[ISO:] Der Beginn einer Kulturrevolution in Polen

Frau­en und jun­ge
Men­schen haben eine wah­re Kul­tur­re­vo­lu­ti­on in Polen in Gang gesetzt.

1. Erneut „Schwarzer
Protest“ gegen die Unterdrückung der Frauen

Der „Schwar­ze Pro­test”
der Frau­en in mehr als 100 Städ­ten und der Frau­en­streik am „Schwar­zen Mon­tag”
des 3. Okto­ber 2016 hat­te damals dazu geführt, dass das
katho­lisch-fun­da­men­ta­lis­ti­sche rech­te Regime der Par­tei „Recht und
Gerech­tig­keit“ (PiS) ihren Geset­zes­ent­wurf zum voll­stän­di­gen Abtrei­bungs­ver­bot und
zur Kri­mi­na­li­sie­rung der Frau­en, die abtrei­ben las­sen, zurück­ge­zo­gen hat. Nun –
inmit­ten eines kata­stro­pha­len Zustands des Gesund­heits­we­sens und des Lock­downs,
wo Ver­samm­lun­gen von mehr als fünf Per­so­nen ver­bo­ten sind – hat die PiS einen
erneu­ten Anlauf unter­nom­men, in der Hoff­nung, sowohl den Auf­schwung der noch
extre­me­ren Rech­ten in den Umfra­gen zu brem­sen und die Regie­rungs­al­li­anz der
Ver­ei­nig­ten Rech­ten not­dürf­tig zu fli­cken als auch die katho­li­schen Fun­da­men­ta­lis­ten
bei der Stan­ge zu hal­ten, indem sie den Skan­dal um den Kin­des­miss­brauch, der
auf dem Kle­rus las­tet, aus den Schlag­zei­len nimmt. Wie­der ein­mal soll gezeigt
wer­den, dass in der Drit­ten Pol­ni­schen Repu­blik die Frau­en den Män­nern zu
gehor­chen haben. Am 22. Okto­ber 2020 ver­kün­de­te der von der PiS ernann­te
Prä­si­dent des Ver­fas­sungs­ge­richts, dass Schwan­ger­schafts­ab­bruch
ver­fas­sungs­wid­rig sei, „auch wenn die prä­na­ta­le Dia­gnos­tik oder ande­re
medi­zi­ni­sche Sach­ver­hal­te eine hohe Wahr­schein­lich­keit einer schwe­ren und irrever­si­blen
Schä­di­gung des Embry­os oder einer unheil­ba­ren lebens­be­droh­li­chen Krank­heit
nahe­le­gen”.

Den meis­ten von ihnen ist bewusst gewor­den, dass sie selbst für ihre Wür­de und für eine ande­re Welt, näm­lich ihre Welt, kämp­fen müs­sen.

Am Abend des
22. Okto­ber began­nen die Mobi­li­sie­run­gen in einem seit 1989 nicht mehr da
gewe­se­nen Aus­maß. Frau­en und die jün­ge­re Genera­ti­on – Schüler*innen und Stu­die­ren­de
zwi­schen 14 und 25 Jah­ren – besetz­ten die Stra­ßen, unter­bra­chen die
Sonn­tags­mes­sen am 25. Okto­ber durch lau­te Paro­len und blo­ckier­ten zwei
Wochen lang den Ver­kehr. In den fol­gen­den Wochen setz­ten sich die
Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen in mehr als 410 Städ­ten und Dör­fern fort. Am 28. Okto­ber
gab es einen Frau­en­streik und am 30. Okto­ber demons­trier­ten mehr als eine
Mil­li­on Men­schen trotz des expo­nen­ti­el­len Anstiegs der Kran­ken­haus­ein­wei­sun­gen
und der Todes­fäl­le auf­grund von Covid-19. Die zen­tra­le For­de­rung an die Adres­se
der poli­ti­schen, kirch­li­chen und intel­lek­tu­el­len Eli­ten, die den Frau­en die Men­schen­rech­te
ver­wei­gern wol­len, lau­te­te: “Ver­pisst Euch woan­ders hin!“.

Allen Umfra­gen
zufol­ge wird die­se Mas­sen­be­we­gung von zwei Drit­teln bis zu drei Vier­teln der
Bevöl­ke­rung unter­stützt.

Die Regie­rung der
Ver­ei­nig­ten Rech­ten hat es bis­her nicht gewagt, das Urteil ihres
Ver­fas­sungs­ge­richts im Staats­an­zei­ger zu ver­öf­fent­li­chen, wodurch es recht­lich
nicht bin­dend ist. Sie hofft, dass ein noch stren­ge­rer Lock­down und die
Repres­si­on der Pro­tes­te das Aus­maß der Bewe­gung ein­däm­men wer­den. Aber selbst
wenn die gegen­wär­ti­gen Mobi­li­sie­run­gen abeb­ben soll­ten, wer­den die Frau­en
Polens die­sen Auf­stand nicht ver­ges­sen. Den meis­ten von ihnen ist bewusst
gewor­den, dass sie selbst für ihre Wür­de und für eine ande­re Welt, näm­lich ihre
Welt, kämp­fen müs­sen. Eine regel­rech­te Kul­tur­re­vo­lu­ti­on hat somit begon­nen. Lasst uns für das Recht auf Abtrei­bung beten

Lasst uns für das Recht auf Abtrei­bung beten.

2. Frauen – die ersten Opfer der kapitalistischen Restauration

Seit 1993 gibt es in
die­ser Fra­ge einen „Kom­pro­miss” zwi­schen der Regie­rung und der
katho­li­schen Kir­che, der dar­auf abziel­te, die Unter­stüt­zung die­ser mäch­ti­gen
Insti­tu­ti­on ange­sichts der dama­li­gen Mobi­li­sie­run­gen gegen die sozia­len Fol­gen
der kapi­ta­lis­ti­schen Restau­ra­ti­on und für den Bei­tritt zur Euro­päi­schen Uni­on
zu erhal­ten.

Die katho­li­sche
Kir­che hat immer die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass Frau­en kei­ne recht­lich voll­wer­ti­gen
Men­schen sind. Mit dem Urteil des Ver­fas­sungs­ge­richts vom 22. Okto­ber
lie­fer­te der pol­ni­sche Staat eine erneu­te Bestä­ti­gung: Frau­en sol­len gewis­ser­ma­ßen
bloß als Inku­ba­tor fun­gie­ren, mit wei­te­ren ver­pflich­ten­den Optio­nen, näm­lich
Put­zen, Kochen und Kin­der­be­treu­ung. Die Tor­tur, die Frau­en erlei­den, die tote
oder irrever­si­bel geschä­dig­te Föten in sich tra­gen, ist dadurch lega­li­siert
wor­den.

„In die­sem Land füh­le
ich mich wie ein Skla­ve”, „Mein Kör­per ist mei­ne Sache”, „Ich möch­te
kein Sarg sein”, „Mein Ute­rus ist kei­ne Kapel­le”, „Willst du kei­ne
Abtrei­bung, dann lass es doch ein­fach”, „Lasst uns für das Recht auf
Abtrei­bung beten”, „Abtrei­bung ist kei­ne Sün­de”, „Die Revo­lu­ti­on ist
weib­lich” – mit sol­chen Trans­pa­ren­ten (und vie­len ande­ren) demons­trier­ten
Hun­dert­tau­sen­de von Frau­en in den Stra­ßen und Kir­chen Polens gegen die­ses
patri­ar­cha­li­sche Sys­tem, das sie unter­drückt, ihrer Frei­heit beraubt und ihnen
ihre Wür­de ver­wei­gert. „Es ist Krieg!” ver­kün­den sie, wäh­rend sie dafür
kämp­fen, dass ihnen nie­mand mehr die Selbst­be­stim­mung abnimmt, sie end­lich als
voll­wer­ti­ge Men­schen aner­kannt wer­den und die Gren­zen der sozia­len Akzep­tanz
wei­ter gefasst wer­den – kurz­um für ein bes­se­res Leben in ihrer Welt.

3. Aufstand der Jugend

Es waren vor allem
jun­ge Men­schen – männ­lich wie weib­lich –, die zum ers­ten Mal seit Jah­ren wie­der
sehr zahl­reich demons­trier­ten. Sie waren es, die gegen die­se „alten Her­ren“ [
wel­chen Alters auch immer, eben ‚dzia­der­si‘] auf­stan­den – Män­ner mit einer
archai­schen Vor­stel­lung von der Rol­le der Frau­en, die gefäl­ligst schwei­gen
sol­len, Män­ner, die von ihrer eige­nen Über­le­gen­heit und abso­lu­ten Unfehl­bar­keit
über­zeugt sind, in der Regel älte­re Män­ner in füh­ren­den Funk­tio­nen – mit
ande­ren Wor­ten: die Poli­ti­ker, Fach­leu­te, kirch­li­chen Wür­den­trä­ger – und ihnen
nahe­leg­ten, “sich woan­ders hin zu ver­pis­sen”.

„Kei­ne Angst vorm Ficken” ist eine der Paro­len, die bei vie­len Demons­tra­tio­nen zu hören sind.

Genau­so unver­blümt, wie Gre­ta Thun­berg vor den Ver­ein­ten Natio­nen 2019 den Mäch­ti­gen ent­ge­gen rief: „Wie kön­nen Sie es wagen!“, kri­ti­sier­ten die Jugend­li­chen, die vom Regime in den Schu­len zum Reli­gi­ons­un­ter­richt ver­don­nert wer­den, die kul­tu­rel­le Hege­mo­nie der katho­li­schen Kir­che. Sie sagen Nein zu einer Gesell­schaft, die ihnen Angst, Kli­ma­wan­del, Arbeits­lo­sig­keit, Per­spek­tiv­lo­sig­keit, eine ver­lo­ge­ne Regie­rung und eine all­ge­gen­wär­ti­ge kirch­li­che Hier­ar­chie mit ihren natio­nal-katho­li­schen Wer­ten und Sym­bo­len beschert. „Kei­ne Angst vorm Ficken” ist eine der Paro­len, die bei vie­len Demons­tra­tio­nen zu hören sind. Die auf­ge­zwun­ge­nen Schul­re­for­men sol­len nicht mehr hin­ge­nom­men und kei­ne „Kom­pro­mis­se” mehr akzep­tiert wer­den. Die Jugend­li­chen wol­len selbst über ihr Schick­sal ent­schei­den, statt die Ent­schei­dung dar­über denen zu über­las­sen, die das Land beherr­schen und alles „bes­ser wis­sen” und dabei nicht ein­mal die Spra­che der Jugend ver­ste­hen.

Der Minis­ter für
Erzie­hung und Wis­sen­schaft, der von den Leh­rern ver­lang­te, ihren Schü­lern „bei­zu­brin­gen”,
nicht zu demons­trie­ren, bekam ein ein­hel­li­ges „Ver­piss Dich!“ zur Ant­wort. Die
Pro­tes­te der Jugend rich­ten sich nicht nur gegen das Abtrei­bungs­ver­bot, son­dern
es geht um viel mehr: näm­lich das Recht jedes Ein­zel­nen, über sei­nen Kör­per,
sei­ne Iden­ti­tät, die Zukunft der Gesell­schaft zu ent­schei­den, und um das Recht der
Jugend auf Soli­da­ri­tät, Wür­de und Frei­heit.

Mitt­ler­wei­le haben die
Frau­en und jun­gen Men­schen die beschei­de­nen, aber kämp­fe­ri­schen und spon­ta­nen
Kli­ma­st­reiks und Demons­tra­tio­nen zur Ver­tei­di­gung von LGBT+ in den ver­gan­ge­nen
Jah­ren in Pro­test­ak­tio­nen mit Hun­dert­tau­sen­den von Demonstrant*innen
ver­wan­delt.

4. Eine
institutionelle Krise

Trotz der
gras­sie­ren­den Covid-19-Pan­de­mie setz­te die PiS-Regie­rung den Schwer­punkt auf
einen Sieg bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len (die zunächst wäh­rend des Lock­downs
auf den 10. Mai ter­mi­niert und dann auf den 28. Juni 2020 ver­scho­ben
wur­de) und nicht auf den Gesund­heits­schutz der Bevöl­ke­rung. Anstatt den
Schul­un­ter­richt an die Erfor­der­nis­se der Pan­de­mie anzu­pas­sen, kon­zen­trier­te sie
sich lie­ber auf die Ver­mitt­lung ihrer homo­pho­ben Welt­sicht. Dem Gesund­heits­per­so­nal
warf sie vor, nicht aus­rei­chend zu arbei­ten, und order­te zugleich bei einem
Waf­fen­händ­ler Beatmungs­ge­rä­te­ge­rä­te – die nicht funk­tio­nie­ren. Schließ­lich nahm
sie die Frau­en ins Visier und brach­te damit das Fass zum Über­lau­fen, was eine
gro­ße poli­ti­sche Kri­se zur Fol­ge hat­te.

Die Kri­se ist
inzwi­schen sogar im Zen­trum der Macht ange­kom­men. Die Regie­rungs­par­tei und der
Pre­mier­mi­nis­ter haben an Unter­stüt­zung ver­lo­ren. Inner­halb der Regie­rung kam es
zu Dif­fe­ren­zen dar­über, wie die Kri­se über­wun­den wer­den kann, wobei sich der Prä­si­dent
Duda den Anschein geben woll­te, die For­de­run­gen „ver­stan­den zu haben”,
wäh­rend der PiS-Vor­sit­zen­de Repres­sio­nen befür­wor­te­te.

Der
Poli­zei­kom­man­dant wies sei­ne Trup­pen indes­sen an, „in aus­ge­wo­ge­ner und
umsich­ti­ger Wei­se” vor­zu­ge­hen. Dar­über hin­aus äußer­ten mehr als 200
pen­sio­nier­te Gene­rä­le und Admi­ra­le in einem bei­spiel­lo­sen Schritt ihre
Befürch­tung, dass„eine Situa­ti­on [ent­ste­hen kön­ne], in der die Anwen­dung von
Gewalt in den Stra­ßen pol­ni­scher Städ­te erneut zu unnö­ti­gen Opfern füh­ren könn­te”
und for­der­ten dazu auf, „den Wil­len der Mehr­heit der Gesell­schaft zu
respek­tie­ren und die unan­nehm­ba­ren Ent­schei­dun­gen abzu­än­dern”.

Der sys­te­mi­sche Kom­pro­miss
zwi­schen allen an der Macht befind­li­chen poli­ti­schen Par­tei­en und der Kir­che,
der die Grund­la­ge der Drit­ten Pol­ni­schen Repu­blik bil­de­te, steht auf dem
Prüf­stein. Die­se Repu­blik soll­te die Bas­ti­on des Chris­ten­tums in einem
säku­la­ri­sier­ten Euro­pa sein. Aber es gibt kei­ne Fort­set­zung des Sta­tus quo
mehr: Die Kir­che, ihre Straf­frei­heit und ihre kul­tu­rel­le Hege­mo­nie sind kein
Tabu mehr.

Die oppo­si­tio­nel­len poli­ti­schen Par­tei­en, die eher Wahl­ver­ei­ne als kämp­fe­ri­sche Orga­ni­sa­tio­nen sind, blie­ben außen vor, auch wenn eini­ge ihrer gewähl­ten Ver­tre­ter an der Bewe­gung betei­ligt waren. Das Glei­che gilt für die Gewerk­schaf­ten, von denen ledig­lich die klei­ne­ren ihre Unter­stüt­zung für die Bewe­gung signa­li­siert haben.

5. Ruf nach
Demokratie

Der Volks­auf­stand zur Ver­tei­di­gung der Rech­te der Frau­en – aber auch der LGBT+ und ganz all­ge­mein der Grund­rech­te – war im Wesent­li­chen spon­tan. Klei­ne (ansons­ten unter­ein­an­der gespal­te­ne) femi­nis­ti­sche Ver­ei­ni­gun­gen und ihre Akti­vis­tin­nen fun­gier­ten als Mul­ti­pli­ka­to­ren in den Medi­en und neue Netz­wer­ke ent­stan­den, in denen aber die jün­ge­re Genera­ti­on – nicht ein­mal sym­bo­lisch – nicht ver­tre­ten ist. Vor allem aber ent­stan­den – ent­ge­gen der Tra­di­ti­on der pol­ni­schen Arbei­ter­re­vo­lu­tio­nen von 1956 oder 1980/​81 – kei­ne mas­sen­haf­ten auto­no­men Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren. Die oppo­si­tio­nel­len poli­ti­schen Par­tei­en, die eher Wahl­ver­ei­ne als kämp­fe­ri­sche Orga­ni­sa­tio­nen sind, blie­ben außen vor, auch wenn eini­ge ihrer gewähl­ten Ver­tre­ter an der Bewe­gung betei­ligt waren. Das Glei­che gilt für die Gewerk­schaf­ten, von denen ledig­lich die klei­ne­ren ihre Unter­stüt­zung für die Bewe­gung signa­li­siert haben. Es besteht also eine gro­ße Kluft zwi­schen der tra­di­tio­nel­len poli­ti­schen Land­schaft Polens und die­ser Mas­sen­re­vol­te.

Die Ver­ei­ni­gung
„All­pol­ni­scher Frau­en­streik” prä­sen­tier­te ihre For­de­run­gen, „die man auf
den Trans­pa­ren­ten lesen kön­ne”: “Wir wol­len ein ech­tes Ver­fas­sungs­ge­richt,
einen kom­plett fai­ren Obers­ten Gerichts­hof, einen ech­ten Ver­tei­di­ger der
Bür­ger­rech­te. Wir wol­len einen neu­en Staats­haus­halt mit einem Gesund­heits­fonds
und Hilfs­fonds für die Lohn­ab­hän­gi­gen und Kul­tur­schaf­fen­den sowie ech­te Unter­stüt­zung
für Behin­der­te. Wir wol­len vol­le Rech­te für Frau­en, lega­len Schwan­ger­schafts­ab­bruch,
Sexu­al­erzie­hung und Ver­hü­tung; Wir wol­len alle Men­schen­rech­te. Wir wol­len einen
säku­la­ren Staat, ohne die Finan­zie­rung der Kir­che aus dem Staats­haus­halt und ohne
dass sich die Reli­gi­on in den Schu­len ein­mischt. Wir wol­len, dass die Regie­rung
zurück­tritt.”

…ein For­de­rungs­ka­ta­log, der nicht über eine for­ma­le säku­la­re Demo­kra­tie hin­aus­geht.

Auf der
Pres­se­kon­fe­renz des Bei­rats wur­den zusätz­li­che For­de­run­gen vor­ge­stellt: „10 %
des Staats­haus­halts für das Gesund­heits­we­sen; Rück­tritt des Minis­ters für
Erzie­hung und Wis­sen­schaft; sofor­ti­ges Ende der staat­li­chen Finan­zie­rung der
Kir­che und eine rich­ti­ge Tren­nung zwi­schen Kir­che und Staat; Recht für Kin­der
ab 13 Jah­ren zu ent­schei­den, ob sie am Reli­gi­ons­un­ter­richt teil­neh­men wol­len;
Strei­chung der Gewis­sens­klau­sel [wonach Ärz­te kei­ne mit ihrem Gewis­sen
unver­ein­ba­ren Gesund­heits­leis­tun­gen erbrin­gen müs­sen, AdÜ]; Ende des Kon­kor­dats;
Ent­fa­schi­sie­rung des öffent­li­chen Lebens; Abschaf­fung unge­schütz­ter
Arbeits­ver­trä­ge, Kampf gegen Mob­bing und Aus­beu­tung; Kampf gegen die
Kli­ma­kri­se; Ein bes­se­res Polen für LGBT+; Öffent­li­che Medi­en, die tat­säch­li­ches
Wis­sen und Infor­ma­tio­nen ver­mit­teln.“

Dies ist ein
For­de­rungs­ka­ta­log, der nicht über eine for­ma­le säku­la­re Demo­kra­tie hin­aus­geht. Er
geht damit auch nicht über die „Kul­tur­re­vo­lu­ti­on” hin­aus, die im Okto­ber
und Novem­ber 2020 in Polen die Stra­ßen erobert hat, und hat somit (noch?) nicht
den Weg für eine dau­er­haft auto­no­me Orga­ni­sie­rung der Gesell­schaft oder gar für
den Auf­bau einer neu­en poli­ti­schen Ver­tre­tung der auf­stän­di­schen Kräf­te geeb­net.

6. Der Kampf ist
international

Am 22. Okto­ber
2020, dem Tag des Urteils des pol­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richts, hiel­ten die
Regie­run­gen Bra­si­li­ens, Ägyp­tens, Ungarns, Indo­ne­si­ens, Ugan­das und der USA
eine inter­na­tio­na­le Online-Zere­mo­nie ab, die von Washing­ton aus aus­ge­strahlt
wur­de, um zusam­men mit 27 ande­ren Län­dern[1]
– dar­un­ter Polen – eine Erklä­rung gegen das Recht auf Abtrei­bung „zum Schutz
des Rechts einer Frau, Mut­ter zu sein”, wie es die unga­ri­sche
Fami­li­en­mi­nis­te­rin for­mu­lier­te, vir­tu­ell zu unter­zeich­nen. Die­ses Bünd­nis von
Län­dern, die von Fundamentalist*innen ver­schie­de­ner Reli­gio­nen regiert wer­den,
ist ein Bekennt­nis zum Staats­pa­tri­ar­chat gegen die Men­schen­rech­te und eine Erklä­rung,
dass mensch­li­che Kör­per – weib­lich, kind­lich, homo­se­xu­ell, trans und
nicht-binär – staat­lich domi­nier­te Ter­ri­to­ri­en sind.

Gegen das Recht auf
Abtrei­bung und ganz all­ge­mein gegen alle Frau­en­rech­te sowie gegen die Rech­te
von LGBT+ macht ein regel­rech­tes inter­na­tio­na­les ultra­kon­ser­va­ti­ves Netz­werk mit
Unter­stüt­zung der staat­li­chen Behör­den mobil und pro­fi­tiert davon, dass der in
die Kri­se gera­te­ne Neo­li­be­ra­lis­mus immer auto­ri­tä­re­re For­men annimmt. Die­ses
Netz­werk hat die Akti­vi­tä­ten der pol­ni­schen extre­men Rech­ten, wie z. B.
„Ordo Iuris” oder die „Stif­tung Leben und Fami­lie”, gegen das Recht
auf Abtrei­bung weit­ge­hend finan­ziert. Eben­so die Beru­fung der offen
abtrei­bungs­feind­li­chen Rich­te­rin Amy Coney Bar­rett an den Obers­ten Gerichts­hof
der USA durch D. Trump begrüßt. Die­sel­be Strö­mung ver­wahrt sich auch gegen
Abtrei­bun­gen bei jun­gen Mäd­chen in Bra­si­li­en und Argen­ti­ni­en, die Opfer von
Ver­ge­wal­ti­gun­gen und Inzest gewor­den sind.

Ange­sichts die­ser
Offen­si­ve ste­hen die Orga­ni­sa­tio­nen der Arbei­ter­be­we­gung und der Femi­nis­tin­nen
in allen Län­dern in der Ver­ant­wor­tung, sich soli­da­risch mit der Frau­en­re­vol­te
in Polen zu zei­gen. Die mäch­ti­gen femi­nis­ti­schen Bewe­gun­gen, die seit 2017 vor
allem in Latein­ame­ri­ka und Euro­pa unter der Losung des Frau­en­streiks ent­stan­den
sind, wer­den immer wich­ti­ger, um Frau­en­rech­te zu erlan­gen, bereits erwor­be­ne zu
sichern und auf der gan­zen Welt zu ver­brei­ten.

19.11.2020

Über­set­zung: MiWe


[1] Hier ist die Lis­te der
Län­der, die die Erklä­rung des so genann­ten „Gen­fer Kon­sens” unter­zeich­net
haben (dies soll­te eigent­lich im Rah­men der Welt­ge­sund­heits­ver­samm­lung
statt­fin­den, die jedoch wegen der Gesund­heits­kri­se ver­scho­ben wur­de): Ägyp­ten,
Bah­rain, Benin, Bra­si­li­en, Bur­ki­na Faso, Dschi­bu­ti, Demo­kra­ti­sche Repu­blik
Kon­go, Dschi­bu­ti, Eswa­ti­ni (Swa­si­land), Gam­bia, Geor­gi­en, Hai­ti, Indo­ne­si­en,
Irak, Kame­run, Kenia, Kame­run, Kon­go, Kuwait, Liby­en, Nau­ru, Niger, Oman,
Paki­stan, Polen, Sau­di-Ara­bi­en, Sene­gal, Sudan, Ugan­da, Ver­ei­nig­te Ara­bi­sche
Emi­ra­te, Ver­ei­nig­te Staa­ten von Ame­ri­ka, Ungarn, Sam­bia, Weiß­russ­land.

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