[gfp:] Die Militarisierung der arabischen Außenpolitik

Ein Drittel des Rüstungsexports

Der kon­ti­nu­ier­li­che Anstieg der deut­schen Rüs­tungs­ex­por­te in die ara­bi­sche Welt ist bereits seit Mit­te der 2000er Jah­re zu beob­ach­ten. Dies zeigt eine aktu­el­le Ana­ly­se der Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik (SWP), die den Wert der Ber­li­ner Regie­rungs­ge­neh­mi­gun­gen für Waf­fen­aus­fuh­ren in die jeweils fünf wich­tigs­ten ara­bi­schen Emp­fän­ger­staa­ten ab 2002 in Drei­jah­res­zeit­räu­men auf­sum­miert hat. Lag ihr Anteil an den gesam­ten Rüs­tungs­ex­port­ge­neh­mi­gun­gen in der Zeit von 2002 bis 2004 noch bei gera­de ein­mal 3,1 Pro­zent, so stieg er ab 2005 an und erreich­te in den Jah­ren von 2008 bis 2010 bereits rund 10 Pro­zent; dar­in spie­geln sich ins­be­son­de­re die deut­schen Bestre­bun­gen wider, die ara­bi­schen Golf­staa­ten gegen Iran hoch­zu­rüs­ten, nach­dem des­sen Riva­le Irak von den USA im Jahr 2003 macht­po­li­tisch außer Gefecht gesetzt wor­den war. Ein wei­te­rer dras­ti­scher Anstieg voll­zog sich im Drei­jah­res­zeit­raum von 2011 bis 2013, als der Anteil der Geneh­mi­gun­gen für Waf­fen­lie­fe­run­gen an die fünf bedeu­tends­ten ara­bi­schen Kun­den auf rund 30 Pro­zent in die Höhe schnell­te. Zuletzt lag er (2017 bis 2019) bei sogar 32 Prozent.[1]

Die größten Waffenimporteure der Welt

Vor­läu­fi­ge Zah­len für das Jahr 2020 deu­ten dar­auf hin, dass der Trend unge­bro­chen anhält – dies, obwohl die Bun­des­re­gie­rung am 10. Dezem­ber den Rüs­tungs­ex­port­stopp für Sau­di-Ara­bi­en um ein Jahr bis Ende 2021 ver­län­gert hat. So wur­den vom 1. Janu­ar bis zum 17. Dezem­ber 2020 Expor­te von Kriegs­ge­rät nach Ägyp­ten im Wert von 752 Mil­lio­nen Euro geneh­migt. Qatar kann Kriegs­ge­rät im Wert von 305 Mil­lio­nen Euro erwer­ben, die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te Rüs­tungs­gü­ter im Wert von 51 Mil­lio­nen Euro, Kuwait Waf­fen für 23 Mil­lio­nen Euro.[2] Die Zah­len sind frei­lich noch unvoll­stän­dig. Zuletzt geneh­mig­te Ber­lin den Ver­kauf von 15 Flug­ab­wehr­pan­zern an Qatar.[3] Beob­ach­ter gehen davon aus, dass die Lie­fe­rung deut­scher U‑Boote an Ägyp­ten beim Besuch von Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas am Mon­tag in Kai­ro Gesprächs­the­ma war.[4] Unter den welt­größ­ten Waf­fen­im­por­teu­ren befin­den sich laut dem Stock­hol­mer For­schungs­in­sti­tut SIPRI sechs ara­bi­sche Staa­ten, die sämt­lich auch von Deutsch­land belie­fert wer­den oder wur­den; Sau­di-Ara­bi­en ist mit einem Anteil von 12 Pro­zent an allen Waf­fen­im­por­ten welt­weit (2015 bis 2019) Num­mer eins, Ägyp­ten mit 5,8 Pro­zent Num­mer drei, Alge­ri­en mit 4,2 Pro­zent Num­mer sechs.

Kaum noch mit Washington abgestimmt

Ursa­che für den erstaun­li­chen Anstieg der Rüs­tungs­ex­por­te in die ara­bi­sche Welt ab 2011 ist nicht nur die ver­stärk­te Auf­rüs­tung auf der Ara­bi­schen Halb­in­sel gegen Iran. Wie die SWP in ihrer aktu­el­len Ana­ly­se kon­sta­tiert, began­nen die Golf­dik­ta­tu­ren und Ägyp­ten, die bis zum Beginn der Revol­ten von 2011 „als abhän­gi­ge Ver­bün­de­te der USA außen­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen noch eng mit Washing­ton abge­stimmt“ hat­ten, sich „davon zu lösen“ – ein frü­hes Anzei­chen dafür, dass mit dem „Pivot to Asia“ („Schwenk nach Asi­en“), den US-Prä­si­dent Barack Oba­ma im Herbst 2011 ver­kün­de­te, ein lang­fris­ti­ges Schwin­den der US-Domi­nanz in Nah- und Mit­tel­ost ver­bun­den war. Ägyp­ten etwa set­ze vor allem seit dem Putsch vom Juli 2013 „dar­auf, sei­ne Außen­be­zie­hun­gen zu diver­si­fi­zie­ren und die Bünd­nis­po­li­tik eigen­stän­di­ger zu gestal­ten“, schreibt die SWP; in den Kon­flik­ten der Regi­on suche Kai­ro „weni­ger den Schul­ter­schluss mit USA oder EU, son­dern steht fest an der Sei­te Riads und Abu Dha­bis“. „Mit Washing­ton abge­stimmt“ wer­de in den ara­bi­schen Haupt­städ­ten „das jewei­li­ge Vor­ge­hen … kaum noch“.[5] Ein Bei­spiel dafür: Die Staa­ten der Ara­bi­schen Halb­in­sel set­zen beim Auf­bau ihrer 5G-Net­ze trotz aller Pro­tes­te aus Washing­ton auf Hua­wei [6]; die emi­ra­ti­sche Fir­ma Group 42 (G42) stellt in Lizenz einen Covid-19-Impf­stoff des chi­ne­si­schen Kon­zerns Sino­pharm her [7].

Syrien, Libyen, Jemen…

Dabei wird, wie die SWP fest­hält, „die pro­ak­ti­ve­re Außen­po­li­tik“ der ara­bi­schen Staa­ten „von einer Mili­ta­ri­sie­rung [beglei­tet], die sich nicht zuletzt dar­in aus­drückt, dass stär­ker als zuvor mili­tä­ri­sche Mit­tel genutzt wer­den, um Inter­es­sen durchzusetzen“.[8] Begon­nen habe dies etwa in Syri­en, wo Sau­di-Ara­bi­en und Qatar „in den Anfangs­jah­ren ver­schie­de­ne Rebel­len­grup­pen“ unter­stützt und so „erheb­lich“ dazu bei­getra­gen hät­ten, „dass die mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen eska­lier­ten und der Auf­stand sich radi­ka­li­sier­te“. Auch in Liby­en hät­ten Qatar und die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te „bereits seit 2011 Mili­zen“ unter­stützt; die Emi­ra­te sei­en seit 2014 „auch direkt mili­tä­risch enga­giert“, Ägyp­ten „spä­tes­tens seit 2015“. Sau­di-Ara­bi­en füh­re seit 2015, unter­stützt vor allem von den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten, im Jemen Krieg und neh­me dabei „hohe Opfer­zah­len in der jeme­ni­ti­schen Zivil­be­völ­ke­rung … in Kauf“. „Künf­tig droht die Außen­po­li­tik in der Regi­on wei­ter mili­ta­ri­siert zu wer­den“, warnt die SWP und ver­weist exem­pla­risch auf den erns­ten Kon­flikt zwi­schen Ägyp­ten und Äthio­pi­en sowie dar­auf, dass Alge­ri­en mit einer Ver­fas­sungs­än­de­rung im Novem­ber „den Ein­satz sei­nes Mili­tärs auch außer­halb eige­ner Gren­zen“ ermög­licht hat.

„Ausfuhrstopp erscheint folgerichtig“

Vor dem Hin­ter­grund der Mili­ta­ri­sie­rung der ara­bi­schen Außen­po­li­tik rät die SWP drin­gend dazu, die „Rüs­tungs­ex­port­po­li­tik gegen­über ara­bi­schen Staa­ten grund­sätz­lich auf den Prüf­stand [zu] stel­len“ – schließ­lich bestehe „eine hohe Wahr­schein­lich­keit“, dass „deut­sche Rüs­tungs­ex­por­te mili­tä­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der Regi­on anhei­zen und so dazu bei­tra­gen, Euro­pas Nach­bar­schaft zu destabilisieren“.[9] In der Tat lässt sich dies schon längst bestä­ti­gen. So wer­den deut­sche Waf­fen etwa im Jemen-Krieg [10] und im Liby­en-Krieg [11] ein­ge­setzt, im ers­te­ren Fall von den Streit­kräf­ten der von Sau­di-Ara­bi­en geführ­ten Kriegs­ko­ali­ti­on, im letz­te­ren von den Mili­zen des ost­li­by­schen War­lords Kha­li­fa Haftar, der von den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten, einem kauf­freu­di­gen Kun­den deut­scher Waf­fen­schmie­den, unter­stützt wird. Da im Fall einer wei­te­ren mili­tä­ri­schen Eska­la­ti­on zusätz­lich zum „Tod zahl­rei­cher Zivi­lis­tin­nen und Zivi­lis­ten im Nahen Osten“ auch „erneu­te Flucht­be­we­gun­gen nach Euro­pa“ zu befürch­ten sei­en, tue man gut dar­an, einen Kurs­wech­sel in Betracht zu zie­hen, urteilt die SWP: „Ein Stopp der Aus­fuhr von Waf­fen und Rüs­tungs­gü­tern in die­se Län­der erscheint … nur folgerichtig.“[12]

[1] Yan­nik Hül­ling­horst, Ste­phan Roll: Deut­sche Rüs­tungs­ex­por­te und die Mili­ta­ri­sie­rung der Außen­po­li­tik ara­bi­scher Staa­ten. SWP-Aktu­ell Nr. 103. Ber­lin, Dezem­ber 2020.

[2] Deut­sche Waf­fen für Kri­sen­re­gi­on. tages​schau​.de 03.01.2021.

[3] S. dazu Mehr Pan­zer für Mit­tel­ost.

[4] Bir­git Svens­son, Micha­el Fischer: Heik­le U‑Boot-Lie­fe­rung. weser​-kurier​.de 12.01.2021. S. auch Die Mili­ta­ri­sie­rung des Mit­tel­meers.

[5] Yan­nik Hül­ling­horst, Ste­phan Roll: Deut­sche Rüs­tungs­ex­por­te und die Mili­ta­ri­sie­rung der Außen­po­li­tik ara­bi­scher Staa­ten. SWP-Aktu­ell Nr. 103. Ber­lin, Dezem­ber 2020.

[6] Sophie Zin­ser: China’s Digi­tal Silk Road Grows With 5G in the Midd­le East. the​di​plo​mat​.com 16.12.2020.

[7] S. dazu Der Wes­ten zuerst.

[8], [9] Yan­nik Hül­ling­horst, Ste­phan Roll: Deut­sche Rüs­tungs­ex­por­te und die Mili­ta­ri­sie­rung der Außen­po­li­tik ara­bi­scher Staa­ten. SWP-Aktu­ell Nr. 103. Ber­lin, Dezem­ber 2020.

[10] S. dazu In Flam­men (II) und Der Bock als Gärt­ner.

[11] S. dazu Ara­bi­sche Waf­fen­brü­der.

[12] Yan­nik Hül­ling­horst, Ste­phan Roll: Deut­sche Rüs­tungs­ex­por­te und die Mili­ta­ri­sie­rung der Außen­po­li­tik ara­bi­scher Staa­ten. SWP-Aktu­ell Nr. 103. Ber­lin, Dezem­ber 2020.

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