[Autonomie Mag.:] Lockdown Interviews – Amazon

Das Ori­gi­nal wur­de bei Let´s Get Roo­ted! auf Eng­lisch ver­öf­fent­licht.

Im Novem­ber hör­ten wir von Wild­cat-Aktio­nen von Arbei­te­rIn­nen bei Ama­zon in Polen. [1] Genos­sIn­nen in Croy­don und Bris­tol schrie­ben Flug­blät­ter, um die gute Nach­richt unter den ein­hei­mi­schen Ama­zon-Arbei­te­rIn­nen zu ver­brei­ten. [2] In der Zwi­schen­zeit spra­chen wir mit einem Freund, der bei Ama­zon in Schott­land arbei­tet – wo es den Arbei­te­rIn­nen noch immer an Selbst­ver­trau­en fehlt, ähn­li­che Schrit­te zu unter­neh­men. Das Inter­view könnt ihr unten lesen. Es ist Teil einer grö­ße­ren Serie und wird Teil einer Bro­schü­re wer­den, die Anfang 2021 in Umlauf gebracht wer­den soll. [3] Wir wol­len in die sich ent­wi­ckeln­den Kämp­fe gegen den gegen­wär­ti­gen Angriff auf Löh­ne und Arbeits­plät­ze [4] ein­grei­fen und die selb­stän­di­ge Orga­ni­sie­rung der Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter för­dern. Kopf hoch!

Ich arbei­te in einem Sor­tier­zen­trum in Schott­land. Dort habe ich Anfang Sep­tem­ber begon­nen, bei Adec­co zu arbei­ten. Die meis­ten Leu­te im Lager sind Leih­ar­bei­te­rIn­nen. Covid spielt dort, wo ich arbei­te, eine gro­ße Rol­le. In die­ser Regi­on sind so vie­le arbeits­los oder beur­laubt, dass Ama­zon davon pro­fi­tie­ren kann. Die Men­schen strö­men auch aus Edin­burgh und Glas­gow in unser Ama­zon-Waren­la­ger. Eini­ge kom­men mit dem Shut­tle­bus des Unter­neh­mens. Im Ver­gleich zu Lon­don gibt es hier weni­ge migran­ti­sche Arbei­te­rIn­nen, viel­leicht ein Vier­tel der Beleg­schaft, aber sie alle spre­chen Eng­lisch.

Die Leu­te sagen wider­sprüch­li­che Din­ge wie “Wir kön­nen wirk­lich glück­lich sein, die­sen Job wäh­rend der Pan­de­mie zu haben” und “Ich will die­sen Job nicht, ich wer­de nach Weih­nach­ten gehen”. Einer mei­ner Freun­de, der auch hier arbei­tet, ist zum Bei­spiel Schwei­ßer, aber er sagt, dass es im Moment schwie­rig ist, Schwei­ßer­jobs zu fin­den. Inner­halb des Lagers gibt es eine strik­te 2‑Me­ter-Social-Distancing-Rege­lung. Sie ver­tei­len rote Kar­ten und dro­hen dir mit dem Raus­schmiss, wenn du dich nicht dar­an hältst. Aber es ist unmög­lich, sich an die­se Regel zu hal­ten. Die Arbeit die man dort leis­tet, setzt vor­aus, dass man in unmit­tel­ba­rer Nähe zu ande­ren ist. Wür­de die Regel tat­säch­lich ange­wandt wer­den, könn­te Ama­zon die Hälf­te sei­ner Auf­trä­ge nicht erfül­len. Die Leu­te sind gehetzt, wer­fen sich gegen­sei­tig Pake­te zu und die Mana­ger het­zen sie, damit sie sich beei­len. Gleich­zei­tig dro­hen sie damit, einen zu feu­ern. Ursprüng­lich sag­ten sie einem, nie­mand müs­se mehr als 15 kg heben, aber jetzt hebt jeder allein schwe­re­re Gegen­stän­de. Eini­ge haben sich auch schon dar­über beschwert.

Das ist im Moment das Frus­trie­rends­te; sie set­zen Gesund­heit und Sicher­heit als Waf­fe gegen einen ein. Das ist ein wich­ti­ges Werk­zeug in ihrer Hand, um Men­schen im Lager­haus zu dis­kri­mi­nie­ren. Es gibt Leu­te, deren Auf­ga­be es ist, mit einem gro­ßen Stock her­um­zu­lau­fen und “2 Meter Abstand” zu schrei­en. Wir nen­nen sie die “2‑Me­ter-Nazis”. Gleich­zei­tig gibt es auch Kon­trol­leu­re, die einen in über­füll­te Gän­ge zur Arbeit schi­cken. Sie set­zen dich unter Druck und sagen: “Es tut mir leid, aber du musst das tun”. Wenn du Streit mit ihnen hast, mel­den sie dich. Wir hat­ten letz­te Woche ein Tref­fen mit einem gro­ßen Betriebs­lei­ter, den wir nor­ma­ler­wei­se kaum sehen. Er sag­te, er sei ent­setzt über das Cha­os und den Man­gel an Social Distancing im Lager­haus. Er erzähl­te uns, dass er an sei­nem ers­ten Tag nach sei­nem Urlaub 50 Fah­rer ent­las­sen habe, weil sie sich nicht an die Social-Distancing-Regeln hiel­ten. Er hat uns ver­arscht, er hat kei­ne 50 Fah­rer ent­las­sen, aber er woll­te uns Angst ein­ja­gen.

Das ande­re Pro­blem ist, dass sie häu­fig Schich­ten strei­chen. Sie stell­ten im Okto­ber und Novem­ber zu vie­le Leu­te ein, um auf die Weih­nachts­zeit vor­be­rei­tet zu sein, was dazu führ­te, dass vor Dezem­ber vie­le Schich­ten gestri­chen wur­den. Im Durch­schnitt eine Schicht pro Woche. Manch­mal wer­den die Leu­te vor der Tür nach Hau­se geschickt. Oder sie las­sen einen her­ein­kom­men und sagen: “Set­zen Sie sich in die Kan­ti­ne und war­ten Sie”. Dann sagen sie: “Ent­schul­di­gung, jemand hat Mist gebaut, Sie müs­sen nach Hau­se gehen”. Sie bie­ten dir an, dir für die­sen Tag Urlaub zu geben – wenn du genug Urlaub ange­sam­melt hast – oder sie machen sich über dich lus­tig und sagen: “Ich kann Ihnen einen Tag Urlaub geben”, natür­lich unbe­zahlt! Das ist nur eine höf­li­che Art zu sagen: “Ver­piss dich”. Sie haben die Macht über dich. Es gibt eine Ver­ein­ba­rung, dass Ama­zon höhe­re Stun­den­sät­ze bezahlt als die ande­ren Lager­häu­ser im Indus­trie­ge­biet, aber das bedeu­tet nicht viel, wenn sie dei­ne Schich­ten strei­chen. Abge­se­hen von den Schich­ten ist der Kampf um die pünkt­li­che Bezah­lung der Über­stun­den, wie ein stän­di­ger Gue­ril­la­krieg mit dem Unter­neh­men.

Es gibt kei­ne gewerk­schaft­li­che Prä­senz. Die Leu­te haben viel­leicht von der GMB (Gene­ral, Muni­ci­pal, Boi­ler­ma­kers and Allied Tra­de Uni­on) gehört, vor allem aber, dass sie im Par­la­ment über Ama­zon dis­ku­tie­ren wol­len. Die meis­ten der sozia­lis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen, mit denen ich über Ama­zon gespro­chen habe, hat­ten Stan­dard­ant­wor­ten wie “Tre­te einer Gewerk­schaft bei” oder “Din­ge kön­nen nur durch staat­li­ches Ein­grei­fen geän­dert wer­den”.

Es gibt nicht viel kol­lek­ti­ven Wider­stand. Es gab zwei Vor­fäl­le, wo Leu­te sag­ten, “wir soll­ten eine Grup­pe grün­den”, als ihnen die Schich­ten gestri­chen wur­den. Die Leu­te schlu­gen eine Peti­ti­on vor, aber das wür­de bedeu­ten, dass sie die Namen von Leu­ten nen­nen müss­ten. Dadurch wür­den die­se Leu­te aber viel­leicht noch weni­ger Schich­ten bekom­men. Ein­mal, als ich an der Tür ange­hal­ten wur­de, war­te­ten vier, fünf von uns und sag­ten dem Mana­ger, er sol­le sich um einen Job für uns küm­mern. Es herrsch­te ein gewis­ses Maß an Mili­tanz, aber im Grun­de genom­men mit dem Ziel, Arbeit zu bekom­men. Es wur­de sich jedoch gewei­gert, ein­fach nach Hau­se zu gehen. Die Men­schen sind sich der ande­ren Kämp­fe bei Ama­zon, die inter­na­tio­nal geführt wer­den, nicht bewusst. Vie­le die vor kur­zem erst begon­nen haben, wis­sen auch nicht, dass Ama­zon wäh­rend des ers­ten Lock­down einen Bonus gezahlt hat.

Ama­zon hat uns allen gesagt, dass wir jeden Tag zwei Stun­den län­ger arbei­ten müs­sen (natür­lich ohne Vor­ankün­di­gung), um die gestie­ge­nen Bestell­men­gen zu bewäl­ti­gen. Vie­le von uns haben sich gewei­gert, haben ihnen ein­fach gesagt, dass wir das nicht schaf­fen kön­nen und wir plan­mä­ßig nach Haus gehen. Es gibt zwei­fel­los ein zuneh­men­des Gefühl der Ver­ach­tung gegen­über Adec­co und Ama­zon.

Das wären Din­ge für ein Flug­blatt.

[1]

https://www.ozzip.pl/english-news/item/2718–2‑000-pln-for-everyone-polish-amazon-workers-demand-bonus

[2]

https://​lets​ge​troo​ted​.wor​d​press​.com/​2​0​2​0​/​1​1​/​2​1​/​l​e​a​f​l​e​t​-​o​n​-​c​u​r​r​e​n​t​-​w​i​l​d​c​a​t​-​a​c​t​i​o​n​s​-​a​t​-​a​m​a​z​o​n​-​p​o​l​a​nd/

[3]

https://​lets​ge​troo​ted​.wor​d​press​.com/​2​0​2​0​/​0​7​/​0​7​/​i​n​t​e​r​v​i​e​w​-​s​e​r​i​e​s​-​w​o​r​k​e​r​s​-​p​o​w​e​r​-​d​u​r​i​n​g​-​t​h​e​-​l​o​c​k​d​o​wn/

[4]

https://​www​.thi​sis​mo​ney​.co​.uk/​m​o​n​e​y​/​m​a​r​k​e​t​s​/​a​r​t​i​c​l​e​-​9​0​2​1​1​8​1​/​B​T​-​s​t​a​f​f​-​h​e​a​d​-​s​t​r​i​k​e​-​n​e​w​-​W​i​n​t​e​r​-​D​i​s​c​o​n​t​e​n​t​-​l​o​o​m​s​.​h​tml

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