[LCM:] Corona-Demonstrationen: Keine Chance, sondern Ausdruck neoliberaler Verrohung

Von URA Dres­den

Es gibt seit Jah­ren und beson­ders in Zei­ten der Pan­de­mie unfass­bar vie­le Grün­de, um wütend zu sein und auf die Stra­ße zu gehen. Unter ande­rem gegen Aus­beu­tung, Men­schen­ver­ach­tung, die Kli­ma­ka­ta­stro­phe, den rech­ten Roll­back und die anhal­ten­de Unter­drü­ckung von Frau­en* und Men­schen, die nicht in das dicho­to­me Welt­bild der zwei Geschlech­ter pas­sen. Gegen die tat­säch­li­che, auf­zeig­ba­re und glo­ba­le auto­ri­tä­re For­mie­rung und gleich­zei­tig für bezahl­ba­res Woh­nen, gute Löh­ne und Sozi­al­leis­tun­gen, wel­che die Men­schen nicht in die Armut trei­ben. Für die Kol­lek­ti­vie­rung von Infra­struk­tur und Pro­duk­ti­ons­mit­teln, sowie für mehr Demo­kra­tie und Mit­be­stim­mung für Alle, eben­so wie für eine der wohl aktu­ell wich­tigs­ten Fra­gen: wer lei­det denn eigent­lich unter den wirt­schaft­li­chen Fol­gen von Coro­na, wer Bezahlt am Ende dafür und wer pro­fi­tiert ein­mal mehr?

Im Bei­trag “Coro­na Demons­tra­tio­nen: die Ver­pass­te Gele­gen­heit” macht Marik Rato­un eine streit­ba­re Ana­ly­se über die soge­nann­ten “Quer­den­ker” und for­mu­liert den Vor­wurf an eine deutsch­spra­chi­ge radi­ka­le Lin­ke, die „Quer­den­ker“ nicht als sozia­le und hers­schafts­kri­ti­sche Bewe­gung aner­kannt zu haben, wel­che aller­dings von rech­ten Akteur*innen über­nom­men wor­den sei.:

Wir als Teil die­ser radi­ka­len Lin­ken den­ken nicht, dass eine fal­sche Bewe­gungs­ana­ly­se der „Querdenker:innen“ dafür aus­schlag­ge­bend war, dass wir als Lin­ke uns nicht in die­se Bewe­gung ein­ge­mischt haben. Son­dern viel­mehr die Ana­ly­se der “Querdenker:innen” und Covid-Leugner:innen so einen Schritt von Beginn an unmög­lich gemacht hat:..

1. Nicht alles, was herr­schafts­kri­tisch daher­kommt, ist es auch

Unse­rer Ansicht nach konn­te von Anfang an kaum pro­gres­si­ves Poten­zi­al in den Rei­hen der “Corona-Rebell:innen” gefun­den wer­den. Die Bewe­gung kenn­zeich­net sich nicht dadurch, dass sie soli­da­risch ist und sich für die Aus­ge­beu­te­ten, Unter­drück­ten oder die ras­sis­tisch und sexis­tisch Aus­ge­grenz­ten in die­sen beson­ders schwe­ren Zei­ten ein­setzt.

Dabei gibt es viel zu kritisieren:Beispielsweise an den neun Mil­li­ar­den Euro staat­li­cher Geschen­ke an Luft­han­sa, wäh­rend trotz­dem hun­der­te Jobs gestri­chen wer­den. Oder dar­an, dass der Ein­zel­han­del oder der Kunst- und Kul­tur­be­trieb in gro­ße Schwie­rig­kei­ten gera­ten bzw. ver­meint­lich “sys­tem­re­le­van­te Jobs”, wie Kranknepfleger:innen kei­ne Lohn­er­hö­hun­gen oder Risi­ko­zah­lun­gen bekom­men, son­dern ein­zig Bei­fall vom Bal­kon und ein dickes Dan­ke­schön der Regie­rung.

Die Querdenker:innen in Stutt­gart, Leip­zig, Dres­den und woan­ders, mecker­ten jedoch über die stö­ren­de Mas­ke beim shop­pen oder eine nicht exis­ten­te “Impf­pflicht” und for­der­ten schlicht die Rück­nah­me aller Coro­na-Schutz­maß­nah­men. Zusätz­lich ver­brei­te­ten sie Fake-News und (anti­se­mi­ti­sche) Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen. Ihnen geht es in ers­ter Linie um sich selbst und den Erhalt ihrer Pri­vi­le­gi­en, und eben nicht um eine gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung im sozia­len Sinn. Denn wirt­schaft­li­che Kon­se­quen­zen und Fol­gen für unter­pri­vi­le­gier­te Tei­le der Bevöl­ke­rung ste­hen nicht auf der Ankla­ge­bank, son­dern ledig­lich die ganz per­sön­li­chen Ein­schrän­kun­gen und eine ver­meint­li­che gehei­me Welt­re­gie­rung mit Bill Gates an der Spit­ze.

Der Ver­gleich mit Frank­reich ist unse­rer Mei­nung nach eine Belei­di­gung der Gelb­wes­ten­be­we­gung. Dort stand von Anfang an auf der Agen­da, dass der Staat die Kos­ten der Kri­se durch neo­li­be­ra­le Maß­nah­men auf die Schul­tern der mitt­le­ren bis unte­ren Schich­ten ver­teilt (wie auch in der Coro­na-Pan­de­mie), anstatt die­je­ni­gen zu belas­ten, die durch den jahrz­en­te­lan­gen Abbau des Sozi­al­staats und der neo­li­be­ra­len Poli­tik pro­fi­tier­ten und das auch künf­tig tun wer­den. Ziel der Pro­tes­te war es, der Regie­rung zu zei­gen, dass die­se unfai­re Ver­tei­lungs­po­li­tik enden muss und es sozia­le Lösun­gen braucht, wel­che die Rei­chen stär­ker belas­ten als die Armen.

Dage­gen sehen wir die Querdenker:innen als Spit­ze einer neo­li­be­ra­len Ver­ro­hung, wie wir sie unter ande­rem in den USA und in vie­len ande­ren Tei­len der Welt beob­ach­ten kön­nen. Getrie­ben von­Ego­is­mus und gespeist von Ver­schwö­rungs­my­then, geht es ihnen dar­um, sich der gegen­sei­ti­gen Rück­sicht­nah­me und Soli­da­ri­tät zu ent­zie­hen. Die Ver­tei­di­gung der eige­nen Pri­vi­le­gi­en ist der ein­zi­ge Maß­stab und anstatt eine Umver­tei­lung gesell­schaft­li­chen Wohl­stands von oben nach unten zu for­dern, schü­ren sie Res­sen­ti­ments, wel­che die Schwächs­ten unse­rer Gesell­schaft tref­fen.

2. Teil einer (neu)rechten Stra­te­gie

Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen und ‑Mythen sind schon lan­ge Teil rech­ter Stra­te­gien. Das Gan­ze hat Tra­di­ti­on von der “jüdi­schen-bol­sche­wis­ti­schen Welt­ver­schwö­rung” bis zum “gro­ßen Autausch”. Von Beginn an konn­ten Rech­te und Verschwörungstheoretiker:innen die ideo­lo­gi­sche Stoß­rich­tung der “Quer­den­ken-Pro­tes­te” fest­le­gen und damit sogar teil­wei­se Men­schen errei­chen, die vor­her nicht zu ihrem Mobi­li­se­rungs­po­ten­zi­al zähl­ten.

Des Wei­te­ren kommt dazu, dass die ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Sze­ne nahe­zu resis­tent gegen jede Inter­ven­ti­on von außen ist. Nur noch “alter­na­ti­ve Medi­en” zäh­len und alle ande­ren Dis­kus­si­ons­grund­la­gen wer­den als Lügen abge­tan. Es wird damit schwer für uns, ver­nunft- und fak­ten­ba­sier­te Dis­kus­sio­nen und Erklä­run­gen zu nut­zen und damit Gehör zu fin­den Denn mit Hil­fe einer Stra­te­gie der Wirk­lich­keits­kontruk­ti­on kann bei Ihnen alles gerecht­fer­tigt und behaup­tet wer­den. Gemein­sa­me Stand­punk­te und Inhal­te sind schwer zu fin­den, was wir nach wie vor an den unfass­bar schwam­mi­gen Inhal­ten die­ser Bewe­gung sehen.

Die radi­ka­le Lin­ke soll­te sich die­sen ent­grenz­ten Popu­lis­mus als Stra­te­gie nicht zu eigen machen.

Den Ver­such, in die Quer­den­ken-Bewe­gung hin­ein­zu­ge­hen und deren Anhänger:innen grund­le­gend von einer ande­ren Welt­sicht und ande­ren Zie­len zu über­zeu­gen, hät­ten wir daher als sehr enga­giert wahr­ge­nom­men. Die Spu­cke für Dis­kus­sio­nen mit Men­schen, die für jeg­li­che Ansät­ze jen­seits ihrer ver­schwö­rungs­ideo­li­gi­schen Welt­bil­der völ­lig unemp­fäng­lich sind, kön­nen wir uns lie­ber spa­ren.

Statt­des­sen wäre es sinn­voll gewe­sen, par­al­lel und in Abgren­zung zu den Querdenker:innen, eige­ne Kri­tik­punk­te stark zu machen, um die Pro­testhe­ge­mo­nie gegen die Coro­na-Poli­tik nicht Rech­ten und Verschwörungsanhänger:innen zu über­las­sen, son­dern tat­säch­lich pro­gres­si­ve und sozia­le Kämp­fe stark zu machen. Dadurch wäre eine alter­na­ti­ve Pro­test­mög­lich­keit gebo­ten, für Men­schen, die aus guten Grün­den gegen die Pan­d­mie­po­li­tik der Regie­rung sind, aber nicht mit Rech­ten von AfD bis NSU-Unter­stüt­zer­um­feld demons­trie­ren wol­len..

Dies sind die zwei inhalt­li­chen Punk­te des ursprüng­li­chen Arti­kels, denen wir gern eine ande­re Per­spek­ti­ve gegen­über­stel­len wol­len. Aus­drück­lich anschlie­ßen möch­ten wir uns hin­ge­gen der Aus­sa­ge des Autors, dass der Staat oder gar der kapi­ta­lis­ti­sche Main­stream kein Boll­werk gegen den Faschis­mus sein kann. Wer sich zu sehr auf die­sen ver­lässt, ist wei­ter­hin ver­las­sen.

So sehen wir auch die Kom­men­ta­re infol­ge der ver­bo­te­nen Quer­den­ken-Demons­tra­ti­on am 12.12. in Dres­den kri­tisch, wel­che aus den Lob­ge­sän­gen für “das kon­squen­te Ver­hal­ten der Poli­zei” nicht mehr her­aus­kom­men und im Staat das Heil­mit­tel gegen den schwarz-weiß-roten Coro­na-Maß­nah­men-Pro­test beschrei­en und her­bei­seh­nen. Offen­bar sind die Bil­der aus Leip­zig weni­ge Wochen zuvor schnell ver­ges­sen wor­den.

Wir stim­men dem Autor dar­in zu, dass die radi­ka­le Lin­ke an sich auch stär­ker in undurch­sich­ti­gen Situa­tio­nen inter­ve­nie­ren soll­te und an einer Kapi­ta­lis­mus- und herr­schafts­kri­ti­schen Linie fest­hal­ten muss. Wir müs­sen uns dar­an gewöh­nen, uns im dis­kur­si­ven Hand­ge­men­ge auch mal die Fin­ger schmut­zig zu machen, wenn wir aus der eige­nen Bub­ble raus­wol­len und nicht jedes Auf­be­geh­ren direkt zu ver­schrei­en. Doch dür­fen wir auch nicht hin­ter unse­re eman­zi­pa­to­ri­schen Min­dest­stan­darts fal­len, son­dern soll­ten genau beob­ach­ten, wo tat­säch­lich pro­gres­si­ve Poten­zia­le erkenn­bar sind und wo nicht. Bei den Querdenker:innen fehlt uns die­ses Poten­ti­al lei­der.

Doch müs­sen wir die Kri­tik anneh­men, kei­ne gute Alter­na­ti­ve ange­bo­ten zu haben, die es geschafft hat, mehr als die sowie­so schon von lin­ken Ideen Über­zeug­ten zu errei­chen. Dies wur­de zwar ver­sucht durch For­de­rungs­ka­ta­lo­ge, die guten Aktio­nen gegen Tön­nies oder durch das Auf­zei­gen der men­schen­ver­ach­ten­den Poli­tik an Euro­pas Außen­gren­zen. Doch lei­der waren die­se, wie so oft, nicht mit dem nöti­gen Erfolg ver­bun­den.

In den letz­ten Jah­ren muss­ten wir oft fest­stel­len, dass es eine radi­ka­le Lin­ke aus eige­ner Kraft nicht schafft, brei­te Bewe­gun­gen anzu­sto­ßen. Den ver­zwei­fel­ten Wunsch, jeden Stroh­halm als mög­li­chen Ret­tungs­ring zu sehen, kön­nen wir nach­voll­zie­hen, doch sehen wir es als not­wen­di­ge Bedin­gung, im Vor­hin­ein genau hin­zu­schau­en, ob es Anknüp­fungs­punk­te für uns gibt und pro­gres­si­ve Poten­zia­le zu erken­nen sind.

3. Wider­stand gegen die Querdenker:innen als Chan­ce aka über­ho­len ohne ein­zu­ho­len

Wir sind der Mei­nung, dass wir den Kampf gegen das neo­li­be­ra­le Kri­sen­ma­nage­ment mit dem Wider­stand gegen die Covid-Leugner:innen, Verschwörungs-Anhänger:innen und regres­si­ve Kräf­te inner­halb der Pro­tes­te ver­ei­nen müs­sen. Denn die­se sind eben­so wenig an grund­le­gen­den und sozia­len Lösun­gen inter­es­siert, wie es die Regie­rung ist. Denn das Coro­na-Virus ist nicht nur eine Grip­pe. Es beinhal­tet: schwe­re Krank­heit bis zum Tod, Insol­venz der Kul­tur­bran­che, Kür­zun­gen im sozia­len Bereich – wäh­rend gleich­zei­tig zwangs­mä­ßi­ge Coro­na-Par­tys in Fabri­ken und Betrie­ben statt­fin­den – sozia­le Iso­la­ti­on, eine kras­se Zunah­me häus­li­cher Gewalt, das wei­te­re abhän­gen ohne­hin schon abge­häng­ter und pre­ka­ri­sier­ter Kin­der, die Über­las­tung des medi­zi­ni­schen und gesund­heit­li­chen Sek­tors und eine zuneh­men­de Ungleich­ver­tei­lung des Reich­tums und mate­ri­el­ler Güter. Wie Ein­gangs erwähnt, sind dies genug Grün­de, um sau­er zu sein, die Regie­rung und deren Maß­nah­men zu ver­ur­tei­len. Wir müs­sen aber klar machen, dass sowohl die Leugner:innen, als auch die ver­patz­te Sozi­al­po­li­tik der Regie­ren­den zwei Sei­ten ein und der­sel­ben Medail­le sind. Die Wut über die Fol­gen der Coro­na-Kri­se kann eine Chan­ce bie­ten, eine wirk­li­che sozia­le Bewe­gung ins Leben zu rufen, die inter­sek­tio­na­le Kämp­fe ver­bin­det. Eine Bewe­gung, die für Soli­da­ri­tät steht, anstatt für Ego­is­mus und damit einen grund­le­gen­den Feh­ler der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­wer­tungs­lo­gik, Pro­fi­te über Men­schen­le­ben zustel­len, zu über­win­den sucht.

Die­se Chan­ce ist noch lan­ge nicht ver­passt, da vor allem die sozia­len und öko­no­mi­schen Fol­gen die­ser Pan­de­mie nicht abseh­bar sind, aber schon jetzt klar ist, dass wir, und nicht die Kri­sen­pro­fi­teu­re die Zeche zah­len müs­sen – den Feh­ler nicht in die­se Kon­flik­te zu inter­vi­nie­ren soll­ten wir nicht noch ein­mal machen.

# Titel­bild: Nuts­hell Foto­gra­fie, CC BY-NC 2.0, Corona-Leugner*innen im Mau­er­park am 02.08.2020

Der Bei­trag Coro­na-Demons­tra­tio­nen: Kei­ne Chan­ce, son­dern Aus­druck neo­li­be­ra­ler Ver­ro­hung erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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