[labournet:] Arbeiten in der Plattformökonomie. Über digitale Tagelöhner, algorithmisches Management und die Folgen für die Arbeitswelt

J'ai (très) mal au travail. Ein 90minütiger Dokumentarfilm über die moderne Arbeitsorganisation und ihre GefahrenLie­fer­diens­te als Modell: Zu neu­en Beschäf­ti­gungs­for­men auf digi­ta­len Platt­for­men wie Uber, Deli­ver­oo oder Ama­zon Mecha­ni­cal Turk gibt es eine brei­te öffent­li­che Dis­kus­si­on. Man­che sehen dar­in eine Form des »digi­ta­len Tage­löh­ner­tums«. Die wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur zu die­sem The­men­feld ist in den letz­ten Jah­ren enorm ange­wach­sen und kaum noch zu über­bli­cken. Auch die Hans-Böck­ler-Stif­tung hat eine Viel­zahl von For­schungs­pro­jek­ten zu die­sem The­ma geför­dert. Die­ser Report bie­tet einen Über­blick über wich­ti­ge Ergeb­nis­se und den aktu­el­len Stand der For­schung. (…) In die­sem Report berück­sich­ti­gen wir, dass die tech­no­lo­gi­schen Inno­va­tio­nen und orga­ni­sa­to­ri­schen Grund­prin­zi­pi­en auch in ande­ren Berei­chen der Wirt­schaft Fuß fas­sen: Crowd­sour­cing-Platt­for­men bie­ten ihre Dienst­leis­tun­gen inzwi­schen auch für inter­nes Crowd­sour­cing inner­halb von Unter­neh­men an. Manage­ment per Algo­rith­mus gibt es nicht nur im Bereich der Platt­form­ar­beit, auch wenn es dort am deut­lichs­ten in Erschei­nung tritt und am bes­ten erforscht ist. Des­halb befasst sich die­ser Report nicht nur mit der Platt­form­ar­beit im enge­ren Sin­ne, son­dern auch mit dem Arbei­ten auf digi­ta­len Platt­for­men im All­ge­mei­nen…“ Stu­die von Ste­fan Lücking als For­schungs­för­de­rung Report 5 vom Sep­tem­ber 2019 externer Link bei der Hans Böck­ler Stif­tung. Sie­he dazu:

  • BAG: Arbeit­nehmer­ei­gen­schaft von „Crowd­wor­kern“ /​Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Heil will gegen Bil­lig­löh­ne auf Digi­tal­platt­for­men vor­ge­hen New
    • Bun­des­ar­beits­ge­richt: Arbeit­nehmer­ei­gen­schaft von „Crowd­wor­kern“
      Die tat­säch­li­che Durch­füh­rung von Kleinst­auf­trä­gen („Mikro­jobs“) durch Nut­zer einer Online-Platt­form („Crowd­wor­ker“) auf der Grund­la­ge einer mit deren Betrei­ber („Crowd­sourcer“) getrof­fe­nen Rah­men­ver­ein­ba­rung kann erge­ben, dass die recht­li­che Bezie­hung als Arbeits­ver­hält­nis zu qua­li­fi­zie­ren ist. Die Beklag­te kon­trol­liert im Auf­trag ihrer Kun­den die Prä­sen­ta­ti­on von Mar­ken­pro­duk­ten im Ein­zel­han­del und an Tank­stel­len. Die Kon­troll­tä­tig­kei­ten selbst lässt sie durch Crowd­wor­ker aus­füh­ren. Deren Auf­ga­be besteht ins­be­son­de­re dar­in, Fotos von der Waren­prä­sen­ta­ti­on anzu­fer­ti­gen und Fra­gen zur Wer­bung von Pro­duk­ten zu beant­wor­ten. Auf der Grund­la­ge einer „Basis-Ver­ein­ba­rung“ und all­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen bie­tet die Beklag­te die „Mikro­jobs“ über eine Online-Platt­form an. Über einen per­sön­lich ein­ge­rich­te­ten Account kann jeder Nut­zer der Online-Platt­form auf bestimm­te Ver­kaufs­stel­len bezo­ge­ne Auf­trä­ge anneh­men, ohne dazu ver­trag­lich ver­pflich­tet zu sein. Über­nimmt der Crowd­wor­ker einen Auf­trag, muss er die­sen regel­mä­ßig bin­nen zwei Stun­den nach detail­lier­ten Vor­ga­ben des Crowd­sourcers erle­di­gen. Für erle­dig­te Auf­trä­ge wer­den ihm auf sei­nem Nut­zer­kon­to Erfah­rungs­punk­te gut­ge­schrie­ben. Das Sys­tem erhöht mit der Anzahl erle­dig­ter Auf­trä­ge das Level und gestat­tet die gleich­zei­ti­ge Annah­me meh­re­rer Auf­trä­ge. Der Klä­ger führ­te für die Beklag­te zuletzt in einem Zeit­raum von elf Mona­ten 2978 Auf­trä­ge aus, bevor sie im Febru­ar 2018 mit­teil­te, ihm zur Ver­mei­dung künf­ti­ger Unstim­mig­kei­ten kei­ne wei­te­ren Auf­trä­ge mehr anzu­bie­ten. Mit sei­ner Kla­ge hat er zunächst bean­tragt fest­zu­stel­len, dass zwi­schen den Par­tei­en ein unbe­fris­te­tes Arbeits­ver­hält­nis besteht. Im Ver­lauf des Rechts­streits kün­dig­te die Beklag­te am 24. Juni 2019 ein etwaig bestehen­des Arbeits­ver­hält­nis vor­sorg­lich. Dar­auf­hin hat der Klä­ger sei­ne Kla­ge, mit der er außer­dem ua. Ver­gü­tungs­an­sprü­che ver­folgt, um einen Kün­di­gungs­schutz­an­trag erwei­tert. Die Vor­in­stan­zen haben die Kla­ge abge­wie­sen. Sie haben das Vor­lie­gen eines Arbeits­ver­hält­nis­ses der Par­tei­en ver­neint. Die Revi­si­on des Klä­gers hat­te teil­wei­se Erfolg. Der Neun­te Senat des Bun­des­ar­beits­ge­richts hat erkannt, dass der Klä­ger im Zeit­punkt der vor­sorg­li­chen Kün­di­gung vom 24. Juni 2019 in einem Arbeits­ver­hält­nis bei der Beklag­ten stand…” BAG-Pres­se­mit­tei­lung vom 1. Dezem­ber 2020 externer Link zu 9 AZR 102/​20
    • Ange­stell­te der Platt­form: Das Bun­des­ar­beits­ge­richt in Erfurt ent­schied über den Beschäf­ti­gungs­sta­tus eines Crowd­wor­kers
      “… Bis­lang wur­den Crowd­wor­ker als Solo-Selb­stän­di­ge behan­delt, sie haben daher kei­ne Ansprü­che auf Lohn­fort­zah­lung im Krank­heits­fall, kei­nen Kün­di­gungs­schutz und müs­sen zudem für Alter und Gesund­heit selbst vor­sor­gen. Für die Unter­neh­men ist das ein gewal­ti­ger Kos­ten­vor­teil. Für die Auf­trag­neh­mer wird oft das Argu­ment erhöh­ter Fle­xi­bi­li­tät ins Feld geführt. Das mag für die Mehr­heit stim­men, für die Crowd­wor­king nur eine Neben­tä­tig­keit dar­stellt. Dem Crowd­wor­king-Moni­tor von 2018 zufol­ge arbei­te­te ein Drit­tel der Crowd­wor­ker aller­dings über 30 Stun­den pro Woche. Mit Bewer­tungs­sys­te­men und der Zugangs­kon­trol­le haben die Unter­neh­men zudem mäch­ti­ge Mit­tel in der Hand. Das führt dazu, dass bei Kon­flik­ten deren Betrei­ber am län­ge­ren Hebel sitzt und die Ein­kom­mens­si­cher­heit der Auf­trag­neh­mer pre­kär bleibt. Ein sol­cher Fall wur­de am Diens­tag erst­mals vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in Erfurt ver­han­delt. Der Klä­ger hat­te 14 Mona­te lang im Auf­trag eines Platt­form­un­ter­neh­mens gear­bei­tet und dabei die Waren­prä­sen­ta­ti­on an Tank­stel­len oder in Super­märk­ten mit Fotos und Tex­ten doku­men­tiert. In sei­ner Tätig­keit als Crowd­wor­ker hat­te der Mann zwi­schen 15 und 20 Stun­den pro Woche gear­bei­tet und damit durch­schnitt­lich 1750 Euro monat­lich ver­dient. Nach­dem es zu einem Kon­flikt über die Brauch­bar­keit von Fotos gekom­men war, sperr­te das Unter­neh­men im April 2018 das Benut­zer­kon­to des Klä­gers und bot ihm kei­ne wei­te­ren Auf­trä­ge mehr an. Dar­auf­hin zog er mit Hil­fe der IG Metall vor Gericht. Er woll­te fest­stel­len las­sen, dass er bei der Fir­ma fest­an­ge­stellt sei, zudem for­der­te er Ver­gü­tungs­zah­lun­gen sei­tens des Platt­form­be­trei­bers. Von den nie­de­ren Instan­zen wur­de er abge­wie­sen. For­mell sei der Klä­ger frei gewe­sen, Auf­trä­ge abzu­leh­nen, daher lie­ge kein Anstel­lungs­ver­hält­nis vor. Das BAG hat der Kla­ge nun statt­ge­ge­ben. (…) Bezüg­lich der vom Klä­ger gestell­ten Ver­gü­tungs­an­sprü­che ver­wies das BAG zurück an das Lan­des­ar­beits­ge­richt, dass sich nun erneut mit dem Fall befas­sen muss. Eine 2019 sei­tens des Unter­neh­mens vor­sorg­lich aus­ge­spro­che­ne Kün­di­gung erklär­te das BAG für rechtmäßig.Die Ent­schei­dung stel­le klar, »dass Crowd­wor­ker nicht gene­rell als Selbst­stän­di­ge anzu­se­hen sind«, sag­te die zwei­te Vor­sit­zen­de der IG Metall, Chris­tia­ne Ben­ner. Das sei zwar kein Prä­zen­denz­fall, kön­ne aber ermu­ti­gend auf ande­re Crowd­wor­ker wir­ken, ihren Sta­tus über­prü­fen zu las­sen. »Wir begrü­ßen außer­dem, dass das Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­ri­um es Crowd­wor­kern erleich­tern will, ihren Arbeit­neh­mer­sta­tus über­prü­fen zu las­sen und die Beweis­last umzu­keh­ren, falls der Crowd­wor­ker Indi­zi­en dafür anführt, Arbeitnehmer*in zu sein.«...” Arti­kel von Moritz Asche­mey­er vom 01.12.2020 beim ND online externer Link
    • Arbeits­schutz bei Online­platt­for­men: Gegen Aus­beu­tung von Crowd­wor­kern – Lie­fe­r­an­do & Co ste­hen schon lan­ge in der Kri­tik. Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Heil will nun gegen Bil­lig­löh­ne auf Digi­tal­platt­for­men vor­ge­hen.
      “… Dass Arbeit über digi­ta­le Platt­for­men ver­mit­telt wird, hat sich oft als hilf­reich und vor­teil­haft erwie­sen – nicht nur in der Coro­na­zeit. Nur: Für die Arbeiter:innen sind die Bedin­gun­gen manch­mal ziem­lich mise­ra­bel. Bil­lig­löh­ne, Schein­selbst­stän­dig­keit, kei­ne sozia­le Absi­che­rung sind Begleit­erschei­nun­gen die­ser digi­ta­len Fle­xi­bi­li­sie­rung. Lie­fe­r­an­do zahlt bei­spiels­wei­se nur knapp über dem Min­dest­lohn und ver­such­te in Köln die Wahl eines Betriebs­rats zu tor­pe­die­ren externer Link. Auch Essens­lie­fer­diens­te wie Foo­do­ra und Deli­ver­oo ste­hen immer wie­der in der Kri­tik, arbeits­recht­li­che Min­dest­stan­dards zu unter­wan­dern externer Link. Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Huber­tus Heil (SPD) möch­te nun die Arbeits­si­tua­ti­on der Plattformarbeiter:innen ver­bes­sern. Am Frei­tag leg­te er ein Eck­punk­te­pa­pier mit dem Titel „Fai­re Arbeit in der Platt­for­m­öko­no­mie“ vor. „Ich wer­de nicht zulas­sen, dass Digi­ta­li­sie­rung in der Platt­for­m­öko­no­mie mit Aus­beu­tung ver­wech­selt wird“, sag­te Heil. Allein auf die Selbst­re­gu­lie­rung der Unter­neh­men zu set­zen, wer­de nicht rei­chen. Für eine bes­se­re sozia­le Absi­che­rung will das Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­ri­um etwa, dass solo­selbst­stän­di­ge Platt­form­tä­ti­ge in die gesetz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung mit ein­be­zo­gen wer­den und die Platt­for­men sich an der Bei­trags­zah­lung betei­li­gen. Oder: Um bes­ser gegen Schein­selbst­stän­dig­keit vor­ge­hen zu kön­nen, soll bei Zwei­feln vor Gericht die Platt­form in der Pflicht sein, das Gegen­teil zu bewei­sen. Zudem sol­len je nach Dau­er Min­dest­kün­di­gungs­fris­ten fest­ge­schrie­ben wer­den – denn in der Pra­xis kön­nen Arbeiter:innen oft sehr kurz­fris­tig gekün­digt wer­den. (…) Nach einer EU-Erhe­bung bezie­hen 2,7 Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land ent­we­der min­des­tens die Hälf­te ihres Ein­kom­mens aus Platt­form­ar­beit oder arbei­ten min­des­tens zehn Stun­den pro Woche auf die­se Wei­se, wie das Minis­te­ri­um schreibt. Ande­re Stu­di­en kämen zu gerin­ge­ren Zah­len. Das Arbeits­feld scheint jeden­falls sehr hete­ro­gen zu sein. In einer Stu­die der Ber­tels­mann Stif­tung aus dem Jahr 2019 externer Link, für die rund 700 Plattformarbeiter:innen befragt wur­den, gaben 59 Pro­zent der Befrag­ten an, „sehr“ oder „eher“ zufrie­den mit die­ser Form der Arbeit zu sein. 31 Pro­zent hat­ten ein monat­li­ches Net­to­ein­kom­men von über 3.000 Euro zur Ver­fü­gung. Doch jeder vier­te Befrag­te muss­te mit weni­ger als 1.500 Euro zurecht­kom­men. Fast alle gaben an, nur neben­be­ruf­lich Platt­form­ar­beit zu leis­ten, um die Haupt­tä­tig­keit finan­zi­ell zu ergän­zen…“ Arti­kel von Jas­min Kal­arck­al vom 27.11.2020 in der taz online externer Link
  • Sie­he auch: Platt­for­m­öko­no­mie: Sind die Mikro­jobs die Vor­bo­ten eines neu­en Nied­rig­lohn­sek­tors?

Der Bei­trag Arbei­ten in der Platt­for­m­öko­no­mie. Über digi­ta­le Tage­löh­ner, algo­rith­mi­sches Manage­ment und die Fol­gen für die Arbeits­welt erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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