[LCM:] Flächenbrand als System

Kris­ti­an Stemm­ler

Es war ein hei­ßer Som­mer­tag in den spä­ten 80ern, ich kann mich noch gut erin­nern. Die Hei­de­flä­che vor dem Haus mei­ner Oma in der Lüne­bur­ger Hei­de war kno­chen­tro­cken. Wie es genau zu dem Feu­er kam, weiß ich nicht mehr genau. Ich mei­ne, mein Bru­der und ich woll­ten die tro­cke­nen Pflan­zen kon­trol­liert abfa­ckeln, was natür­lich extrem leicht­sin­nig war. Jeden­falls stand eine Ecke der Flä­che plötz­lich in Flam­men und ein Feu­er­ring brei­te­te sich in rasen­der Geschwin­dig­keit in alle Rich­tun­gen aus. Wir, mein Bru­der, ein her­bei­ge­eil­ter Freund und ich, ver­such­ten das Feu­er aus­zu­tre­ten oder mit Decken aus­zu­schla­gen – doch wenn es an einer Stel­le ein­ge­dämmt war, flamm­te es an einer ande­ren Stel­le wie­der auf.

War­um ich das erzäh­le? Weil mir die­se Epi­so­de aus jun­gen Jah­ren in den Sinn kam, als ich zum Jah­res­wech­sel – bekannt­lich die Zeit, in der man gern Bilanz zieht und leicht ins Phi­lo­so­phie­ren kommt – über die Lage der Lin­ken nach­dach­te. Wenn ich mir das Fort­schrei­ten der unter­schied­li­chen Kämp­fe im abge­lau­fe­nen Jahr 2020 anse­he, dann erschei­nen mir unse­re ver­zwei­fel­ten Ver­su­che von damals, das Feu­er ein­zu­fan­gen, als eine pas­sen­de Ana­lo­gie. Wo man heut­zu­ta­ge auch hin­schaut, in allen gesell­schaft­li­chen Berei­chen schla­gen Flam­men hoch oder sind zumin­dest Glut­nes­ter aus­zu­ma­chen. Wenn man meint, man habe das Feu­er an einer Stel­le ein­ge­dämmt, flammt es ande­rer Stel­le wie­der auf. Es ist ein Flä­chen­brand.

Kaum ver­wun­der­lich ist daher, dass vie­le radi­ka­le Lin­ke an einer gewis­sen Über­for­de­rung lei­den. Schon die Beur­tei­lung der Fra­ge, wo es am meis­ten brennt, wirft Pro­ble­me auf. Und von der Ant­wort hängt nicht zuletzt ab, wor­auf man sei­nen Blick rich­tet und für wel­ches Enga­ge­ment man die begrenz­te Zeit und Kraft ein­setzt.

Unter­stüt­ze ich zum Bei­spiel See­brü­cke, weil ich was gegen die kata­stro­pha­le Situa­ti­on der Geflüch­te­ten auf den grie­chi­schen Inseln tun will und gegen das Ertrin­ken auf dem Mit­tel­meer? Oder blo­ckie­re ich mit einer Frie­dens­grup­pe die Zufahrt zu einem Werk von Rhein­me­tall? Oder soli­da­ri­sie­re ich mich mit Baum­be­set­zern? Oder schlie­ße ich mich doch einer Anti­fa-Grup­pe an, um Nazi­struk­tu­ren auf­zu­de­cken und Nazis zu bekämp­fen?

Natür­lich ist das jetzt etwas kon­stru­iert, da eine sol­che ratio­na­le Abwä­gung auch im Leben von Lin­ken eher sel­ten vor­kommt. Man kommt doch oft eher durch Freun­de oder Bekann­te zu einer poli­ti­schen Grup­pe und damit auch zu einem The­ma oder auch durch ein bestimm­tes Ereig­nis, das einen umtreibt. Nichts­des­to­trotz inter­es­siert man sich als poli­ti­scher Mensch ja auch für ande­re The­men­be­rei­che und ver­sucht sich ein Bild von der Gesamt­la­ge zu machen. Dabei kommt man leicht zu der Fra­ge, wo die Pro­ble­me und Gefah­ren die größ­ten sind, wo es „am meis­ten brennt“.

Das ist, kaum über­ra­schend, nicht end­gül­tig zu beant­wor­ten. Jede Bewe­gung, jeder Kampf bean­sprucht für sich wich­tig zu sein – und das durch­aus zu recht. Die Frie­dens­be­we­gung kann dar­auf ver­wei­sen, dass von der Zivi­li­sa­ti­on nicht viel übrig blei­ben wird, wenn der Frie­den nicht bewahrt wird. Die Kli­ma­be­we­gung kann wie­der­um kon­sta­tie­ren, dass wir vom Frie­den nicht viel haben, wenn die Natur zum Teu­fel geht. Die Anti­fa kann argu­men­tie­ren, dass der Frie­den und eine geret­te­te Umwelt wenig brin­gen, wenn die Faschis­ten wie­der ans Ruder kom­men. Und wer sich gegen Repres­si­on enga­giert, kann allen drei Bewe­gun­gen ent­ge­gen­hal­ten, dass sie eines Tages nicht mehr effek­tiv gegen Krieg, den Kli­ma­wan­del und Nazis pro­tes­tie­ren und kämp­fen kön­nen, wenn das Ver­samm­lungs­recht wei­ter ein­ge­schränkt wird und immer mehr radi­ka­le Lin­ke im Knast sit­zen.

Mit ande­ren Wor­ten: Jeder Kampf hat sei­ne Berech­ti­gung und jeder ist wich­tig. Das gilt auch für die Kämp­fe, die hier noch gar nicht erwähnt wur­den, also etwa in den Betrie­ben, gegen Ras­sis­mus, gegen den Mie­ten­wahn­sinn und die Gen­tri­fi­zie­rung, für Hartz-IV-Empfänger*innen, Dro­gen­süch­ti­ge, Obdach­lo­se. Für radi­ka­le Lin­ke gibt es alle Hän­de voll zu tun, es wird nicht weni­ger und es ist letzt­lich egal, an wel­cher Stel­le sie ver­su­chen, Flam­men aus­zu­tre­ten, um an die Ana­lo­gie vom Anfang anzu­schlie­ßen. Es gibt aber folg­lich auch kei­nen Grund, die eige­ne Bewe­gung, den eige­nen Kampf für bedeut­sa­mer zu hal­ten als ande­re.

Viel­leicht kann man das als Wunsch fürs neue Jahr for­mu­lie­ren: dass sich die­se Ein­sicht noch mehr durch­setzt. Denn noch zu oft sind die Kämp­fe der Lin­ken zu unver­bun­den, gera­de­zu iso­liert von­ein­an­der. Es kann und muss hier noch viel mehr zusam­men­ge­führt wer­den.

Eine gelin­gen­de Ver­bin­dung von Kämp­fen kann aber nur da statt­fin­den, wo sich die Ein­sicht durch­ge­setzt hat, dass es in die­ser Gesell­schaft zwar vie­le Brand­nes­ter gibt, aber nur einen Brand­herd, nur eine Brand­ur­sa­che: den Kapi­ta­lis­mus. Alle in die­sem Bei­trag geschil­der­ten Kri­sen­phä­no­me­ne sind auf die­ses Sys­tem zurück­zu­füh­ren und ein gemein­sa­mer Kampf setzt vor­aus, dass man sich zuerst auf eine Agen­da einig:
Der Kapi­ta­lis­mus muss weg, mit Stumpf und Stiel!

Der Bei­trag Flä­chen­brand als Sys­tem erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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