[KgK:] Welche Leuchte der Vernunft ist nun erloschen. Was für ein Herz hat aufgehört zu schlagen!

Am 5. August neu­en Stils (24. Juli) 1895 ver­schied in Lon­don Fried­rich Engels. Engels war nach sei­nem Freun­de Karl Marx (der 1883 starb) der bedeu­tends­te Gelehr­te und Leh­rer des moder­nen Pro­le­ta­ri­ats in der gan­zen zivi­li­sier­ten Welt. Seit­dem das Schick­sal Karl Marx und Fried­rich Engels zusam­men­ge­führt hat­te, wur­de die Lebens­ar­beit der bei­den Freun­de zu ihrer gemein­sa­men Sache. Um zu ver­ste­hen, was Fried­rich Engels für das Pro­le­ta­ri­at geleis­tet hat, muß man sich daher über die Bedeu­tung der Leh­re und des Wir­kens von Marx für die Ent­wick­lung der moder­nen Abei­ter­be­we­gung völ­lig im kla­ren sein. Marx und Engels wie­sen als ers­te nach, daß die Arbei­ter­klas­se mit ihren For­de­run­gen ein not­wen­di­ges Pro­dukt der moder­nen Wirt­schafts­ord­nung ist, die mit der Bour­geoi­sie zwangs­läu­fig auch das Pro­le­ta­ri­at erzeugt und orga­ni­siert; sie zeig­ten, dass nicht wohl­ge­mein­te Ver­su­che ein­zel­ner hoch­sin­ni­ger Per­sön­lich­kei­ten, son­dern der Klas­sen­kampf des orga­ni­sier­ten Pro­le­ta­ri­ats die Mensch­heit von den Drang­sa­len erlö­sen wird, die sie heu­te bedrü­cken. Marx und Engels setz­ten in ihren wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten als ers­te aus­ein­an­der, dass der Sozia­lis­mus kein Hirn­ge­spinst von Träu­mern ist, son­dern End­ziel und not­wen­di­ges Resul­tat der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräf­te in der moder­nen Gesell­schaft. Alle bis­he­ri­ge schrift­lich über­lie­fer­te Geschich­te ist die Geschich­te von Klas­sen­kämp­fen, die Auf­ein­an­der­fol­ge von Herr­schaft und Sieg der einen Gesell­schafts­klas­sen über die ande­ren. Und das wird so lan­ge wei­ter­ge­hen, bis die Grund­la­gen des Klas­sen­kamp­fes und der Klas­sen­herr­schaft ver­schwin­den: das Pri­vat­ei­gen­tum und die unge­re­gel­te gesell­schaft­li­che Pro­duk­ti­on. Die Inter­es­sen des Pro­le­ta­ri­ats for­dern die Ver­nich­tung die­ser Grund­la­gen, und daher muß der bewuß­te Klas­sen­kampf der orga­ni­sier­ten Arbei­ter gegen sie gerich­tet wer­den. Jeder Klas­sen­kampf aber ist ein poli­ti­scher Kampf.

Die­se Anschau­un­gen von Marx und Engels sind heu­te Gemein­gut des gesam­ten um sei­ne Befrei­ung kämp­fen­den Pro­le­ta­ri­ats. Aber in den vier­zi­ger Jah­ren, als die bei­den Freun­de an der sozia­lis­ti­schen Lite­ra­tur mit­zu­ar­bei­ten und an den sozia­len Bewe­gun­gen ihrer Zeit teil­zu­neh­men began­nen, waren sol­che Anschau­un­gen völ­lig neu. Es gab damals vie­le begab­te und unbe­gab­te, ehr­li­che und unehr­li­che Leu­te, die wohl für den Kampf um poli­ti­sche Frei­heit, für den Kampf gegen die Will­kür­herr­schaft der Mon­ar­chen, der Poli­zei und der Pfaf­fen schwärm­ten, aber den Gegen­satz zwi­schen den Inter­es­sen der ‚Bour­geoi­sie und denen des Pro­le­ta­ri­ats nicht erkann­ten. Die­sen Leu­ten lag sogar der Gedan­ke völ­lig fern, daß die Arbei­ter als selb­stän­di­ge gesell­schaft­li­che Kraft auf­tre­ten könn­ten. Ander­seits gab es vie­le, zuwei­len genia­le Träu­mer, die der Mei­nung waren, es genü­ge, die Macht­ha­ber und die herr­schen­den Klas­sen von der Unge­rech­tig­keit der moder­nen Gesell­schafts­ord­nung zu über­zeu­gen; dann wür­de es ein leich­tes sein, Frie­den und­all­ge­mei­nes Wohl­erge­hen auf Erden zu schaf­fen. Sie träum­ten von einem Sozia­lis­mus, der ohne Kampf erreicht wer­den könn­te. Schließ­lich betrach­te­ten damals fast alle Sozia­lis­ten und sons­ti­gen Freun­de der Arbei­ter­klas­se das Pro­le­ta­ri­at nur als ein Qesdbwür und sahen mit Ent­set­zen, wie zugleich mit dem Wachs­tum der Indus­trie auch die­ses Geschwür wädist. Des­halb san­nen sie alle dar­über nach, wie man die Ent­wick­lung der Indus­trie und des Pro­le­ta­ri­ats hem­men, wie man das „Rad der Geschich­te“ auf­hal­ten könn­te. Im Gegen­satz zu der all­ge­mei­nen Furcht vor der Ent­wick­lung des Pro­le­ta­ri­ats setz­ten Marx und Engels alle ihre Hoff­nun­gen auf das unun­ter­bro­che­ne Wachs­tum des Pro­le­ta­ri­ats. Je mehr Pro­le­ta­ri­er, des­to grö­ßer ihre Kraft als revo­lu­tio­nä­re Klas­se, des­to näher und rea­ler der Sozia­lis­mus. In weni­gen Wor­ten las­sen sich die Ver­diens­te von Marx und Engels um die Arbei­ter­klas­se wie folgt zusam­men­fas­sen: Sie erzo­gen die Arbei­ter­klas­se zu Selbst­er­kennt­nis und Selbst­be­wußt­sein und setz­ten an die Stel­le der Träu­me­rei­en die Wis­sen­schaft.

Daher muß jeder Arbei­ter mit Engels‘ Namen und Leben bekannt sein, und daher müs­sen wir auch in unse­rem Sam­mel­band, der eben­so wie alle unse­re übri­gen Ver­öf­fent­li­chun­gen den Zweck hat, das Klas­sen­be­wusst­sein der rus­si­schen Arbei­ter zu wecken, einen Abriss des Lebens und Wir­kens von Fried­rich Engels brin­gen, einem der bei­den gro­ßen Leh­rer des moder­nen Pro­le­ta­ri­ats.

Engels wur­de 1820 in der Stadt Bar­men, in der zum König­reich Preu­ßen gehö­ren­den Rhein­pro­vinz, gebo­ren. Sein Vater war Fabri­kant. Im Jah­re 1838 sah sich Engels durch Fami­li­en­ver­hält­nis­se gezwun­gen, das Gym­na­si­um vor­zei­tig zu ver­las­sen und als Ange­stell­ter in ein Bre­mer Han­dels­haus ein­zu­tre­ten. Die kauf­män­ni­sche Berufs­tä­tig­keit hin­der­te Engels nicht, an sei­ner wis­sen­schaft­li­chen und poli­ti­schen Bil­dung zu arbei­ten. Schon als Gym­na­si­ast hat­te er den Abso­lu­tis­mus und die Beam­ten­will­kür has­sen gelernt. Das Stu­di­um der Phi­lo­so­phie führ­te ihn wei­ter. Damals herrsch­te in der deut­schen Phi­lo­so­phie die Leh­re Hegels, und Engels wur­de ihr Anhän­ger. Obwohl Hegel sel­ber ein Anbe­ter des abso­lu­tis­ti­schen preu­ßi­schen Staa­tes war, in des­sen Diens­ten er als Pro­fes­sor der Ber­li­ner Uni­ver­si­tät stand, war die Leh­re Hegels revo­lu­tio­när. Hegels Glau­be an die mensch­li­che Ver­nunft und ihre Rech­te sowie die Grund­the­se der Hegel­schen Phi­lo­so­phie, daß sich in der Welt ein stän­di­ger Ände­rungs- und Ent­wick­lungs­pro­zeß voll­zie­he, brach­ten die­je­ni­gen Schü­ler des Ber­li­ner Phi­lo­so­phen, die sich mit der gege­be­nen Wirk­lich­keit nicht abfin­den woll­ten, auf den Gedan­ken, daß auch der Kampf gegen die­se Wirk­lich­keit, der Kampf gegen das bestehen­de Unrecht und das herr­schen­de Übel im Welt­ge­setz der ewi­gen Ent­wick­lung begrün­det sei. Wenn alles sich ent­wi­ckelt, wenn die einen Ein­rich­tun­gen durch ande­re abge­löst wer­den, war­um sol­len dann das auto­kra­ti­sche Regi­ment des preu­ßi­schen Königs oder des rus­si­schen Zaren, die Berei­che­rung einer ver­schwin­den­den Min­der­heit auf Kos­ten der über­gro­ßen Mehr­heit, die Herr­schaft der Bour­geoi­sie über das Volk ewig wäh­ren? Hegels Phi­lo­so­phie sprach von einer Ent­wick­lung des Geis­tes und der Ideen, sie war eine idea­lis­ti­sche Phi­lo­so­phie. Aus der Ent­wick­lung des Geis­tes lei­te­te sie die Ent­wick­lung der Natur, des Men­schen und der mensch­li­chen Bezie­hun­gen, der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se ab. Marx und Engels, die den Hegel­schen Begriff des ewi­gen Ent­wick­lungs­pro­zes­ses* bewahr­ten, ver­war­fen die vor­ge­faß­te idea­lis­ti­sche Anschau­ung; sie wand­ten sich dem Leben zu und erkann­ten, daß nicht die Ent­wick­lung des Geis­tes die Ent­wick­lung der Natur erklärt, son­dern umge­kehrt, daß der Geist aus der Natur, aus der Mate­rie zu erklä­ren i s t … Im Gegen­satz zu Hegel und ande­ren Hege­lia­nern waren Marx und Engels Mate­ria­lis­ten. Sie betrach­te­ten die Welt und die Mensch­heit vom mate­ria­lis­ti­schen Stand­punkt aus und erkann­ten, daß eben­so wie allen Natur­er­schei­nun­gen mate­ri­el­le Ursa­chen zugrun­de lie­gen, auch die Ent­wick­lung der mensch­li­chen Gesell­schaft durch die Ent­wick­lung mate­ri­el­ler Kräf­te, der Pro­duk­tiv­kräf­te, bedingt ist. Von der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräf­te hän­gen die Ver­hält­nis­se ab, die die Men­schen bei der Erzeu­gung der zur Befrie­di­gung der mensch­li­chen Bedürf­nis­se not­wen­di­gen Güter ein­ge­hen. In die­sen Ver­hält­nis­sen aber liegt die Erklä­rung für alle Erschei­nun­gen des gesell­schaft­li­chen Lebens, der mensch­li­chen Bestre­bun­gen, Ideen und Geset­ze. Die Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräf­te erzeugt gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se, die sich auf das Pri­vat­ei­gen­tum grün­den, jetzt aber sehen wir, wie eben­die­se Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräf­te die Mehr­heit der Men­schen ihres Eigen­tums beraubt und es in den Hän­den
einer ver­schwin­den­den Min­der­heit zusam­men­ballt. Die­se Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräf­te ver­nich­tet das Eigen­tum, die Grund­la­ge der moder­nen Gesell­schafts­ord­nung, sie strebt sel­ber dem glei­chen Ziel zu, das sich die Sozia­lis­ten gesteckt haben. Die Sozia­lis­ten müs­sen nur ver­ste­hen, wel­che gesell­schaft­li­che Kraft infol­ge ihrer Stel­lung in der moder­nen Gesell­schaft man der Ver­wirk­li­chung des Sozia­lis­mus inter­es­siert ist, und die­ser Kraft ihre Inter­es­sen und ihre his­to­ri­sche Mis­si­on zum Bewußt­sein brin­gen. Die­se Kraft ist das Pro­le­ta­ri­at. Engels lern­te es ken­nen in Eng­land, in Man­ches­ter, dem Zen­trum der eng­li­schen Indus­trie, wohin er 1842 über­ge­sie­delt war, um als Ange­stell­ter in das Han­dels­haus ein­zu­tre­ten, dem sein Vater als Teil­ha­ber ange­hör­te. Engels ver­brach­te hier sehe Zeit nicht nur im Fabrik­kon­tor. Er durch­wan­der­te die schmut­zi­gen Stadt­vier­tel, wo die Arbei­ter haus­ten, und sah mit eige­nen Augen ihr Elend und ihre Not. Aber er begnüg­te sich nicht mit per­sön­li­chen Beob­ach­tun­gen; er las alles, was vor ihm über die Lage der eng­li­schen Arbei­ter­klas­se geschrie­ben wor­den war, er stu­dier­te sorg­fäl­tig alle ihm zugäng­li­chen amt­li­chen Doku­men­te. Die Frucht die­ser Stu­di­en und Beob­ach­tun­gen war das 1845 erschie­ne­ne Buch „Die Lage der arbei­ten­den Klas­se in Eng­land“. Wir haben oben bereits erwähnt, wor­in das Haupt­ver­dienst von Engels als dem Ver­fas­ser der „Lage der arbei­ten­den Klas­se in Eng­land“ besteht. Auch vor Engels hat­ten sehr vie­le die Lei­den des Pro­le­ta­ri­ats geschil­dert und auf die Not­wen­dig­keit hin­ge­wie­sen, ihm zu hel­fen. Engels aber hat als ers­ter gesagt, daß das Pro­le­ta­ri­at nicht nur eine lei­den­de Klas­se ist; daß gera­de die schmach­vol­le wirt­schaft­li­che Lage, in der sich das Pro­le­ta­ri­at befin­det, es unauf­halt­sam vor­wärts­treibt und es zwingt, für sei­ne end­gül­ti­ge Befrei­ung zu kämp­fen. Das kämp­fen­de Pro­le­ta­ri­at aber wird sich selbst hel­fen. Die poli­ti­sche Bewe­gung der Arbei­ter­klas­se wird die Arbei­ter unver­meid­lich zu der Erkennt­nis füh­ren, daß es für sie kei­nen ande­ren Aus­weg gibt als den Sozia­lis­mus. Ander­seits wird der Sozia­lis­mus nur dann eine Macht sein, wenn er zum Ziel des poli­ti­schen Kamp­fes der Arbei­ter­klas­se gewor­den ist. Das sind die Grund­ge­dan­ken des Buches von Engels über die Lage der Arbei­ter­klas­se in Eng­land, Gedan­ken, die sich heu­te das gesam­te den­ken­de und kämp­fen­de Pro­le­ta­ri­at zu eigen gemacht hat, die aber damals völ­lig neu waren. Die­se Gedan­ken wur­den in einem hin­rei­ßend geschrie­be­nen Buche nie­der­ge­legt, das voll ist von wahr­heits­ge­treu­en und erschüt­tern­den Bil­dern aus dem Elend­s­le­ben des eng­li­schen Pro­le­ta­ri­ats. Die­ses Buch war eine furcht­ba­re Ankla­ge gegen den Kapi­ta­lis­mus und die Bour­geoi­sie. Der Ein­druck, den es her­vor­rief, war sehr stark. Man begann sich allent­hal­ben auf das Buch von Engels zu beru­fen als auf die bes­te Dar­stel­lung der Lage des moder­nen Pro­le­ta­ri­ats. In der Tat: weder vor 1845 noch spä­ter ist eine so ein­drucks­vol­le und wahr­heits­ge­treue Schil­de­rung der Not­la­ge der Arbei­ter­klas­se erschie­nen.

Zum Sozia­lis­ten wur­de Engels erst in Eng­land. Er trat in Man­ches­ter mit den Füh­rern der dama­li­gen eng­li­schen Arbei­ter­be­we­gung m Ver­bin­dung und begann in der eng­li­schen sozia­lis­ti­schen Pres­se mit­zu­ar­bei­ten. Als Engels im Jah­re 1844 nach Deutsch­land zurück­kehr­te, wur­de er auf der Durch­rei­se in Paris mit Marx bekannt, mit dem er schon frü­her in Brief­wech­sel gestan­den hat­te. Marx war in Paris unter dem Ein­fluß der fran­zö­si­schen Sozia­lis­ten und des fran­zö­si­schen Lebens eben­falls zum Sozia­lis­ten gewor­den. Hier schrie­ben die Freun­de gemein­sam das Buch „Die hei­li­ge Fami­lie, oder Kri­tik der kri­ti­schen Kri­tik“. Die­ses Buch, das ein Jahr vor der „Lage der arbei­ten­den Klas­se in Eng­land“ erschien und zum größ­ten Teil von Marx geschrie­ben ist, ent­hält die Grund­la­gen des revo­lu­tio­när-mate­ria­lis­ti­schen Sozia­lis­mus, des­sen Haupt­ge­dan­ken wir oben dar­ge­legt haben. „Die hei­li­ge Fami­lie“, das ist eine scherz­haf­te Bezeich­nung für die Phi­lo­so­phen Gebrü­der Bau­er und ihre Anhän­ger. Die­se Her­ren pre­dig­ten eine Kri­tik, die über jeder Wirk­lich­keit steht, über den Par­tei­en und der Poli­tik, die jede prak­ti­sche Tätig­keit ver­neint und sich damit begnügt, die Umwelt und die in ihr vor sich gehen­den Ereig­nis­se „kri­tisch“ zu betrach­ten. Die Her­ren Bau­er urteil­ten über das Pro­le­ta­ri­at von oben her­ab, als über eine unkri­ti­sche Mas­se. Die­ser unsin­ni­gen und schäd­li­chen Rich­tung tra­ten Marx und Engels ent­schie­den ent­ge­gen. Im Namen der wah­ren mensch­li­chen Per­sön­lich­keit, des von den herr­schen­den Klas­sen und vom Staa­te getre­te­nen Arbei­ters, for­dern sie statt der Betrach­tung den Kampf für eine bes­se­re Gesell­schafts­ord­nung. Die zu die­sem Kampf fähi­ge und an ihm inter­es­sier­te Kraft sehen sie natür­lich im Pro­le­ta­ri­at. Engels hat­te schon vor der „Hei­li­gen Fami­lie“, in den von Marx und Rüge her­aus­ge­ge­be­nen „Deutsch-Fran­zö­si­schen Jahrbüchern“6, sei­ne „Umris­se zu einer Kri­tik der Natio­nal­öko­no­mie“ ver­öf­fent­licht, in denen er vom sozia­lis­ti­schen Stand­punkt aus die grund­le­gen­den Erschei­nun­gen der moder­nen Wirt­schafts­ord­nung als zwangs­läu­fi­ge Fol­gen der Herr­schaft des Pri­vat­ei­gen­tums unter­such­te. Der Umgang mit Engels trug zwei­fel­los dazu bei, daß Marx den Ent­schluß faß­te, sich mit der poli­ti­schen Öko­no­mie zu befas­sen, jener Wis­sen­schaft, in der sei­ne Wer­ke dann eine wah­re Umwäl­zung her­vor­ge­ru­fen haben.

Die Zeit von 1845 bis 1847 ver­brach­te Engels in Brüs­sel und Paris, wo er wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en mit prak­ti­scher Tätig­keit unter den deut­schen Arbei­tern die­ser bei­den Städ­te ver­band. Hier knüpf­ten Engels und Marx Bezie­hun­gen an zu dem gehei­men deut­schen „Bund der Kom­mu­nis­ten“ der ihnen den Auf­trag gab, die Grund­prin­zi­pi­en des von ihnen aus­ge­ar­bei­te­ten Sozia­lis­mus dar­zu­le­gen. So ent­stand das im Jah­re 1848 ver­öf­fent­lich­te berühm­te „Mani­fest der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei“ von Marx und Engels. Die­ses klei­ne Büch­lein wiegt gan­ze Bän­de auf: Sein Geist beseelt und bewegt bis heu­te das gesam­te orga­ni­sier­te und kämp­fen­de Pro­le­ta­ri­at der zivi­li­sier­ten Welt.

Die Revo­lu­ti­on von 1848, die zuerst in Frank­reich aus­brach und dann auch auf ande­re Län­der West­eu­ro­pas über­griff, führ­te Marx und Engels in die Hei­mat zurück. Hier, in Rhein­preu­ßen, lei­te­ten sie die demo­kra­ti­sche „Neue Rhei­ni­sche Zeitung“9, die in Köln her­aus­ge­ge­ben wur­de. Die bei­den Freun­de waren die See­le aller revo­lu­tio­när-demo­kra­ti­schen Bestre­bun­gen in Rhein­preu­ßen. Sie ver­tei­dig­ten bis zuletzt die Inter­es­sen des Vol­kes und der Frei­heit gegen die Kräf­te der Reak­ti­on. Die­se gewan­nen bekannt­lich die Ober­hand. Die „Neue Rhei­ni­sche Zei­tung“ wur­de ver­bo­ten, und Marx, der wäh­rend sei­nes Emi­gran­ten­le­bens die Rech­te eines preu­ßi­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen ver­lo­ren hat­te, wur­de aus­ge­wie­sen; Engels jedoch nahm an dem bewaff­ne­ten Volks­auf­stand teil, kämpf­te in drei Gefech­ten für die Frei­heit und flüch­te­te nach der Nie­der­la­ge der Auf­stän­di­schen über die Schweiz nach Lon­don.

Auch Marx ließ sich in Lon­don nie­der. Engels wur­de bald wie­der Ange­stell­ter und spä­ter Teil­ha­ber des Han­dels­hau­ses in Man­ches­ter, in wel­chem er schon in den vier­zi­ger Jah­ren tätig gewe­sen war. Bis 1870 leb­te er in Man­ches­ter und Marx in Lon­don, was sie nicht hin­der­te, den leb­haf­tes­ten geis­ti­gen Ver­kehr zu pfle­gen: fast täg­lich wech­sel­ten sie Brie­fe. In die­sem Brief­wech­sel tausch­ten die Freun­de ihre Ansich­ten und Kennt­nis­se aus und arbei­te­ten gemein­sam an der Fort­ent­wick­lung des wis­sen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus. Im Jah­re 1870 sie­del­te Engels nach Lon­don über, und bis 1883,bis zum Tode von Marx, währ­te ihr von ange­streng­ter Arbeit erfüll­tes gemein­sa­mes geis­ti­ges Leben. Die Frucht die­ser Arbeit war – was Marx anbe­langt – „Das Kapi­tal“, das größ­te Werk unse­res Zeit­al­ters auf dem Gebiet der poli­ti­schen Öko­no­mie, und, was Engels betrifft, eine gan­ze Rei­he grö­ße­rer und klei­ne­rer Schrif­ten. Marx arbei­te­te an der Unter­su­chung der kom­pli­zier­ten Erschei­nun­gen der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft. Engels beleuch­te­te in außer­or­dent­lich flüs­sig geschrie­be­nen, oft pole­mi­schen Arbei­ten die all­ge­meins­ten wis­sen­schaft­li­chen Fra­gen und die ver­schie­dens­ten Erschei­nun­gen der Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart im Geis­te der mate­ria­lis­ti­schen Geschichts­auf­fas­sung und der öko­no­mi­schen Theo­rie von Marx. Von die­sen Engels­schen Arbei­ten sei­en genannt: die pole­mi­sche Schrift gegen Düh­ring (in ihr wer­den die tiefs­ten Pro­ble­me der Phi­lo­so­phie, der Natur- und Gesell­schafts­wis­sen­schaft unter­sucht), „Der Ursprung der Fami­lie, des Pri­vat­ei­gen­tums und des Staats“ und „Lud­wig Feu­er­bach“, ein Arti­kel über die Außen­po­li­tik der rus­si­schen Regie­rung, die aus­ge­zeich­ne­ten Arti­kel über die Woh­nungs­fra­ge und schließ­lich zwei klei­ne, aber sehr wert­vol­le Arti­kel über die öko­no­mi­sche Ent­wick­lung Ruß­lands. Marx starb, ohne sein gewal­ti­ges Werk über das Kapi­tal in end­gül­ti­ger Form bear­bei­tet zu haben. Im Roh­ent­wurf war es jedoch schon fer­tig. Und nun mach­te sich Engels nach dem Tode sei­nes Freun­des an die schwe­re Arbeit, Band II und III des „Kapi­tals“ zu bear­bei­ten und her­aus­zu­ge­ben. Im Jah­re 1885 gab er Band II, 1894 Band III her­aus (zur Bear­bei­tung von Band IV16 kam er nicht mehr). Die Her­aus­ga­be die­ser bei­den Bän­de erfor­der­te außer­or­dent­lich viel Arbeit. Der öster­rei­chi­sche Sozi­al­de­mo­krat Adler hat mit Recht gesagt, Engels habe sei­nem genia­len Freun­de mit der Her­aus­ga­be von Band II und III des „Kapi­tals“ ein groß­ar­ti­ges Denk­mal gesetzt, auf dem er, ohne es beab­sich­tigt zu haben, sei­nen eige­nen Namens­zug mit unaus­lösch­li­chen Let­tern ein­ge­tra­gen hat. In der Tat, die­se bei­den Bän­de des „Kapi­tals“ sind das Werk von zwei­en: von Marx und von Engels. Anti­ke Sagen berich­ten von man­chen rüh­ren­den Bei­spie­len der Freund­schaft. Das euro­päi­sche Pro­le­ta­ri­at kann sagen, daß sei­ne Wis­sen­schaft von zwei Gelehr­ten und Kämp­fern geschaf­fen wor­den ist, deren Ver­hält­nis die rüh­rends­ten Sagen der Alten über mensch­li­che Freund­schaft in den Schat­ten stellt. Engels hat stets — und im all­ge­mei­nen durch­aus mit Recht — Marx den Vor­rang gege­ben. Einem alten Freund schrieb er: „Bei Marx‘ Leb­zei­ten habe ich die zwei­te Vio­li­ne gespielt.“ Sei­ne Lie­be zu dem leben­den Marx und sei­ne Ehr­furcht vor dem Andenken des Ver­stor­be­nen waren gren­zen­los. Die­ser har­te Kämp­fer und stren­ge Den­ker konn­te aus tiefs­tem Her­zen lie­ben.

Nach der Bewe­gung von 1848/​1849 beschäf­tig­ten sich Marx und Engels im Exil nicht nur mit wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten. Marx grün­de­te 1864 die „Inter­na­tio­na­le Arbei­ter­as­so­zia­ti­on“ und lei­te­te die­se Ver­ei­ni­gung im Lau­fe eines vol­len Jahr­zehnts. Auch Engels nahm an ihrer Arbeit leb­haf­ten Anteil. Die Tätig­keit der Inter­na­tio­na­len Arbei­ter­as­so­zia­ti­on“, die nach dem Pla­ne von Marx die Pro­le­ta­ri­er aller Län­der ver­ei­ni­gen soll­te, war für die Ent­wick­lung der Arbei­ter­be­we­gung von unge­heu­rer Trag­wei­te. Aber auch nach der Auf­lö­sung der „Inter­na­tio­na­len Arbei­ter­as­so­zia­ti­on“ in den sieb­zi­ger Jah­ren hör­ten Marx und Engels nicht auf, als Eini­ger der Arbei­ter­klas­se zu wir­ken. Im Gegen­teil: man könn­te sagen, daß ihre Bedeu­tung als geis­ti­ge Füh­rer der Arbei­ter­be­we­gung immer grö­ßer wur­de, weil auch die Bewe­gung selbst unun­ter­bro­chen wuchs. Nach dem Tode von Marx war es Engels, allein, der fort­fuhr, als Bera­ter‘ und Füh­rer der euro­päi­schen Sozia­lis­ten zu wir­ken. Sowohl die deut­schen Sozia­lis­ten, deren Kraft trotz der Regie­rungs­ver­fol­gun­gen schnell und unun­ter­bro­chen zunahm, als auch die Ver­tre­ter zurück­ge­blie­be­ner Län­der, bei­spiels­wei­se Spa­ni­er, Rumä­nen, Rus­sen, die ihre ers­ten Schrit­te über­le­gen und erwä­gen muß­ten, wand­ten sich an ihn um Rat und Anlei­tung. Sie alle schöpf­ten aus der rei­chen Schatz­kam­mer der Kennt­nis­se und Erfah­run­gen des alten Engels.

Marx und Engels, die bei­de mit der rus­si­schen Spra­che ver­traut waren und rus­si­sche Bücher lasen, inter­es­sier­ten sich leb­haft für Ruß­land. Sie ver­folg­ten mit Sym­pa­thie die rus­si­sche revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung und unter­hiel­ten Bezie­hun­gen zu rus­si­schen Revo­lu­tio­nä­ren. Sie waren bei­de aus „Demo­kra­ten zu Sozia­lis­ten gewor­den, und das demo­kra­ti­sche Gefühl des Has­ses gegen poli­ti­sche Will­kür war bei ihnen außer­or­dent­lich stark. Die­ses unmit­tel­ba­re poli­ti­sche Gefühl, gepaart mit tie­fem theo­re­ti­schem Ver­ständ­nis für den Zusam­men­hang zwi­schen poli­ti­scher Will­kür und wirt­schaft­li­cher Unter­drü­ckung, sowie ihre rei­chen Lebens­er­fah­run­gen mach­ten Marx und Engels gera­de in poli­ti­scher Hin­sicht außer­or­dent­lich fein­füh­lig. Der heroi­sche Kampf des klei­nen Häuf­leins rus­si­scher Revo­lu­tio­nä­re gegen die mäch­ti­ge Zaren­re­gie­rung fand daher bei die­sen bewähr­ten Revo­lu­tio­nä­ren den wärms­ten Wider­hall. Hin­ge­gen erschien ihnen die Ten­denz, um ver­meint­li­cher öko­no­mi­scher Vor­tei­le wil­len sich von der unmit­tel­bars­ten und wich­tigs­ten Auf­ga­be der rus­si­schen Sozia­lis­ten, der Erobe­rung der poli­ti­schen Frei­heit, abzu­wen­den, natur­ge­mäß ver­däch­tig, ja, sie wur­de von ihnen gera­de­zu als Ver­rat an der gro­ßen Sache der sozia­len Revo­lu­ti­on betrach­tet. „Die Befrei­ung der Arbei­ter­klas­se kann nur das Werk der Arbei­ter­klas­se selbst sein“, lehr­ten Marx und Engels stän­dig. Um aber für sei­ne öko­no­mi­sche Befrei­ung zu kämp­fen, muß das Pro­le­ta­ri­at sich gewis­se poli­ti­sche Rech­te erobern. Außer­dem haben sowohl Marx als auch Engels klar gese­hen, daß die poli­ti­sche Revo­lu­ti­on in Ruß­land auch für die west­eu­ro­päi­sche Arbei­ter­be­we­gung von unge­heu­rer Trag­wei­te sein wird. Das abso­lu­tis­ti­sche Ruß­land ist von jeher das Boll­werk der gesam­ten euro­päi­schen Reak­ti­on gewe­sen. Die außer­or­dent­lich vor­teil­haf­te inter­na­tio­na­le Lage Ruß­lands infol­ge des Krie­ges von 1870, der Deutsch­land und Frank­reich für lan­ge Zeit ver­fein­de­te, hat natür­lich die Bedeu­tung des abso­lu­tis­ti­schen Ruß­lands als einer reak­tio­nä­ren Macht nur gestei­gert. Nur ein frei­es Ruß­land, das nicht nötig hat, die Polen, Fin­nen, Deut­schen, Arme­ni­er und ande­re klei­ne Völ­ker zu unter­drü­cken noch Frank­reich und Deutsch­land stän­dig gegen­ein­an­der zu het­zen, wird das jet­zi­ge Euro­pa frei von Kriegs­bür­den auf­at­men las­sen, wird alle reak­tio­nä­ren Ele­men­te in Euro­pa schwä­chen und die Kraft der euro­päi­schen Arbei­ter­klas­se meh­ren. Aus die­sem Grun­de heg­te Engels auch im Inter­es­se der Erfol­ge der Arbei­ter­be­we­gung im Wes­ten den hei­ßen Wunsch, in Ruß­land möge die poli­ti­sche Frei­heit ihren Ein­zug hal­ten. Die rus­si­schen Revo­lu­tio­nä­re haben in ihm ihren bes­ten Freund ver­lo­ren.

Ewi­ges Geden­ken dem gro­ßen Kämp­fer und Leh­rer des Pro­le­ta­ri­ats Fried­rich Engels!

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