[LCM:] Wahlen in Moldawien: Mal wieder eine „proeuropäische Wende“

Nach den Prä­si­dent­schaft­wah­len in Mol­da­wi­en spielt sich dort ein Macht­kampf zwi­schen Maia San­du von der Par­tei „Akti­on und Soli­da­ri­tät“ (PAS) und Igor Dodon von der Par­tei der Sozia­lis­ten der Repu­blik Mol­dau (PSRM) ab. Bei­de geba­ren sich als Korruptionsbekämpfer:innen und posi­tio­nie­ren sich gegen den ein­fluss­rei­chen Olig­ar­chen Vla­di­mir „Vlad“ Pla­hot­niuc.

Vor den Par­la­ments­ge­bäu­den in der mol­da­wi­schen Haupt­stadt Chișinău demons­trie­ren hun­der­te von Men­schen. Sie for­dern die Auf­lö­sung des Par­la­ments und sofor­ti­ge Neu­wah­len. Bei der auf­ge­brach­ten Men­schen­men­ge han­delt es sich um die Anhänger:innen der am 16. Novem­ber zur Prä­si­den­tin gewähl­ten Poli­ti­ke­rin Maia San­du von der libe­ra­len Par­tei „Akti­on und Soli­da­ri­tät“ (Par­ti­dul Acți­u­ne și Soli­da­ri­ta­te,  PAS). San­du gewann im zwei­ten Wahl­gang mit 57,72, steht jedoch einer feind­li­chen Par­la­ments­mehr­heit gegen­über. Die von den Demonstrant:innen ver­lang­ten Neu­wah­len sol­len die Situa­ti­on ändern.

Vom antio­lig­ar­chi­schen Alli­anz zur Neu­auf­la­ge des Kamp­fes um die Wahl der Anleh­nungs­macht

Die Har­vard-Absol­ven­tin San­du hat­te bereits vom 8. Juni bis zum 14. Novem­ber 2019 das laut Ver­fas­sung ent­schei­den­de Amt des Pre­mier­mi­nis­ters inne, doch ihr Koali­ti­ons­part­ner, die Par­tei der Sozia­lis­ten der Repu­blik Mol­dau (Par­ti­dul Socia­liș­tilor din Repu­bli­ca Mol­d­o­vaPSRM) des bis­he­ri­gen Prä­si­den­ten Igor Dodon kün­dig­te das Bünd­nis auf und ent­zog der Regie­rung die Mehr­heit. Zur Regie­rungs­chefin wur­de San­du damals durch die Pro­tes­te im Som­mer 2019. Damals einig­ten sich die als pro-rus­sisch gel­ten­de PSRM und ver­schie­de­ne pro­west­lich-libe­ra­le Kräf­te gegen die Macht des Olig­ar­chen Vla­di­mir (Vlad) Pla­hot­niuc.

Obwohl sei­ne Demo­kra­ti­schen Par­tei Mol­d­aus (Par­ti­dul Demo­crat din Mol­d­o­va, PDM) offi­zi­ell kei­ne Mehr­heit im Par­la­ment besaß, kon­trol­lier­te Pla­hot­niuc fak­tisch nicht nur das Par­la­ment, son­dern auch das Ver­fas­sungs­ge­richt. In Mol­da­wi­en kam Tren­nung von poli­ti­scher Gewalt und öko­no­mi­scher Pri­vat­macht nie zu Stan­de – was von den west­li­chen Betreuer:innen der „Trans­for­ma­ti­on“ vom Real­so­zia­lis­mus zur Markt­wirt­schaft stets bemän­gelt wur­de. Als Pla­hot­niuc eine Wahl­rechts­re­form, die ihm Mehr­heit sichern soll­te in die Wege lei­te­te und den Prä­si­den­ten Dodon fak­tisch ent­mach­te­te, kam eine Koali­ti­on von San­dus PAS und Dodons PSRM zustan­de. Pla­hot­niuc muss­te aus dem Land flie­hen, doch das im Febru­ar 2019 gewähl­te Par­la­ment blieb und dort ent­schei­den weni­ger die Mehr­heits­ver­hält­nis­se der Frak­tio­nen, son­dern Pla­hot­niucs Gel­der.

Dodon und San­du beschul­dig­ten sich gegen­sei­tig nicht nur der Kor­rup­ti­on, son­dern spra­chen ein­an­der über­haupt ab, ernst­haft für die Unab­hä­nig­keit des Lan­des ein­zu­ste­hen. Wie es in pro­west­li­chen Krei­sen Mol­da­wi­ens üblich ist, bekennt sich San­du zur rumä­ni­schen Iden­ti­tät und hält die „mol­da­wi­sche Spra­che” für ein Kon­strukt der sowje­ti­schen Poli­tik. Das ist aus der Sicht von Dodon und mol­da­wi­schen „Lin­ken” – die sich in vie­len Fra­gen eher wert­kon­ser­va­tiv gebäh­ren – ein Ver­rat. Umge­kehrt gilt das glei­che: Dodons Fest­hal­ten an sowje­ti­schen Geschichts­nar­ra­ti­ven, sei­ne Ver­tei­di­gung des Mol­da­wi­schen als eigen­stän­di­ger Spra­che, sein demons­tra­ti­ves Bekennt­nis zur Freund­schaft mit Russ­land gilt sei­nen Gegner:innen als ein siche­rer Beweis dafür, dass er eine „Mario­net­te des Kremls” ohne Sinn für Natio­na­les sei.

Der gan­ze ideo­lo­gi­sche Kon­flikt um die rich­ti­ge Aus­le­gung des Natio­na­lis­mus hat jedoch ganz mate­ri­el­le Demen­si­on. Denn seit der Unab­hän­gig­keit der ehe­mah­li­gen Sowjet­re­pu­blik müs­sen immer mehr ihre Bürger:innen ihren Lebens­un­ter­halt im Aus­land ver­die­nen. Die chro­ni­sche Abhän­gig­keit Mol­da­wi­ens vom Visums­re­gime der EU und Russ­lands schlägt sich auch im Wahl­ver­hal­ten nie­der. Die in der EU arbei­ten­den Moldawier:innen stimm­ten geschlos­sen für San­du ab. Da sie als Putz- und Ser­vice­kräf­te, als Bauarbeiter:innen oder Sexworker:innen eben die Welt­wäh­rung Euro nach Hau­se über­wei­sen, sind sie ein wich­ti­ger Fak­tor des Poli­tik- und Wirt­schafts­le­ben im ärms­ten Staat Euro­pas. Dodon ver­such­te dage­gen mit sei­nen Erfol­gen in Ver­hand­lun­gen um Kre­di­te aus Russ­land zu punk­ten.

Die Koali­ti­on zwi­schen San­du und Dodon zer­fiel, als die PSRM ein Gesetz ein­brach­te, das vor­sah, dass Super­märk­te 50 % des Sor­ti­ments von den hei­mi­schen Produzent:innen bezie­hen müs­sen – ein Ver­such die hei­mi­sche Land­wirt­schaft zu ret­ten. Denn die­se lei­det stark unter von Russ­land ver­häng­ten Ein­fuhr­be­schrän­kun­gen. San­du ver­wei­ger­te jedoch die Zustim­mung zum Gesetz mit dem Ver­weis auf Auf­la­gen der EU – denn ihre Par­tei sieht Mol­da­wi­ens Zukunft nur in der Mit­glied­schaft in der Euro­päi­schen Uni­on.

Dar­auf­hin stimm­ten Dodons „Sozia­lis­ten“ zusam­men mit Pla­hot­niucs PDM ab und setz­ten eine Regie­rung der „unab­hän­gi­gen Exper­ten“ unter dem par­tei­lo­sen Dodon-Bera­ter Ion Chi­cu ein. Das konn­te San­du im Wahl­kampf als Beweis für Dodons Ver­rat an den dekla­rier­ten „antio­lig­ar­chi­schen“ Zie­len aus­schlach­ten.

Zudem war das pro-rus­si­scher Lager im Wahl­kampf gespal­ten, Platz drei beleg­te mit 16, 90 % Rena­to Usa­tîi, der Bür­ger­meis­ter der Stadt Bălți. Obwohl sei­ne „Unse­re Par­tei“ (Par­ti­dul Nostru, PN) es bei den letz­ten Wah­len gar nicht ins Par­la­ment schaff­te, punk­te­te er unter der rus­sisch­spra­chi­gen Bevöl­ke­rung und unter Jugend­li­chen von Land mit sei­nen Hass­ti­ra­den auf den Wes­ten und die Kor­rup­ti­on. Mit San­du eint ihn die Wut auf den „Ver­rä­ter” Dodon. Sein Ruf als pro­rus­si­scher Poli­ti­ker wird aller­dings dadurch rela­ti­viert, dass er von den rus­si­schen Behör­den wegen ille­ga­len Finanz­trans­ak­tio­nen gesucht wird.

San­dus Ver­si­on und mol­da­wi­sche Rea­li­tät

Die Bestands­auf­nah­me und das Pro­gramm der desi­gnier­ten Prä­si­den­tin las­sen sich kurz zusam­men­fas­sen. Die Ursa­che aller Pro­ble­me in Mol­da­wi­en sei die Kor­rup­ti­on. Wenn man statt­des­sen rich­tig fai­re Kon­kur­renz eta­blie­re, sich allen Anfor­de­run­gen der EU und des IWF beu­ge, wer­de die Repu­blik irgend­wann das Lebens­ni­veau der rei­chen euro­päi­schen Län­der errei­chen.

Im Inter­view mit dem ukrai­ni­schen Jour­na­lis­ten Dmi­tri Gor­don am 12. Novem­ber kün­dig­te San­du ihre Agen­da als Prä­si­den­tin an: „das Gerichts­sys­tem und die Staats­an­walt­schaft zu säu­bern” und die Ver­tei­di­gung der Inter­es­sen der „ehr­li­chen” Unternehmer:innen, die nicht län­ger vom olig­ar­chen­hö­ri­gen Staat dran­ga­li­siert wer­den soll­ten. „Ich wer­de die ernst­haf­te Anwäl­tin des mol­da­wi­chen Busi­ness sein!”. Nicht der eige­nen Geschäfts­in­ter­es­sen, wie die „poli­ti­sche Klas­se”, die sie säu­bern möch­te, son­dern eben Anwäl­tin des Rechts auf kapi­ta­lis­ti­sches Wirt­schaf­ten an sich.

So viel guten Wil­len sol­len die west­li­chen Demo­kra­tien nach ihrer Vor­stel­lung beloh­nen, indem sie hel­fen die rus­si­schen „Frie­dens­trup­pen” aus der inter­na­tio­nal nicht aner­kann­ten Repu­blik Trans­nis­tri­en zum Abzug zu zwin­gen.

Weder die durch­wach­se­ne Erfol­ge die­ser Stra­te­gie in ande­ren post­so­wje­ti­schen Repu­bli­ken, noch die Tat­sa­che, dass sich die Geschäfts­welt Mol­da­wi­ens schlicht nicht in „böse Kor­rup­te” und „ehr­li­che Unter­neh­mer” sor­tie­ren lässt, da Kon­tak­te zur Poli­tik für erfolg­rei­ches Kapi­ta­list­sein unver­zicht­bar sind und die Par­tei­en häu­fig als Eigen­tum der Olig­ar­chen fun­gie­ren, kön­nen San­du ins Zwei­feln brin­gen. Dass auch Pla­hot­niuc sich zur West­in­te­gra­ti­on bekann­te, wäh­rend er den Staat zum Instru­ment sei­ner pri­vat­wirt­schaft­li­che Inter­es­sen mach­te, erklärt San­du schlicht damit, dass er und ihm nahe­ste­hen­de Politiker:innen „ver­lo­gen” sei­en. Wenn die erneu­er­ten Gerich­te end­lich die alte poli­ti­sche Klas­se kräf­tig durch­säu­ber­ten, wür­de im armen Mol­da­wi­en auf ein­mal kräf­tig Kapi­tal akku­mu­liert, so die Logik von San­dus Erneue­rungs­pro­gramm.

Ihre Gegner:innen mobi­li­sie­ren gegen sie mit Ängs­ten vor „Lock­down-Poli­tik” nach euro­päi­schen Vor­blid, vor Ver­lust der Unab­hän­gig­keit oder „west­li­chem Sit­ten­ver­fall”. Die Abhän­gig­keit Mol­da­wi­ens von Russ­land wird als Argu­ment gegen San­dus EU-Plä­ne posi­tiv gewen­det.

Kampf um die Kom­pe­ten­zen

Noch bevor San­du ihr – laut der aktu­el­len Ver­fas­sung in Kom­pe­ten­zen sowie­so stark ein­ge­schränk­tes – Amt als Prä­si­den­tin antre­ten konn­te, beschloss das Par­la­ment immer neue Geset­ze, die die Macht beim Par­la­ment selbst und der Regie­rung kon­zen­triert. So soll unter ande­rem der Geheim­dienst SIS nun nicht mehr der Staats­chefin, son­dern dem Par­la­ment unter­stellt wer­den. Zudem kann das Ver­fas­sungs­ge­richt die Amts­füh­rung des Prä­si­den­ten immer wie­der unter­bre­chen. Da die Abge­ord­ne­ten im mol­da­wi­schen Par­la­ment bestän­dig die Frak­tio­nen wech­seln, war die Bedeu­tung der Wahl­er­geb­nis­se in der Repu­blik schon seit lan­gem rela­tiv klein. San­du spricht dem Par­la­ment, in dem nach wie vor eine Pla­hot­niuc-höri­ge Mehr­heit exis­tiert, offen die Legi­ti­mi­tät ab.

Ähn­lich wie ihr ukrai­ni­scher Amts­kol­le­ge Wolo­dym­yr Selen­skyj, der eben­falls mit Anti­kor­rup­ti­ons­pa­ro­len an die Macht kam, stellt San­du fest, dass die Legis­la­ti­ve und die Judi­ka­ti­ve in ihrem Staat ein ein­zi­ges Instru­ment der Olig­ar­chie sei­en, die Abge­or­den­te und Richter:innen frak­ti­ons­über­grei­fend mit Bestechung und Erper­es­sung dazu bringt in ihrem Sin­ne abzu­stim­men. Als Mit­tel dage­gen fällt den selbst­er­klär­ten Held:innen des Anti­kor­rup­ti­ons­kamp­fes San­du und Dodon vor allem die Stär­kung der Prä­si­di­al­macht ein. Schon vor zwan­zig Jah­ren hat der Lieb­lings­feind der bei­den, der rus­si­sche Prä­si­dent Wla­di­mir Putin im Bezug auf sein Land und das dor­ti­gen Par­la­ment sehr ähn­li­che Schlüs­se gezo­gen.

# Titel­bild: Jen­ni­fer Jac­quemart, Euro­päi­sche Uni­on, 2019, Maia San­du

Der Bei­trag Wah­len in Mol­da­wi­en: Mal wie­der eine „pro­eu­ro­päi­sche Wen­de“ erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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