[LCM:] Zerstörung des Mullivaikkal-Denkmals

In einer Nacht-und-Nebel-Akti­on zer­stör­te die sri lan­ki­sche Regie­rung am ach­ten Janu­ar das „Mul­li­vaik­kal“- Denk­mal, das von Mit­glie­dern der Kunst­fa­kul­tät und der Student*innenvereinigung der Jaff­na Uni­ver­si­tät ent­wor­fen und im Febru­ar 2019 wäh­rend der Siri­se­na-Regie­rung auf dem Cam­pus der Jaff­na Uni­ver­si­tät errich­tet wur­de. Eini­ge von ihnen haben selbst den letz­ten Völ­ker­mord über­lebt und/​oder Ange­hö­ri­ge ver­lo­ren.
Das Denk­mal soll­te an die tami­li­schen Zivilist*innen erin­nern, die beim Geno­zid der sri lan­ki­schen Regie­rung bis 2009 ermor­det wur­den.

Student*innen und Men­schen der loka­len Bevöl­ke­rung ver­sam­mel­ten sich umge­hend vor den Toren des Cam­pus, um die Zer­stö­rung des Denk­mals zu ver­hin­dern. Auf­grund der hohen Mili­tär­prä­senz blieb es jedoch ledig­lich beim Ver­such. Min­des­tens zwei Student*innen wur­den ver­haf­tet.

Die bud­dhis­tisch-sin­gha­le­si­sche Regie­rung ver­sucht durch Aktio­nen wie die­se, die Erin­ne­rung an ihre Kriegs­ver­bre­chen wäh­rend des Bür­ger­krie­ges von 1983 bis 2009 zu ver­tu­schen.
Damals kämpf­ten mili­tan­te tami­li­sche Orga­ni­sa­tio­nen, (vor allen die Libe­ra­ti­on Tigers of Tamil Eelam (LTTE) für die Unab­hän­gig­keit der tami­li­schen Gebie­te im Nor­den und Osten der Insel. Allein in der End­pha­se des Krie­ges, der durch eine Groß­of­fen­si­ve der Regie­rung und mit der phy­si­schen Ver­nich­tung der LTTE ende­te, star­ben bis zu 70.000 Zivilist*innen.

Neben der Geschichts­klit­te­rung sol­len Tamil*innen jeg­li­che Sym­bo­le, Erin­ne­run­gen und öffent­li­che Trauer­or­te genom­men wer­den, um ein Wider­auf­flam­men des Auf­stan­des zu ver­hin­dern. In einer Erklä­rung der Stu­die­ren­den­ver­ei­ni­gung der Jaff­na Uni­ver­si­tät heißt es: “Die Zer­stö­rung von Mul­li­vaik­kal ist der Höhe­punkt des Völ­ker­mords am tami­li­schen Volk. […] Die­ser Akt ist eine Belei­di­gung nicht nur für die Stu­den­ten der Uni­ver­si­tät, son­dern auch für das gesam­te tami­li­sche Volk. Es ist auch ein Akt der Ver­wei­ge­rung des Rechts eines Vol­kes auf Erin­ne­rung.”

Der pen­sio­nier­te Kon­ter­ad­mi­ral und Minis­ter für Öffent­li­che Sicher­heit, Sarath Weera­se­ka­ra, ist dafür bekannt, die Rech­te der Tami­len anzu­grei­fen und twit­ter­te: “Die #Jaff­naUni­ver­si­ty ist nicht die exklu­si­ve Domä­ne oder das Eigen­tum einer Gemein­schaft. Sie gehört allen geset­zes­treu­en #SriLanka(n) glei­cher­ma­ßen. Nie­man­dem wird & soll­te es erlaubt sein, toten #Ter­ro­ris­ten einer ver­bo­te­nen Orga­ni­sa­ti­on unter dem Deck­man­tel des Geden­kens an unschul­di­ge Zivi­lis­ten zu geden­ken & Dis­har­mo­nie zu schaffen!#lka.“

Der­weil dau­ern die Pro­tes­te wei­ter an. Am Sams­tag sind Student*innen der Jaff­na Uni­ver­si­tät in einen Hun­ger­streik getre­ten und for­dern den Wie­der­auf­bau des Mul­li­vaik­kal Denk­mals und die Ent­mi­li­ta­ri­sie­rung. Der Rek­tor der Jaff­na Uni­ver­si­tät behaup­tet, er ste­he unter Druck von Sri Lan­kas Ver­tei­di­gungs- und Geheim­dienst­struk­tu­ren, das Denk­mal zu ent­fer­nen.

Am Mon­tag brach ein Har­tal-Streik aus, der zur Schlie­ßung von fast allen Läden sowie kom­mer­zi­el­len Akti­vi­tä­ten und Still­le­gung des pri­va­ten Trans­port­we­sens im Nor­den und Osten Sri Lan­kas führ­te. Unter­stützt wur­de er von vie­len tami­li­schen und mus­li­mi­schen Geschäfts­in­ha­bern, Gewerk­schaf­ten und Par­tei­en in den tami­lisch­spra­chi­gen Regio­nen der Insel. Am sel­ben Tag ver­si­cher­te der Vize­kanz­ler der Jaff­na Uni­ver­si­ty Siva­ko­lun­du Sri­sat­ku­nar­a­jah den Student*innen, das Denk­mal wie­der auf­zu­bau­en. In einer sym­bo­li­schen Ges­te wur­den zwei Grund­stei­ne gelegt. Die Student*innen been­de­ten dar­auf­hin ihren Hun­ger­streik.
Doch der Vize­kanz­ler der Jaff­na Uni­ver­si­ty hat ange­deu­tet, dass an Stel­le des Mul­li­vaik­kal Denk­mals, ein soge­nann­tes “Frie­dens­denk­mal” gebaut wer­den soll, was Miss­trau­en und Beden­ken über das Ver­spre­chen aus­lös­te. Von eini­gen wird die Grund­stein­le­gung als Far­ce bezeich­net, um die Pro­tes­te zu stop­pen. In der Ver­gan­gen­heit wur­den tami­li­sche Gedenk­stät­te immer wie­der zer­stört, bei­spiels­wei­se wur­de Thi­lee­pan Anna’s Memo­ri­al mehr­fach von dem sri lan­ki­schen Staat demo­liert. Auch hier wur­de der Wie­der­auf­bau ver­spro­chen, was bis heu­te nicht geschah. Es gibt eine lan­ge Geschich­te von Zer­stö­run­gen von tami­li­schen Gedenk­stät­ten von dem Sri Lan­ki­schen Staat und der Errich­tung von tri­um­phie­ren­den sin­gha­le­si­schen Kriegs­denk­mä­lern in tami­lisch domi­nier­ten Gebie­ten.

Ehe­ma­li­ger Minis­ter und ACMC (All Cey­lon Mak­kal Congress)-Führer Ris­had Bathiude­en sagt zu Tamil Guar­di­an: “Es kann kei­nen ande­ren Grund geben, als Ras­sis­ten und Extre­mis­ten zu befrie­di­gen. Die Ver­bren­nung von Lei­chen und die Zer­stö­rung von Denk­mä­lern sind Mani­fes­ta­tio­nen des gras­sie­ren­den Ras­sis­mus gegen Min­der­hei­ten in die­sem Land. Kein mensch­li­ches Wesen wür­de die­se Art von ras­sis­ti­schen Akti­vi­tä­ten akzep­tie­ren […] Es ist, als ob sie den­ken, dass sie die Ras­sis­ten besänf­ti­gen und das Land ver­bes­sern kön­nen, indem sie die Besitz­tü­mer der Min­der­heits­be­völ­ke­rung zer­stö­ren und ihre Her­zen bre­chen.“

Welt­weit hat die Zer­stö­rung des Denk­mals Empö­rung aus­ge­löst und Bil­der der Zer­stö­rung wur­den unzäh­li­ge Male in den sozia­len Medi­en geteilt. Politiker*innen aus der gan­zen Welt pran­gern die­se Tat an, dar­un­ter Groß­bri­tan­ni­en, Kana­da und Tamil Nadu. Tamil*innen in Toron­to, Ber­lin und Chen­nai hiel­ten öffent­li­che Kund­ge­bun­gen ab und Kam­pa­gnen in den sozia­len Medi­en gin­gen viral.
Der Kon­flikt zwi­schen Tamil*innen und Sin­gha­le­sen ist mit dem offi­zi­el­len Ende des Bür­ger­krie­ges am 18. Mai 2009 nicht vor­bei. Der Mul­li­vai­kal Geno­zid – benannt nach einem Dorf im Nord­os­ten Sri Lan­kas, in dem sich die letz­te Pha­se des Bür­ger­krie­ges unter ande­rem abspiel­te – wur­de von dem dama­li­gen Prä­si­den­ten, und jet­zi­gem Pre­mier­mi­nis­ter Mahin­da Raja­pak­sa und sei­nem Bru­der dem dama­li­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter und jet­zi­ger Prä­si­dent Gota­ba­ya Raja­pak­sa befoh­len. Die Sri Lan­ki­sche Armee zwang etwa 300.000 Tamil*innen in eine “No Fire Zone” zu flüch­ten und ver­such­te anschlie­ßend alle Zivilist*innen zu töten. Allein beim Mul­li­vai­kal Geno­zid kamen ca. 40.000 Zivilist*innen um. Mit der Tötung von Velu­pil­lai Prabha­ka­ran am 18. Mai 2009 ende­te der Bür­ger­krieg offi­zi­ell. Wäh­rend die­ses Kamp­fes um Selbst­be­stim­mung star­ben etwa 150.000 bis 200.000 tami­li­sche Zivilist*innen.

Die Unter­su­chun­gen der Ver­ein­ten Natio­nen bestä­ti­gen, dass wäh­rend des Krie­ges in Sri Lan­ka Kriegs­ver­bre­chen und Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit began­gen wur­den. Eine unab­hän­gi­ge Unter­su­chung des Geno­zi­des ist seit dem Ende des offi­zi­el­len Bür­ger­krie­ges immer noch nicht voll­zo­gen wor­den. Der euro­päi­sche Par­la­men­ta­ri­er Niko­laj Vill­um­sen for­dert den Druck dar­auf zu erhö­hen. Bis heu­te wur­de kei­ner der Täter vor Gericht gestellt, statt­des­sen haben sie die mäch­tigs­ten poli­ti­schen Posi­tio­nen in Sri Lan­ka inne.

Die sri­lan­ki­sche Regie­rung leug­net auch heu­te und trotz stich­hal­ti­ger Gegen­be­wei­se wei­ter­hin alle Kriegs­ver­bre­chen. Sri Lan­ka ist ein Staat des Völ­ker­mords, der vom sin­gha­le­sisch-bud­dhis­ti­schen natio­na­lis­ti­schen Kle­rus kon­trol­liert wird. Sie set­zen einen struk­tu­rel­len Geno­zid gegen das tami­li­sche Volk bis heu­te fort. Durch die Mili­ta­ri­sie­rung im Nor­den der Insel, die staat­lich geför­der­te Zer­stö­rung der tami­li­schen Kul­tur, die Zwangs­an­sied­lun­gen in den Gebie­ten der tami­li­schen Mehr­heit und die weit ver­brei­te­ten Miss­hand­lun­gen gegen die tami­li­sche Gemein­schaft durch die Sri Lan­ki­sche Armee und den poli­ti­schen Kräf­ten.

Mit der Zer­stö­rung des Mul­li­vaik­kal-Denk­mals wer­den Tamil*innen ein wei­te­res Mal ihrer Grund­rech­ten beraubt und der Riss zwi­schen den bereits tief gespal­te­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen ver­tieft sich wei­ter.
Am Diens­tag ver­öf­fent­lich­ten Student*innen der Jaff­na Uni­ver­si­ty eine Stel­lung­nah­me, indem sie einen inter­na­tio­na­len Auf­ruf zur Soli­da­ri­tät gegen den Völ­ker­mord auf­ru­fen:

“Wir bit­ten Euch, unter­stützt:
Unse­re grund­le­gen­den Men­schen­rech­te
Unser Recht auf fai­re Behand­lung
Unser Recht auf Bil­dung
Unser Recht auf Gleich­heit und Gleich­be­rech­ti­gung wie alle ande­ren Schü­ler”

Der Bei­trag Zer­stö­rung des Mul­li­vaik­kal-Denk­mals erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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