[gfp:] Transatlantische Sanktionen (II)

Das US-Sanktionsgeflecht

Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind dabei, das unüber­sicht­li­che Sank­ti­ons­ge­flecht, das sie über Nord Stream 2 gelegt haben, noch wei­ter zu ver­dich­ten. In einem ers­ten Schritt hat­te Ende ver­gan­ge­nen Jah­res der Pro­tec­ting Europe’s Ener­gy Secu­ri­ty Act (PEESA) die Unter­bre­chung der Pipe­line-Ver­le­ge­ar­bei­ten erzwun­gen, indem er die Betrei­ber von Spe­zi­al­schif­fen, die sich an der Ver­le­gung von Nord Stream 2 betei­lig­ten, mit Zwangs­maß­nah­men bedroh­te. US-Prä­si­dent Donald Trump setz­te den PEESA am 20. Dezem­ber 2019 in Kraft, wor­auf­hin die Schwei­zer Fir­ma All­seas, deren Spe­zi­al­schif­fe als unver­zicht­bar gal­ten, umge­hend ihre Tätig­keit für Nord Stream 2 been­de­te. Das hat­te zur Fol­ge, dass Russ­land ein Ersatz­schiff, die Aka­de­mik Tscher­ski, aus sei­nem äußers­ten Osten her­an­ho­len und auf­wen­dig umrüs­ten muss­te; das kos­te­te viel Zeit. Hin­zu kam, dass US-Außen­mi­nis­ter Mike Pom­peo den schon seit dem 2. August 2017 gel­ten­den Coun­te­ring America’s Advers­a­ries Through Sanc­tions Act (CAATSA) am 15. Juli 2020 einer Neu­in­ter­pre­ta­ti­on unter­zog. Der CAATSA sieht in Sec­tion 232 Zwangs­maß­nah­men gegen alle vor, die den Bau rus­si­scher Pipe­lines auf die eine oder ande­re Art und Wei­se unter­stüt­zen. Pom­peo setz­te Sec­tion 232 nun per Ver­ord­nung auch rück­wir­kend für die Zeit vor sei­ner Ver­ab­schie­dung in Kraft – ein Schritt, der mit all­ge­mein aner­kann­ten Rechts­tra­di­tio­nen bricht. Seit­dem wird das Gesetz auch auf Nord Stream 2 ange­wandt, obwohl der Bau der Pipe­line bereits vor dem 2. August 2017 ver­trag­lich ver­ein­bart wur­de.

Zusatzgesetze und Erweiterungen

Die rück­wir­ken­de Inkraft­set­zung des CAATSA für Nord Stream 2 hat den trans­at­lan­ti­schen Sank­ti­ons­krieg auf eine neue Ebe­ne geho­ben, weil nun unter ande­rem der Fähr­ha­fen Mukran in Sass­nitz auf Rügen mit Zwangs­maß­nah­men belegt wer­den kann. Dies trifft nicht zuletzt den gewähl­ten Bür­ger­meis­ter von Sass­nitz, der qua Amt Gesell­schaf­ter des Fähr­ha­fens ist. Dass US-Sank­tio­nen die deut­sche Infra­struk­tur sowie gewähl­te Amts­trä­ger bedro­hen, ist neu.[1] Ergän­zend haben der US-Senat sowie das US-Reprä­sen­tan­ten­haus ein Zusatz­ge­setz zum PEESA (Pro­tec­ting Europe’s Ener­gy Secu­ri­ty Cla­ri­fi­ca­ti­on Act, PEESCA) auf den Weg gebracht, das noch die­ses Jahr als Teil des Natio­nal Defen­se Aut­ho­riz­a­ti­on Act (NDAA) ver­ab­schie­det wer­den soll. Rich­te­te sich der PEESA gegen die Betei­li­gung an der Ver­le­gung der Pipe­line im enge­ren Sin­ne, so wird der PEESCA auch beglei­ten­de Arbei­ten im wei­te­ren Sinn mit Zwangs­maß­nah­men bele­gen und dabei sogar Ver­si­che­rungs- und Zer­ti­fi­zie­rungs­leis­tun­gen umfas­sen. Bei­de Geset­ze unter­schei­den sich außer­dem dadurch vom CAATSA, dass letz­te­rer ledig­lich Arbei­ten im Wert von min­des­tens einer Mil­li­on US-Dol­lar bestraft; der PEESA wie auch der PEESCA ent­hal­ten kei­ner­lei der­ar­ti­ge Ein­schrän­kun­gen. Zuletzt hat das US-Außen­mi­nis­te­ri­um am 20. Okto­ber den CAATSA erneut aus­ge­wei­tet – auf Dienst­leis­tun­gen für Schif­fe, die sich am Pipe­line­bau betei­li­gen. Dies hat wie­der­um zum Aus­stieg der nor­we­gi­schen Zer­ti­fi­zie­rungs­fir­ma DNV-GL geführt.[2]

Im Mafiastil

Für beson­de­ren Unmut hat im Ver­lauf des ver­gan­ge­nen Jah­res gesorgt, dass Washing­ton sei­nen Zwangs­maß­nah­men mit Droh­brie­fen, Droh­an­ru­fen sowie geziel­tem diplo­ma­ti­schem Druck auf die betrof­fe­nen Fir­men Nach­druck ver­leiht. Bereits Ende ver­gan­ge­nen Jah­res hat­te das Manage­ment des Schwei­zer Unter­neh­mens All­seas ein Schrei­ben erhal­ten, in dem die US-Sena­to­ren Ted Cruz und Ron John­son erklär­ten, eine Fort­set­zung der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Arbeit an Nord Stream 2 wer­de „die künf­ti­ge finan­zi­el­le Über­le­bens­fä­hig­keit Ihres Unter­neh­mens zer­stö­ren“: „Stop­pen Sie JETZT und las­sen Sie die Pipe­line unfer­tig zurück …, oder Sie ris­kie­ren, Ihr Unter­neh­men für immer aufzugeben“.[3] Ein ähn­li­ches Droh­schrei­ben war zum Bei­spiel im August beim Fähr­ha­fen Mukran ein­ge­gan­gen; Cruz, John­son und der US-Sena­tor Tom Cot­ton hat­ten dem Manage­ment dar­in „ver­nich­ten­de Sank­tio­nen“ ange­kün­digt und mit­ge­teilt, die Nicht­er­fül­lung ihrer For­de­run­gen wer­de Mukran finan­zi­ell „zer­stö­ren“. Getrof­fen wür­den nicht nur die Hafen-GmbH, son­dern auch „Vor­stands­mit­glie­der, lei­ten­de Mit­ar­bei­ter, Gesell­schaf­ter und Angestellte“.[4] Aktu­ell wird aus Wirt­schafts­krei­sen berich­tet, die Trump-Admi­nis­tra­ti­on arbei­te sys­te­ma­tisch eine lan­ge Lis­te von Unter­neh­men ab, die jeweils indi­vi­du­ell „von US-Ver­tre­tern auf bevor­ste­hen­de Sank­tio­nen hin­ge­wie­sen werden“.[5] Von „Mafia-Metho­den“ ist die Rede. Betrof­fen sind rund 120 Fir­men aus zwölf sou­ve­rä­nen euro­päi­schen Staa­ten.

Gegenmaßnahmen

Mitt­ler­wei­le zeich­nen sich ers­te Gegen­maß­nah­men ab. Geschei­tert ist im August der Ver­such von Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz, Washing­ton zu einem Deal mit Ber­lin zu bewe­gen: Scholz’ Ange­bot an sei­nen US-Amts­kol­le­gen Ste­ven Mnu­chin, den Bau zwei­er Flüs­sig­gas­ter­mi­nals in Bruns­büt­tel und in Wil­helms­ha­ven „durch die Bereit­stel­lung von bis zu 1 Mil­li­ar­de Euro“ spür­bar zu beschleu­ni­gen, um US-Flüs­sig­gas ein­füh­ren zu kön­nen, verpuffte.[6] Im August leg­ten 24 EU-Staa­ten beim US-Außen­mi­nis­te­ri­um Pro­test gegen die Sank­tio­nen ein – folgenlos.[7] Im Okto­ber publi­zier­te der Euro­pean Coun­cil on For­eign Rela­ti­ons (ECFR) ein lan­ges Stra­te­gie­pa­pier, in dem Instru­men­te zur Abwehr von US-Sank­tio­nen bis hin zur Füh­rung eines Wirt­schafts­kriegs skiz­ziert wur­den. Das Papier, des­sen Erstel­lung vom Aus­wär­ti­gen Amt auf Staats­se­kre­tärs­ebe­ne beglei­tet wur­de, soll nun von den EU-Gre­mi­en und den natio­na­len Par­la­men­ten in der Uni­on dis­ku­tiert werden.[8] Der jüngs­te Schritt: Das Bun­des­land Meck­len­burg-Vor­pom­mern berei­tet zur Zeit die Grün­dung einer gemein­nüt­zi­gen Stif­tung vor, unter deren Dach Nord Stream 2 dann fer­tig­ge­stellt wer­den soll. Den Vor­sitz der Stif­tung, die mut­maß­lich gegen US-Sank­tio­nen immun ist, soll der eins­ti­ge Minis­ter­prä­si­dent Meck­len­burg-Vor­pom­merns Erwin Sel­le­ring (SPD) über­neh­men. Exper­ten spre­chen von einem „geschick­ten recht­li­chen Kniff“.[9]

Die Weltpolitikfähigkeit der EU

Wie jetzt berich­tet wird, steht die Wie­der­auf­nah­me der Ver­le­ge­tä­tig­kei­ten nach sank­ti­ons­be­ding­ter ein­jäh­ri­ger Unter­bre­chung unmit­tel­bar bevor; die Nord Stream 2 AG hat ihn für die­sen Sams­tag (5. Dezem­ber) angekündigt.[10] An der Fra­ge, ob es Ber­lin gelingt, den Bau der Pipe­line gegen die Inter­ven­tio­nen Washing­tons durch­zu­set­zen, hängt viel: Könn­te Washing­ton – als Prä­ze­denz­fall – Nord Stream 2 ver­hin­dern, dann unter­lä­gen künf­tig selbst mil­li­ar­den­schwe­re Infra­struk­tur­pro­jek­te in der EU dem Vor­be­halt, die Zustim­mung der US-Admi­nis­tra­ti­on fin­den zu müs­sen. Damit steht letzt­lich nichts Gerin­ge­res als die stra­te­gi­sche Auto­no­mie der EU zur Debat­te – bzw. ihre Fähig­keit, eine eigen­stän­di­ge Welt­po­li­tik trei­ben zu kön­nen.

[1] S. dazu Trans­at­lan­ti­sche Kon­flik­te (III) und Trans­at­lan­ti­sche Sank­tio­nen.

[2] Moritz Koch, Klaus Strat­mann: Wett­lauf gegen die Zeit: Ab 5. Dezem­ber soll Nord Stream 2 fer­tig­ge­baut wer­den. han​dels​blatt​.com 27.11.2020.

[3] S. dazu Erd­gas­dreh­schei­be Deutsch­land.

[4] S. dazu Trans­at­lan­ti­sche Sank­tio­nen.

[5] „Wir brau­chen wie­der eine Part­ner­schaft des gegen­sei­ti­gen Respekts“. ost​-aus​schuss​.de 23.11.2020.

[6] Bun­des­re­gie­rung bie­tet eine Mil­li­ar­de Euro zur Ret­tung der Pipe­line. zeit​.de 16.09.2020.

[7] Ame­ri­ca Her­nan­dez: EU coun­tries pro­test US sanc­tions in warning to Washing­ton. poli​ti​co​.eu 13.08.2020.

[8] S. dazu Wirt­schaft als Waf­fe.

[9] Ste­fan Lud­mann: Land will Stif­tung für Nord-Stream-Pipe­line grün­den. ndr​.de 27.11.2020.

[10] Moritz Koch, Klaus Strat­mann: Wett­lauf gegen die Zeit: Ab 5. Dezem­ber soll Nord Stream 2 fer­tig­ge­baut wer­den. han​dels​blatt​.com 27.11.2020.

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