[Freiheitsliebe:] Globalisierung von unten: Unfreiwillige Migration

Die Aus­wir­kun­gen der Coro­na­kri­se auf Migran­tin­nen, Migran­ten und Geflüch­te­te sowie die Glo­ba­li­sie­rung von oben, wur­den im ers­ten Teil die­ser Rei­he deut­lich gemacht, nun soll es um die Per­spek­ti­ve der Migrie­ren­den gehen.

Dem gren­zen­los zir­ku­lie­ren­den Kapi­tal steht die unfrei­wil­li­ge Migra­ti­on von Mil­lio­nen Men­schen über­wie­gend aus den Län­dern des glo­ba­len Südens gegen­über. Ein Groß­teil von ihnen emi­griert inner­halb der Lan­des­gren­zen oder in unmit­tel­ba­re Nach­bar­län­der, ein weit gerin­ge­rer Teil ver­lässt den Kon­ti­nent. 85 Pro­zent der inter­na­tio­na­len Flücht­lin­ge wer­den von Län­dern des Glo­ba­len Südens auf­ge­nom­men.Sie flie­hen vor den Aus­wir­kun­gen der Glo­ba­li­sie­rung, vor der Han­dels­po­li­tik der ent­wi­ckel­ten Indus­trie­län­der oder der Kre­dit­po­li­tik von IWF und Welt­bank, die ihre Lebens­grund­la­ge zer­stö­ren. So kön­nen die afri­ka­ni­schen Far­mer im Preis­kampf um den natio­na­len Geflü­gel­markt nicht mit den hoch­sub­ven­tio­nier­ten Geflü­gel­ex­por­ten aus der EU kon­kur­rie­ren. In der Fol­ge schlos­sen in den letz­ten Jah­ren im Sene­gal 70 Pro­zent der Mast­hüh­ner­be­trie­be, in Kame­run ver­schwan­den 120.000 Arbeits­plät­ze in die­sem Bereich und in Gha­na bau­ten Geflü­gel­ver­ar­bei­tungs­an­la­gen ein Vier­tel ihrer Kapa­zi­tät ab.

Die fort­wäh­ren­de Suche nach Roh­stof­fen, opti­ma­len Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen und Absatz­märk­ten zer­stört hei­mi­sche Märk­te und damit die Arbeits- und Lebens­grund­la­gen der über­wie­gend bäu­er­lich gepräg­ten Bevöl­ke­rung. Sie schafft die Not­wen­dig­keit zu Lebens­mit­tel­im­por­ten und damit grö­ße­re Abhän­gig­kei­ten von den Schwan­kun­gen des Welt­mark­tes. Als 2012 die Getrei­de­prei­se sprung­haft um über 30 Pro­zent anstie­gen, waren Hun­gers­nö­te von Hai­ti bis Äthio­pi­en die Fol­ge. Auf­grund die­ser Ent­wick­lun­gen ver­wies Gha­nas Prä­si­dent John Maha­ma bei der UN-Gene­ral­ver­samm­lung 2016 dar­auf, dass sich Far­mer wegen die­ser Ver­drän­gungs­ef­fek­te auf den gefähr­li­chen Weg der Wirt­schafts­mi­gra­ti­on begä­ben.

Die Dyna­mik kapi­ta­lis­ti­scher Pro­duk­ti­on und inter­na­tio­na­ler Arbeits­tei­lung hat eine extre­me öko­no­mi­sche und sozia­le Pola­ri­sie­rung zwi­schen geo­gra­fi­schen Räu­men und sozia­len Klas­sen aus­ge­löst und ist extre­mer als jemals zuvor in der Mensch­heits­ge­schich­te. Wohl­stand und Macht kon­zen­trie­ren sich in den Hän­den einer klei­nen Eli­te. Die­se zwingt einen wach­sen­den Teil der Welt­be­völ­ke­rung zu einem Leben in Armut und Aus­beu­tung und erschwert den Zugang zu Bil­dung, Gesund­heit oder wür­de­vol­lem Woh­nen. Dabei wächst der glo­ba­le Reich­tum: So hat sich 2018 das welt­wei­te Brut­to­in­lands­pro­dukt (BIP) 2018 im Ver­gleich zum Vor­jahr um rund 4,7 Bil­lio­nen auf ins­ge­samt 84,9 Bil­lio­nen US Dol­lar erhöht. Doch nicht nur die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung, auch der Anteil am welt­wei­ten Reich­tum sind ungleich ver­teilt. So besit­zen die reichs­ten zehn Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung 83 Pro­zent und nur 1,8 Pro­zent des welt­wei­ten Pri­vat­ver­mö­gens liegt in den Hän­den der ärme­ren Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung.

Migration und Klassenbildung

His­to­risch sind Migra­ti­ons­be­we­gun­gen eng mit der Ent­ste­hung des Kapi­ta­lis­mus ver­wo­ben. Die Zer­stö­rung der feu­da­len Pro­duk­ti­ons­wei­se im Euro­pa des 16. Jahr­hun­derts durch die Ent­eig­nung der Bau­ern mach­te aus Bau­ern und Hand­wer­kern die ers­ten Migran­ten. Sie wur­den bru­tal vom Land ver­trie­ben und mit Gewalt zur Arbeit in den Manu­fak­tu­ren gezwun­gen. Die­sen Pro­zess der Land­flucht und sei­ne Aus­wir­kun­gen beschrieb Marx wie folgt:

„Die (…) von Grund und Boden Ver­jag­ten, dies vogel­freie Pro­le­ta­ri­at konn­te unmög­lich eben­so rasch von der auf­kom­men­den Manu­fak­tur absor­biert wer­den, als es auf die Welt gesetzt ward. Ande­rer­seits konn­ten die plötz­lich aus ihrer gewohn­ten Lebens­bahn Her­aus­ge­schleu­der­ten sich nicht eben­so plötz­lich in die Dis­zi­plin des neu­en Zustan­des ein­fin­den. Sie ver­wan­del­ten sich mas­sen­haft in Bett­ler, Räu­ber und Vaga­bun­den, zum Teil aus Nei­gung, in den meis­ten Fäl­len durch den Zwang der Umstän­de. Ende des 15. und wäh­rend des gan­zen 16. Jahr­hun­derts daher in ganz West­eu­ro­pa eine Blut­ge­setz­ge­bung wider Vaga­bunda­ge. Die Väter der jet­zi­gen Arbei­ter­klas­se wur­den zunächst gezüch­tigt für die ihnen ange­ta­ne Ver­wand­lung in Vaga­bun­den und Pau­pers. Die Gesetz­ge­bung behan­del­te sie als ‚frei­wil­li­ge‘ Ver­bre­cher und unter­stell­te, dass es von ihrem guten Wil­len abhän­ge, in den nicht mehr exis­tie­ren­den alten Ver­hält­nis­sen fort­zu­ar­bei­ten.“ (Marx, Karl: Das Kapi­tal, Bd.1, Dietz Ver­lag, Ber­lin 1973, S.761f. )

Gro­ße Migra­ti­ons­be­we­gun­gen mach­ten also den Auf­stieg des Kapi­ta­lis­mus bis zum Ende des 19.Jahrhunderts mög­lich. Als die ers­ten Über­pro­duk­ti­ons­kri­sen Arbeits­lo­sig­keit und sozia­le Not zur Fol­ge hat­ten, wei­te­te sich die Migra­ti­on über die natio­na­len Gren­zen hin­aus aus. 52 Mil­lio­nen Men­schen ver­lie­ßen zwi­schen 1820 und 1913 den Kon­ti­nent und mach­ten sich auf den Weg nach Ame­ri­ka. So wur­de auch der öko­no­mi­sche Auf­stieg der USA von Migra­ti­ons­be­we­gun­gen getra­gen. Als die­se Ent­wick­lung Ende des 19. Jahr­hun­derts ihren Höhe­punkt erreicht hat­te, wur­de die Ein­wan­de­rungs­po­li­tik der USA repres­si­ver. Wer für das Kapi­tal nicht gewinn­brin­gend war, wur­de an der Gren­ze zurück­ge­wie­sen.

Die zwei Welt­krie­ge stopp­ten die Arbeits­mi­gra­ti­on. Sie setz­te sich erst in der Peri­ode des Wie­der­auf­baus Mit­te der 1950er Jah­re fort, als Deutsch­land, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en und die Bene­lux-Staa­ten ver­stärkt Arbeits­kräf­te aus Süd­eu­ro­pa anwar­ben. Vor allem die Unter­neh­men hat­ten dar­auf gedrängt. „Sie waren am Import bil­li­ger, wil­li­ger Arbeits­kräf­te inter­es­siert. Das galt beson­ders für Betrie­be mit har­ter und des­halb von Deut­schen zuneh­mend gemie­de­ner Arbeit, zum Bei­spiel (…) in der Asbest­ver­ar­bei­tung. Es betraf aber auch Unter­neh­men bei­spiels­wei­se in der Tex­til­in­dus­trie, die wegen des inter­na­tio­na­len Wett­be­werbs kei­ne höhe­ren Löh­ne zah­len und die Arbeits­be­din­gun­gen nicht ver­bes­sern woll­ten und konn­ten.“ (DIE ZEIT, 24. Novem­ber 2013)

Sie kamen ohne ihre Fami­li­en, arbei­te­ten für einen gerin­ge­ren Lohn, ver­rich­te­ten die schwe­re­re Arbeit und wohn­ten in den schlech­te­ren Unter­künf­ten. Mit dem Ein­tre­ten der Welt­wirt­schafts­kri­se Ende des Nach­kriegs­booms und dem Anstei­gen der Arbeits­lo­sig­keit ver­häng­te die Bun­des­re­gie­rung für Deutsch­land 1974 einen Anwer­be­stopp.

Arbeitskraft zum geringsten Preis

Der Rück­blick in die Geschich­te der Migra­ti­on zeigt, dass Dyna­mik und Zer­stö­rung im Kapi­ta­lis­mus eng bei­ein­an­der lie­gen und ohne Migra­ti­ons­be­we­gun­gen nicht denk­bar gewe­sen wären. Migra­ti­on nimmt also eine Schlüs­sel­rol­le im kapi­ta­lis­ti­schen Ent­wick­lungs­pro­zess ein. Die Ware Arbeits­kraft wird immer zum gerings­ten Preis ein­ge­kauft und die Inte­gra­ti­on neu­er Arbeits­kräf­te in die Aus­beu­tungs­me­cha­nis­men ermög­licht neue For­men der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on. Nicht zufäl­lig fie­len 2015 die Reak­tio­nen der Arbeit­ge­ber­ver­bän­de auf die Zuwan­de­rung in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land aus­nahms­los posi­tiv aus. Neben Büro­kra­tie­ab­bau, Sprach­kur­sen, beruf­li­cher Qua­li­fi­zie­rung und staat­li­chen Mit­teln zur För­de­rung der Aus­bil­dung wur­de vor allem die For­de­rung, Geflüch­te­te als Leih­ar­bei­ter ein­set­zen zu kön­nen, her­vor­ge­bracht: „Das Beschäf­ti­gungs­ver­bot in der Zeit­ar­beit muss voll­stän­dig und unab­hän­gig von der jewei­li­gen Qua­li­fi­ka­ti­on von Beginn an abge­schafft wer­den“, hieß es 2016 in einer gemein­sa­men Erklä­rung der Arbeit­ge­ber­ver­bän­de.

Die Reak­ti­on der Arbeit­ge­ber zeigt deut­lich: Migra­ti­on ist eine Klas­sen­fra­ge und kann sowohl im Klas­sen­kampf von oben als auch im Klas­sen­kampf von unten zur Durch­set­zung klas­sen­spe­zi­fi­scher Inter­es­sen genutzt wer­den. So ist sie objek­tiv betrach­tet eine quan­ti­ta­ti­ve Stär­kung der Lohn­ab­hän­gi­gen, denn ein ver­bes­ser­ter Arbeits­markt­zu­gang für Migran­ten bedeu­tet nicht nur gesell­schaft­li­che und öko­no­mi­sche Teil­ha­be. Migran­ten wer­den Teil der Klas­se und damit auch Teil der Kämp­fe um Teil­ha­be.

Aus Arbeit­ge­ber­sicht bedeu­tet Migra­ti­on im Klas­sen­kampf von oben vor allem die Schaf­fung eines dis­po­niblen Arbeits­kräf­te­po­ten­ti­als, „das wenig Ansprü­che stellt – der Groß­teil der Geflüch­te­ten wird froh sein, sich über­haupt ein Ein­kom­men erwirt­schaf­ten zu kön­nen – und gegen ande­re Tei­le der Arbei­ter­klas­se aus­ge­spielt wer­den kann.“ Die Kapi­tal­sei­te nutzt die Situa­ti­on von Migran­ten im Kampf um Tarif­löh­ne, bezahl­te Über­stun­den und betrieb­li­che Inter­es­sen­ver­tre­tung und ver­sucht die unter­schied­li­chen Tei­le der abhän­gig Beschäf­tig­ten in einen Unter­bie­tungs­wett­be­werb zu brin­gen.

Der drit­te und letz­te Teil der Rei­he erscheint in der kom­men­den Woche Mitt­woch.

Abon­nie­re unse­ren News­let­ter:


Unterstütze die Freiheitsliebe

953€ of 2.000€ rai­sed





Zah­lungs­me­tho­de aus­wäh­len

Per­sön­li­che Infor­ma­tio­nen

Mache die­se Spen­de anonym


Spen­den­sum­me:


3,00€

Über den Autor

Avatar
Bun­des­spre­che­rin der AG Betrieb und Gewerk­schaft und gewerk­schafts­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Lin​ken​.NRW. Sie war zuvor zehn Jah­re Gewerk­schafts­se­kre­tä­rin beim DGB.

The post Glo­ba­li­sie­rung von unten: Unfrei­wil­li­ge Migra­ti­on first appeared on Die Frei­heits­lie­be. Read More