[labournet:] „Behörden-Telefonbuch“ – Bundesverfassungsgericht kippt Regelungen zur Bestandsdatenauskunft (für wie lange?)

Dossier

Bestandsdatenauskunft“Seit 2013 haben Bürgerrechtler:innen auf das Urteil gewar­tet, jetzt hat Karls­ru­he ent­schie­den (…) Die Kläger:innen wer­ten das Urteil als Erfolg für Daten­schutz und Pri­vat­sphä­re. [Katha­ri­na Nocun bei twit­ter:] “Das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur #Bestands­da­ten­aus­kunft ist auch vor dem Hin­ter­grund der wie­der­keh­ren­den Daten­miss­brauchs­skan­da­le bei Poli­zei und Geheim­diens­ten ein Erfolg. Für die Iden­ti­fi­zie­rung von Inter­net­nut­zern soll­ten hohe rechts­staat­li­che Hür­den gel­ten.” (…) Gegen­über netz​po​li​tik​.org sag­te Nocun, dass sie und Brey­er sich an eini­gen Stel­len mehr gewünscht hät­ten, „etwa einen gene­rel­len Rich­ter­vor­be­halt bei der Iden­ti­fi­zie­rung von Inter­net­nut­zern anhand der IP-Adres­se. […] Gera­de vor dem Hin­ter­grund wie­der­keh­ren­der Daten­miss­brauch­skan­da­le bei Poli­zei und Geheim­diens­ten braucht es stren­ge­re Vor­ga­ben für die Iden­ti­fi­zie­rung von Inter­net­nut­zern.“ Es brau­che auf der poli­ti­schen Ebe­ne ein stär­ke­res Bewusst­sein dafür, wie tief­grei­fend der Ein­griff in die Pri­vat­sphä­re der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger durch der­ar­ti­ge Befug­nis­se sei, so die Bür­ger­recht­le­rin. Der Gesetz­ge­ber dür­fe nicht immer den maxi­ma­len recht­li­chen Spiel­raum aus­nut­zen. Nocun betont in einem Tweet, dass man jetzt genau beob­ach­ten müs­se, wie der Gesetz­ge­ber das Urteil umset­ze. Selbst wenn das Gesetz dann recht­lich nicht mehr angreif­bar sei, müs­se in der Zivil­ge­sell­schaft wei­ter dis­ku­tiert wer­den, ob es auch poli­tisch ange­mes­sen sei…” Bei­trag von Jana Ball­we­ber vom 17. Juli 2020 bei Netz­po­li­tik externer Link, sie­he auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt selbst:

  • Bestands­da­ten: Bun­des­po­li­zei und Zoll sol­len auf Pass­wör­ter zugrei­fen dür­fen New
    “… Mit­te Juli hat­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) geur­teilt, dass der staat­li­che Zugriff auf Bestands­da­ten wie Name, Anschrift und E‑Mail-Adres­sen von Nut­zern begrenzt wer­den muss. Das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um (BMI) hat dazu jetzt einen Refe­ren­ten­ent­wurf vor­ge­legt. Damit will es aber nicht nur die Über­mitt­lungs­vor­schrif­ten für die Dienst­an­bie­ter und die Abruf­be­stim­mun­gen für Sicher­heits­be­hör­den kon­kre­ti­sie­ren, son­dern auch Befug­nis­se ins­be­son­de­re der Bun­des­po­li­zei und von Zoll­fahn­dern aus­wei­ten. (…) Das Vor­ha­ben gilt als eil­be­dürf­tig, da auf­grund der Ansa­ge aus Karls­ru­he auch der umstrit­te­ne Gesetz­ent­wurf zur “Bekämp­fung von Rechts­ex­tre­mis­mus und Hass­kri­mi­na­li­tät” auf Eis liegt. Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter Stein­mei­er (SPD) wei­ger­te sich Anfang Okto­ber, die vom Bun­des­tag im Juni beschlos­se­ne Initia­ti­ve zu unter­zeich­nen. Die Karls­ru­her Rich­ter hat­ten geur­teilt, dass “eine hin­rei­chend prä­zi­se Umgren­zung des Ver­wen­dungs­zwecks” von Bestands­da­ten zu gewähr­leis­ten sei. Laut dem “Anti-Hass-Gesetz” müs­sen Anbie­ter von Tele­me­di­en­diens­ten wie Whats­App, eBay, Face­book, Goog­le mit Gmail und You­Tube, Tin­der & Co. sen­si­ble Daten von Ver­däch­ti­gen wie IP-Adres­sen und – in der Regel ver­schlüs­selt gespei­cher­te – Pass­wör­ter künf­tig an Sicher­heits­be­hör­den her­aus­ge­ben. Der Gesetz­ge­ber will damit die Mög­lich­kei­ten zur Bestands­da­ten­aus­kunft aus­deh­nen. (…)Ins­be­son­de­re das Bun­des­kri­mi­nal­amt (BKA) – prin­zi­pi­ell aber auch ande­re Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den und Geheim­diens­te – könn­ten so etwa Ken­nun­gen, mit denen der Zugriff auf Nut­zer­kon­ten, End­ge­rä­te und auf davon räum­lich getrenn­te Spei­cher­ein­rich­tun­gen etwa in der Cloud geschützt wird, bei­spiels­wei­se von sozia­len Medi­en, Chat­diens­ten, Spie­le-Apps, Such­ma­schi­nen, Shops und pri­va­ten Sei­ten im Web, Web­mail-Diens­ten, Pod­casts und Flirt-Com­mu­nities abfra­gen. Das BMI will die­sen brei­ten Zugang zu Bestands­da­ten über den hei­se online vor­lie­gen­den Ent­wurf für das “Repa­ra­tur­ge­setz” nun auch der Bun­des­po­li­zei sowie dem Zoll­kri­mi­nal­amt und den Zoll­fahn­dungs­äm­ter eröff­nen. Deren Ermitt­ler dürf­ten die begehr­ten Infor­ma­tio­nen bis­lang nur bei Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­tern erhe­ben, bei Betrei­bern von Tele­me­di­en feh­le eine “expli­zi­te Befug­nis­norm”. Die­se Lücke wer­de jetzt “unter gleich­zei­ti­ger Anpas­sung an die Vor­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts durch die Neu­fas­sung geschlos­sen”. (…)Bis Diens­tag und so ins­ge­samt nur eine Woche haben Ver­bän­de Zeit, den gleich­zei­tig mit den ande­ren Res­sorts abzu­stim­men­den Ent­wurf zu kom­men­tie­ren. Im Rekord­tem­po soll das Vor­ha­ben noch vor Weih­nach­ten durch den Bun­des­tag und den Bun­des­rat geschleust wer­den. Nicht halt­ba­re Bestim­mun­gen aus dem gestopp­ten Anti-Hass-Gesetz wer­den dem Plan nach auf­ge­ho­ben, die über­ar­bei­te­ten ein­schlä­gi­gen Arti­kel “erneut ein­ge­bracht”…” Bei­trag von Ste­fan Krempl vom 28. Novem­ber 2020 bei hei­se online externer Link
  • Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt: Rege­lun­gen zur Bestands­da­ten­aus­kunft ver­fas­sungs­wid­rig
    “Mit heu­te ver­öf­fent­lich­tem Beschluss hat der Ers­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts § 113 des Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­set­zes (TKG) und meh­re­re Fach­ge­set­ze des Bun­des, die die manu­el­le Bestands­da­ten­aus­kunft regeln, für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt. Sie ver­let­zen die beschwer­de­füh­ren­den Inha­ber von Tele­fon- und Inter­net­an­schlüs­sen in ihren Grund­rech­ten auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung sowie auf Wah­rung des Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­heim­nis­ses (Art. 10 Abs. 1 GG). Die manu­el­le Bestands­da­ten­aus­kunft ermög­licht es Sicher­heits­be­hör­den, von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men Aus­kunft ins­be­son­de­re über den Anschlus­s­in­ha­ber eines Tele­fon­an­schlus­ses oder einer zu einem bestimm­ten Zeit­punkt zuge­wie­se­nen IP-Adres­se zu erlan­gen. Mit­ge­teilt wer­den per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten der Kun­den, die im Zusam­men­hang mit dem Abschluss oder der Durch­füh­rung von Ver­trä­gen ste­hen (soge­nann­te Bestands­da­ten). Nicht mit­ge­teilt wer­den dage­gen Daten, die sich auf die Nut­zung von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­diens­ten (soge­nann­te Ver­kehrs­da­ten) oder den Inhalt von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­vor­gän­gen bezie­hen. Die Ertei­lung einer Aus­kunft über Bestands­da­ten ist grund­sätz­lich ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­sig. Der Gesetz­ge­ber muss aber nach dem Bild einer Dop­pel­tür sowohl für die Über­mitt­lung der Bestands­da­ten durch die Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­ter als auch für den Abruf die­ser Daten durch die Behör­den jeweils ver­hält­nis­mä­ßi­ge Rechts­grund­la­gen schaf­fen. Über­mitt­lungs- und Abruf­re­ge­lun­gen müs­sen die Ver­wen­dungs­zwe­cke der Daten hin­rei­chend begren­zen, indem sie ins­be­son­de­re tat­be­stand­li­che Ein­griffs­schwel­len und einen hin­rei­chend gewich­ti­gen Rechts­gü­ter­schutz vor­se­hen. Der Senat hat klar­ge­stellt, dass die all­ge­mei­nen Befug­nis­se zur Über­mitt­lung und zum Abruf von Bestands­da­ten trotz ihres gemä­ßig­ten Ein­griffs­ge­wichts für die Gefah­ren­ab­wehr und die Tätig­keit der Nach­rich­ten­diens­te grund­sätz­lich einer im Ein­zel­fall vor­lie­gen­den kon­kre­ten Gefahr und für die Straf­ver­fol­gung eines Anfangs­ver­dachts bedür­fen. Fin­det eine Zuord­nung dyna­mi­scher IP-Adres­sen statt, muss die­se im Hin­blick auf ihr erhöh­tes Ein­griffs­ge­wicht dar­über hin­aus auch dem Schutz oder der Beweh­rung von Rechts­gü­tern von zumin­dest her­vor­ge­ho­be­nem Gewicht die­nen. Blei­ben die Ein­griffs­schwel­len im Bereich der Gefah­ren­ab­wehr oder der nach­rich­ten­dienst­li­chen Tätig­keit hin­ter dem Erfor­der­nis einer kon­kre­ten Gefahr zurück, müs­sen im Gegen­zug erhöh­te Anfor­de­run­gen an das Gewicht der zu schüt­zen­den Rechts­gü­ter vor­ge­se­hen wer­den. Die genann­ten Vor­aus­set­zun­gen wur­den von den ange­grif­fe­nen Vor­schrif­ten weit­ge­hend nicht erfüllt. Im Übri­gen hat der Senat wie­der­ho­lend fest­ge­stellt, dass eine Aus­kunft über Zugangs­da­ten nur dann erteilt wer­den darf, wenn die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für ihre Nut­zung gege­ben sind…” BVerfG- Pres­se­mit­tei­lung Nr. 61/​2020 vom 17. Juli 2020 externer Link vom Beschluss 1 BvR 1873/​13, 1 BvR 2618/​13 externer Link (Bestands­da­ten­aus­kunft II) vom 27. Mai 2020

Der Bei­trag „Behör­den-Tele­fon­buch“ – Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kippt Rege­lun­gen zur Bestands­da­ten­aus­kunft (für wie lan­ge?) erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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