[perspektive:] Sachsens Ministerpräsident als politischer Spielstein

Eine eigenständige politische Linie scheint die CDU in Sachsen schon lange nicht mehr zu haben. Sie ist heute nicht mehr als ein politische Spielfigur zwischen AfD und „besorgten Bürger:innen“. Eine Abgrenzung gibt es nur nach links! – Ein Kommentar von Stefan Pausitz

Fast jeder kennt sie mitt­ler­wei­le: die dun­kel­ro­te Deutsch­land­kar­te mit den Inzi­denz­wer­ten der ver­schie­de­nen Land­krei­se. Auf die­ser Kar­te kann man leich­te Trends erken­nen: Ende Novem­ber färb­te sich eine Regi­on auf ein­mal wie­der hel­ler, obwohl der Inzi­denz­wert stieg. Das lag schlicht dar­an, dass man eine neue Far­be für die säch­si­schen Land­krei­se benutz­te: pink.

Der Inzi­denz­wert ging in den nächs­ten Wochen teil­wei­se sogar über 1.000 Neu­in­fek­tio­nen pro 100.000 Einwohner:innen hin­aus. Journalist:innen und Politikforscher:innen woll­ten sich an die­sem The­ma pro­bie­ren und fan­ta­sier­ten die span­nends­ten Geschich­ten daher: „Liegt es viel­leicht dar­an, dass die Sach­sen ger­ne die AfD wäh­len und die säch­si­schen Bürger:innen damit ein­her­ge­hend alles igno­rie­ren?“. Wür­de es auf die­se Fra­ge eine Schul­no­te geben, könn­te man sie aus heu­ti­ger Sicht mit einem „befrie­di­gend“ bewer­ten.

Nach den gro­ßen Erfol­gen der AfD hat es die säch­si­sche CDU ver­schreckt. Es muss­te ein Kurs­wech­sel her. Ein Kurs, der nicht offen­sicht­lich in das rechts­ra­di­ka­le Lager über­schlägt. Ein Kurs, der im Umkehr­schluss dem rechts­ra­di­ka­len Lager nicht noch mehr Nähr­bo­den bie­tet. So war er gebo­ren: der poli­ti­sche Dis­kurs der säch­si­schen CDU, immer ein offe­nes Ohr für besorg­te Bürger:innen zu haben und alles ande­re als „extrem“ abzu­stem­peln. Als klei­nes i‑Tüpfelchen ist es noch wich­tig sei­nen poli­ti­schen Kurs wei­test­ge­hend offen zu las­sen, damit die Bürger:innen nicht ver­schreckt wer­den.

Die CDU stellt sich taub – nur auf dem rechten Ohr nicht

Der Jah­res­rück­blick 2020 der säch­si­schen CDU mit Blick auf den Minis­ter­prä­si­den­ten Micha­el Kret­schmer erzählt Bän­de, wie absurd sich die­se Par­tei­aus­rich­tung in der Rea­li­tät dar­stell­te. Wäh­rend bun­des­weit und auch im genann­ten Bun­des­land über meh­re­re hun­dert­tau­send Men­schen an den ver­schie­dens­ten Pro­tes­ten – wie Black Lives Mat­ter oder dem Kli­ma­st­reik von Fri­days for Future – teil­nah­men, reagier­te der säch­si­sche Minis­ter­prä­si­dent nicht.

Im Gegen­teil, teil­wei­se wur­den hier Gegen­ar­gu­men­te gebracht, dass alles sei­ne Zeit brau­che. Doch nicht nur die Pro­tes­te der Bewe­gun­gen, son­dern auch sozia­le Pro­tes­te für bezahl­ba­ren Wohn­raum, Kri­tik am neu­en Poli­zei­ge­setz oder Demons­tra­tio­nen zu Frau­en­rech­ten wur­den gekonnt igno­riert. Auch an die­sen Pro­tes­ten nah­men Tau­sen­de Men­schen teil.

Am 16. Mai 2020 demons­trier­ten die ers­ten Querdenker:innen in Dres­den. Der säch­si­sche Minis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­schmer stat­te­te den hun­dert Leu­ten einen Besuch ab und dis­ku­tier­te mit ihnen – natür­lich ohne Mas­ke. Die­sen besorg­ten Bürger:innen muss­te er natür­lich sein Ohr schen­ken.

Linke Forderungen werden ignorierte, rechte hofiert

Nach wei­te­ren Teil­nah­men an mode­ra­te­ren Kund­ge­bun­gen und Demons­tra­tio­nen und einem Abfla­chen des Inzi­denz­wer­tes im Som­mer traf die von Virolog:innen befürch­te­te zwei­te Wel­le ein. Trotz meh­re­rer Ver­su­che der Oppo­si­ti­on und ande­rer poli­ti­scher Bünd­nis­se wie z.B. #Nicht­au­fun­se­rem­Rü­cken, ein Ohr der säch­si­schen Lan­des­re­gie­rung für einen not­wen­di­gen Wirt­schaft­li­chen-Lock­down zu errin­gen, beweg­te sich in Sach­sen so gut wie nichts.

In einem Inter­view erzähl­te Kret­schmer sogar, dass ihm erst durch Kran­ken­haus­be­su­che im Dezem­ber die Augen geöff­net wur­den, wie schlimm es wirk­lich um die Situa­ti­on im Frei­staat ste­he. Ein har­ter Schlag ins Gesicht aller Verkäufer:innen und des gesam­ten Pfle­ge­per­so­nals in Sach­sen.

Einen Tag nach dem Inter­view besuch­ten über 30 Men­schen den Minis­ter­prä­si­den­ten vor sei­nem eige­nen Haus – eine Tak­tik, die von rechts­ra­di­ka­len Kräf­ten schon in der Flücht­lings­kri­se 2015 ange­wandt wur­de. Auch hier ließ sich der Minis­ter­prä­si­dent wie­der auf eine Dis­kus­si­on ein und zeig­te erneut ein offe­nes Ohr für rech­te Wutbürger:innen. Dies dürf­te sicher nicht die letz­te Epi­so­de in der schein­bar unend­li­chen Geschich­te über die Offen­heit der säch­si­schen CDU und ihres Minis­ter­prä­si­den­ten Kret­schmer nach rechts außen sein.

Der Bei­trag Sach­sens Minis­ter­prä­si­dent als poli­ti­scher Spiel­stein erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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