[LCM:] Diego Maradona: Hasta siempre compañero

Die­go Mara­dona war nicht der unum­strit­tens­te Fuß­bal­ler den die Welt je gese­hen hat, aber defi­ni­tiv einer der Bes­ten – nun ist er tot. Am 25. Novem­ber ver­starb der ehe­ma­li­ge Kapi­tän der argen­ti­ni­schen Natio­nal­mann­schaft nach einem Herz­still­stand.

Egal ob sport­lich, poli­tisch oder durch Bene­fiz­spie­le – Die­go Mara­dona war immer ein Kind sei­ner Klas­se. Gebo­ren am 30. Okto­ber 1960 in Vil­la Fio­ri­to, einem armen Vier­tel Bue­nos Aires’, spielt er schon als Kind stän­dig auf den Stra­ßen und Plät­zen sei­nes Vier­tel und beginnt schließ­lich mit neun Jah­ren sei­ne spä­te­re Welt­fuß­bal­ler­kar­rie­re in der Kin­der­mann­schaft der „Argen­ti­nos Juni­ors“. 1981 ent­schei­det Mara­dona sich gegen einen Ver­trag beim argen­ti­ni­schen Ver­ein CA River Pla­te, Spitz­na­me „los Mil­lo­na­ri­os“, und unter­schreibt lie­ber beim Stadt- und Erz­ri­va­len CA Boca Juni­or. Einem Ver­ein, der im Jahr 1905 im haupt­säch­lich von emi­grier­ten genue­si­schen Industriearbeiter:innen bewohn­ten Vier­tel La Boca in Bue­nos Aires gegrün­det wur­de. Dort steht auch „La Bom­bone­ra“, jenes welt­be­rühm­te Sta­di­on mit den stei­len Rän­gen, des­sen Ost­ge­ra­de auf den ers­ten Blick eher an einen Plat­ten­bau, als an eine V.I.P.-Tribüne erin­nert und in dem Mara­dona am 25. Okto­ber 1997 sein letz­tes Pro­fi­spiel bestrei­ten soll­te.

Dazwi­schen lie­gen 15 Jah­re Ach­ter­bahn, sowohl sport­lich als auch pri­vat. Nach der Welt­meis­ter­schaft 1982 wech­selt el Pibe de Oro für eine Rekord­sum­me zum FC Bar­ce­lo­na, mit dem er 1983 den Liga­po­kal gewin­nen kann. Doch in die­se Zeit fal­len auch wei­ße Par­ty­näch­te, die die ent­spre­chen­den Schlag­zei­len mit sich brin­gen, sowie eine schlim­me Knö­chel­frak­tur durch ein Foul im Liga­spiel gegen Ath­le­tic Bil­bao. Nach einem Auf­ent­halt bei sei­ner Fami­lie in Argen­ti­ni­en, die ihm dabei hilft sich aus der Ver­let­zung zurück zu arbei­ten, steht er schließ­lich im Janu­ar 1984 wie­der auf dem Feld. Und schon wie­der kommt es zu einem schick­sal­haf­ten Auf­ein­an­der­tref­fen mit Bil­bao. Dies­mal im Pokal­end­spiel und vor den Augen den Spa­ni­schen Königs. Der FC Bar­ce­lo­na ver­liert mit 0:1. Und Die­go Mara­dona? Beginnt eine Mas­sen­schlä­ge­rei auf dem Rasen, die ihren Namen ver­dient hat. Dar­auf­hin ver­passt ihm die Spa­ni­sche Liga eine drei­mo­na­ti­ge Sper­re, sei­ne Zeit in Kata­lo­ni­en ist vor­bei.

Nach die­sem Aus­flug in die sport­li­che Bour­geoi­sie unter­schreibt er kur­zer­hand einen Ver­trag beim SSC Nea­pel. Dort wird er nicht nur gefei­ert, weil sich Fans und Ver­ein fuß­bal­le­ri­sche Erfol­ge erhof­fen, son­dern auch, weil sich die Nea­po­li­ta­ner mit dem prol­li­gen Mara­dona iden­ti­fi­zie­ren kön­nen – und umge­kehrt. Er fühlt sich zu Beginn sicht­lich wohl, betei­ligt sich an einem Bene­fiz­spiel für ein herz­kran­kes Kind in einem Nea­po­li­ta­ni­schen Vor­ort und bleibt ins­ge­samt sie­ben Jah­re in der süd­ita­lie­ni­schen Hafen­stadt. Mit ihm errin­gen Gli Azzu­ri ihren ers­ten (und zwei­ten) Meis­ter­ti­tel und gewin­nen 1989 den Euro­pa­po­kal. Die Stadt ver­göt­tert Mara­dona. Doch auch hier gibt es Skan­da­le: Die­go und die Mafia, Die­go und das Koka­in. Nach dem UEFA-Pokal­sieg bit­tet er sei­nen Trai­ner, ihn gehen zu las­sen, doch die­ser ver­wei­gert. Und so fol­gen zwei wenig ruhm­rei­che Jah­re.

Nach der Welt­meis­ter­schaft 1990, bei der Mara­dona im Halb­fi­na­le aus­ge­rech­net in sei­ner sport­li­chen Hei­mat Nea­pel die ita­lie­ni­sche Natio­nal­mann­schaft durch einen Elf­me­ter-Tref­fer aus dem Tur­nier schießt, ver­liert er stark an Sym­pa­thie. Und auch im nächs­ten Jahr läuft es nicht bes­ser: Im Febru­ar wird Mara­dona in Abwe­sen­heit wegen Besitz und Wei­ter­ga­be von Betäu­bungs­mit­teln zu 14 Mona­ten Haft auf Bewäh­rung ver­ur­teilt, kur­ze Zeit spä­ter folgt ein posi­ti­ver Doping­test, der zu einer 15-mona­ti­gen Sper­re führt. Damit ist sein Abschied besie­gelt. Er geht zurück nach Argen­ti­ni­en, wo er sein Spiel­ver­bot absitzt, führt zähe Ver­hand­lun­gen mit Nea­pel um sich end­lich aus dem Ver­trag zu lösen und spielt schließ­lich weit unter sei­nem vor­he­ri­gen Niveau erst beim SC Sevil­la, dann zurück in Argen­ti­ni­en bei den Newell’s Old Boys. Erneut muss er nach der WM 1994 eine 15-mona­ti­ge Sper­re auf­grund der Ein­nah­me ver­bo­te­ner Sub­stan­zen hin­neh­men, bevor der Kreis sich schließt und er zurück bei den Boca Juni­ors ist.

Am 30. Okto­ber 1997, sei­nem 30. Geburts­tag, ver­kün­det Die­go Mara­dona, der Welt­klas­se­fuß­bal­ler mit unzäh­li­gen Inter­na­tio­na­len und Natio­na­len Titeln, schließ­lich sein offi­zi­el­les Kar­rie­re­en­de. Unver­ges­sen bleibt sein Tor gegen Eng­land bei der WM 1986, von dem er spä­ter selbst sagt, dass die „Hand Got­tes“ im Spiel gewe­sen sei. Aber auch hin­sicht­lich sei­ner poli­ti­schen Ansich­ten und Äuße­run­gen bleibt er im Pro­fi­fuß­ball unver­ges­sen: Auf dem rech­ten Arm das Kon­ter­fei Che Gue­va­ras – nach Mara­dona „der größ­te Argen­ti­ni­er aller Zei­ten“ – täto­wiert, auf dem lin­ken Bein Fidel Cas­tro, zu dem er eine enge Freund­schaft pfleg­te. Aus sei­nen Sym­pa­thien für den Sozia­lis­mus und sei­ne Reprä­sen­tan­ten mach­te er nie einen Hehl. So wid­me­te er sei­ne Publi­kums-Aus­zeich­nung zum „Spie­ler des Jahr­hun­derts“ bei der FIFA-Welt­ga­la in Rom dem „argen­ti­ni­schen Volk, dem kuba­ni­schen Volk“, sowie Che und Fidel. Letz­te­ren hat­te er wäh­rend sei­nem vier­jäh­ri­gen Ent­zugs­auf­ent­halt in Kuba bes­ser ken­nen­ge­lernt, wo sie nach eige­ner Aus­sa­ge regel­mä­ßi­gen zusam­men Mor­gen­spa­zier­gän­ge unter­nah­men.

Mara­dona selbst bezeich­ne­te den kuba­ni­schen Revo­lu­tio­när als eine Vater­fi­gur, war noch bis zu des­sen Tod im Jahr 2016 (eben­falls am 25. Novem­ber) eng mit ihm ver­bun­den und besang ihn schon mal aus dem Pool her­aus in Fuß­ball­ma­nier. Doch Fidel Cas­tro war nicht der ein­zi­ge sozia­lis­ti­sche Staats­chef mit dem er Kon­takt hat­te. 2005 fuhr er gemein­sam mit Hugo Cha­vez und Evo Mora­les zum „3. Kon­gress der Völ­ker“ nach Mar del Pla­ta in Argen­ti­ni­en, der als Gegen­ver­an­stal­tung zum Kuba aus­schlie­ßen­den „Ame­ri­ka­gip­fel“ statt­fand und sich für eine sozia­le Poli­tik auf dem ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent ein­setz­te. Auch den ehe­ma­li­gen bra­si­lia­ni­schen Prä­si­den­ten Lula da Sil­va lern­te er ken­nen und Nicolás Madu­ro sprach er noch im Janu­ar die­sen Jah­res bei einem Tref­fen sei­ne „bedin­gungs­lo­se Unter­stüt­zung“ aus, sel­bi­ger äußer­te an Mara­donas Todes­tag, die­ser habe ihnen bei „gehei­men Din­gen“ gehol­fen, „um Nah­rungs­mit­tel für das vene­zo­la­ni­sche Volk zu brin­gen“.

Selbst in die Gefil­de der deut­schen Links­ra­di­ka­len hat sich Die­go Mara­dona schon ver­lau­fen. Im Jahr 2010 stell­te er bei der Buch­mes­se in Frank­furt sei­ne Bio­gra­phie vor. Gleich­zei­tig fand im Café Exzess die tra­di­tio­nel­le „Gegen­buch­mas­se“ statt. Auch in die­sem Jahr, wie die offi­zi­el­le Buch­mes­se mit einem Schwer­punkt auf lin­ke, argen­ti­ni­sche Lite­ra­tur. Mara­dona scheint aus fami­liä­ren Grün­den öfter im Stadt­teil Bocken­heim unter­wegs gewe­sen zu sein und an die­sem Abend lock­te es ihn ins Exzess. Die Ver­an­stal­tung sel­ber besuch­te er am Ende nicht. An der Kas­se saß nur eine Per­son, die sich über den Auf­tritt des Man­nes im Anzug – mit Son­nen­bril­le auf der Nase und Zigar­re im Mund – sowie sei­nes Beglei­ters, der ihn da am liebs­ten ganz schnell wie­der raus haben woll­te, sehr wun­der­te. Er ging, ohne erkannt zu wer­den. Erst als am nächs­ten Tag ein Foto von ihm in der Zei­tung erschien, auf dem er die­sel­ben Kla­mot­ten trug, lös­te sich das Rät­sel auf.

Die­go Arman­do Mara­dona wird nicht nur als groß­ar­ti­ger Fuß­ball­spie­ler in Erin­ne­rung blei­ben, son­dern auch als Mensch der immer wie­der mit sei­nen eige­nen Wider­sprü­chen und dem Druck sei­ner Berühmt­heit zu kämp­fen hat­te. Aber sel­ten hat ein Sport­ler sei­ner Klas­se sei­ne Klas­se so offen­siv ver­tei­digt. Wie er schon zu Fidel Castro’s Tod sag­te: Has­ta la vic­to­ria siemp­re!

# Titel­bild: cerea­les kil­ler, CC BY-SA 4.0 Mural von Mara­dona in Nea­pel

Der Bei­trag Die­go Mara­dona: Has­ta siemp­re com­pa­ñe­ro erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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