[LCM:] Gennadi Kernes – Der andere Berliner Patient

Am 17. Dezem­ber ver­starb in der Ber­li­ner Cha­ri­té mit 61 Jah­ren Gen­na­di Adol­fo­witsch Ker­nes an den Fol­gen einer COVID-19-Infek­ti­on. Der Bür­ger­meis­ter von Char­kow war eine der mar­kan­tes­ten Figu­ren der ukrai­ni­schen Poli­tik der letz­ten Jahr­zehn­te. Anhand sei­nes Lebens­laufs lässt sich die Ent­wick­lung des post­so­wje­ti­schen Kapi­ta­lis­mus bes­ser ver­ste­hen.

Die ursprüng­li­che Akku­mu­la­ti­on

Der 1959 im Char­kow gebo­re­ne Gen­na­di Ker­nes schlug sich nach dem Abschluss einer Berufs­schu­le mit Gele­gen­heits­jobs durch, bis er ein Geschäfts­mo­dell ent­wi­ckel­te, das in einem Staat, der pri­va­te unter­neh­me­ri­sche Tätig­keit für immer abschaf­fen woll­te, schnel­len, wenn auch ille­ga­len Reich­tum ver­sprach. Die Sowjet­uni­on ver­bat ihren Bürger:innen den Besitz von Devi­sen, bot aber gleich­zei­tig für die aus­län­di­sche Tourist:innen begehr­te, weil in Ein­zel­han­del kaum vor­han­de­ne Waren in spe­zi­el­len Läden an um an har­te Welt­wäh­run­gen zu kom­men. Um die­se Läden her­um blüh­te ein Schwarz­markt für Devi­sen und „Zer­ti­fi­ka­te“, die zum Betre­ten der Läden berech­tig­ten. Die Sowjetbürger:innen, die in den Wes­ten aus­wan­dern woll­ten, ver­such­ten ihre Wert­sa­chen gegen im neu­en Leben drin­gend benö­tig­te Dol­lar ein­zu­tau­schen. Und genau die­se Dol­lars behaup­te­ten Ker­nes und sei­ne Geschäfts­part­ner anzu­bie­ten. Als beson­ders effek­tiv erwies sich, wenn wäh­rend Über­ga­be ein woher geschmier­te Mili­zio­när (sowje­ti­sche Poli­zei) am Hori­zont erschien. Die Opfer des Betrugs such­ten so ohne Nach­zäh­len mit einem Bün­del angeb­li­cher Dol­lar das Wei­te. Da die gan­ze Trans­ak­ti­on ille­gal war, hat­te Ker­nes nicht zu befürch­ten, dass sich eines sei­ner Opfer an die Miliz wen­den wür­de, mit der Beschwer­de, statt Dol­lar eine Packung geschnit­te­nes Papier im Tausch für Edel­me­tal­le oder Rubel erhal­ten zu haben.

Kurz vor dem Ende der Sowjet­uni­on lan­de­te Ker­nes dann doch noch auf der Ankla­ge­bank und wur­de zu drei Jah­ren Haft ver­ur­teilt. In die unab­hän­gi­ge Ukrai­ne, der ein Über­gang zur Markt­wirt­schaft bevor­stand, kam er dank sei­ner vor­he­ri­gen Tätig­keit mit zwei Din­gen, die unent­behr­lich für eine erfolg­rei­che Kapi­ta­lis­ten­kar­rie­re waren – Start­ka­pi­tal und die rich­ti­gen Bekannt­schaf­ten.

Poli­ti­sche Öko­no­mie

Als sich „Gepa“, wie Ker­nes in ein­schlä­gi­gen Krei­sen genannt wur­de, 1998 für den Gang in die Poli­tik ent­schloss, kon­trol­lier­te sei­ne NPK-Hol­ding bereits die wich­tigs­ten Medi­en der zweit­größ­ten Stadt der Ukrai­ne. Er war eine der Schlüs­sel­fi­gu­ren bei der Pri­va­ti­sie­rung des ehe­ma­li­gen sowje­ti­schen Staats­ei­gen­tums. Als Sekre­tär des Stadt­ra­tes und enger Ver­trau­ter und Wahl­kampf­spon­sor des dama­li­gen Bür­ger­meis­ters Michail Dob­kin konn­te er bei der Ver­ga­be von Auf­trä­gen an die Pri­vat­un­ter­neh­men mit­ent­schei­den.

Die ers­te „Oran­ge­ne Revo­lu­ti­on“ 2004/​2005 zwang ukrai­ni­sche Politiker:innen zu unan­ge­neh­men Ent­schei­dun­gen: Der Wahl­sieg des als pro­rus­sisch gel­ten­den Wik­tor Janu­ko­witsch wur­de von den Anhänger:innen sei­nes pro­west­li­chen Her­aus­for­de­rers Wik­tor Juschen­ko als Resul­tat mas­si­ver Fäl­schun­gen bean­stan­det. Ker­nes ergriff zuerst ent­schlos­sen die Par­tei für das pro­west­li­che, „oran­ge­ne“ Lager und über­leb­te sogar ein Atten­tat der pro­rus­si­schen para­mi­li­tä­ri­schen Orga­ni­sa­ti­on „Oplot“. Doch 2010 trat Ker­nes Janu­ko­witschs „Par­tei der Regio­nen“ bei. Im sel­ben Jahr wur­de er als Nach­fol­ger Dob­kins zum Bür­ger­meis­ter von Char­kow gewählt.

Als im es Win­ter 2013/​14 wie­der zu Mas­sen­pro­tes­ten gegen den inzwi­schen doch noch zum Prä­si­den­ten gewähl­ten Janu­ko­witsch kam, zeig­te sich Ker­nes als beken­nen­der Geg­ner des „Mai­dans“. Die neue ukrai­ni­sche Regie­rung befürch­te­te, dass in Char­kow, wie in Donezk und Lug­ansk die pro­rus­si­schen Kräf­te die Ober­hand gewin­nen könn­ten. Sei­te an Sei­te mit den „Oplot“-Aktivisten tra­ten Ker­nes und Dob­kin bei den Anti-Mai­dan-Demos auf. Die Tat­sa­che, dass in der neu­en Regie­rung das Amt des Innen­mi­nis­ters an den Char­kower Mul­ti­mil­lio­när Arsen Awa­kow ging, der als Erz­feind von Ker­nes galt, trug eben­falls zu Span­nun­gen bei. Nach­dem er sich im Febru­ar 2014 in Genf mit dem Olig­ar­chen Igor Kolo­moiski traf, der schon früh für den Mai­dan Par­tei ergrif­fen hat­te, änder­te Ker­nes sei­ne Posi­ti­on erneut. Er flog nach Char­kow zurück und sprach vor pro-rus­si­schen Demonstrant:innen dar­über, dass Char­kow sei ein Teil der unab­hän­gi­gen Ukrai­ne und wer­de es immer blei­ben.

Am 7. April wur­den in Donezk und Lug­ansk die Grün­dung der „Volks­re­pu­bli­ken“ ver­kün­det, am 8. April nahm in Char­kow eine aus der West­ukrai­ne ein­ge­flo­ge­ne Poli­zei­spe­zi­al­ein­heit die Anti-Mai­dan-Akti­vis­ten, die sich in dem Gebäu­de der Stadt­ver­wal­tung ver­bar­ri­ka­diert hat­ten fest. Im rus­sisch­spra­chi­gen Char­kow fand kein „Rus­si­scher Früh­ling“ statt und die neu­en Macht­ha­ber lie­ßen Ker­nes im Amt, obwohl er für sie eine der meist ver­hass­tes­ten Figu­ren der ukrai­ni­schen Poli­tik war. Schließ­lich galt er als einer der Geld­ge­ber der „Titusch­ki“ – Pro­vo­ka­teu­re und Schlä­ger­trupps im Zivil, die in den Tagen der Mai­d­an­pro­tes­te berüch­tigt wur­den. Wäh­rend Ker­nes wei­ter­re­gier­te, setz­te sich der Anfüh­rer von „Oplot“, Jew­ge­ni Schi­lin, der die Kader für „Titusch­ki“ bereit stell­te, erst in die „Volks­re­pu­blik Don­zek“ und spä­ter nach Russ­land ab, wo er im Sep­tem­ber 2016 von einem Unbe­kann­ten erschos­sen wur­de.

Nun galt Ker­nes als ein Garant der Sta­bi­li­tät im Regi­on, zumal als ein Schütz­ling von Kolo­moiski, des­sen Gewicht in der ukrai­ni­schen Poli­tik bestän­dig wuchs. Dass die poli­ti­sche Macht in der Ukrai­ne kaum von der wirt­schaft­li­chen getrennt ist, wird zwar von vie­len west­li­chen Beobachter:innen kri­ti­siert, den­noch gel­ten alle Politiker:innen, die sich gegen die „Volks­re­pu­bli­ken“ ent­schie­den hat­ten als, vom Stand­punkt der „guten Demokrat:innen“, klei­ne­res Übel.

Am 28. April 2014 ent­ging Ker­nes nur knapp dem Tod, als ihn die Kugel eines Hecken­schüt­zes traf. Das Atten­tat wur­de nie auf­ge­klärt, obwohl der von nun an den Roll­stuhl gefes­sel­te Ker­nes, dem Innen­mi­nis­ter Awa­kow die Schuld gab. Ab die­sem Zeit­punkt war der Char­kower „Stadt­va­ter“ in Augen sei­ner Wähler:innen ein Mär­ty­rer. Ein Jahr nach dem Atten­tat wur­de er als ers­ter Bür­ger­meis­ter in der neue­ren Geschich­te der Stadt für eine zwei­te Amts­zeit wie­der­ge­wählt – mit sat­ten 65,8 Pro­zent der Wähler:innenstimmen.

Kapi­ta­list, Demo­krat, König

„Gepa, der König von Char­kow“ war in der Tat durch­aus popu­lär bei der Bevöl­ke­rung. Er gab sich stets als Lokal­pa­tri­ot, der einer­seits gewillt ist, sich mit Kiew anzu­le­gen, ande­rer­seits aber auch immer zu Kom­pro­mis­sen bereit ist, wenn sie nur für neue Geld­flüs­se in die Regi­on sorg­ten.

Unter Ker­nes wur­den meh­re­re Indus­trie­an­la­gen aus der Sowjet­zeit still­ge­legt und abge­ris­sen, an ihrer Stel­le ent­stan­den rie­si­ge Wohn­kom­ple­xe. Ein Teil der Woh­nun­gen wur­de „sozi­al schwa­chen“ Fami­li­en zuge­teilt, wäh­rend der Groß­teil pro­fi­ta­bel ver­kauft wur­de. Ker­nes mach­te Char­kow zu einer der sau­bers­ten Städ­te der Ukrai­ne, aber bei jedem Bau- oder Reno­vie­rungs­pro­gramm kam es zu Skan­da­len um Geld­wä­sche, die Ver­mitt­lung der Auf­trä­ge und über­höh­te Prei­se, für die die Stadt­ver­wal­tung Bau­ma­te­ria­li­en bei „befreun­de­ten“ Unter­neh­men bezog. Ker­nes mach­te Char­kow zur Vor­zei­ge­stadt in Sachen Bar­rie­re­frei­heit – aber erst als er sel­ber auf einen Roll­stuhl ange­wie­sen war. Er ver­hin­der­te den Abbau der sowje­ti­schen Denk­mä­ler – obwohl er sel­ber vom Zer­fall der Sowjet­uni­on unmit­tel­bar pro­fi­tiert hat­te. Er schütz­te den Sta­tus der rus­si­schen Spra­che – und behielt die Macht, weil er Char­kows Ver­blieb in der Ukrai­ne sicher­te. Bei sei­nen Wahl­kämp­fen wur­de er von Unter­neh­mer­ver­band und Gewerk­schaf­ten der Stadt glei­cher­ma­ßen unter­stützt.

Als Fak­tor in der gesamt­ukrai­ni­scher Poli­tik konn­te der „König von Char­kow“ nur bedingt wir­ken. Er galt zwar wei­ter­hin als ein Über­bleib­sel der Janu­ko­witsch-Zeit. Bei der Prä­si­dent­schafts­wahl 2019 unter­stütz­te Ker­nes offi­zi­ell den Amts­in­ha­ber Petro Poro­schen­ko, der vom New­co­mer Wolo­dym­yr Selen­skyj ver­nich­tend geschla­gen wur­de. Poro­schen­ko war auch mal Mit­glied in Janu­ko­witschs „Par­tei der Regio­nen“, stand nach dem Sieg von Mai­dan gera­de für unbe­ding­te West­bin­dung. Selen­skyj wur­de im Wahl­kampf nach­ge­sagt von Kolo­mo­j­ski unter­stützt zu wer­den. Der Kreis der Akteur:innen der ukrai­ni­schen Poli­tik scheint sich wenig zu ändern. Noch vom Ber­li­ner Kran­ken­bett aus gewann Ker­nes die Regio­nal­wah­len am 25. Okto­ber 2020. So treibt nach sei­nem Tod eine Fra­ge die ukrai­ni­sche Öffent­lich­keit um: Was pas­siert mit dem Char­kower Modell, das voll und ganz durch die Per­son Ker­nes zusam­men­ge­hal­ten wur­de?

Das Gepas Char­kow kei­ne Stadt war, wo Kapi­tal frei vor sich hin kon­kur­rie­ren konn­ten, weil bereits die Kon­kur­renz mit außer­öko­no­mi­schen Gewalt­mit­teln aus­ge­foch­ten war und ihre Gewinner:innen das Geld aus der Staats­kas­sen in ihre eige­ne Kas­sen schef­feln, haben die Anhänger:innen von „rich­ti­ger“, „rei­ner“ Markt­wirt­schaft häu­fig moniert. Dies ist aber kei­ne Ano­ma­lie, son­dern direk­te Fol­ge der Ein­füh­rung des Kapi­ta­lis­mus auf den Rui­nen des Real­so­zia­lis­mus. Neu­ka­pi­ta­lis­ti­sche Län­der müss­ten sich den Spiel­re­geln stel­len, die ihnen kei­ne rea­le Chan­cen ein­räu­men. Dass der ukrai­ni­scher Staat kein ideel­ler Gesamt­ka­pi­ta­list wur­de, son­dern zum umkämpf­ten Instru­ment sol­cher Kapi­ta­lis­ten wie Ker­nes (auf der Regio­na­len Ebe­ne) oder Kolo­mo­j­ski (auf Lan­des­ebe­ne) – das ist nicht ein­fach nur deren Ver­kom­men­heit geschul­det.

# Titel­bild: Ser­giy Bobok. From Wiki­me­dia Com­mons. Licen­se CC BY-SA 4.0, Mas­sen­an­drang bei Ker­nes’ Beer­di­gung am 04.01.2021

Der Bei­trag Gen­na­di Ker­nes – Der ande­re Ber­li­ner Pati­ent erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

Read More