron­gly anar­cha-centric cos­mo­lo­gy-con­cep­tual­ly appro­pria­ting move­ments and voices from else­whe­re in the world as part of „our“ tra­di­ti­on, and then mea­su­ring them against how much or litt­le we think they resem­ble our noti­on of our own values-we could loca­te the Wes­tern anar­chist tra­di­ti­on as one con­tex­tual­ly spe­ci­fic mani­fes­ta­ti­on among a lar­ger-inde­ed glo­bal-tra­di­ti­on of anti­aut­ho­ri­ta­ri­an, ega­li­ta­ri­an thought/​praxis, of a uni­ver­sal human urge (if! dare say such a thing ) toward eman­ci­pa­ti­on, which also occurs in many other forms in many other con­texts. Some­thing else is then the refe­rence point for us, ins­tead of us being the refe­rence point for ever­ything else. This is a deeply deco­lo­ni­zing move.

This is perhaps whe­re I need to make a dis­tinc­tion bet­ween the con­cept of anar­chism and the Circle‑A brand. The big A covers a spe­ci­fic part of the Wes­tern Left tra­di­ti­on dating from key ideo­lo­gi­cal deba­tes in the mid-nine­teenth cen­tu­ry and fac­tio­n­al rival­ries in the Inter­na­tio­nal Working Men’s Asso­cia­ti­on. It pea­ked world­wi­de in the ear­ly twen­tieth cen­tu­ry among radi­cal net­works that con­scious­ly embraced the label while nevertheless encom­pas­sing mul­ti­ple inter­pre­ta­ti­ons and empha­ses wit­hin it. Genea­lo­gi­cal­ly rela­ted to both demo­cra­tic repu­bli­ca­nism and uto­pian socia­lism, the big A oppo­sed not only capi­ta­lism but also the cen­tra­li­zed sta­te along with all other sys­tems of con­cen­tra­ted power and hier­ar­chy. It bore echoes of ear­lier radi­cal ega­li­ta­ri­an, liber­ta­ri­an, and mil­lenari­an move­ments as well, with their car­ni­va­les­que upen­dings of rank and social norms, and uphol­ding of a pre- or non­ca­pi­ta­list moral eco­no­my. The­se in turn reso­na­ted through later Roman­tic reac­tions against an excess of Enligh­ten­ment posi­ti­vism, bemoa­ning the psychic disen­chant­ment as much as the mate­ri­al explo­ita­ti­on wrought by indus­tri­al capi­ta­lism.

With a small a, the word anar­chism implies a set of assump­ti­ons and princi­ples, a recur­rent ten­den­cy or ori­en­ta­ti­on-with the stress on move­ment in a direc­tion, not a per­fec­ted con­di­ti­on-toward more disper­sed and less con­cen­tra­ted power; less top-down hier­ar­chy and more self-deter­mi­na­ti­on through bot­tom-up par­ti­ci­pa­ti­on; liber­ty and equa­li­ty seen as direct­ly rather than inver­se­ly pro­por­tio­nal; the nur­tur­an­ce of indi­vi­dua­li­ty and diver­si­ty wit­hin a matrix of inter­con­nec­ti­vi­ty, mutua­li­ty, and accoun­ta­bi­li­ty; and an expan­si­ve reco­gni­ti­on of the various forms that power rela­ti­ons can take, and cor­re­spon­din­gly, the various dimen­si­ons of eman­ci­pa­ti­on. This ten­den­cy, when it beco­mes con­scious, moti­va­tes peop­le to oppo­se or sub­vert the struc­tures that gene­ra­te and sus­tain ine­qui­ty, unfree­dom, and injus­ti­ce, and to pro­mo­te or pre­fi­gu­re the struc­tures that gene­ra­te and sus­tain equi­ty, free­dom, and jus­ti­ce.

In this case, tho­se see­king coun­ter­parts or soli­da­ri­ties might be gui­ded not by Anar­chism but ins­tead by that broa­der princip­le, ten­den­cy, or ori­en­ta­ti­on of which Wes­tern anar­chism is one deri­va­ti­on or sub­set. The Liber­ty Tree is a gre­at ban­y­an, who­se bran­ches cross and wea­ve, tou­ch­ing earth in m any pla­ces to form a hori­zon­tal, inter­con­nec­ted gro­ve of new trunks. (Ram­nath 2011, unse­re Her­vor­he­bung).

Das allei­ni­ge Gel­ten las­sen von Stim­men, die dem «rei­nem» (weis­sen, mit gros­sem (A)) Anar­chis­mus ent­spre­chen, kann als Rosi­nen­pi­cken (oft auch eng­lisch: Cher­ry Picking) gewer­tet wer­den. Die Argu­men­ta­ti­ons­theo­rie bezeich­net Rosi­nen­pi­cken als eine Tech­nik, bei der nur Bele­ge ange­führt wer­den, die die eige­ne Argu­men­ta­ti­on stüt­zen, wäh­rend ande­re Bele­ge, die gegen die Argu­men­ta­ti­on spre­chen bzw. sie wider­le­gen, bewusst weg­ge­las­sen wer­den. Die­se Rosi­nen­pi­cke­rei kann bei uns zu einer Vor­füh­rung eines sehr weis­sen Anar­chis­mus füh­ren.

Was ist überhaupt antiautoritär?

In einem poli­tisch radi­ka­len Zusam­men­hang ist der Auto­ri­täts-Begriff his­to­risch geprägt vom «anti­au­to­ri­tä­rem Sozia­lis­mus» à la Baku­nin; einer Ableh­nung von auto­ri­tä­ren, hier­ar­chi­schen und mili­tä­ri­schen Macht­sys­te­men; der all­ge­mei­nen Ableh­nung von Herr­schaft von Men­schen über Men­schen und einem aus­ge­präg­ten Frei­heits­den­ken.
Wiki­pe­dia sagt dazu (gekürz­ter Abschnitt):

Auto­ri­tär ist ein Wort, das Ende des 19. Jahr­hun­derts aus dem fran­zö­si­schen auto­ri­taire (die­ses nach fran­zö­sisch auteur, wie das deut­sche Wort Autor sich von latei­nisch auc­tor ablei­tend) ent­lehnt wor­den sein soll. […] Das Wort ist mehr­deu­tig, wobei heu­te eine nega­ti­ve kri­ti­sche Haupt­be­deu­tung über­wiegt.

Neu­tral […] wird dar­un­ter „auf Auto­ri­tät beru­hend“ oder „mit Auto­ri­tät aus­ge­stat­tet“ ver­stan­den.

Ande­ren­orts wird die Bedeu­tung auch beschrie­ben als „mit über­le­ge­ner Macht aus­ge­stat­tet aus eige­ner Macht­voll­kom­men­heit“.
[…] Inzwi­schen über­wiegt eine nega­ti­ve Haupt­be­deu­tung, die mit „tota­li­tär, dik­ta­to­risch“ und „unbe­ding­ten Gehor­sam for­dernd“ ange­ge­ben wird. […]

Die Haupt­be­deu­tung kommt in ver­schie­de­nen Zusam­men­hän­gen zur Anwen­dung:
• Sozi­al-psy­cho­lo­gisch spricht man von einem auto­ri­tä­ren Cha­rak­ter oder ähn­lich von einer auto­ri­tä­ren Per­sön­lich­keit und ver­steht dar­un­ter „mensch­li­che Cha­rak­te­re, die sich durch ein aus­ge­präg­tes Über­le­gen­heits­ge­fühl, über­zo­ge­nen Macht­an­spruch und das Unter­wer­fen Schwä­che­rer aus­zeich­nen und dadurch Into­le­ranz, Dog­ma­tis­mus und Unfrei­heit för­dern.“
• Poli­tik­wis­sen­schaft­lich ist unter ande­rem die Rede von Auto­ri­ta­ris­mus als Ideo­lo­gie bzw. von auto­ri­tä­ren Regi­men, die sich dadurch aus­zeich­nen, „dass sie a) die Mög­lich­kei­ten demo­kra­ti­scher Mit­wir­kung stark ein­schrän­ken, b) öffent­li­che Wil­lens­bil­dungs­pro­zes­se (Presse‑, Infor­ma­ti­ons­frei­heit) und die öffent­li­che Aus­ein­an­der­set­zung über poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen stark behin­dern und c) die plu­ra­lis­ti­sche Inter­es­sen­viel­falt begren­zen.“
• In der Päd­ago­gik ste­hen sich Kon­zep­te der auto­ri­tä­ren Erzie­hung und anti­au­to­ri­tä­ren Erzie­hung gegen­über. In der Dis­kus­si­on ist jeweils zu klä­ren, ob man auto­ri­tä­res Ver­hal­ten in sei­ner nega­ti­ven Haupt­be­deu­tung oder jed­we­de Auto­ri­tät meint.

Auszüge aus unserer Diskussion

Stim­men gegen die Publi­ka­ti­on der Leit­li­ni­en

Ande­rer Kon­text, feh­len­de Kon­tex­tua­li­sie­rung

Die Leit­li­ni­en wur­den in einem ganz ande­ren Kon­text (USA) inner­halb einer ganz ande­ren Demo­kul­tur geschrie­ben. Nun wur­den sie ein­fach über­setzt und auf unse­ren Kon­text über­tra­gen, ohne jed­we­de Ein­lei­tung und Kon­tex­tua­li­sie­rung. Gera­de die Kon­tex­tua­li­sie­rung wäre nötig, damit die berech­ti­ge Kri­tik an weis­ser Demo­kul­tur ernst­ge­nom­men wird. [Die­se bemän­gel­te, feh­len­de Kon­tex­tua­li­sie­rung wur­de dann mit der Vor­be­mer­kung der Autor*innen effek­tiv vor­ge­nom­men].

Femi­nis­ti­sches Unbe­ha­gen

Aus­sa­gen wie „Dei­ne Auf­ga­be ist es, ein Kör­per zu sein.“ „Spa­re dir dei­ne Gefüh­le für zuhau­se.“ sind aus femi­nis­ti­scher Per­spek­ti­ve sehr pro­ble­ma­tisch. Stän­dig müs­sen FLTIQ* im All­tag, Pro­jek­ten und Bezie­hun­gen dage­gen ankämp­fen, dass sie nicht auf ihren Kör­per redu­ziert wer­den oder sich sel­ber dar­auf redu­zie­ren, und die­se Leit­li­ni­en hören sich nach einer sol­chen Reduk­ti­on an.

Auto­ri­tä­rer Duk­tus

Die Leit­li­ni­en for­mu­lie­ren einen Anspruch und Impe­ra­tiv, die als auto­ri­tär gele­sen wer­den kön­nen. Es ist schwer, eige­ne Pri­vi­le­gi­en zu reflek­tie­ren und es ist noch schwe­rer, die Refle­xi­on umzu­set­zen. Aber trotz­dem soll es kei­ne „Pro­test­an­füh­rer“ geben, egal in wel­chen Pro­tes­ten, genau­so wenig wie es Men­schen geben soll, die Anwei­sun­gen befol­gen, egal bei was. Bereits der Titel «Leit­li­nie» ist grenz­wer­tig und gibt sich als all­ge­mein­gül­ti­gen Hand­lungs­an­satz; zudem gibt es vor, für «alle PoC» zu spre­chen.

Als anti­au­to­ri­tä­re Platt­form soll­ten wir bei den vie­len Stim­men, die es inner­halb der BLM Bewe­gung gibt, die­je­ni­gen unter­stüt­zen, die uns ideo­lo­gisch nahe sind.

Auto­ri­tär? Inhalt und Autor*innen

Die Mode­ra­ti­on soll Arti­kel von allen Autor*innen, auch von PoC, ableh­nen kön­nen, falls die­se Arti­kel nicht den Mode­ra­ti­ons­kri­te­ri­en ent­spre­chen. Inhal­te nur zu publi­zie­ren, weil sie von PoC geschrie­ben wur­den und nicht, weil sie inhalt­lich den Grund­sät­zen ent­spre­chen, ist ein Zei­chen von posi­tiv ras­sis­ti­schem Ver­hal­ten. Ein sol­ches Ver­hal­ten zu reflek­tie­ren, ist ein wich­ti­ger Teil der Refle­xi­on unse­rer weis­sen Pri­vi­le­gi­en.

In der Mode­ra­ti­on wur­de pri­mär auf auto­ri­tä­rer Inhalt, und nicht auf die Autor*innenschaft geach­tet. Der Arti­kel ruft ganz expli­zit und sehr ver­kürzt zu Füh­rung und Gehor­sam auf, er ruft direkt dazu auf, Auto­ri­tä­ten zu akzep­tie­ren. Und das ist bei frü­he­ren Arti­keln so nicht vor­ge­kom­men.

Stim­men für die Publi­ka­ti­on der Leit­li­ni­en

Kon­text und Spra­che

Die Leit­li­ni­en sind aus den USA. Ers­tens ist dies ein ande­rer Kon­text, zwei­tens wur­den sie zudem ins Deut­sche über­setzt. Die Begrif­fe «to lead», zu füh­ren, sowie auch «Lea­ders­hip» haben auf Eng­lisch eine ande­re (weit­aus posi­ti­ve­re) Bedeu­tung als auf Deutsch und wer­den auch in radi­ka­len Zusam­men­hän­gen posi­tiv ver­wen­det.

Bar­ri­ka­de und BLM; ras­sis­ti­sche Grund­mus­ter von Bar​ri​ka​de​.info

Bar­ri­ka­de ist kei­ne «neu­tra­le» Platt­form, es gibt kei­ne «fai­re» Ver­tei­lung von Tex­ten. Auf der gan­zen Welt lös­te BLM star­ke Reak­tio­nen, auch in den Main­stream-Medi­en, aus. Es wur­de fast kein Inhalt zu BLM auf Bar­ri­ka­de gepos­tet, ein kla­res Zei­chen für die weiss gepräg­te auto­no­me Sze­ne in der Schweiz. Dies ist nicht die allei­ni­ge Ver­ant­wor­tung von bar​ri​ka​de​.info, den­noch soll­ten wir hier unse­re Ver­ant­wor­tung wahr­neh­men und bspw. auf Kol­lek­ti­ve mit nega­ti­ver Ras­sis­muser­fah­rung zuge­hen und bar​ri​ka​de​.info bewer­ben, so wie wir es bei der Kli­ma­be­we­gung und dem femi­nis­ti­schen Streik gemacht haben.

Das BLM- Echo blieb auf Bar​ri​ka​de​.info nicht nur aus; einer der weni­gen Arti­kel zum The­ma wur­de (erst) abge­lehnt. Auch bei einem Arti­kel in Zusam­men­hang mit Anti­se­mi­tis­mus gab es eine gros­se Dis­kus­si­on, was ein ras­sis­ti­sches Grund­mus­ter in unse­rer Grup­pe offen­bart. Bei bspw. femi­nis­ti­schen Arti­keln gab es wohl schon viel mehr Rei­bungs­flä­che und die Posi­tio­nen der Kol­lek­tiv­mit­glie­der sind deut­li­cher.

Es ist also zen­tral, uns als Kol­lek­tiv sowie unse­re Richtlinien/​Moderationkriterien zu reflek­tie­ren, da bei­des weiss und ras­sis­tisch gefärbt ist.

Zum Auto­ri­täts-Vor­wurf: «auto­ri­tä­re» Inhal­te und auto­ri­tä­re Grup­pen

Wenn ein Arti­kel inhalt­lich nicht auto­ri­tär ist, aber der Text von einer auto­ri­tä­ren Grup­pe kommt, publi­zie­ren wir ihn gemäss unse­re Grund­sät­zen oft trotz­dem. Dies pas­siert ins­be­son­de­re bei kom­mu­nis­ti­schen Grup­pie­run­gen, die in unse­rer Sze­ne nicht unbe­deu­tend sind. Unse­re detail­lier­te, Wort für Wort-Kri­tik und lan­ge Dis­kus­si­on an den Leit­li­ni­en sind aus­ser­ge­wöhn­lich. Bei wel­chen Arti­keln schau­en wir ganz genau hin, und wel­che publi­zie­ren wir, ohne mit der Wim­per zu zucken?

Wor­te und Macht

Wenn weis­se über die Leit­li­ni­en spre­chen, fokus­sie­ren sie auf den Aspekt des auto­ri­tä­ren Stils. Dies ist dann das Haupt­the­ma. Nicht aber der Inhalt, die Ideen, wie Weis­se sich an einer PoC-Demo ein­brin­gen könn­ten (wobei Stil und Inhalt nur bedingt von­ein­an­der getrennt wer­den kön­nen). Die­ser ist dann zweit­ran­gig oder wird auf­grund des Stils abge­lehnt. Dies ist ein ras­sis­ti­scher Reflex, eine Abwehr­hal­tung.

Die For­mu­lie­rung kann kri­ti­siert wer­den, den­noch gibt es das Mus­ter in einer hier­ar­chi­schen Welt, dass «net­te Appel­le» von unter­drück­ten Grup­pen nicht gehört wer­den, und nur eine lau­te, befeh­leri­sche Spra­che Auf­se­hen erregt und Beach­tung erhält (zur Beach­tung und Sicht­bar­keit: Bei Main­stream-Arti­keln zu BLM Demos wur­den bemer­kens­wer­ter­wei­se oft weis­se Men­schen abge­bil­det) (ande­res Bei­spiel: For­de­run­gen von FLINT per­so­nen wer­den oft auch abge­lehnt mit der Begrün­dung, sie sei­en zu aggres­siv (tone poli­cing)).

Für eini­ge PoC kann es sehr dring­lich sein, dass die­se Leit­li­ni­en befolgt wur­den, damit sie sich an ihrer eige­nen Demo siche­rer füh­len kön­nen. Gleich­zei­tig ist es für vie­le weis­se Per­so­nen unge­wohnt, expli­zit auf­ge­for­dert zu wer­den, ihre (impli­zi­te) Kon­trol­le und Auto­ri­tät, die sie näm­lich sel­ber an Demos und über die Demos haben abzu­ge­ben und nicht «unab­ding­bar» für eine Demo zu sein.

Ande­res Bei­spiel: Auf­ru­fe für Demos ohne Cis­män­ner wer­den von eini­gen auch als auto­ri­tär ange­se­hen und es brauch­te (und braucht) viel Zeit und Dia­log, bis dies akzep­tiert (und teil­wei­se nach­voll­zo­gen) wer­den kann.

Als weis­se Per­son kön­nen wir die­se Situa­ti­on aus­hal­ten, abwar­ten und reflek­tie­ren, was dies mit uns macht. Bspw. Ist es ein ras­sis­ti­scher Reflex, ins­be­son­de­re von PoC kei­ne Befeh­le /​Wün­sche hören zu wol­len, sie wer­den dann als über­trie­ben laut, aggres­siv dar­ge­stellt.

Es geht nicht um bedin­gungs­lo­sen Gehor­sam, son­dern dar­um, sich zu beru­hi­gen, auf die kom­men­de Ent­wick­lung gespannt zu sein und wei­ter zu dis­ku­tie­ren.

Sich von Angst regie­ren zu las­sen ist schlecht, aber es gibt für Weis­se kei­nen Grund Angst zu haben, wenn wir uns in einem stän­di­gen selbst­kri­ti­schen Pro­zess und Aus­tausch befin­den. Die Publi­ka­ti­on der Leit­li­ni­en kann zu einem sol­chen Pro­zess bei­tra­gen.

«Auto­ri­tär» /​«anti­au­to­ri­tär»

Unse­re Dif­fe­ren­zie­rung von «auto­ri­tär» /​«anti­au­to­ri­tär» ist schwamming, wir haben kei­ne genaue Defi­ni­ti­on davon. Es wäre eben­falls wün­schens­wert, Begrif­fe in unse­ren Grund­sät­zen genau­er zu klä­ren.

Wir haben je nach Per­spek­ti­ve auch schon auto­ri­tä­re Arti­kel publi­ziert, z.B. von kom­mu­nis­ti­schen Grup­pen (und wur­den dafür auch schon in Arti­keln kri­ti­siert). Ein weis­ses Demo-Orga-Grüpp­li, das eine anti­ras­sis­ti­sche Demo orga­ni­siert, durch­führt und „anlei­tet“, zwar ohne kla­re Füh­rungs­per­son, aber halt als sehr domi­nan­tes Grüpp­li, kann genau­so als auto­ri­tär betrach­tet wer­den, auch wenn sie sich sel­ber /​ande­re sie als anti­au­to­ri­tär bezeich­nen.

Euro­zen­tris­mus als struk­tu­rel­le Auto­ri­tät

Grund­sätz­lich ist kri­tisch, dass Per­so­nen in weiss gepräg­ten lin­ken Struk­tu­ren nicht in Betracht zie­hen, dass Kämp­fe von BIPoC teil­wei­se aus ande­ren Kon­tex­ten kom­men und dass sie so des­we­gen sofort bswp. Fah­nen schwen­ken, der Wunsch nach einem auto­no­men Gebiet, die Ver­herr­li­chung von Ein­zel­per­so­nen oder das laut­star­ke Ein­for­dern von etwas ver­ur­tei­len.

Die­ses Ver­ur­tei­len ist weiss zen­tris­tisch. Nicht alle wol­len und – vor allem: kön­nen an den­sel­ben Punk­ten anknüp­fen wie weis­se Lin­ke dies tun.

«Die­se gan­ze Dis­kus­si­on ist auto­ri­tär und weiss

Whites­p­lai­ning

Im Kol­lek­tiv kam die Idee auf, einen eige­nen Text oder eine eige­ne Ein­lei­tung zu den Leit­li­ni­en zu schrei­ben.

Dies wur­de als whites­p­lai­ning kri­ti­siert:

«Wie­der wer­den Per­spek­ti­ven und Ideen von BIPoC von Weis­sen kri­ti­siert und es herrscht das Gefühl, es braucht aus irgend­ei­nem Grund eine weis­se Stel­lung­nah­me dazu. Nobo­dy asked for that. Wie­der haben Weis­se das Gefühl, sie müs­sen ihre doch so schlaue, bes­se­re und wei­te­re Kri­tik anhän­gen, an einem The­ma, von dem sie kei­ne Ahnung haben. Die­se «Leit­li­ni­en» sind for­mu­liert aus dem Zuge der Black Lives Mat­ter Bewe­gung, bei wel­chem es um Schwar­ze Per­spek­ti­ven und Lebens­rea­li­tä­ten geht.

Die Per­spek­ti­ven, Lebens­rea­li­tä­ten und For­de­run­gen von BIPoC und in dem Fall Black Peop­le sind nicht mono­li­thisch. Fra­gen, Ideen und For­de­run­gen von Schwar­zen, Indi­ge­nen und Peop­le of Color wer­den nicht nach den Mass­stä­ben von Weis­sen und Weiss­sein dis­ku­tiert und kri­ti­siert.

Bei die­sen Pro­tes­ten geht es um Poli­zei­ge­walt gegen Schwar­ze.

Als nicht­schwar­zer Anarchist/​Antiautoritär ist es mei­ne Pflicht, zusam­men mit mei­nen wei­ßen Friends, Demonstrant*innen, Anarchist*innen, Anti­au­to­ri­tä­ren und ande­ren Links­ra­di­ka­len anzu­er­ken­nen, dass dies nicht unse­re Bewe­gung ist. Schwar­ze Anarchist*innen exis­tie­ren – es gibt ras­si­fi­zier­te und radi­ka­li­sier­te Schwar­ze.

Wir haben gemein­sa­me Zie­le, gemein­sa­me Unter­drü­ckung, gemein­sa­me Feind*innen – aber es ist immer noch nicht unse­re Bewe­gung. Wir kön­nen hel­fen, wir kön­nen auf der Stras­se sein, aber um das zu tun, müs­sen wir uns den Black folx beu­gen, uns die diver­gie­ren­den Per­spek­ti­ven der Schwar­zen anhö­ren und kei­ne Rosi­nen her­aus­pi­cken. Wir soll­ten die Stim­men der Schwar­zen ver­stär­ken.

White folx soll­ten nicht irgend­ei­nen ideo­lo­gi­schen Test durch­füh­ren, um zu sehen, ob dies genau mit ihren Ansich­ten über­ein­stimmt. Es geht um den Kampf der Schwar­zen gegen die Poli­zei und gegen eine fun­da­men­tal anti-Schwar­ze Welt. Mini­mi­siert den Kampf der Schwar­zen nicht, indem ihr annehmt, ihr wüss­tet es bes­ser.

Hier geht es nicht um dich, mich oder unse­re Ideo­lo­gie. Es ist nicht unse­re Zeit, uns Din­ge her­aus­zu­pi­cken, die wir mögen oder nicht mögen. Die Kon­fron­ta­ti­on und Zer­stö­rung weis­ser Macht­struk­tu­ren ist hart und schmerz­haft und nicht immer so, wie Weis­se glau­ben, dass sie aus­se­hen oder sich anfüh­len wer­den. Es geht dar­um, die Befrei­ung von Schwar­zen in vol­lem Umfang radi­kal zu unter­stüt­zen. […] Ich möch­te eine Welt, in der meh­re­re Wel­ten Platz haben».

(Die Idee, einen eige­nen Text zu schrei­ben, wur­de auf­grund des whites­p­lai­ning-Argu­ment wie­der ver­wor­fen.)

Jetziger und zukünftiger Umgang

Auch wenn zeit­na­he­re Aktio­nen und Ent­schei­dun­gen wün­schens­wert sind, ist dies einer­seits aus Kapa­zi­täts­grün­den nicht immer mög­lich, und ande­rer­seits muss auch Ver­ständ­nis dafür bestehen, dass eine sol­che – nach­hal­ti­ge! – Refle­xi­ons­ar­beit inner­halb eines grös­se­ren Kol­lek­tivs Zeit benö­tigt.

Wir haben die Autor*innen, Lin­ke PoC, um einen Aus­tausch gebe­ten, und beab­sich­ti­gen, auf wei­te­re Grup­pen mit Ras­sis­muser­fah­rung zuzu­ge­hen und dazu auf brrk​.info auch einen Auf­ruf zu pos­ten. Die­ses akti­ve Zuge­hen auf Struk­tu­ren und das Anbie­ten von Unter­stüt­zung beim Publi­zie­ren haben wir auch beim femi­nis­ti­schen Streik sowie beim Kli­ma­st­reik gemacht.

Im Kol­lek­tiv möch­ten wir unse­re Zusam­men­set­zung reflek­tie­ren. Was sind unse­re Über­le­gun­gen bswp. zu Pri­vi­le­gi­en, Homo­ge­ni­tät, Reprä­sen­ta­ti­on, Zugäng­lich­keit? Was bedeu­ten die­se Fak­to­ren für unse­re poli­ti­sche Betä­ti­gung bei bar​ri​ka​de​.info?

Wie kön­nen Sei­ten­in­hal­te wie z.B. Anti­ras­sis­mus und weis­se Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me geför­dert wer­den, aber nicht auf eine künst­li­che Wei­se, wel­che die Situa­ti­on in unse­rer Sze­ne schön­fär­be­risch und falsch abbil­den wür­de?

Es stellt sich auch ein grup­pen­dy­na­mi­sches Pro­blem eines weiss­do­mi­nier­ten Kol­lek­tivs in der Ras­sis­mus­dis­kus­si­on: Wie kön­nen Dis­kus­si­on und Kon­fron­ta­ti­on in unse­rem Kol­lek­tiv wei­ter geför­dert wer­den? Es ist sicher­lich gut, häs­si­ge Dis­kus­sio­nen füh­ren zu kön­nen, wel­che auch white fra­gi­li­ty beinhal­ten. Dies kann aber auch sehr trig­gernd für von Ras­si­mus betrof­fe­ne Men­schen sein, wenn sie die Dis­kus­si­on lesen. Wie gehen wir mit damit um? Wie kön­nen wir dies­be­züg­lich einen Umgang/​eine Awa­reness fin­den? Dabei ist es Wunsch­den­ken, dass PoC sich in einem sol­chen Kol­lek­tiv «wohl­füh­len» wür­den. Bes­ser und rea­lis­ti­scher ist es, zu ver­su­chen, einen respekt­vol­len Umgang mit Wider­sprü­chen zu pfle­gen.

Medienempfehlungen und Quellen

Erst­ver­öf­fent­li­chung auf: https://​bar​ri​ka​de​.info/​a​r​t​i​c​l​e​/​3​944

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