[perspektive:] Armenien am Abgrund?! – Die Lage der Armenier:innen ist besorgniserregend

Rund drei Wochen ist es nun her, dass der Angriffskrieg der aserbaidschanisch-türkischen Koalition gegen die armenische Republik Artsakh vorerst beendet ist. Mit der russischen Intervention zu Ungunsten der Armenier:innen haben die militärischen Auseinandersetzungen ein jähes Ende gefunden. Die Folge ist ein neuer Status quo im nach wie vor nicht gelösten Konflikt um die Bergkarabach-Region. Die armenische Seite hat in Folge der Niederlage neben tausenden Toten und massiven Gebietsverlusten vor allem auch eine sehr instabile politische Lage zu beklagen. – Ein Kommentar von Emanuel Checkerdemian

Die armenische Lage

Kurz nach der Bekannt­ga­be des neu­en Waf­fen­still­stands­ab­kom­mens in der Berg­ka­ra­bach-Regi­on gehen in der arme­ni­schen Haupt­stadt Yer­e­van tau­sen­de wüten­de Demonstrant:innen auf die Stra­ße. Sie wol­len das Abkom­men, wel­ches einer Nie­der­la­ge gleich­kommt, nicht akzep­tie­ren, stür­men Regie­rungs- und Par­la­ments­ge­bäu­de. Es kommt zu blu­ti­gen Sze­nen und man for­dert die Köp­fe von Minis­ter­prä­si­dent Nikol Pashin­yan und ande­ren Regierungsvertreter:innen, die man ver­ant­wort­lich macht. Schnell wird deut­lich, dass sich für die­se Pro­tes­te vor­nehm­lich Anhänger:innen des alten und kor­rup­ten Regimes ver­ant­wort­lich zeich­nen. Reak­tio­nä­re Kräf­te, Pro­fi­teu­re des olig­ar­chi­schen Sys­tems und rechts­ra­di­ka­le Kleinst­par­tei­en sahen in der Kriegs­nie­der­la­ge den Moment gekom­men sich und das Land der bür­ger­lich-libe­ra­len Errun­gen­schaf­ten der soge­nann­ten „Sam­te­nen Revo­lu­ti­on“ zu ent­le­di­gen. Und so demons­trier­ten in den dar­auf fol­gen­den Tagen Tau­sen­de gegen die Regie­rung. Am 14. Novem­ber nahm der Natio­na­le Sicher­heits­dienst (NSS) dann meh­re­re Per­so­nen fest, die einen Anschlag auf den Minis­ter­prä­si­den­ten geplant haben sol­len. Unter ihnen der ehe­ma­li­ge Vor­sit­zen­de der Par­tei des alten Regimes (HHK), der alte Chef des NSS, sowie ein Mit­glied der faschis­ti­schen Adek­vad Bewe­gung.

Ins­ge­samt 17 Par­tei­en, natür­lich nicht alle im Lager des ehe­ma­li­gen Regimes, for­dern inzwi­schen den Rück­tritt des Minis­ter­prä­si­den­ten Nikol Pashin­yan und vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len. So auch der Prä­si­dent des Lan­des Armen Sargs­y­an. Und tat­säch­lich gibt es gute Grün­de Kri­tik am Manage­ment der Kaghaka­zia­kan Paj­ma­nagir (KP), der regie­ren­den Par­tei von Pashin­yan, zu üben.

Die Abkehr vom russ­land­treu­en Weg des alten Regimes und die damit ein­her­ge­hen­de Öff­nung zum west­li­chen Impe­ria­lis­mus haben kei­ner­lei nen­nens­wer­te mate­ri­el­le Ver­bes­se­run­gen für die arbei­ten­den Klas­sen zur Fol­ge gehabt. Die Coro­na­zah­len im Land sind ver­hee­rend. Über 130.000 Men­schen haben sich bereits infi­ziert, über 2000 sind schon gestor­ben. Das in einem Land mit rund drei Mil­lio­nen Einwohner:innen.

Und auch die Pro­pa­gan­da wäh­rend des Krie­ges, wel­che die Mög­lich­keit einer Kriegs­nie­der­la­ge über­haupt nicht zuließ, muss deut­lich benannt wer­den. In der arme­ni­schen Öffent­lich­keit waren die Ereig­nis­se die­ses 9. Novem­bers tat­säch­lich uner­war­tet. Nicht, weil man sich der mili­tä­ri­schen Über­le­gen­heit der aser­bai­dscha­nisch-tür­ki­schen Koali­ti­on nicht bewusst war, son­dern weil die Ver­ant­wort­li­chen in den Wochen davor den­noch eine „Sie­ger­men­ta­li­tät“ an den Tag leg­ten, die voll­kom­men rea­li­täts­fremd war. An die­ser Stel­le muss aber auch betont wer­den, dass die Schwä­che der arme­ni­schen Ver­tei­di­gungs­kräf­te maß­geb­lich auf die kor­rup­te Poli­tik des alten Regimes zurück­zu­füh­ren ist. Es war nahe­zu unmög­lich die­sen Dieb­stahl (so muss man das wirk­lich nen­nen) in den zwei Jah­ren der Amts­zeit Pashin­yan aus­zu­glei­chen.

Und so steht am Ende die­ses mili­tä­ri­schen Über­falls ein neu­es Kapi­tel des genera­tio­nen­über­grei­fen­den Trau­mas der Armenier:innen. Denn auch die ers­te Genera­ti­on nach dem Krieg von 1991–1994 hat nun mit­er­lebt was die­ser Krieg bedeu­tet, was es heißt kämp­fen zu müs­sen, Freund:innen zu ver­lie­ren und ver­wun­det oder gar getö­tet zu wer­den. Und nicht zuletzt wur­de auch die Angst vor der tota­len Ver­nich­tung der Armenier:innen wie­der befeu­ert. Eine Angst, die sich durch alle arme­ni­sche Genera­tio­nen der Moder­ne zieht, die ein­zig in der Sicher­heit der Arme­ni­schen SSR und der Sowjet­uni­on beru­higt wer­den konn­te.

Der Terror nach dem Krieg

Die tür­ki­schen und aser­bai­dscha­ni­schen Faschis­ten mit­samt ihrer jiha­dis­ti­schen Söld­ner tun alles dafür, die­se Angst wei­ter zu schü­ren. Das Ende der mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen stellt den Beginn der Aus­lö­schung der arme­ni­schen Kul­tur­stät­ten dar. Die Ver­bre­chen gegen Kriegs­ge­fan­ge­ne und Zivil­be­völ­ke­rung gehen dabei genau­so wei­ter, wie sie schon wäh­rend den mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen statt­fan­den.

So veri­fi­zie­ren meh­re­re Beob­ach­tungs­stel­len die Echt­heit von Vide­os in denen Armenier:innen ent­haup­tet, oder einem alten Mann bei leben­di­gem Leib die Ohren abge­schnit­ten wer­den. Auch die Zer­stö­rung von Kir­chen und Kul­tur­stät­ten sowie Grab­schän­dun­gen wer­den von aser­bai­dscha­ni­scher Sei­te selbst genau­es­tens doku­men­tiert. Mit der Über­ga­be von 121 arme­ni­schen Ort­schaf­ten an die aser­bai­dscha­ni­schen Besat­zer wird die­ses Vor­ge­hen wei­ter inten­si­viert wer­den. Zahl­lo­se wei­te­re Vide­os zei­gen aser­bai­dscha­ni­sche Sol­da­ten, die arme­ni­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne demü­ti­gen, mal­trä­tie­ren und fol­tern.

Unterschiedliche Reaktionen im Ausland

Russ­land, wel­ches ja wie geschil­dert einen erheb­li­chen Anteil an der jet­zi­gen Situa­ti­on hat, gebart sich wei­ter­hin als Schutz­macht und Frie­dens­stif­ter der Regi­on. So soll Putin sich nun wohl per­sön­lich für die Frei­las­sung der Kriegs­ge­fan­ge­nen ein­set­zen. Auch eine 2000 Per­so­nen umfas­sen­de „Frie­dens­trup­pe“ wur­de sta­tio­niert, die u.a. die Über­wa­chung des Klos­ters Dadi­vank sowie der noch ver­blie­be­nen arme­ni­schen Gebie­te gewähr­leis­ten soll. Und vie­le Armenier:innen, gera­de aus der Repu­blik Arts­akh, schei­nen dar­auf auch zu ver­trau­en oder eben kei­ne ande­re Alter­na­ti­ven zu sehen. So kehr­ten am ver­gan­ge­nen Sams­tag 2100 Men­schen in ihre Hei­mat Ste­pa­na­kert zurück.

Die rus­si­sche Stra­te­gie im Kon­flikt um die Berg­ka­ra­bach-Regi­on wird dabei sehr deut­lich. Man hat die Armenier:innen für die soge­nann­te „Sam­te­ne Revo­lu­ti­on“ abge­straft, man hat ihnen klar gemacht, dass eine gesell­schaft­li­che Trans­for­ma­ti­on nicht akzep­tiert wird, dass wer sich von Putins Mos­kau abwen­det sich selbst und den mili­tä­ri­schen Fein­den über­las­sen wird. Die­se „Lek­ti­on“ hat man nach eige­nem Ermes­sen wohl ver­mit­telt, sodass nun ein erheb­li­cher Ein­fluss­ge­winn in der Regi­on ver­bucht wer­den kann.

In Frank­reich hat man hin­ge­gen, wo man ohne­hin schon im offe­nen Kon­flikt mit der Tür­kei ist, erheb­li­che diplo­ma­ti­sche und huma­ni­tä­re Schrit­te gemacht. So votier­te der fran­zö­si­sche Senat mit 305 zu einer Stim­me für eine Reso­lu­ti­on, ver­fasst von Politiker:innen fast aller im Par­la­ment ver­tre­te­nen Par­tei­en (Ras­sem­blemnt Natio­nal war nicht betei­ligt), die weit­ge­hen­de recht­li­che Fol­gen haben dürf­te. Nicht nur, dass man die Haupt­tä­ter­schaft der Tür­kei im Angriffs­krieg gegen die Repu­blik Arts­akh benennt und Unter­su­chun­gen dazu ein­lei­ten möch­te. Auch for­dert man den Rück­zug der aser­bai­dscha­ni­schen Trup­pen und die Ein­hal­tung der Grenz­zie­hung von 1994. Der wich­tigs­te Punkt ist jedoch die Aner­ken­nung der Repu­blik Arts­akh! In Frank­reich leben nach Arme­ni­en, Russ­land und der USA die meis­ten Armenier:innen, rund 600.000. Das tür­ki­sche Par­la­ment tob­te, wegen die­ser Reso­lu­ti­on.

Auch der Bun­des­tag hat, wäh­rend er sei­nen Handelspartner:innen Tür­kei und Aser­bai­dschan bei Kriegs­ver­bre­chen zuschaut, einen Antrag von CDU/​CSU und SPD ange­nom­men, der von Geschichts­re­vi­sio­nis­mus und Täter-Opfer-Umkehr nur so strotzt. Dort wirft man UN und OSZE vor, nur zuge­schaut zu haben, ver­brei­tet die geschichts­re­vi­sio­nis­ti­sche Lüge von „völ­ker­rechts­wid­rig von Arme­ni­en besetz­ten Gebie­ten“, schwa­dro­niert von jahr­hun­der­te­al­ten mus­li­mi­schen Kul­tur­stät­ten, die zer­stört wor­den sei­en (außer der Bun­des­re­gie­rung weiß davon nie­mand) und for­dert, dass die Men­schen sich über die staat­li­chen Trenn­li­ni­en doch mal ken­nen ler­nen soll­ten, um Vor­ur­tei­le abzu­bau­en. Eine per­fi­de Poli­tik die ganz offen zugibt, dass man in Ber­lin auf Sei­ten der Aggressor:innen steht. Auch wenn man der Form hal­ber zwei kri­ti­sche Sät­ze über die Tür­kei ein­ge­baut hat.

Der Bei­trag Arme­ni­en am Abgrund?! – Die Lage der Armenier:innen ist besorg­nis­er­re­gend erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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