[LCM:] Kein Land in Sicht? Corona vs. Capitalism

Die gegen­wär­ti­gen Maß­nah­men zur Ein­däm­mung der Coro­na-Pan­de­mie füh­ren uns deut­li­cher denn je vor Augen, wel­che Posi­ti­on die Men­schen in der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft ein­neh­men: sie sind das Anhäng­sel ihrer Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se, die zwar von ihnen täg­lich gemacht, doch nicht von ihnen kon­trol­liert wer­den. Sie sol­len für mög­lichst wenig Geld arbei­ten, für mög­lichst viel Geld kon­su­mie­ren und die­ses Leben als das alter­na­tiv­los beju­beln. Unver­fro­ren appel­lie­ren Politiker*innen aller Cou­leur an die Soli­da­ri­tät der Bevöl­ke­rung, die dar­in bestehen soll, alles was Geld gene­riert wei­ter­zu­be­trei­ben und alles ande­re zu unter­las­sen. Der Weih­nachts­ein­kauf wird zum „patrio­ti­schen Akt“ (Peter Alt­mai­er) und die Sphä­re der Arbeit bleibt – egal, wie spin­ne­feind sich die Politiker*innen in allen sons­ti­gen Fra­gen der Pan­de­mie-Bekämp­fung sind – unan­ge­tas­tet. Der Kapi­ta­lis­mus ist zur „zwei­ten Natur“ (Marx) gewor­den und auf die lässt sich offen­bar noch weni­ger Ein­fluss neh­men als auf die ers­te, gegen deren Unan­nehm­lich­kei­ten zumin­dest noch ein Impf­stoff ent­wi­ckelt wer­den kann. Und da der noch nicht für alle da ist, aber die Räder der Fabrik und die Droh­nen bei Ama­zon nie­mals still­ste­hen dür­fen, müs­sen vie­le Fami­li­en nun in Kauf neh­men, dass ein Groß­el­tern­teil nicht nur die­ses Jahr, son­dern nie mehr mit unter dem Weih­nachts­baum sit­zen wird. Schuld dar­an trägt aber in den öffent­li­chen Erklä­run­gen nicht etwa die aus­beu­ten­de Klas­se, die Men­schen zwingt, in über­füll­ten S‑Bahnen zu ihren Arbeits­stät­ten ohne ernst zu neh­men­de Hygie­nekon­zep­te zu fah­ren, son­dern chro­no­lo­gisch in die­ser Rei­hen­fol­ge: Fami­li­en­fei­ern, alko­ho­li­sier­te Jugend­li­che und Glühweintrinker*innen. Tritt man für einen Moment aus dem Spek­ta­kel der Coro­na-Bericht­erstat­tung zurück, in der man täg­lich mit den neus­ten Fall­zah­len, dem aktu­ells­ten Streit zwi­schen Bund und Län­dern und der letz­ten Ermah­nung von Mar­kus Söder bom­bar­diert wird, fällt es einem täg­lich schwe­rer nach­zu­voll­zie­hen, war­um mitt­ler­wei­le nicht der*die letz­te Politiker*in aus dem Amt gejagt, das Kapi­tal ent­eig­net und die­se Pan­de­mie besiegt ist. Zumin­dest letz­te­res ist in vie­len ande­ren Län­dern schon seit Län­ge­rem der Fall.

Es ist offen­sicht­lich: die all­täg­li­che Bar­ba­rei des Kapi­ta­lis­mus spitzt sich im Zuge der Coro­na-Pan­de­mie wei­ter zu. Und auch dar­aus macht die bür­ger­li­che Pres­se kei­nen Hehl. So resü­miert die FAZ die öko­no­mi­schen Ver­än­de­run­gen des letz­ten Jah­res: „Das Virus bringt Elend und Armut in die Welt. Unter­neh­men gehen Plei­te, Arbeits­plät­ze ver­lo­ren. Das ist die eine Sei­te der Pan­de­mie. Auf der ande­ren Sei­te steht der Glanz jener Unter­neh­men, die von der Coro­na­kri­se pro­fi­tie­ren. Dies sind vor allem die Vor­rei­ter aus der digi­ta­len Welt, die mit zer­stö­re­ri­scher Kraft lang eta­blier­te Geschäfts­mo­del­le zum Kol­laps brin­gen. Die­sen Trend gab es schon vor Coro­na. Aber das Virus hat ihn beschleu­nigt.“ Wäh­rend der Groß­teil der Pfleger*innen, die zu Beginn des Jah­res von deut­schen Bal­ko­nen beklatscht wur­den, heu­te kei­nen Cent mehr ver­dient und dafür auch noch län­ger arbei­ten muss, kam es unter den Super­rei­chen zu einer Ver­mö­gens­stei­ge­rung, des­sen Dimen­sio­nen sich, wenn über­haupt, nur noch durch gewitz­te Rechen­spiel­chen begrei­fen las­sen. So könn­te etwa Jeff Bezos jedem*r sei­ner welt­weit 840.400 Mitarbeiter*innen über 100.000 Dol­lar schen­ken und wäre noch immer so reich wie zu Beginn der Pan­de­mie im März die­ses Jah­res.

Die ande­re Sei­te des sozio­öko­no­mi­schen Gefäl­les, das Elend die­ser Welt, lässt sich dage­gen ohne gedank­li­che Hilfs­kon­struk­tio­nen begrei­fen. Nach Schät­zun­gen der Welt­bank wer­den bis Ende des Jah­res bis zu 115 Mil­lio­nen Men­schen mehr als im letz­ten Jahr in die abso­lu­te Armut gedrängt, was heißt, dass sie mit weni­ger als 1,90 Dol­lar pro Tag leben müs­sen. Sie sind nicht mehr in der Lage, ihre Grund­be­dürf­nis­se zu befrie­di­gen und müs­sen dau­er­haft um das eige­ne Über­le­ben kämp­fen. Und auch das Elend in den euro­päi­schen Flücht­lings­la­gern wur­de in der ver­gan­ge­nen Woche wie­der sehr plas­tisch, als Ärzt*innen aus Moria berich­te­ten, dass sie in ers­ter Linie Kin­der behan­deln müs­sen, deren Extre­mi­tä­ten in der Nacht von Rat­ten ange­knab­bert wer­den, die in den unhy­gie­ni­schen Zustän­den der Lager – im Gegen­satz zu den dar­in leben­den Men­schen – die idea­len Lebens­be­din­gun­gen vor­fin­den. Ob die­se Mel­dung es bis dato nicht in die bür­ger­li­che Pres­se schaff­te, weil sie die sowie­so schon getrüb­te weih­nacht­li­che Stim­mung noch wei­ter ver­miest hät­te, lässt sich wohl nicht end­gül­tig beur­tei­len. Das Elend an den Toren Euro­pas nach und nach aus der öffent­li­chen Bericht­erstat­tung ver­schwin­den zu las­sen, scheint auf jeden Fall schon seit Län­ge­rem auf der Agen­da der gro­ßen Medi­en­kon­zer­ne zu ste­hen.

Die kur­ze Hoff­nung, dass sich die Din­ge im Zuge der jet­zi­gen Kri­se viel­leicht doch ein­mal zum Bes­se­ren wen­den könn­ten, die zu Beginn der Coro­na-Pan­de­mie für einen Moment zu ver­spü­ren war, ist auf jeden Fall ver­flo­gen. Statt­des­sen müs­sen wir bilan­zie­ren, dass die Welt genau­so bar­ba­risch geblie­ben ist, wie sie davor war. Die­se grund­le­gends­te Erkennt­nis über die Gegen­wart zu ver­leug­nen und auch aus der letz­ten Schei­ße noch die Hoff­nung auf Gold zu machen, gehört zu den wesent­li­chen Auf­ga­ben bür­ger­li­cher Ideo­lo­gie. So schreibt das Sprin­ger-Blatt Die Welt im Hin­blick auf die ver­hee­ren­den Fol­gen der Coro­na-Pan­de­mie im glo­ba­len Süden: „Mit­un­ter kann die Kri­se sogar als Chan­ce wir­ken. So hät­ten Län­der wie Ecua­dor, die Phil­ip­pi­nen und Ugan­da nach Ansicht der Welt­bank die Gele­gen­heit genutzt und wich­ti­ge regu­la­to­ri­sche Refor­men auf den Weg gebracht und ihre Inves­ti­tio­nen in die Digi­ta­li­sie­rung erhöht.“ Die jüngs­te Kri­se bie­tet also erneut die Chan­ce, sich für die Kon­kur­renz auf dem Welt­markt zu wapp­nen, um irgend­wann nicht mehr zu den Ver­lie­rern gehö­ren zu müs­sen. Denn es ist wie in der Bun­des­li­ga: wenn sich nur alle Teams genug anstren­gen, wer­den am Ende alle deut­scher Meis­ter.

Im Spott über den deut­schen Idea­lis­mus, der es nie­mals geschafft hat, die mate­ri­el­len Ursa­chen des Elends der Welt ins Auge zu fas­sen, schrieb Karl Marx bereits vor über 170 Jah­ren fol­gen­des Gleich­nis nie­der: „Ein wack­rer Mann bil­de­te sich ein­mal ein, die Men­schen erträn­ken nur im Was­ser, weil sie vom Gedan­ken der Schwe­re beses­sen wären. Schlü­gen sie sich die­se Vor­stel­lung aus dem Kop­fe, etwa indem sie die­sel­be für eine aber­gläu­bi­ge, für eine reli­giö­se Vor­stel­lung erklär­ten, so sei­en sie über alle Was­sers­ge­fahr erha­ben. Sein Leben lang bekämpf­te er die Illu­si­on der Schwe­re, von deren schäd­li­chen Fol­gen jede Sta­tik ihm neue und zahl­rei­che Bewei­se lie­fer­te.“ Der Idio­tie des wack­ren Man­nes ent­spricht heu­te der öffent­li­che Dis­kurs über die Refor­mier­bar­keit die­ses Sys­tems, der per­ma­nent und im Zuge von Kri­sen noch etwas lau­ter zu ver­neh­men ist. So wie dem wack­ren Mann, die Ursa­che des Ertrin­kens nie­mals in der Schwer­kraft zu lie­gen scheint, so wenig sind es für die Apologet*innen des Kapi­ta­lis­mus die Geset­ze die­ser Pro­duk­ti­ons­wei­se, die das täg­li­che Elend erzeu­gen. Und so wird, anstatt die­sen Irr­sinn end­lich zu been­den, in jeder Kri­se aufs Neue nach dem bis­her über­se­he­nen Kniff gesucht, der die kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft zu einer lebens­wer­ten Gesell­schaft für alle wer­den lässt – den Kapi­ta­lis­mus also nicht mehr so funk­tio­nie­ren lässt, wie er nach den Erkennt­nis­sen jeder ernst zu neh­men­den Ana­ly­se funk­tio­niert.

Das staat­li­che Han­deln wäh­rend der momen­ta­nen Kri­se gibt einen Aus­blick, was uns bezüg­lich der noch viel ver­hee­ren­de­ren Ver­wer­fun­gen im Zuge des Kli­ma­wan­dels erwar­ten wird. Das Sys­tem muss geret­tet wer­den, egal wie vie­le Men­schen dafür ster­ben. Um im Bil­de zu blei­ben: Das Boot, in dem wir laut Poli­tik alle gemein­sam sit­zen, ist die Tita­nic. Die wird – ent­ge­gen aller ande­ren Ver­laut­ba­run­gen – unter­ge­hen und die Ret­tungs­boo­te wer­den dann bereits für die 1. Klas­se reser­viert sein. Statt dem Orches­ter spielt auf dem Deck dann wahr­schein­lich ein DJ, der ver­sucht, den Unter­gang des Schif­fes noch in letz­ter Sekun­de weg­zu­bas­sen. Um das zu ver­hin­dern, braucht es die Ein­sicht in die Schwer­kraft und dann die Meu­te­rei.

# Titel­bild: Metro Centric, CC BY-NC 2.0, Capi­ta­lism Kills

Der Bei­trag Kein Land in Sicht? Coro­na vs. Capi­ta­lism erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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