[KgK:] Sozialismus und Umweltzerstörung: Warum wurde der Stalinismus heutigen ökologischen Ansprüchen nicht gerecht?

Mit der Debat­te über Kli­ma­ver­än­de­rung und Umwelt­zer­stö­rung geht es vor allem dar­um einen Aus­weg aus der Kri­se zu fin­den. Die zuneh­men­de Bri­sanz des Kli­ma­wan­dels und Fri­days For Future haben das The­ma auf die tages­po­li­ti­sche Agen­da gesetzt. Vie­len ist klar, dass ein „Wei­ter so“ nicht mit den öko­lo­gi­schen Gren­zen des Pla­ne­ten in Ein­klang gebracht wer­den kann. Ange­sichts des zuneh­men­den Ver­sa­gens der bür­ger­li­chen Insti­tu­tio­nen, der Kli­ma­ka­ta­stro­phe ernst­haft etwas ent­ge­gen­zu­set­zen, wach­sen die Zwei­fel, ob der Kapi­ta­lis­mus über­haupt dazu in der Lage ist, mit den öko­lo­gi­schen Gren­zen in Ein­klang gebracht wer­den kann. Vor allem in der Jugend wächst die Wut dar­über, dass groß­mü­ti­ge Ver­spre­chun­gen wie das Pari­ser Kli­ma­ab­kom­men größ­ten­teils nur ein Stück Papier blei­ben.

In der Debat­te also, ob der Kapi­ta­lis­mus, sei­ne Par­tei­en und Insti­tu­tio­nen nicht Teil der Lösung, son­dern Teil des Pro­blems sind, wird die Fra­ge nach Alter­na­ti­ven zuneh­mend dis­ku­tiert. Um den Kapi­ta­lis­mus als alter­na­tiv­los zu prä­sen­tie­ren, wird häu­fig auf die gro­ße Umwelt­zer­stö­rung in der Sowjet­uni­on und den ande­ren soge­nann­ten real­so­zia­lis­ti­schen Län­dern ver­wie­sen.

Beant­wor­tet wird dies von Ökosozialist:innen damit, dass im „klas­si­schen Mar­xis­mus“ ein all­ge­mei­nes Fort­schritts­den­ken exis­tier­te. Chris­ti­an Zel­ler argu­men­tiert in sei­nem Buch „Revo­lu­ti­on für das Kli­ma“, eine Stel­le aus Marx‘ Vor­wort zur Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie habe oft zu Miss­ver­ständ­nis­sen geführt. Dar­in beschreibt er, dass die Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se ab einem bestimm­ten Moment die wei­te­re Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräf­te hem­men wür­den. Laut Zel­ler habe dies der sta­li­nis­ti­schen Büro­kra­tie als Recht­fer­ti­gung zum Raub­bau an der Natur gedient.

Es ist aller­dings falsch, das gan­ze allein auf eine Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on zurück­zu­füh­ren. Es ent­sprach viel mehr den objek­ti­ven Inter­es­sen der Büro­kra­tie in den dege­ne­rier­ten Arbeiter:innenstaaten, die Indus­tria­li­sie­rung um jeden Preis vor­an­zu­trei­ben, um den „Sozia­lis­mus in einem Land“ auf­bau­en zu kön­nen. Nicht nur die zuneh­men­de Indus­tria­li­sie­rung, vor allem der umfas­sen­de Res­sour­cen­ab­bau hat­te kata­stro­pha­le Fol­ge für sen­si­ble Öko­sys­te­me. Beson­ders letz­te­re aber dien­te, wie auch die Kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft, der Erwirt­schaf­tung von Devi­sen durch den Export in kapi­ta­lis­ti­sche Län­der. Zum Auf­bau des Sozia­lis­mus in einem Land war die sta­li­nis­ti­sche Büro­kra­tie drin­gend auf Impor­te aus dem kapi­ta­lis­ti­schen Aus­land ange­wie­sen.

Die The­se vom Sozia­lis­mus in einem Land selbst wie­der­um ent­sprach den objek­ti­ven Inter­es­sen der sta­li­nis­ti­schen Büro­kra­tie, um sich als Ver­wal­te­rin des Man­gels zu betä­ti­gen. Die­se Rol­le hängt eng mit dem Schei­tern der Welt­re­vo­lu­ti­on zusam­men. Mit der Rück­stän­dig­keit der rus­si­schen Wirt­schaft und durch die Iso­la­ti­on der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on, erhob die Büro­kra­tie lang­sam ihr Haupt, um sich über die Mas­sen zu erhe­ben. Auf dem aus­ge­trock­ne­ten Acker der Welt­re­vo­lu­ti­on nahm sie die Rol­le der Ver­wal­te­rin ein. Der Raub­bau an der Natur zur Devi­sen­ge­win­nung war die Grund­la­ge dafür, um den Sozia­lis­mus in einem Land auf­bau­en zu kön­nen.

Dar­an änder­te auch der Sieg im Zwei­ten Welt­krieg nichts. Die sta­li­nis­ti­sche Büro­kra­tie expor­tier­te ledig­lich ihr Modell in ande­re Län­der, wo sie Verwaltungsbeamt:innen als herr­schen­de Kas­te ein­setz­te, rekru­tiert aus den Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en der jewei­li­gen Län­dern, die vor dem Faschis­mus in die Sowjet­uni­on geflüch­tet waren. Auch hier wur­de die Wirt­schaft der Devi­sen­ge­win­nung unter­ge­ord­net, um die nöti­gen Impor­te zu beschaf­fen und natür­lich auch, um die Büro­kra­tie als herr­schen­de Kas­te mit Pri­vi­le­gi­en zu ver­sor­gen. Zugleich star­te­te sie mit dem Beginn der Chruscht­schow-Ära1 einen Wett­be­werb der Sys­te­me. Um mit dem kapi­ta­lis­ti­schen Wes­ten mit­zu­hal­ten, inves­tier­te sie nicht nur in das Stra­ßen­sys­tem und trieb die Mas­sen­mo­to­ri­sie­rung vor­an, son­dern lie­fer­te sich sogar noch einen „Wett­lauf zum Mond“. Gera­de die­ser Wett­be­werb der Sys­te­me, der aus der Rol­le der Büro­kra­tie als Ver­wal­te­rin der morsch gewor­de­nen Revo­lu­ti­on her­vor­ging, trieb die Umwelt­zer­stö­rung in den Ost­block­staa­ten gna­den­los vor­an.

Als beson­de­ren Aus­druck die­ser Peri­ode kön­nen wir auf das Buch „Pla­net des Todes“ von Sta­nis­law Lem ver­wei­sen. In die­sem Sci­ence-Fic­tion-Roman beschreibt der jun­ge Autor schon 1954, wie die Sowjet­uni­on im Jahr 2001 damit beginnt, mit dem umfas­sen­den Ein­satz moderns­ter Tech­no­lo­gie die Ark­tis abzu­schmel­zen, um die dor­ti­gen Roh­stoff­vor­kom­men abzu­bau­en. Dies wirkt vor allem aus heu­ti­ger Sicht absurd, wo es gera­de die kapi­ta­lis­ti­schen Kon­zer­ne sind, die mit die­ser Stra­te­gie dem Kli­ma­wan­del noch etwas abge­win­nen kön­nen. Vor allem die grön­län­di­sche Regie­rung träumt von einem Wirt­schafts­boom, um sich mit dem Ver­kauf von För­der­li­zen­zen von der ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­macht Däne­mark frei­kau­fen zu kön­nen. Iro­ni­scher­wei­se lagern hier gro­ße Vor­kom­men Sel­te­ner Erden, die gera­de für die neu­en „grü­nen Tech­no­lo­gien“ benö­tigt wer­den. Das Kapi­tal macht aus dem Kli­ma­wan­del in dop­pel­ter Hin­sicht noch ein Geschäft.

Zel­ler ver­weist in „Revo­lu­ti­on für das Kli­ma“ auf Trotz­kis Buch „Lite­ra­tur und Revo­lu­ti­on“, in dem er laut Zel­ler „einer weit­rei­chen­den tech­no­lo­gi­schen Mach­bar­keits­vor­stel­lung“ frönt. Damit ver­sucht er, sein Argu­ment zu unter­strei­chen, dass dem klas­si­schen Mar­xis­mus ein Fort­schritts­ge­dan­ke inne­wohnt, indem er den schärfs­ten Kri­ti­ker der sta­li­nis­ti­schen Büro­kra­tie und der The­se des Sozia­lis­mus in einem Land her­vor­holt.

Doch die Fra­ge ist viel mehr, unter wes­sen Kon­trol­le die Tech­no­lo­gie steht. Im Fal­le des soge­nann­ten Real­so­zia­lis­mus lag sie in den Hän­den der büro­kra­ti­schen Kas­ten, die mit ihrer Hil­fe ver­such­te, den Sozia­lis­mus in einem Land auf­zu­bau­en. Das erwähn­te Zitat von Trotz­ki bezieht sich hin­ge­gen nicht auf den Sta­li­nis­mus, der das Kon­zept des Sozia­lis­mus bis zur Unkennt­lich­keit ver­zerr­te, son­dern auf den Sozia­lis­mus unter demo­kra­ti­scher Ver­wal­tung durch die in Räten orga­ni­sier­te Arbeiter:innenklasse:

„Die jet­zi­ge Lage der Ber­ge und Flüs­se, der Fel­der und Wie­sen, Step­pen, Wäl­der und Küs­ten kann man ja nicht als end­gül­tig bezeich­nen. […] Wenn der Glau­be einst ver­sprach Ber­ge zu ver­set­zen, so wird die Tech­nik die Nichts auf „Treu und Glau­ben“ hin­nimmt, tat­säch­lich Ber­ge abtra­gen und ver­schie­ben. […] Der Mensch wird sich mit der Umgrup­pie­rung der Ber­ge und Flüs­se befas­sen und wird die Natur ernst­lich und wie­der­holt kor­ri­gie­ren. Schließ­lich wird er die Erde nach sei­nem Abbil­de oder wenigs­tens nach sei­nem Geschmack umge­stal­ten. Wir haben kei­nen Grund zu befürch­ten, dass die­ser Geschmack schlecht sein wird.“

Er mein­te damit nicht die büro­kra­ti­sche Kas­te oder die Bour­geoi­sie, son­dern den befrei­ten Men­schen. Tat­säch­lich hat jede Zivi­li­sa­ti­on damit begon­nen, selbst die urtüm­lichs­ten davon, die Welt nach ihrem Abbild zu gestal­ten. Sie war stets das Abbild der herr­schen­den Ver­hält­nis­se. Zel­ler sagt, dass es para­do­xer­wei­se Sta­lin gewe­sen sei, der Trotz­kis uto­pi­sche Visi­on in die Tat umge­setzt hät­te, als er die gen Ark­ti­sches Meer flie­ßen­den Flüs­se umlei­te­te und gen Süden flie­ßen ließ. Doch weit gefehlt: Sta­lin ging es nur dar­um, durch stei­gen­de Ern­te­er­trä­ge mehr Devi­sen zu erwirt­schaf­ten, um bes­ser den Sozia­lis­mus in einem Land auf­bau­en zu kön­nen.

In einer in Räten orga­ni­sier­ten sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft wird hin­ge­gen das fun­da­men­ta­le Bedürf­nis der gesam­ten Mensch­heit, die Kli­ma­ka­ta­stro­phe zu stop­pen, ein zen­tra­les Gewicht haben. Nur wenn die Arbeiter:innenklasse, im Bünd­nis mit den armen Mas­sen des Pla­ne­ten, umfas­sen­de und koor­di­nier­te Maß­nah­men debat­tiert und umsetzt, anstatt sie dem Pro­fit­stre­ben und dem Zufall des kapi­ta­lis­ti­schen Mark­tes zu über­las­sen, gibt es eine Chan­ce, den Kli­ma­wan­del umzu­keh­ren. Die demo­kra­ti­sche Ver­wal­tung und Kon­trol­le der Pro­duk­ti­on durch die Arbeiter:innenklasse ist die Vor­be­din­gung und ein­zi­ge Garan­tie dafür, die Pro­duk­tiv­kräf­te mit den pla­ne­ta­ren Gren­zen zu ver­söh­nen.

Natür­lich wird die sozia­lis­ti­sche Gesell­schaft­lich tech­ni­sche Hilfs­mit­tel ein­set­zen, um der Umwelt­zer­stö­rung und dem Kli­ma­wan­del etwas ent­ge­gen zu set­zen. Dafür wird die sozia­lis­ti­sche Gesell­schaft nicht auf irgend­wel­che Wun­der­mit­tel ange­wie­sen sein. Sie wird Wäl­der pflan­zen, Städ­te umgrup­pie­ren und Über­que­run­gen bau­en, um der Natur wie­der den ihr gebüh­ren­den Platz wie­der­zu­ge­ben. Bäu­me wird sie in tie­fe Schich­ten des Erd­reichs ver­pflan­zen, um den in ihn gespei­cher­ten Koh­len­stoff zu ver­wah­ren. Mit­hil­fe der Tech­no­lo­gie wird sie die natür­li­chen Kreis­läu­fe nach­ah­men, um den Koh­len­stoff wie­der der Erde zuzu­füh­ren, so wie einst die Mayas den Boden des Regen­wal­des für die Land­wirt­schaft urbar mach­ten, nur im indus­tri­el­len Maß­stab.

Die Kapitalist:innen hin­ge­gen wol­len sol­che Tech­no­lo­gien nur ein­set­zen, um sich Zeit zu erkau­fen, um ihre Pro­fi­te noch wei­ter ver­meh­ren zu kön­nen, bevor die Kli­ma­ka­ta­stro­phe wie bei einem Jojo-Effekt umso stär­ker wie­der zurück­kommt. Der Ein­satz sol­cher Tech­no­lo­gien zur Beein­flus­sung des Kli­mas bedeu­tet in den Hän­den der Kapitalist:innen etwas ganz ande­res als in den Hän­den des Pro­le­ta­ri­ats.

Wir haben also gese­hen, wie Umwelt­zer­stö­rung mit der The­se vom Sozia­lis­mus in einem Land und der Rol­le der Büro­kra­tie zusam­men­hän­gen. Gegen Zel­lers Ver­such, Trotz­ki und Sta­lin beim tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt auf eine Stu­fe zu stel­len, haben wir den Ein­wand erho­ben, dass es dar­um geht, wer die Kon­trol­le über die Tech­no­lo­gie aus­übt. Ohne dass die Macht von den Hän­den der Kapitalist;innen in die Hän­de des in Räten orga­ni­sier­ten Pro­le­ta­ri­ats – und nicht in die Hän­de einer pri­vi­le­gier­ten büro­kra­ti­schen Kas­te – über­geht, wird sich jede noch so grü­ne Tech­no­lo­gie in ihr Gegen­teil ver­keh­ren. Dann wird das Licht am Ende des Tun­nels tat­säch­lich nur der Schein­wer­fer des ent­ge­gen­kom­men­den Zuges sein. Die Revo­lu­ti­on allei­ne wird die Umwelt nicht ret­ten, aber ohne sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on ist die Umwelt den Pro­fit­in­ter­es­sen der Kapitalist:innen aus­ge­setzt und wird mit Sicher­heit zer­stört.

Fuß­no­te

1. Par­tei­chef der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei der Sowjet­uni­on, 1953–1964, distan­zier­te sich ober­fläch­lich vom sta­li­nis­ti­schen Per­so­nen­kult, um sei­ne eige­ne Ver­ant­wor­tung zu leug­nen

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